Heinz Fischer

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Dieser Artikel behandelt den österreichischen Politiker. Für weitere Personen des gleichen Namens siehe Heinz Fischer (Begriffsklärung).
Heinz Fischer (2012)

Heinz Fischer (* 9. Oktober 1938 in Graz, Steiermark) ist ein ehemaliger österreichischer Politiker und war vom 8. Juli 2004 bis zum 8. Juli 2016 achter österreichischer Bundespräsident der Zweiten Republik. Fischer war als Minister und jahrzehntelang als Nationalratsabgeordneter der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ) sowie als Nationalratspräsident tätig.

Ausbildung und Privates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heinz Fischer wurde in einer sozialdemokratisch geprägten Familie geboren. Sein Vater, Sektionschef Rudolf Fischer, war von 1954 bis 1956 Staatssekretär im Handelsministerium der großkoalitionären Bundesregierung Raab I.[1] Er war bekennender Esperantist und viele Jahre lang Obmann der Arbeiter-Esperantisten Österreichs.[2] Rudolf Fischer lernte seine Ehefrau Emmi während eines Esperanto-Kurses in Wiener Neustadt kennen.[3] Beider Kinder Edith und Heinz lernten die internationale Sprache bereits im Kindesalter. Heinz Fischers Onkel Otto Sagmeister war von 1947 bis 1949 Minister für Volksernährung der Bundesregierung Figl I und 1949 bis 1972 Generaldirektor des österreichischen Konsums. Schwiegervater Otto Binder war von 1959 bis 1981 Generaldirektor der Wiener Städtischen Wechselseitigen Versicherungsanstalt.

Aufgrund des Krieges besuchte Heinz Fischer fünf Volksschulen in Wien, Niederösterreich und im Burgenland.[4] Nach der Matura im Gymnasium Fichtnergasse in Hietzing (13. Wiener Gemeindebezirk) im Jahr 1956 studierte Fischer an der Universität Wien Rechtswissenschaften und wurde 1961 zum Doktor jur. promoviert. Er absolvierte ab 11. März 1958 seinen Präsenzdienst als Funker im Heerestelegrafenbataillon der damaligen Franz-Ferdinand-Kaserne, der heutigen Starhemberg-Kaserne, und rüstete im Dezember 1958 als Gefreiter ab. Im Zuge seiner Milizfunktion wurde er anschließend bis zum Zugsführer befördert.[5]

Margit und Heinz Fischer (2008)

In den Jahren 1962 bis 1965 deckte er mit Hilfe der Mitschrift von Ferdinand Lacina den politischen Skandal um den antisemitischen Professor Taras Borodajkewycz an der Wiener Hochschule für Welthandel auf und veröffentlichte darüber ein Buch.[6] Neben der politischen Tätigkeit setzte Fischer auch seine akademische Laufbahn fort: 1978 wurde er habilitiert und 1993 zum Professor für Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck ernannt. Allerdings führt Fischer den Professorentitel bei keiner Gelegenheit an.

Seit 20. September 1968 ist Fischer mit seiner Frau Margit standesamtlich verheiratet; dieser Ehe entstammen zwei Kinder. Fischer trat 1995 aufgrund der „Affäre Groer“ aus der Kirche aus[7] und bezeichnet sich selbst als Agnostiker.[8]

Wie schon einer seiner Amtsvorgänger, Adolf Schärf, wohnte Fischer auch als Staatsoberhaupt weiter in seiner Privatwohnung in Wien Josefstadt (8. Bezirk), von der aus er seinen Amtssitz im Leopoldinischen Trakt der Hofburg wie zuvor das Parlamentsgebäude zu Fuß erreichen konnte.

Die baufällig und unbewohnbar gewordene Präsidentenvilla auf der Hohen Warte wurde in der Folge von der Bundesimmobiliengesellschaft verkauft. Schon Fischers Amtsvorgänger Thomas Klestil bewohnte die baufällige Präsidentenvilla nur mehr bis Mai 2004; zwei Monate vor seinem Tod übersiedelte das Ehepaar Klestil in eine private Villa in Wien Hietzing.[9]

Politische Laufbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seinem Studium war Fischer zunächst einige Monate bei Gericht tätig und wirkte ab 1962 im Parlament als Sekretär der sozialdemokratischen Parlamentsfraktion. 1971, als Bruno Kreisky die absolute Mehrheit erreichte, wurde er in den Nationalrat gewählt, dem er mit Ausnahme der Zeit seiner Tätigkeit als Wissenschaftsminister (1983–1987, Bundesregierung Sinowatz und Vranitzky I) bis 2004 angehörte.

