Chungking Mansions

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Chungking Mansions
36–44 Nathan Road

36–44 Nathan Road

Daten
Ort Hongkong
Baujahr 1962
Höhe 50 m
Grundfläche 5000 m²
Koordinaten 22° 17′ 47″ N, 114° 10′ 22″ O22.296388114.172797Koordinaten: 22° 17′ 47″ N, 114° 10′ 22″ O
Chungking Mansions (Hongkong)
Chungking Mansions
Lage der Chungkong Mansions (Bildmitte unten) in Kowloon; Blick Richtung Hongkong Island
Zimmer in den Gästehäusern sind sehr klein, Dusche und Toilette sind eine Einheit
farbige Darstellung der 5 Blöcke
Bildergalerie
Chungking Mansions
Haupteingang zum Chungking Mansions
Nebeneingang
Einkaufspassage im Erdgeschoss
Einkaufspassage im Erdgeschoss
Warteschlangen an den Aufzügen
Videoüberwachung der Aufzüge
Cke Shopping Mall

Chungking Mansions (chinesisch 重慶大廈 / 重庆大厦Pinyin Chóngqìng Dàshà) ist ein Gebäude in der Einkaufsmeile Nathan Road im Stadtteil Tsim Sha Tsui von Hongkong. Es ist bekannt für die kulturelle Vielfalt der Bewohner und Besucher sowie für die preisgünstigen Beherbergungsmöglichkeiten. Eine sehr freie Übersetzung des Namens Chungking Mansions lautet „Königliches Herrenhaus“[1], was jedoch im heutigen Zustand einen starken Euphemismus darstellt.

Das Gebäude besteht aus fünf Blöcken A bis E mit jeweils 17 Etagen, von denen die untersten beiden Etagen zu Einkaufspassagen verbunden sind. Diese Einkaufspassagen besteht aus kleinen Läden, Curryrestaurants und Wechselstuben. Die oberen Etagen der fünf Blöcke werden von jeweils zwei Aufzügen bedient und sind nicht miteinander verbunden. Neben Wohnungen befinden sich dort einfache Restaurants, Hostels und Hotels der untersten Preiskategorie.

Über einen separaten Eingang an der Nathan Road kann die Einkaufspassage Cke (Chungking Express) betreten werden. Diese befindet sich auf einem Teil der zweiten und dritten Etage des Chungking Mansions, besitzt jedoch außer Fluchttüren keinen regulären Durchgang zum Rest des Gebäudes. Im Vergleich zur Einkaufspassage im Erdgeschoss des Chungking Mansions ist das Cke optisch ansprechend gestaltet und sauber gehalten, besteht jedoch ebenfalls aus engen Gängen und kleinen Läden, die untypisch für ein Hongkonger Einkaufszentrum sind. Eine weitere Einkaufspassage ist das Wood House im Untergeschoss, das über einen weiteren separaten Eingang betreten werden kann. Im Cke ist Handeln um Preise - anders als im restlichen Gebäude - eher unüblich, man kann dort auch hochwertige Waren erwerben, was man im Rest des Gebäudes nicht erwarten sollte.

Das Gebäude befindet sich in unmittelbarer Nähe zu den MTR-Stationen Tsim Sha Tsui, umgeben von höherpreisigen Hotels und Einkaufszentren. Das Kowloon Mosque and Islamic Centre und das Star Ferry Pier sind in Fußnähe, das Hochhaus „ISQUARE“ mit Einkaufszentren ist direkt gegenüber. Ebenfalls in der Nähe ist das Mirador Mansions, das von der Bewohnerschaft und dem Gebäudezustand an das Chungking Mansions erinnert, jedoch kleiner und weniger bekannt ist. das Chungking Mansions erinnert etwas an das Kowloon Walled City, welches 1997 abgerissen wurde aber wesentlich größer war.

