Digitale Kinokamera

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Red-One-Kamera
Drehfertige Sony 750HDCAM mit Angenieux-Objektiv
NHK 7.8 Super-Hi-Vision-Kamera
NHK-Objektiv für 8k
Arriflex D-21
2 Arri Alexa als 3D-Setup

Digitale Kinokameras werden bei Filmproduktionen aller Etatgrößen etwa seit der letzten Jahrhundertwende zunehmend als Ergänzung zu oder Ersatz für herkömmliche 16-mm- oder 35-mm-Filmkameras verwendet. Anstelle von fotografischem Film setzen diese Kameras Bildsensoren und digitale Medien zur Bildaufzeichnung ein. Die Angaben 16-mm oder 35-mm dienen bei digitalen Kinokameras wie bei mechanischen Kameras zur Kennzeichnung der belichteten Fläche und sind in der Regel mit den entsprechenden Optiken der Filmkameras kompatibel.

Inhaltsverzeichnis

Auflösungsvergleich beim Seitenverhältnis 16:9 [Bearbeiten]

Die folgende Grafik zeigt einen Auflösungsvergleich verschiedener Systeme:

  • normale TV-Auflösung (PAL, NTSC, SD)
  • 1080P-Auflösung (Sony, Panavision, Thomson, P+S Technik/Silicon Imaging)
  • 2540P-Auflösung (RED)

Chart2540.png

Einsatzgründe (pro und contra) [Bearbeiten]

Auch wenn, insbesondere in Deutschland, noch viel Unsicherheit und kontroverse Diskussionen hinsichtlich der digitalen Kinoproduktion existieren, sind doch Pro und Contra leicht zu trennen. Die Bedenken bei der Transformation von chemisch-mechanischen Methoden hin zu digitalen sind klassische Kritik ähnlich wie beispielsweise beim Übergang von der traditionellen Fotografie zur elektronischen, vom Tonband zum Hard-Disk-Rekorder, vom Bleisatz zu Desk Top Publishing, von der Rillenschallplatte zur Compact Disc usw.

Die Hauptgründe für den Einsatz von digitaler Kinoproduktion sind

  • Sofortige Prüfung des Ergebnisses am Drehort. Bei der Aufzeichnung auf Negativ kann erst nach der Entwicklung und Abtastung überprüft werden, ob die Aufnahmen technisch und inhaltlich einwandfrei sind.
  • Geräuschentwicklung. Analoge Filmkameras verursachen aufgrund des sich bewegenden Filmmaterials eine bisweilen deutliche Geräuschentwicklung, was bei Tonaufnahmen sehr störend sein kann.
  • Größere Produktionssicherheit. Digitale Daten können sofort dupliziert werden.
  • Effizienterer Workflow. Bestimmte Arbeitsschritte entfallen ganz (Filmabtastung) oder rücken zeitlich näher zusammen (Videomuster sind u. U. bereits am Set verfügbar).
  • Senkung der Aufnahmekosten. Filmnegativ als Rohmaterial ist im Vergleich zu Videobändern relativ teuer. Gleiches gilt für die Weiterverarbeitung (Entwicklung, Video-Abtastung, Kopierung, Schnitt usw.).
  • Längere Laufzeit. Aufgrund der endlichen Rollenlänge sind Aufnahmen auf Negativmaterial zeitlich begrenzt. Bei Aufnahmen auf 35-mm-Negativ lassen sich beispielsweise Aufnahmezeiten ohne Unterbrechung von ca. 11 Minuten (4-Perf) bis zu 22 Minuten (2-Perf) realisieren. Bei der digitalen Aufzeichnung sind deutlich höhere Aufnahmezeiten von bis zu 50 Minuten möglich (z. B. mit dem Sony SRW-1 Fieldrecorder). In der Praxis sind noch längere Zeiten üblich, vor allem auf Festplatten, und werden oft eingesetzt, insbesondere für Dokumentationen. Die 2008 und 2009 meistverkaufte 35-mm-Kamera bspw. ist digital und bietet derzeit 320 Minuten in 4K- und rund 1200 Minuten in 2K-Auflösung ununterbrochene Aufzeichnungskapazität pro digitalem Magazin.
  • Archivierung. Während Filmmaterial weder verlustfrei umkopiert noch absolut sicher als Original auf Dauer an verschiedenen Orten parallel gesichert werden kann, ermöglichen digitale Kinokameras (wie alle digitalen Datensysteme) ein unendlich oft identisch kopierbares und räumlich dezentral gleichzeitig verwahrbares Master. Alterungsprozesse des Trägermaterials, bei chemischem Film unvermeidbar, gibt es bei digitalem Material in dieser Form nicht. Weiterhin können Originale digitaler Aufzeichnung auch Dritten zugänglich gemacht werden, ohne das Original in Mitleidenschaft zu ziehen, was bei Film nicht möglich ist.
  • Höherer Kontrastumfang; Spezialkameras wie bspw. die Spheron HDRv bieten 20 Blenden Helligkeitsumfang, erheblich mehr als typisches 35-mm-Filmnegativ.

