Boko Haram

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Boko Haram (Hausa für „Bücher in Lateinschrift sind Sünde“,[1] „Westliche Bildung verboten“,[2] „Die moderne Erziehung ist eine Sünde“[3] bis hin zu „Vorspiegelung falscher Tatsachen ist Schande“[4]) ist eine islamistische terroristische Gruppierung im Norden Nigerias. Seit Ende 2010 trägt sie den Namen ‏جماعة أهل السنة للدعوة والجهاد‎, DMG ǧamāʿat ahl as-sunna li-d-daʿwa wa-l-ǧihād,[5][6][7] wörtlich: Verband der Sunniten für den Aufruf zum Islam und für den Dschihad). Sie setzt sich für die Einführung der Scharia in ganz Nigeria und das Verbot von westlicher Bildung ein;[1] auch die Beteiligung an Wahlen lehnt sie ab.[8]

Sich selbst stellt die Gruppe mit der afghanischen Gruppe Taliban in Verbindung.[9] Auch die lokale Bevölkerung nennt sie „die Taliban“.[10] Das Hauptquartier der Sekte befand sich bis zum Tod von Sektenchef Ustaz Mohammed Yusuf in Maiduguri.[9] Die Führung der Gruppe hat die Shura, ein Rat aus 20 Männern, übernommen, die Kontakte nach Tschad und Kamerun unterhalten.[11] Der Gruppe werden Verbindungen zu Al-Qaida im Islamischen Maghreb, Al-Shabaab in Somalia und zu Terrorcamps in Afghanistan nachgesagt.[12] Außerdem soll Boko Haram sich zusammen mit Al-Qaida an Ansar Dines Besetzung Timbuktus, Gaos und Kidals in Mali beteiligt haben.[13] Boko Haram hat keine Verbindung zur Aufstandsbewegung Movement for the Emancipation of the Niger Delta, die im Nigerdelta seit 2006 gegen die Ölindustrie kämpft.[14]

Inhaltsverzeichnis

Geschichte [Bearbeiten]

Anfänge [Bearbeiten]

Seit der Demokratisierung Nigerias 1999 nahmen Islamisierungstendenzen im Land zu. So wurde auf Druck islamischer Gruppen im Nordteil des Landes die Scharia eingeführt.[1] Seither fielen Tausende Menschen religiösen Pogromen zum Opfer.[1]

Boko Haram machte erstmals um 2004 mit der Einrichtung des Trainingslagers „Afghanistan“ an der Grenze zum nördlichen Nachbarland Niger von sich reden.[1] Die muslimische Sekte rekrutierte in der Folge gezielt junge Männer.[2] Warnungen von islamischen Imamen vor der Gefährlichkeit dieser Sekte wurden von den Behörden zunächst ignoriert.[15]

Lage von Bauchi

Nach einem Demonstrationsverbot gegen Boko Haram brachen Ende Juli 2009 in der Stadt Bauchi Unruhen aus, die sich auf Yobe, Borno und andere Regionen ausweiteten.[1] In der gleichnamigen Provinz Bauchi ist seit 2001 die Scharia in Kraft.[2] Bei fünftägigen Zusammenstößen starben alleine in Maiduguri mindestens 300 Menschen[16], andere Quellen gehen von mehr als 600 Toten aus.[17] Das nigerianische Rote Kreuz zählte 780 Tote in der Stadt.[18] Sektenführer Ustaz Mohammed Yusuf wurde während einer groß angelegten Polizeiaktion zunächst verhaftet, dann aber nach Angaben eines Polizeisprechers bei einem Fluchtversuch von Sicherheitskräften erschossen.[16] Es gibt Berichte über illegale Hinrichtungen von Sektenmitgliedern durch die Polizei.[17]

2010 [Bearbeiten]

Nachdem das Militär als Reaktion auf wiederholte Boko-Haram-Angriffe mit insgesamt 12 Toten, davon 7 Polizeibeamte, Patrouillen in Maiduguri angekündigt hatte und die Polizei sogar das Motorradfahren bei Nacht verboten hatte, um Boko Haram die Durchführung von Drive-by-Shootings zu erschweren, griff nach Polizeiangaben Anfang September 2010 eine große Gruppe von schwerbewaffneten Boko-Haram-Mitgliedern ein Gefängnis im Norden Nigerias an, wobei 732 Häftlinge fliehen konnten, darunter 150 mutmaßliche Boko-Haram-Mitglieder, die größtenteils während der Unruhen 2009 verhaftet worden waren. Ein Polizist, ein Soldat und zwei Anwohner wurden bei dem anschließenden Feuergefecht getötet, sechs weitere schwer verletzt.[15]

Ende 2010 änderte die Organisation ihren Namen und heißt seit dem Jama'atu Ahlis Sunna Lidda'awati wal-Jihad.[6]

Sie bekannte sich zu der Anschlagsserie auf Christen in der Nähe der Stadt Jos, die am 24. Dezember 2010 mindestens 38 Personen das Leben kostete und schwere Unruhen zur Folge hatte.

