Dschihadismus

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Der Dschihadismus (seltener: Jihadismus) ist eine militante extremistische Strömung des Islamismus. Seine Anhänger propagieren den Aufbau und die Ausdehnung des Machtbereichs eines islamischen Staates mit dem Mittel der Gewalt. Der Dschihadismus bezieht sich dabei auf das islamische Konzept des Dschihad, das er als religiöse Verpflichtung jedes Muslims zum gewaltsamen Kampf zur Verteidigung des Islam gegen Ungläubige interpretiert, zu denen er neben Anhängern anderer Religionen auch Muslime abweichender Überzeugungen zählt.

Geschichte[Bearbeiten]

Zu den einflussreichen ideologischen Vorläufern des Dschihadismus wird der im 18. Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel entstandene Wahhabismus sowie die Mitte des 20. Jahrhunderts von den Ägyptern Sayyid Qutb und Hasan al-Bannā aufgebaute Muslimbruderschaft und deren von Sayyid Abul Ala Maududi geprägtes pakistanisches Pendant Jamaat-e-Islami gezählt.[1] Zu den frühen dschihadistischen Gruppierungen gehören die in den 1970er Jahren als Abspaltung der Muslimbruderschaft gegründeten at-Takfir wa-l-Higra und al-Dschihad, die durch Terroranschläge auf mehrere ägyptische Staatsvertreter auf sich aufmerksam machten, darunter 1981 die Ermordung des Präsidenten Anwar el-Sadat.

Großen Zulauf erhielt der Dschihadismus in den 1980er Jahren in Afghanistan in der Folge der sowjetischen Invasion Ende 1979, als islamistische Mudschaheddin mit Unterstützung Pakistans, Saudi-Arabiens und der Vereinigten Staaten gegen die Sowjetarmee und die von ihr unterstützte kommunistische Regierung kämpften. Der palästinensische Theologe Abdallah Azzam gehörte zu den einflussreichsten Förderern der religiös motivierten Beteiligung arabischer Muslime am Krieg in Afghanistan. Sein Anhänger Osama bin Laden wurde mit dem von ihm aufgebauten internationalen Netzwerk al-Qaida ab den 1990er Jahren zum führenden Repräsentanten der nun grenzübergreifend aktiven dschihadistischen Bewegung.[2] Nach dem erfolgreichen Partisanenkrieg in Afghanistan verlagerte sich der Schwerpunkt der dschihadistischen Aktivität auf Terrorismus, wobei die gegen die USA gerichteten Anschläge am 11. September 2001 herausragende internationale Wirkung erzielten. Unabhängig von al-Qaida entstanden ab den 1990er Jahren mächtige dschihadistische Gruppierungen unter anderem in Somalia (al-Shabaab), Pakistan (Laschkar e-Taiba), Russland (Kaukasus-Emirat) und Indonesien (Jemaah Islamiyah).

Die Besetzung des Irak durch internationale Truppen, die auf den von den USA angeführten Irakkrieg von 2003 folgte, bot ein neues Kampfgebiet, auf dem dschihadistische Organisationen mit Anschlägen internationale Aufmerksamkeit errangen. Im sogenannten „Irakischen Widerstand“ kämpften mehrere konkurrierende Gruppen parallel. Während al-Qaida erklärter Hauptgegner des von den US-Präsident George W. Bush ausgerufenen „Kriegs gegen den Terror“ war, änderte die Organisation ihre Struktur zugunsten einer stärkeren Regionalisierung mit der Herausbildung unterschiedlicher Schwerpunkte im Maghreb, im Jemen, in Somalia und in Afghanistan und Pakistan.[2] Im Zuge der Volksaufstände des „Arabischen Frühlings“ ab 2010 kamen in Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien weitere dschihadistische Gruppierungen auf.

Die Miliz Islamischer Staat (IS) erreichte 2014 einen mit al-Qaida konkurrierenden Führungsstatus innerhalb der dschihadistischen Bewegung, indem ihr die Eroberung eines weiträumigen zusammenhängenden Territoriums im Nordwesten des Iraks und im Osten Syriens und die Erbeutung großer Waffenbestände der irakischen Armee gelang. Nach massenhafter Verfolgung von Minderheiten (wie dem Volk der Jesiden im Nordirak) und mehreren medienwirksam inszenierten Enthauptungen westlicher Geiseln wurde IS ab August 2014 zum Ziel einer noch andauernden Militärintervention, die von den USA und mehreren Verbündeten in Form von Luftangriffen im Irak und in Syrien durchgeführt wurde. Im September 2014 richtete sich der UN-Sicherheitsrat in seiner einstimmig verabschiedeten Resolution 2178 gegen internationale Phänomene des Terrorismus und nannte dabei ausdrücklich IS (unter seiner älteren Bezeichnung ISIL), die al-Nusra-Front und andere mit al-Qaida verbundene oder aus ihr entstandene Gruppierungen. Schätzungen der Vereinten Nationen gingen zu dieser Zeit von mehr als 13.000 ausländischen Kämpfern aus über 80 Staaten aus, die sich IS und al-Nusra angeschlossen hatten.[3]

Dschihadistische Gruppierungen (Auswahl)[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Jarret Brachman: Global Jihadism: Theory and Practice. Routledge, London 2008. (englisch)
  • Jeevan Deol, Zaheer Kazmi (Hrsg.): Contextualising Jihadi Thought. C. Hurst & Co, London 2012, ISBN 978-1-84904-130-0. (englisch)
  • Asiem El Difraoui: Al-Qaida par l’image – La prophétie du martyre. PUF, Paris 2013, ISBN 978-2-1305-8669-2. (französisch)
  • Rüdiger Lohlker: Dschihadismus: Materialien. UTB, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-8252-3132-3.
  • Rüdiger Lohlker, Tamara Abu-Hamdeh (Hrsg.): Jihadi Thought and Ideology. Logos, Berlin 2014, ISBN 978-3-8325-3705-0. (englisch)
  • Guido Steinberg: Al-Qaidas deutsche Kämpfer: Die Globalisierung des islamistischen Terrorismus. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2014, ISBN 978-3-89684-162-9.
  • Bassam Tibi: Vom klassischen Djihad zum terroristischen Djihadismus – Der irreguläre Krieg der Islamisten und die neue Weltunordnung. In: Uwe Backes, Eckhard Jesse (Hrsg.): Jahrbuch Extremismus und Demokratie. Band 14, Nomos, Baden-Baden 2002, ISBN 3-7890-8254-6, S. 27–44.
  • Khadija Katja Wöhler-Khalfallah: Islamischer Fundamentalismus. Von der Urgemeinde bis zur Deutschen Islamkonferenz. Verlag Hans Schiler, Berlin 2009, ISBN 978-3-89930-229-5.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Khadija Katja Wöhler-Khalfallah: Islamischer Fundamentalismus: Von der Urgemeinde bis zur Deutschen Islamkonferenz. Hans Schiler, Berlin 2009, S. 70–180.
  2. a b Rüdiger Lohlker: Dschihadismus, im Dossier Islamismus der Bundeszentrale für politische Bildung vom 7. November 2011.
  3. Security Council Unanimously Adopts Resolution Condemning Violent Extremism, Underscoring Need to Prevent Travel, Support for Foreign Terrorist Fighters, Pressemeldung der Vereinten Nationen vom 24. September 2014 (englisch)