Innerdeutscher Stromverbund

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Querung der einstigen innerdeutschen Grenze durch die 380-kV-Leitung Helmstedt-Wolmirstedt. Der Mast links befindet sich in Niedersachsen, der Mast rechts in Sachsen-Anhalt. Zu erkennen an den unterschiedlichen Bauweisen

Im Rahmen der Deutschen Teilung war auch der Stromverbund zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland betroffen. Der innerdeutsche Stromverbund zwischen beiden deutschen Staaten unterlag einer wechselhaften Geschichte.

Verbundleitungen vor der Teilung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zuge des vorwiegend seit den 1920er Jahren stattfindenden Aufbaus eines landesweiten Überlandnetzes wurden Leitungen errichtet, die, meist als Kuppelleitung zwischen zwei Energieversorgungsunternehmen, im Zuge der Deutschen Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg teils in der Westzone, zum anderen Teil in der Sowjetisch besetzten Zone, der späteren DDR, lagen.

Borken–Breitungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese 60-kV-Doppelleitung wurde 1925 errichtet und verband die Schaltanlage vom hessischen Kraftwerk Borken mit derjenigen des thüringischen Kraftwerks Breitungen. Grundlage für den Bau war ein Vertrag zwischen der Preußischen Elektrizitäts-AG (PreußenElektra) und dem Thüringenwerk aus dem Jahr 1924, der seitens des Thüringenwerkes einen Bezug vom 5 MW Leistung aus dem Kraftwerk Borken regelte.[1]

Kulmbach–Neuhaus-Schierschnitz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die 1937 errichtete 110-kV-Doppelleitung stellte den Verbund zwischen dem Bayernwerk im Umspannwerk Kulmbach und dem Thüringenwerk im Umspannwerk Neuhaus her. Von Kulmbach aus bestand eine Fortsetzung der Leitung nach Bamberg, wo der Anschluss an den Leitungering zwischen den bayerischen Kraftwerken hergestellt wurde; von Neuhaus bestand eine Fortsetzung nach Remptendorf. Der Bau dieser Leitung geschah auf Basis einer 1936 zwischen den Unternehmen getroffenen Grundlage über den gegenseitigen Stromaustausch.[1]

Reichssammelschiene[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Reichssammelschiene

Ende der 1930er Jahre, während der Zeit des Nationalsozialismus, wurde durch die Elektrowerke AG eine Nord-Süd-Verbindung mit 220 kV Spannung vom Umspannwerk Helmstedt über Magdeburg, Marke, Dieskau, Remptendorf, Ludersheim und St. Peter nach Ernsthofen in Niederösterreich gebaut, um kriegswichtige Anlagen bedarfsgerecht mit Strom zu versorgen. Zusätzlich stellte die Leitung eine Ergänzung zur seit 1924–1929 gebauten Nord-Süd-Leitung des RWE dar. Gleich an zwei Stellen querte sie die spätere Zonengrenze – einmal bei Helmstedt und ein weiteres Mal auf der Sektion zwischen Remptendorf und Ludersheim.

Steinbach am Wald–Saalfeld[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zuge der Elektrifizierung der Frankenwaldbahn von Nürnberg bis Saalfeld entstand von 1938 bis 1940 durch die Deutsche Reichsbahn eine Bahnstromleitung von Nürnberg, wo sich ein Umrichterwerk befand, über die Unterwerke Zapfendorf, Steinbach am Wald, Rothenstein, Großkorbetha und Leipzig-Wahren zum Bahnkraftwerk Muldenstein.[2]

Demontagen in der SBZ[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Bahnstromnetz in der Sowjetischen Besatzungszone demontiert. Vom Umspannwerk in Steinbach am Wald führte bis 1989 eine funktionslose Leitung zur innerdeutschen Grenze, welche für eine potentielle Elektrifizierung der Transitstrecke Berlin-München erhalten wurde. Da zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung die Masten dieser Leitung schon sehr marode waren, mussten diese beim Neubau der Leitung von Steinbach am Wald nach Saalfeld und später bis nach Weimar durch Neukonstruktionen auf gleicher Trasse ersetzt werden.

