Breitspurbahn

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GE U26C der brasilianischen ALL mit 1600 mm Spurweite

Eine Breitspurbahn ist eine Eisenbahn mit einer Spurweite, die größer ist als die 1435 mm der in Europa, Nordamerika und China üblichen Normalspur.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Die unterschiedlichen Spurweiten entstanden in der Anfangszeit der Eisenbahnen, als es nur wenige zusammenhängende Netze gab oder noch keine Einigungen hinsichtlich einer Standardisierung erzielt werden konnten. Der Trend zu zwischen verschiedenen Netzen durchlaufenden Zügen hat in vielen Fällen dafür gesorgt, die Spurweiten anzugleichen. In einigen Fällen spielen oder spielten aber auch geostrategische Aspekte eine Rolle, um an abweichenden Spurweiten festzuhalten: So sollte der durch verschiedene Spurweiten erschwerte Übergang zwischen den Eisenbahnnetzen ihre Nutzung als Mittel der schnellen militärischen Invasion behindern. Die Spurweite und das Lichtraumprofil einer Eisenbahn beeinflussen Transportleistung und Wirtschaftlichkeit auf der einen Seite, andererseits aber auch Aufwand und Kosten für den Bau der Bahntrasse.

Vorteile und Nachteile[Bearbeiten]

Aufgrund des großen Fahrzeugumgrenzungsprofils passen in Finnland fünf Sitze nebeneinander

Die großen Fahrzeughersteller können inzwischen Bahnfahrzeuge für jede geforderte Spurweite, jedes Lichtraumprofil und alle länderspezifischen Zusatzanforderungen liefern. Dabei kommt zunehmend das Baukastenprinzip zum Einsatz: Die Fahrzeuge werden aus relativ frei wählbaren Komponenten zusammengestellt.

Verkehrsbeziehungen über Netzgrenzen hinweg werden erheblich erschwert, wenn ein Spurweitenwechsel den Wagendurchlauf verhindert. Reisezüge können in besonders ausgestatteten Grenzbahnhöfen umgespurt werden, diese Möglichkeit wird insbesondere im Verkehr zwischen Frankreich und Spanien sowie zwischen Mitteleuropa und dem Netz der russischen Breitspur genutzt. Güterverkehre werden in den Grenzbahnhöfen in der Regel umgeladen.

Eine größere Spurweite der Fahrzeuge bietet allgemein bessere Laufeigenschaften des Zuges und belastungsfähigere Gleise bei schlechtem Untergrund. Generell können höhere Geschwindigkeiten gefahren werden.

Der bedeutendste Nachteil der Breitspur ist die erschwerte oder aufwendigere Streckenführung in unwegsamem Terrain, insbesondere im Bergland, da größere Bogenradien beziehungsweise „flachere“ Bögen erforderlich sind, um ein Entgleisen der Fahrzeuge bei höherer Geschwindigkeit oder auf Weichen zu vermeiden. Eine sekundäre Folge davon sind wiederum deutlich höhere Kosten.

Bei dieser Vorteil-/Nachteils-Bilanz muss noch in Betracht gezogen werden, dass die Spurbreiten der bedeutenden, heute noch existierenden Breitspur-Systeme nur relativ geringfügig (85 bis 240 mm Unterschied) vom Normalspurmaß abweichen.

Schmalspurgleise weichen in der Regel in weit größerem Maß von der Normalspur ab. Die sehr weit verbreiteten Meter- und Kapspur-Gleise sind etwa 400 Millimeter (und gegenüber der Breitspur bis über 600 mm) schmaler. Vor- und Nachteile der Breitspur müssen daher eher gegenüber der Schmalspur als gegenüber der Normalspur diskutiert werden.

Verbreitung[Bearbeiten]

Breitspurige Eisenbahnnetze gibt es in Europa in Irland (1600 mm), Spanien und Portugal (beide mit 1668 mm) sowie vor allem im ehemaligen Einflussbereich der Sowjetunion in Russland, der Ukraine, Weißrussland, Mongolei, Kasachstan, Finnland und dem Baltikum (1520 mm). Relativ kurze Breitspurstrecken befinden sich in der Slowakei (80 km), in Polen (400 km) und in Rumänien.