Die Hauptgründe gegen den Einsatz von digitaler Kinoproduktion sind

  • Die extrem hohen Investitionen, welche mit Leichtigkeit 150.000 bis 300.000 Euro pro System betragen können, da oft neue Objektive, Peripherie etc. notwendig sind.
  • Qualifikations- und Personalbedarf. Manchen Kameraleuten und Kameraassistenten mangelt es oft noch an Erfahrung und Berufspraxis im Umgang mit der digitalen Aufnahmetechnik. Zudem entstehen neue, zusätzliche Tätigkeitsbereiche im Hinblick auf die Verwaltung und Sicherung der digitalen Aufnahmen direkt am Set.

Inzwischen hinfällige Argumente gegen digitale Kinoproduktion sind

  • Andere Schärfentiefen. Vor dem Markteintritt von Arri, Red und Panavision hatten alle digitalen Kinokameras 2/3-Zoll-Sensoren, was - aufgrund der verwendbaren Optiken - eine 16-mm-Film-Schärfentiefe im Gegensatz zu jener von 35-mm-Film erzeugte.
  • Kein Zugriff auf klassische Filmoptiken. Seit dem Erscheinen der Arri-PL- und auf Panavision basierenden Kameras können alle Optiken verwendet werden.
  • Geringerer Kontrastumfang. Inzwischen stehen verschiedene digitale Kameras mit erheblich mehr Blendenumfang als bei Film zur Verfügung.
  • Die beiden traditionellen 35-mm-Film-Kamera-Hersteller und -Vermieter Arri und Panavision bieten erst seit Ende 2005/Anfang 2006 digitale Kameras an. Die Vorreiterrolle nahm ab 2000 Sony ein, deren 1080p-basierendes HDCAM-Format für den Löwenanteil aller digital produzierten Kinofilme eingesetzt wird, und Sony war in der Kinobranche als Kamerahersteller zuvor nicht vertreten.

Oft angemerkt wird, dass in der Praxis digital häufig deutlich mehr Material gedreht wird, da die Kosten und die Arbeitsunterbrechung beim Materialwechsel vernachlässigbar sind. Dies begrüßen manche Filmschaffende, bspw. Dokumentarfilmer, oft, wobei allerdings mehr gedrehtes Material nicht nur einen Vorteil darstellen kann: Zwar kann gegebenenfalls die eine wichtige Aufnahme digital aufgezeichnet sein, mehr Material bedeutet meist jedoch auch erhöhte Kosten in der Postproduktion.

Anbieter und Marktsituation [Bearbeiten]

Die Geschäftsmodelle der Kamerahersteller unterscheiden sich deutlich. ARRI und Panavision vermieten ihre digitalen Kameras ausschließlich selbst oder über Rentalhäuser und betreiben jeweils nur ein paar Dutzend ihrer Geräte. Sony, Red, Thomson und P+S Technik/Silicon Imaging verkaufen ihre Kameras. Die größten Stückzahlen lieferte bisher Sony aus, da das Unternehmen mit HDCAM im Jahr 2000 als erstes den Markt betrat. Indirekt verdient Sony auch am Erfolg der Panavision Genesis mit, denn diese Kamera wurde ebenfalls von Sony entwickelt und gefertigt. Sony hat laut eigenen Angaben bisher rund 3000 HDCAM-Kameras absetzen können, von denen ein großer Teil jedoch nicht nur für Kino, sondern auch für TV-Serien, Dokumentationen und Werbung eingesetzt wird. Das 2005 in den Markt eingetretene Start-up-Unternehmen Red Digital Cinema Camera Company konnte allein von seiner Kamera Red One seit September 2007 über 5000 (teils weltweit vorbestellte) Serienexemplare ausliefern. Dies stellt eine deutliche Vergrößerung des Marktes dar.