Im April 1946 begann die sowjetische Besatzungsmacht im Umspannwerk Remptendorf mit der Demontage der Abzweige Haupt- und Regeltransformator 1 und der Leitung 298 (Teilstück der in den 1940er Jahren erbauten Reichssammelschiene) nach Ludersheim im Rahmen von Reparationszahlungen. Im Jahr 1949 wurde als Ersatz eine 220-kV-Leitung vom Kraftwerk Borken über Aschaffenburg, wo ein Anschluss an das Umspannwerk Kelsterbach bestand, nach Ludersheim. Dies war die erste 220-kV-Verbindung von Bayern mit dem restlichen Deutschen Verbundnetz nach dem Zweiten Weltkrieg.[3]

Trennung der Netze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1952 veranlasste die DDR die Unterbrechung der Stromlieferungen nach West-Berlin und an das Überlandwerk Rhön ohne Vorankündigung. Zur Versorgung des Kreises Heiligenstadt wurde vom Umspannwerk Hüpstedt eine 50-kV-Holzmastleitung errichtet, die am 1. Januar 1953 in Betrieb ging. Anschließend wurden die 15-kV-Leitungen zum Umspannwerk Grone (Göttingen) gekappt.

1954 erfolgte die Trennung der ostdeutschen Hochspannungsnetze von jenen in Westdeutschland. Die 110-kV-Leitung HagenowBoizenburgBleckede wurde vor der Elbeüberspannung, die 110-kV-Leitung Harbke–Helmstedt und die 220-kV-Leitung Helmstedt–Magdeburg direkt vor der Grenze unterbrochen.

Das westdeutsche Netz wurde Teil der UCPTE, das ostdeutsche Netz Teil der Vereinigten Energiesysteme (VES) „Frieden“, welches sich 1960 dem Verbund IPS anschloss.

Weiterhin bestehende Verbindungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trotzdem existierten zwischen Thüringen und einigen Energieversorgungsunternehmen in der einstigen Bundesrepublik weiterhin einige Verbindungsleitungen. So blieben die 10-kV-Leitungen Döringsdorf–Spinnhütte–Wanfried, GroßburschlaAltenburschla und Wanfried–FalkenMihla infolge eines Vertrags von Karl-Scharfenberg von 1913 weiter in Betrieb.

Im Harz existierte weiterhin eine Mittelspannungsleitung zwischen dem Umspannwerk Klettenberg und dem Kraftwerk Ellrich.

Eine weitere innerdeutsche Mittelspannungsleitung führte von Benneckenstein in Sachsen-Anhalt nach Hohegeiß in Niedersachsen.

Daneben existierten auch einige innerdeutsche Niederspannungsleitungen, und zwar von Thüringen nach Roteshütte in Hessen, von Liebau nach Bayern und von Potsdam zu einer West-Berliner Pumpstation.

Neubauten über die Grenze hinweg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Doch kam es auch zu Neubauten von Leitungen über die innerdeutsche Grenze: so errichtete das Energiekombinat Erfurt in den 1970er Jahren zwei 30-kV-Leitungen vom Umspannwerk Katharinenberg in Thüringen zum UW Wanfried in Hessen. Vom Umspannwerk Wolkramshausen wurde zum Umspannwerk Neuhof eine 110-kV-Doppelleitung gebaut. Zusätzlich wurde ein 6-MVA-Frequenzumrichter installiert.

Die innerdeutschen Stromleitungen hatten bei der DDR-Führung eine hohe Priorität, denn der Stromexport brachte Devisen.

Transitleitungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Daneben existierten auch Leitungen, die die innerdeutsche Grenze als reine Transitleitung querten. Eine dieser Leitungen war die Bahnstromleitung Steinbach am Wald–Zapfendorf, die ein Stück über DDR-Gebiet lief, ein anderes Beispiel die 110-kV-Leitung Remptendorf–Neuhaus-Schierschnitz. Erstere Leitung wurde 1967 durch eine rein auf bundesdeutschem Gebiet verlaufende Leitung ersetzt, letztere durch die 110-kV-Leitung Taubenbach–Sonneberg ersetzt.

Im März 1988 schlossen die PreussenElektra AG und die DDR-Außenhandelsgesellschaft Intrac einen Vertrag über den Bau einer 380-kV-Leitung nach West-Berlin, die im Umspannwerk Wolmirstedt über eine HGÜ-Kurzkupplung mit dem ostdeutschen Stromnetz verknüpft werden sollte. Am 3. Oktober 1989 ging die Leitung bis Wolmirstedt in Betrieb. Der Bau der HGÜ-Kurzkupplung wurde abgebrochen, einige Komponenten wurden später bei der Gleichstromkurzkupplung (GKK) in Etzenricht verwendet.