1975 wurde er Klubobmann (Fraktionsvorsitzender) der SPÖ, 1977 stellvertretender Parteivorsitzender. 1983 bis 1987 war er Wissenschaftsminister, danach wieder Klubobmann der SPÖ. Im Zusammenhang mit der Kreisky-Peter-Wiesenthal-Affäre im Jahre 1975 forderte er einen Untersuchungsausschuss gegen Simon Wiesenthal, der aber in der Folge nicht eingesetzt wurde.[10] 1990 wurde er zum Präsidenten des Österreichischen Nationalrates gewählt und übte dieses Amt bis 2002 aus. Von 2002 bis 2004 war er während der Zeit der ÖVP-FPÖ-Koalition Zweiter Nationalratspräsident. 1992 wurde Heinz Fischer zum stellvertretenden Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Europas gewählt, eine Funktion, die er bis zur Wahl zum Bundespräsidenten ausübte. 1994 übernahm er die Funktion des Vorsitzenden des von Willy Brandt Anfang der 1990er Jahre gegründeten „Europäischen Forums für Demokratie und Solidarität“.[11]

Im Jänner 2004 gab er seine Kandidatur zum Amt des österreichischen Bundespräsidenten bekannt. Am 10. März legte Heinz Fischer, der unter anderem Mitglied des Bundesparteivorstandes und stellvertretender Parteivorsitzender der SPÖ gewesen war, seine Parteifunktionen nieder. Die Wahl am 25. April gewann Fischer mit 52,39 % der Stimmen, einem Vorsprung von 4,78 Prozentpunkten vor Gegenkandidatin Benita Ferrero-Waldner (ÖVP, unterstützt auch von Repräsentanten der FPÖ). Am 8. Juli 2004 wurde Fischer als achter Bundespräsident der Zweiten Republik angelobt. Mit Amtsantritt am 8. Juli 2004 stellte Fischer seine Parteimitgliedschaft bei der SPÖ ruhend, da er erklärte, als Bundespräsident über den Parteien stehen zu wollen.

Am 23. November 2009 erklärte er in einem YouTube-Video seine Kandidatur zur Wiederwahl.[12] Am 25. April 2010 wurde Fischer mit 79,3 % der Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 53,6 % für weitere sechs Jahre im Amt bestätigt.[13] Am 8. Juli 2010 wurde er in der Bundesversammlung für seine zweite Funktionsperiode angelobt.[14] Seine Amtszeit endete am 8. Juli 2016 um 11 Uhr, obwohl zur Bundespräsidentenwahl 2016 wegen der Aufhebung des zweiten Wahlgangs durch den Verfassungsgerichtshof kein gültiges Endergebnis vorlag. Fischer wurde mit einem Festakt im Parlament verabschiedet.[15][16]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Leopoldinischer Trakt der Hofburg, Amtssitz des Bundespräsidenten
Mit den damaligen Ministern Josef Ostermayer und Gerald Klug bei der Eröffnung des Denkmals für die Verfolgten der NS-Militärjustiz am Wiener Ballhausplatz, 2014

Heinz Fischer befürwortet gleichgeschlechtliche Partnerschaften und spricht sich gegen das Adoptionsverbot von Kindern für gleichgeschlechtliche Paare aus. Er geht davon aus, dass es auf diesem Gebiet in den nächsten Jahren einen Gewöhnungsprozess geben wird, der zeigt, dass dadurch kein Schaden für das Kind entsteht.[17] Er tritt dafür ein, dass gleichgeschlechtliche Paare ihre Partnerschaft auch am Standesamt eintragen dürfen und genauso wie bei verschiedengeschlechtlichen Paaren der Rechtsakt in feierlicher Form durchgeführt wird.[18] Die Abschaffung der Wehrpflicht lehnt er ab.

Im Juli 2010 stellte er die Wehr-/Zivildienstpflicht für Frauen zur Diskussion.[19][20][21]

„Frauen bekommen immer mehr Rechte, da kann man auch argumentieren, sie müssen mehr Pflichten übernehmen.“

Bundespräsident Heinz Fischer: ORF-Pressestunde, 18. Juli 2010

Heinz Fischer publizierte mehrere Werke, unter anderem die Bücher Die Kreisky-Jahre (1993), Reflexionen (1998), Wendezeiten (2001) und Überzeugungen (2006). Fischer, selbst Bergsteiger, war langjähriger Präsident der österreichischen Naturfreunde. Er war Präsident des Verbandes der Österreichischen Volkshochschulen. Fischer war Gründungsmitglied und langjähriges Vorstandsmitglied der österreichisch-chinesischen Gesellschaft, Präsidiumsmitglied der österreichisch-nordkoreanischen Freundschaftsgesellschaft, der österreichisch-jugoslawischen Gesellschaft und weiterer Gesellschaften. Er war Anfang der 1970er Jahre Mitbegründer der Österreichischen Gesellschaft für Politikwissenschaft und Gründungsmitglied der österreichischen Sektion von Amnesty International.

Heinz Fischer spricht am 3. Oktober 2015 vor über 100.000 Menschen beim Voices for Refugees Konzert am Wiener Heldenplatz

Als Bundespräsident übernahm er die Schirmherrschaft über nachstehende Institutionen:

Fischer war als Bundespräsident außerdem Mitglied der Arraiolos-Gruppe. Die Österreichische Post AG brachte zu seinem 70. Geburtstag mit Ersttag 7. Oktober 2008 eine Sondermarke mit seinem Bild mit dem Wert 0,55 € samt Sonderstempel heraus.[22]

Vom 11. bis 14. Juni 2015 nahm er an der 63. Bilderberg-Konferenz in Telfs-Buchen in Österreich teil. Fischers letzter Staatsbesuch als Bundespräsident fand am 11. April 2016 auf Schloss Lana bei Prag statt.