Auf den übrigen Kontinenten gibt es ausgedehnte Breitspurnetze mit einer Spurweite von 1676 mm in Indien (54.000 km Streckenlänge), in Argentinien (26.500 km) und in Chile (3.400 km). Weitere Breitspurbahnen mit einer Spurweite von 1600 mm existieren in Brasilien (5.600 km) und in Australien (3.500 km).

In seltenen Fällen fahren auch Straßenbahnen auf Breitspur-Gleisen.

Breitspur in Deutschland[Bearbeiten]

In Deutschland gibt es die Breitspurbahn in Oberweißbach (Standseilbahn mit 1800 mm Spurweite) und seit 1986 die noch in der DDR erbaute Umspuranlage von Normalspur auf sowjetische Breitspur im damals neu errichteten Fährhafen Mukran auf der Ostseeinsel Rügen/Prorer Wiek. Die Umspuranlage dient der Beladung der Eisenbahnfährschiffe auf der Fährlinie von Mukran ins litauische Klaipėda.

Formal „breitspurig“, jedoch nur geringfügig von der Normalspur abweichend, haben die Leipziger Straßenbahn 1458 mm und die Dresdner Straßenbahn 1450 mm Spurweite.

Hitlers Dreimeterspur[Bearbeiten]

Modelle eines Schlafwagens und eines Transportwagens für „Ostarbeiter“ der von Hitler geplanten Breitspurbahn im DB-Museum Nürnberg

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Pläne für eine Breitspurbahn mit 3000-mm-Spurweite angelegt. Sie sollte zusätzlich neben der Normalspur Berlin mit München, Hamburg und Linz verbinden, vor allem aber zur Erschließung des neu eroberten „Lebensraums im Osten“ beitragen. Die Strecke dazu sollte bis Rostow am Don führen.

Russische Breitspur[Bearbeiten]

Kupplung eines RIC- und eines Weitstreckenwagens in Moskau Belorusskaja

Die erste russische Eisenbahn zwischen Sankt Petersburg und Zarskoe Selo, die 1837 eröffnet wurde, hatte eine große Spurweite von sechs Fuß (1829 mm). Diese sehr breite Spurweite erwies sich als zu unwirtschaftlich, daher wählte man am 12. September 1842 die seinerzeit in den Südstaaten der USA genutzte Spurweite von exakt fünf englischen Fuß (1524 mm). In der Zeit von Mai 1970 bis 1990 wurde das Regelmaß der russischen Breitspur zur Verschleißminderung durch Verringerung des Spurspiels um 4 mm auf 1520 mm schrittweise reduziert. Finnland, das als damaliger Teil des russischen Reiches sein Eisenbahnnetz ab 1862 ebenfalls in russischer Breitspur ausführte, legte bereits 1959 als neue Nennspurweite 1520 mm fest.[2]

Ein durchgehender Zugverkehr von und nach Bahnhöfen, die im jeweils anderen Spurweitennetz lagen, war zunächst nicht möglich. Mit verschiedenen technischen Systemen wurde dieses Problem bewältigt. Es gibt Systeme an den Übergängen, an denen Radsätze oder Drehgestelle gewechselt werden können sowie Rollmaterial mit veränderbarer Spurweite, das auf Umspuranlagen umgespurt werden kann. Der ganze Vorgang dauert nur wenige Minuten, während die Räder auf den Achsen in die neue Position verschoben werden. Die Fahrgäste können dabei im Wagen sitzen bleiben. Spurwechselradsätze werden allerdings (Stand 2010) im Regelbetrieb kaum eingesetzt.

Für den grenzüberschreitenden Verkehr zwischen Mitteleuropa bzw. Schweden und Finnland werden Güterwagen mit tauschbaren Radsätzen oder Drehgestellen gebaut.