Nach der Wende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 20. Dezember 1991, auf den Tag genau 51 Jahre nach der ersten Leitung zwischen Bayern und Thüringen, war die neue 380-kV-Leitung zwischen Remptendorf und Redwitz in Betrieb gegangen, wenn auch zuerst nur mit 220 kV.

Die gesamte 380-kV-Leitungsverbindung nach West-Berlin ging am 7. Dezember 1994 in Betrieb, womit fünf Jahre nach der Wende West-Berlin wieder an das gesamtdeutsche Hochspannungsnetz angeschlossen wurde.

Am 8. September 1995 wurde die neue 380-kV-Verbindungsleitung zwischen Mecklar und Vieselbach entlang der A 4 in Betrieb genommen.

Ursprünglich war die Anschaltung des Stromnetzes der einstigen DDR an das westdeutsche Verbundnetz erst für den Zeitpunkt geplant, zu dem die vierte 380-kV-Leitung von Krümmel über Lübeck-Siems nach Görries in Betrieb gehen würde. Der Bau dieser Leitung wurde allerdings kurz nach der Jahrtausendwende gestrichen. Als Folge konnte bis zur Installation eines statischen Blindleistungskompensators im Umspannwerk Lübeck-Siems und der Verlegung eines 220-kV-Erdkabels zwischen dem Umspannwerk Lübeck-Siems und dem Umspannwerk Lübeck-Bargerbrück die HGÜ Baltic Cable nicht mit Volllast betrieben werden. Nördlich von Krümmel wurde bereits mit dem Bau einer zweikreisigen 380-kV-Leitung begonnen, diese ging in ihrer ursprünglichen Form jedoch nie in Betrieb, da die beiden Höchstspannungs-Stromkreise kurz vor der Querung der Bundesautobahn 24 blind an einem Masten endeten und lediglich die auf einer unteren Zusatztraverse mitgeführte 110-kV-Leitung weiterlief.

Der Synchronschluss der Stromnetze Ost- und Westdeutschlands erfolgte dann am 8. September 1995. Am 18. Oktober 1995 wurden auch die Stromnetze Tschechiens, Polens und Ungarns mit dem westdeutschen Stromnetz synchronisiert, womit auch die GKK Etzenricht entbehrlich wurde. Die GK Dürnrohr und die GK Wien-Südost blieben noch ein Jahr länger in Betrieb, da über Österreich wegen des Fehlens von 380-kV-Leitungen der Energieaustausch mit Tschechien erschwert war und erst einige Kraftwerke in Polen mit Regelautomatiken nachgerüstet werden mussten.

Mit dem Bau der vierten 380-kV-Verbindung, der Leitung von Krümmel nach Görries, die entgegen den ursprünglichen Planungen nicht über Lübeck, sondern entlang der A 24 geführt wird, wurde 2010 begonnen. Im Jahr 2012 wurde diese Leitung komplett fertiggestellt und in Betrieb genommen.[4] Dabei wurde ein Großteil des bislang nicht in Betrieb genommenen Abschnittes der 380-kV-Freileitung nördlich von Krümmel verwendet.

Die fünfte innerdeutsche 380-kV-Verbindung verläuft zwischen den Umspannwerken Bad Lauchstädt (Sachsen-Anhalt), Erfurt-Vieselbach, Altenfeld (Thüringen) und Redwitz (Bayern). Die Thüringer Strombrücke wurde Ende 2015 mit einem Stromkreis ab Altenfeld in Betrieb genommen.

Die Bahnstromnetze Ost- und Westdeutschlands wurden am 14. März 1995 mit der Inbetriebnahme der Leitung Lehrte–Heeren vereinigt. Eine weitere Bahnstromleitung ging am 29. Februar 1996 zwischen Eisenach und Bebra in Betrieb. Seit dem 23. Juni 2001 existiert eine dritte Bahnstromverbindung zwischen Saalfeld und Weimar, die parallel zur 380-kV-Leitung Mecklar–Vieselbach und der A 4 verläuft.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Walter Schossig: Vortrag: 20 Jahre Elektrische Wiedervereinigung Deutschlands. 23. Januar 2016, abgerufen am 14. Januar 2018.
  2. elektrische-bahnen.de: Elektrifizierte Strecken der Preußischen Staatsbahn und der Reichsbahn in Mitteldeutschland. Abgerufen am 14. Januar 2018.
  3. [1]
  4. Freileitungsbau zwischen Krümmel und Schwerin Görries kommt in heiße Phase. Abgerufen am 9. September 2012.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]