Weitere Anbieter sind die Firmen Dalsa und Ikonoskop. Von Dalsa ist jedoch (Stand: Sept 2007) in Europa keine Kamera präsent oder angekündigt. Arri und Panavision sind als Weltmarktführer für Filmkameras weniger bemüht, digitale Kameras zu etablieren, als die Anbieter Sony, Red und Thomson, die nur digitale Kameras verkaufen.

Digitale Kinokameras [Bearbeiten]

Die aufgeführten digitalen Kinokameras stellen über 95 Prozent des Marktes dar. Die Kriterien für die Aufnahme in die Tabelle:

  • Mindestens 1920x1080 Pixel physikalische Auflösung der Sensoren, 24 beziehungsweise 25 progressive Bilder pro Sekunde, unkomprimierte Aufzeichnungsmöglichkeit, 2/3-Zoll-Sensor oder größer, B4, Panavision- oder Arri PL-Objektivfassung
  • Nutzung durch mindestens einen namhaften internationalen Regisseur für öffentliche projizierte Aufführung
  • kauf- oder mietbar in der Europäischen Union
  • vermutliche Kandidaten für eine Aufnahme in die Tabelle: Phantom 65, Weisscam, PScamX35, Indicam POV, A-cam dll, Kineraw, Black Magic Camera, Digital Bolex D16.

Vermutlich nicht mehr zur Serienreife gelangende Kameras (z. B. Kinetta) und Spezialkameras (z. B. Speedcam, High-Speed-Kamera) wurden der Übersicht halber nicht aufgeführt.

Hersteller Modell Typus Sensor-
format/ -größe
Sensor-
auflösung/ MP
Ausgabe-
auflösung
Bildwiederhol-
raten
Linsen-
anschluss
Sucher-
optionen
Farbtiefe/ -raum Gewicht Größe seit
Panavision / Sony Genesis / F35 Kamera

externer Rekorder

16:9 S35

CCD

~ 4600 x 2500, 12.4 MP 1080p

1920x1080, 16:9

1-50p Panaflex / Arri PL Elektronisch 10bitRGB444 >8 kg 2005
ARRI Alexa Kamera

interne filebasierte Aufzeichnung (SxS-Speicherkarten, Festplatten)

16:9 S35

CMOS

3392 x 2200 2880 x 1620

1920 x 1080 (HD 16:9)

0,75-60 HD-SDI und 422

0,75-30 ARRIRAW 0,77-40 ProRes4444

Arri PL Elektronisch

und Optisch

12bit RGB444

10bit YCbCr422

6,3 kg (7,7 kg drehfertig) 33x16x16 cm 2010
ARRI D-20 Kamera

externer Rekorder

4:3 35ANSI

CMOS

3018 x 2200, 4:3, 6.6 MP

2880 x 1620, 16: 9, 4,7 MP

3018x2200, 4:3

1920x1080 16:9

1-60p Arri PL Optisch 10bit RGB444

12bit RAW

>7 kg 39x19x30 cm 2005
P+S Technik PS-Cam X35 Kamera

interner Buffer und externer Recorder

16:9

CMOS

1920 x 1080 1920 x 1080

(HD 16:9)

1-450p Interchangeable Mount System: B4 2/3, C, Arri PL, Canon EF und FD, Nikon F und Professional F, Leica R und M, Panavision Elektronisch 10bit

12bit RAW

7,5 kg 34x16x18 cm 2011
P+S Technik / Silicon Imaging SI-2K Camcorder

oder extern mit abgenommenem Kamerakopf

16:9

2/3" CMOS

2048 x 1152, 2.4 MP 2K 2048 x 1152

1920 x 1080

oder kleiner

25p

30p

bis zu 150p

Interchangeable Mount System: B4 2/3, C, Arri PL, Canon EF und FD, Nikon F und Professional F, Leica R und M, Panavision Elektronisch und Optisch 10bit log RAW

12bit lin RAW

7,25 kg

0,6 kg (Kamerakopf)

29x21x16 cm

10,5x7x4,5 cm (Kamerakopf)