Beide im Bild dargestellten Wagentypen (RIC, Weitstreckenwagen) sind umspurfähig. Letzter Typ ist bis maximal Polen nach Westen zugelassen. Die ab Warschau verkehrenden Züge nach Osten werden üblicherweise aus Weitstreckenwagen gebildet. Bis Mitte der 1990er Jahre fuhren diese Wagen bis Berlin und in Militärreisezügen für die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland bis Dresden, Erfurt, Magdeburg, Schwerin und Wünsdorf. Erst der Bahnsteigumbau in Brandenburg verhinderte die Weiterfahrt ab Frankfurt (Oder) nach Berlin für die größeren Wagenkästen.

Das Netz mit der russischen Breitspur und die westlich gelegenen Netze mit Normalspur liegen einander an folgenden Grenzen gegenüber: Polen - Weißrussland, Polen - Ukraine, Slowakei - Ukraine (ein nur 98 km kurzer Abschnitt, durchbrochen: s.u.), Ungarn - Ukraine (nur 105 km Grenzabschnitt), Rumänien - Ukraine, Rumänien - Moldavien (siehe auch Moldavische Eisenbahngesellschaft, Ukrainische Eisenbahngesellschaft, Weißrussische Eisenbahn / Bahnhof Brest). Zur russischen Exklave Oblast Kaliningrad (zwischen Polen und Litauen) mit ihrem wichtigen (als eisfrei geltenden) Ostseehafen siehe Bahnstrecke Königsberg–Pillau sowie die Kategorie „Verkehr (Oblast Kaliningrad)".

Über diese Grenzenkette hinaus 80 km Richtung Westen in die Slowakei hinein wurde die Bahnstrecke Uschhorod–Košice 1965/66 zur Lieferung von ukrainischem Erz zum slowakischen Stahlwerk Košice. Trotz der Krise in der Ukraine 2014 und dem wirtschaftlichen Handelsboykott zwischen Russland und der EU wird die zumindest seit 2007 von mehreren Ländern/Bahngesellschaften verfolgte Bau-Absicht der Verlängerung der Breitspurbahn westwärts bis Bratislava und Wien und damit auch an die Wasserstraße Donau weiterbetrieben.[3]

Iberische Breitspur[Bearbeiten]

Die iberische Breitspur von 1668 mm entstand durch Mittelung der spanischen (1672 mm) und portugiesischen (1665 mm) Breitspur, um den Wagenübergang zu erleichtern.

Spurumstellung in Spanien[Bearbeiten]

Mittlerweile hat sich die Normalspur als guter Kompromiss erwiesen und breitspurige Bahnstrecken werden teilweise sogar (wie in Spanien) auf Normalspur umgebaut, teilweise werden auch vereinfachte Umspureinrichtungen an Übergangsbahnhöfen installiert. Beispiele hierfür sind das System SUW 2000 und das Talgo-System.

Die spanische Regierung hat ein Gutachten in Auftrag gegeben, das Kosten und Nutzen einer landesweiten Spurweitenumstellung von derzeit 1668 mm auf die europäische Normalspur (1435 mm) ermitteln soll. Die Zeitung El País schätzt, dass die Anpassung des 12.000 km langen Schienennetzes bis etwa 2020 dauere.[4][5]

Angesichts der hohen Staatsverschuldung, einer Bankenkrise und einer Wirtschaftskrise seit etwa 2007/2008 (Platzen einer Immobilienblase) erscheint dieser Termin fraglich.

Zukunft in Spanien[Bearbeiten]

Künftige Schnellfahrstrecken auf der iberischen Halbinsel wie zum Beispiel die Schnellfahrstrecke Lissabon–Madrid oder die Schnellfahrstrecke Lissabon–Porto und bereits bestehende Schnellfahrstrecken wie zum Beispiel die Schnellfahrstrecke Madrid–Barcelona, die Schnellfahrstrecke Madrid–Sevilla und die Schnellfahrstrecke Madrid–Valladolid werden, beziehungsweise sind in europäischer Normalspur (1435 mm) gebaut.

Indische Breitspur[Bearbeiten]

Hauptartikel: Indische Breitspur

Die „Indische Breitspur“ oder „Kolonialspur“ genannte Spurweite von 1676 mm wird hauptsächlich auf dem indischen Subkontinent sowie in Argentinien und Chile verwendet.