Geschichte[Bearbeiten]

Das Chungking Mansions wurde 1962 als gehobenes Wohn- und Geschäftshaus fertiggestellt und war eines der höchsten Gebäude im Stadtbezirk. daher stammt der Name Mansions, was so viel wie Herrenhaus bedeutet. Die Bewohner und Ladenbetreiber waren überwiegend chinesischer und zum Teil indischer Herkunft. Die unübersichtliche Architektur und einfache Bauweise führte jedoch zum schnellen Wertverfall der Wohneinheiten, die sich im Besitz von mehreren hundert Eigentümern befanden. Amerikanische Soldaten, die sich während des Vietnamkriegs in Hongkong aufhielten, suchten Prostituierte im Chungking Mansions auf.[2]

Die Eigentümer verließen zunehmend das Gebäude und viele Wohnungen wurden zu Hostels mit kleinen Zimmern umgebaut. Ende der 1970er Jahre war das Chungking Mansions ein beliebter Beherbergungsort von Rucksacktouristen und wurde als solcher von den Lonely Planet Reiseführern empfohlen.[3] Die große Anzahl Bewohner und Besucher belastete die Infrastruktur des Gebäudes, die nicht für die vielen Gästezimmer ausgelegt war. Es traten häufig Brände auf, zwischen 1985 und 1988 wurden 29 Brandmeldungen gezählt.[4] Diese blieben ohne größere Konsequenzen, bis im Februar 1988 ein dänischer Tourist bei einem Feuer verunglückte, als er versuchte aus dem Fenster zu flüchten. Im Juli 1993 fiel die Strom- und Wasserversorgung für eine Woche aus. Nachdem in der Hongkonger Bevölkerung das Chungking Mansions ohnehin schon in Verruf war, nahmen nun die Forderungen zu, die Missstände abzuschaffen. Die Lizenzbestimmungen für Gasthäuser wurden verschärft und mehrere Dutzend Gasthäuser geschlossen. Die Polizei führte Razzien durch und verhaftete illegale Migranten.[5]

In jüngerer Zeit unternahm die Eigentümerschaft mehrere Maßnahmen, um das zunehmend verfallende Gebäude aufzuwerten. Eine Videoüberwachungsanlage wurde im gesamten Gebäude installiert, ein privater Sicherheitsdienst engagiert und zentral überwachte Brandmelder installiert.[6] Im Jahr 2011 wurde die Frontfassade zur Nathan Road renoviert und mit einem Lichteffekt als Blickfang ausgestattet.

Bewohner und Eigentümer[Bearbeiten]

Der Anthropologe Gordon Mathews an der Chinesischen Universität Hongkong besucht seit mehreren Jahren regelmäßig das Chungking Mansions und schrieb darüber wissenschaftliche Aufsätze. Jeden Tag halten sich geschätzt 4.000 Menschen im Chungking Mansions auf, hauptsächlich aus Indien, Pakistan, Nepal und anderen südasiatischen sowie afrikanischen Ländern. Mathews zählte 129 Nationalitäten in den Gästebüchern der rund 90 Gasthäuser mit insgesamt 1.000 Betten. Insgesamt gibt es 380 Geschäfte, Gasthäuser und Restaurants.[7][8]

Mathews beschreibt das Chungking Mansions als Beispiel für die Globalisierung der unteren Klasse („low-end globalization“). Geschäftsreisende aus Entwicklungsländern nutzen die liberalen Einreisebestimmungen Hongkongs, um günstig an Waren zu gelangen, die sie in ihrer Heimat verkaufen können. Nach Mathews' Schätzung basierend auf den Absatzzahlen für Mobiltelefone verschiedener Händler, wurden 20 % der Mobiltelefone in Afrika südlich der Sahara im Chungking Mansions gehandelt.[9] Zwar gäbe es auch Drogenmissbrauch, Prostitution und gelegentlich ethnische Konflikte, die meisten Bewohner würden jedoch friedlich im Chungking Mansions leben, um ungestört Geld verdienen zu können.[3] Dennoch sind nicht alle Aktivitäten legal, so werden zum Beispiel Produktfälschungen von Mobiltelefonen, Computern und anderen Waren gehandelt. In den oberen Etagen sollen laut Mathews einige Restaurants und Gästezimmer ohne Lizenz betrieben werden. Einige Angestellte reisen als Touristen oder Asylbewerber ohne Arbeitserlaubnis ein, oder haben ein legales Arbeitsverhältnis als Haushaltshelfer, werden statt im Haushalt des Arbeitgebers jedoch in einem Gasthaus eingesetzt. Die Gasthäuser und Restaurants sind angewiesen auf billige, illegale Arbeitskräfte, um den niedrigen Preis für ihre Kundschaft mit geringer Kaufkraft halten zu können.[10]