2007
Red One Camcorder

oder extern

16:9 S35

CMOS

4900 x 2580,

12,6 MP

2540p , 4K

4520 x 2540 16:9

<1-120p Arri PL, Canon

Nikon, B4 2/3

Elektronisch und Optisch 10bitRGB444

12bit RAW

>4.5 kg 30x13x16 cm 2007
Dalsa Origin Kamera

externer Rekorder

16:9 S35

single CCD

4096 x 2048,

8.2 MP

4K

4096 x 2048 16:9

24-30p Arri PL Optisch 16bit lin RAW >10 kg 2006
Sony 900R Camcorder

oder extern

16:9 2/3

3 * CCD

3 * 2,2, 6,6 MP 1080p

1920x1080 16:9

24,25,30p

50, 60i, slowshutter

B4 2/3 Elektronisch 10bitYUV422

8bit YUV311

>4.5 kg 2006
Sony 750P Camcorder

oder extern

16:9 2/3

3 * CCD

3 * 2,2, 6,6 MP 1080p

1920x1080 16:9

25p

50i, slowshutter

B4 2/3 Elektronisch 10bitYUV422

8bit YUV311

>4.5 kg 2003
Sony F23 Kamera

externer Rekorder

16:9 2/3

3 * CCD

3 * 2,2, 6,6 MP 1080p

1920x1080 16:9

1-60p B4 2/3 Elektronisch <30p 10bitRGB444

>30p 10bitYUV422

>5 kg 2007
Thomson Viper Kamera

externer Rekorder

16:9 2/3

3 * CCD

3 * 9,2, 27,6 MP 1080p

1920x1080 16:9

24,25,30p1080

50,60p720

B4 2/3 Elektronisch

nur schwarz/weiß

10bitRGB444

10bitYUV422

>4.2 kg 21x13x24 cm 2003

Künstler und Pioniere [Bearbeiten]

Der Einsatz von digitaler Bewegtbildproduktion wird oft von Kameramännern, Regisseuren und Produzenten vorangetrieben. Neben weniger bekannten Filmschaffenden und unabhängigen Produktionsfirmen nutzen zahlreiche namhafte Vertreter digitale Kinokameras, zum Beispiel:

Die sechs Filmemacher James Cameron, Robert Zemeckis, David Lynch, Jean-Jacques Annaud, Tim Burton und Anthony Dod Mantle nutzten spezielle Vorteile der digitalen Kinoproduktion und demonstrierten damit deren vielseitige Einsetzbarkeit. Annaud mischte 35-mm-Film und HDCAM. Burton produzierte mit einer äußerst günstigen digitalen Spiegelreflexkamera Animation und James Cameron machte Unterwasser-3-D-Aufnahmen. David Lynch produzierte mit einer digitalen Kleinkamera. Robert Zemeckis produziert seine Filme mit Motion Capture. Anthony Dod Mantle produzierte mit dem besonders kompaktem Kamerakopf der SI-2K von P+S Technik authentische Bilder realer Szenen auf Mumbais Straßen.

Verbreitung und Perspektive [Bearbeiten]

Seit 2007 ist die Mehrheit aller verkauften, seit 2008 die Mehrheit aller gelieferten 35-mm-Kameras digital. 2009 wurde erstmals der Oscar für die beste Kameraarbeit an einen größtenteils mit digitalen Kinokameras gedrehten Film vergeben. 2010 schließlich wurde ein mit digitalen Kinokameras gedrehter Film, Avatar, der einspielstärkste Film in der Kinogeschichte. Bei Neuverkäufen übertreffen digitale Kinokameras mechanische Kameras inzwischen erheblich, insbesondere im 35-mm-Segment.

2011 beendeten die beiden wichtigsten Filmkamerahersteller, Arri und Panavision, die Serienfertigung von Filmkameras. Beide fertigen nun nur noch digitale Kinokameras, im Verleih gibt es jedoch bei beiden noch mechanische Kameras.

In den Kinos ist die Verdrängung von Film durch digitale Wiedergabe inzwischen fast so weit fortgeschritten wie in der Fotografie, über 99 % aller verkauften Projektoren sind digital, und auch die Mehrzahl der bestehenden Kinos sind entweder bereits auf digitale Projektion umgestellt oder befinden sich derzeit in der Umrüstung.

Siehe auch [Bearbeiten]