Ehrungen und Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Überzeugungen. Eine politische Biografie. Styria, Wien 2006 (unter Mitarbeit von Alfred Reiter), ISBN 978-3-222-13195-0.
  • Reflexionen. K&S, Wien 1998, ISBN 3-218-00634-1.
  • Die Zukunft der europäischen Sozialdemokratie. Löcker, Wien 1997, ISBN 3-85409-151-6.
  • Die Kreisky-Jahre. 1967–1983. Löcker, Wien 1994, ISBN 3-85409-149-4.
  • Einer im Vordergrund. Taras Borodajkewycz. Europaverlag, Wien 1966; erweitert mit dem letztgültigen Disziplinarerkenntnis gegen Borodajkewycz, Ephelant, Wien 2015, ISBN 978-3-900766-26-9.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ernst Hofbauer: Heinz Fischer. Der Mann im Schatten. Iberia-Verlag, Wien 2004, ISBN 3-85052-179-6.
  • Elisabeth Horvath: Heinz Fischer. Die Biografie. Kremayr & Scheriau, Wien 2009, ISBN 978-3-218-00805-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Heinz Fischer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. WZ online – Dossier: Heinz Fischer: Der österreichische Bundespräsident (Memento vom 1. September 2004 im Internet Archive), 8. Juli 2004.
  2. Das rote Wien: Rudolf Fischer
  3. Werdegang von Dr. Rudolf Fischer auf www.bundespraesident.at/
  4. Werdegang des Bundespräsidenten: http://www.bundespraesident.at/dr-heinz-fischer/werdegang/
  5. Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport: Besuch des Bundespräsidenten Dr. Heinz Fischer in seiner ehemaligen Kaserne, Presseaussendung vom 15. März 2010. Abgerufen am 27. März 2015.
  6. Einer im Vordergrund. Taras Borodajkewycz, siehe Werke
  7. Die Presse: Biografie eines Makellosen: Fischer-Heinzi – ganz nah, Printausgabe vom 27. November 2009. Abgerufen am 13. März 2010.
  8. Es kann auch das Standesamt sein auf www.bundespraesident.at
  9. „Von Ruhm und Glanz ist wenig über …“. In: BIG Business, Nr. 1/2007, S. 61 f. (pdf). Abgerufen am 5. Dezember 2009.
  10. Nina Weissensteiner:„Es tut mir leid ...“, Falter, 14.Jan 2004
  11. Werdegang des Bundespräsidenten: http://www.bundespraesident.at/dr-heinz-fischer/werdegang/
  12. YouTube-Video: Stellungnahme von Bundespräsident Dr. Heinz Fischer zur Wiederkandidatur 2010, Der Standard: Fischer kandidiert erneut
  13. Bundesministerium für Inneres: Bundespräsidentenwahl 2010
  14. Fischer für zweite Amtszeit angelobt auf ORF vom 8. Juli 2010 abgerufen am 8. Juli 2010
  15. Bundespräsidentenwahl 2016: Rätselraten mit Dame. Format Ausgabe 51/2015, abgerufen am 30. Dezember 2015.
  16. orf.at-Bericht über Fischers Abschiedsrede
  17. http://www.news.at/articles/1004/11/260709/fischer-streit-homo-ehe-fuer-standesamt-adoptionsverbot
  18. http://www.pressemeldungen.at/111086/bundesprasident-heinz-fischer-spricht-sich-fur-verpartnerung-homosexueller-am-standesamt-aus/
  19. Fischer: Wehrpflicht für Frauen „langfristig denkbar“. In: derStandard.at. APA, 22. Juli 2010, abgerufen am 22. Juli 2010.
  20. Wehrpflicht für Frauen „denkbar“. In: www.oon.at. Oberösterreichische Nachrichten, 22. Juli 2010, abgerufen am 22. Juli 2010.
  21. Fischer rudert bei Wehrpflicht für Frauen zurück. In: derStandard.at. APA, 22. Juli 2010, abgerufen am 22. Juli 2010.
  22. Die Briefmarke bzw Post.Philatelie, Ausgabe Oktober 2008
  23. a b c Aufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 (PDF; 6,9 MB)
  24. Presidenza della Repubblica
  25. http://www.news.at/articles/0436/10/91317/staatsbesuch-bundespraesident-fischer-beziehungen-liechtenstein
  26. Malteserkreuz
  27. http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/politik/2070886/index.do Fischer erhält Ehrendoktorat in Ukraine
  28. Österreichischer Bundesfeuerwehrverband: Jahrbuch 2010, Sonderausgabe: 120 Jahre Österreichischer Bundesfeuerwehrverband, ISBN 978-3-9502364-8-4.
  29. http://www.nfi.at//index.php?option=com_content&task=view&id=613&Itemid=34&lang=de