Im Jahr 2007 besaßen 920 Eigentümer Wohn- und Geschäftseinheiten im Chungking Mansions. Entgegen der Länderverteilung in der Bewohnerschaft sind die Eigentümer zu 70 % Chinesen und 30 % Südasiaten.[11] Trotz des verkommenen Gebäudezustands ist der Wert der Einheiten aufgrund der ausgezeichneten Lage und den vielen Besuchern in den letzten Jahren gestiegen. Ein gut besuchtes Restaurant in den oberen Etagen hatte im Jahr 2007 einen Wert von 2,5 Mio HKD (250.000 EUR), eine 65 m² große Wohnung 1,4 Mio HKD (140.000 EUR).[12] Neben der Geldanlage stellen die Einheiten für die Eigentümer auch eine stetige Einnahmequelle dar. Da das veraltete Gebäude der großen Anzahl von Eigentümern bereits viel Fläche zur Verpachtung und Vermietung bietet, erscheint ein Neubau für einen potentiellen Investor wenig rentabel.[13]

Beherbergungsbetrieb[Bearbeiten]

Das Chungking Mansions ist in den Etagen 3 bis 17 geprägt von Beherbergungsbetrieben, meist werden diese als „Guest House“ bezeichnet. Diese Herbergen bieten kleine Zimmer an, die meist ein oder zwei Betten haben sowie eine kleine Sanitärzelle. Dusche und WC sind oft aus Platzmangel als eine Einheit am gleichen Ort untergebracht. Die Gasthäuser sind fast ausnahmslos modernisiert und verhältnismäßig modern ausgestattet. WLAN ist überall verfügbar, alle Gasthäuser, die Fahrstühle und Treppenhäuser sind per Videoüberwachung gesichert. Die Gasthäuser haben zwar sehr kleine Zimmer, diese genügen jedoch durchaus internationalem Standard.

Am Haupteingang des Gebäudes werden Touristen oft angesprochen und Übernachtungen angeboten, diese Angebote sind meist als seriös anzusehen.

Referenzen im Film[Bearbeiten]

Der Kinofilm Chungking Express von Wong Kar-Wai wurde zum Teil in und um Chungking Mansions gedreht und gibt die Atmosphäre des Gebäudes in einer künstlerisch interpretierten Form wieder. In diesem Film wurde der Begriff „Vereinte Nationen von Hongkong“ geprägt. da die Darstellung des Chungking Mansions im Film den Inhabern nicht gefiel, wurden die Drehgenehmigungen zurückgezogen, was dazu führte, daß viele Teile des Films in benachbarten Gebäuden, vor allem im Mirador Mansions gedreht werden mußten[14].

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Fahrradmonteur.de: Was ist Chungking Mansions?
  2. Mathews 2011, S. 33f.
  3. a b Gordon Mathews: The World in a Building, 17. August 2011. Abgerufen am 28. März 2013.
  4. Samantha Culp: Chungking Mansions: Meta-hotel and micro-city, 10. Juli 2007. In: Bidoun Magazine, Ausgabe #11 („Failure“). Abgerufen am 28. März 2013.
  5. Mathews 2011, S. 35ff.
  6. Mathews 2011, S. 37.
  7. Raymond Chan, Jacqueline Choi, Edith Liu: Chungking Mansions Uncovered, 25. Mai 2011. In: US-China Today. Herausgeber: US-China Institute, University of California. Abgerufen am 28. März 2013.
  8. Jason Beerman: Inside Chungking Mansions with expert Gordon Mathews, 15. August 2011. In: CNN Travel. Abgerufen am 28. März 2013.
  9. Mathews 2011, S. 105f.
  10. Mathews 2011, S. 41ff.
  11. Mathews 2011, S. 38.
  12. Mathews 2011, S. 41.
  13. Mathews 2011, S. 217.
  14. Reportage über das Chungking Mansions von Guy Fischer und Hermann Scherm