Brunel-Breitspur[Bearbeiten]

Breitspurlokomotive Royal Sovereign der GWR im Jahr 1892
7-Fuß-¼-Zoll-Breitspurgleis von Brunel

Das von Isambard Kingdom Brunel 1838 eingeführte Breitspur-Maß von 7 Fuß ¼ Zoll bzw. 2140 mm[6][7] wurde bei der ebenfalls von Brunel geschaffenen Great Western Railway in Großbritannien benutzt. Nach Brunels Entwurf war es noch in materialsparender „Baulk“-Bauweise auf hölzernen Längsbalken ausgelegt mit Querriegeln in größeren Abständen zur Abstands-Stabilisierung.

Breitspur auf Ilha do Faial[Bearbeiten]

Auf der Azoreninsel Ilha do Faial existieren noch Reste einer Breitspurbahn in der Spurweite 2134 mm (7 Fuß)[8] sowie zwei Dampflokomotiven dieser Spur. Ein kurzer touristischer Betrieb wird diskutiert.

Ehemalige Breitspurbahnen[Bearbeiten]

Südstaaten der USA[Bearbeiten]

In den frühen Tagen des Eisenbahnverkehrs in den USA hatten die Eisenbahnen der Südstaaten überwiegend Breitspurgleise mit dem Maß von 5 ft (1.524 mm), während in den Nordstaaten die Normalspur mit 4 ft 8½ in (1.435 mm) verbreitet war. Nach dem Ende des Bürgerkriegs 1865 wurde offensichtlich, dass eine gemeinsame, gleiche Spurweite eine ökonomische Notwendigkeit für die Entwicklung der Staaten war. So wurde beschlossen, die Gleise in den Südstaaten auf Normalspur umzusetzen. Auf Einspruch und Verlangen der Pennsylvania Railroad, die eine geringfügig von der Normalspur abweichende Spurweite von 4 ft 9 in (1448 mm) benutzte, wurde beschlossen, dieses Maß statt des exakten englischen Maßes zu verwenden. Am Montag, 31. Mai 1886 wurden dann innerhalb von 36 Stunden von zehntausenden Arbeitern jeweils die West-Schiene der Breitspurgleise um 76 mm nach Innen versetzt und wieder festgemacht. Gleichzeitig erfolgte nach langer Vorbereitung überall auch ein Umspuren der Räder, Achsen und Bremsen an den Fahrzeugen.[9]

Badische Staatseisenbahnen[Bearbeiten]

Im Großherzogtum Baden wurden die Badischen Staatseisenbahnen, – insbesondere ab 1840 im Oberrheintal von Mannheim über Heidelberg und Offenburg nach Basel – mit der Spurweite von 1600 mm betrieben, wegen der Einzelstellung in Deutschland 1855 auf Normalspur umgebaut.

Niederlande[Bearbeiten]

Die ersten Eisenbahnstrecken in den Niederlanden (Bahnstrecke Amsterdam–Rotterdam und Amsterdam–Utrecht–Arnhem) wurden zwischen 1839 und 1847 mit einer Spurweite von 1945 mm angelegt und später (bis 1866) auf Normalspur umgestellt.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Breitspurbahn – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Breitspurbahnen bei Zeno.org. Artikel aus: Viktor von Röll (Hrsg.): Enzyklopädie des Eisenbahnwesens, 2. Aufl. 1912–1923, Bd. 3, S. 7
  2. Mikko Alameri: Eisenbahnen in Finnland. Wien 1979, S. 18.
  3. http://wien.orf.at/news/stories/2664308/ Transsib bis nach Wien?, ORF.at vom 22. August 2014
  4. Verkehrsrundschau, 30. April 2007
  5. http://www.travelinside.ch/primus/notdArchiv.php?we_objectID=5380
  6. http://www.breitspurbahn.de/2140.html
  7. http://www.railalbum.co.uk/early-railways/brunel-gwr-broad-gauge.htm
  8. Horta Hafenbahn 1876–1901
  9. "Der Tag, an dem sie die Spurweite änderten" (engl.)