2011 [Bearbeiten]

Nach Angaben der BBC bekannte sich Boko Haram zu einer Reihe von Bombenanschlägen nach der Präsidentschaftswahl 2011.[19] Trotz des Verbots, bei Nacht Motorrad zu fahren, kam es auch in der ersten Hälfte des Jahres 2011 weiter zu politischen Morden durch Drive-By-Shootings,[20] die die Bewohner Maiduguris terrorisierten,[21] und zu Anschlägen auf Polizeistationen[22] sowie auf eine Kirche.[23]

Boko Haram bekannte sich auch zu dem Bombenanschlag auf Nigerias Polizeihauptquartier in Abuja.[24]

Am 26. Juni 2011 griffen Mitglieder der Boko Haram drei Bierlokale[25] in Maiduguri mit Schusswaffen und Sprengkörpern an und töteten mindestens 25 Personen.[26]

Im Juli 2011 veranlasste die zunehmende Gewalt in Maiduguri die örtliche Universität, ihre Pforten zu schließen und die Studenten nach Hause zu schicken.[27] Die Militärpräsenz in und um Maiduguri wurde verstärkt und es kam zu vermehrten Vorwürfen, das Militär misshandele Zivilisten. Tausende flohen vor den sich verstärkenden Kämpfen.[28]

Am 26. August 2011 wurden bei einem Autobombenanschlag auf ein Gebäude der Vereinten Nationen in der Hauptstadt Abuja 23 Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt. Boko Haram hat sich nach Angaben der BBC zu dem Anschlag bekannt.[29][30]

Nach einer Reihe von Bombenanschlägen, unter anderem auf das Hauptquartier der Polizei im Bundesstaat Yobe im nordöstlichen Nigeria, zogen am Abend des 4. November 2011 in Yobes Hauptstadt Damaturu und im nahegelegenen Städtchen Potiskum bewaffnete Boko-Haram-Anhänger anderthalb Stunden lang durch die Straßen. Sie attackierten Polizeistationen und Kirchen mit Schusswaffen und Bomben. Mindestens 63 Menschen wurden getötet. Anschließend lieferten sich die Angreifer Gefechte mit Sicherheitskräften. Zuvor wurde am selben Tag ein militärisches Hauptquartier in Maiduguri im Nachbarstaat Borno von mehreren Selbstmordattentätern mit Sprengstoff angegriffen. Boko Haram verkündete, seine „Angriffe auf Truppen der Bundesregierung“ so lange fortzuführen, bis die Sicherheitskräfte „ihre Exzesse gegen unsere Anhänger und verletzliche Zivilisten“ beendeten.[31]

Die örtliche Polizei macht Boko Haram für die Angriffe auf zwei Polizeistellen und zwei Bankfilialen in Azare am 4. Dezember 2011 verantwortlich.[32]

An Weihnachten 2011 verübte Boko Haram mehrere Bombenanschläge auf christliche Kirchen. Bei einer Explosion vor der St.-Theresa-Kirche in Madalla, einem Vorort Abujas, starben 35 Menschen und 50 wurden verletzt. In Jos konnten zwei Bomben entschärft werden, eine dritte detonierte nahe der Mountain-of-Fire-and-Miracles-Kirche, wobei es Verletzte gab. Der Explosion folgte ein Angriff mit Schusswaffen, bei dem ein Polizist zu Tode kam. Im Bundesstaat Yobe, in dem Kämpfe zwischen Boko Haram und Sicherheitskräften in der Woche vor Weihnachten mehr als 60 Menschenleben forderten, gab es in Damaturu zwei Anschläge, einer davon ein Selbstmordanschlag auf einen Konvoi des Staatssicherheitsdienstes, wobei vier Menschen einschließlich des Selbstmordattentäters starben.[33] Auch in Gadaka gab es eine Explosion vor einer Kirche, wobei niemand verletzt wurde. Boko Haram kündigte an, die Anschlagsserie, die in den Tagen vor Weihnachten bis zu einhundert Leben kostete, fortzusetzen.[34]

Im Jahr 2011 wird die Gruppe für mindestens 510 Morde verantwortlich gemacht.[35]

2012 [Bearbeiten]

Am 1. Januar 2012 gab Boko Haram den im Norden Nigerias lebenden Christen drei Tage Zeit, den muslimisch geprägten Norden des Landes zu verlassen, und kündigte an, nach Ablauf der Frist gezielt Christen anzugreifen.[36]

Am 5. Januar 2012 wurden bei einem Feuerüberfall auf eine Kirche in der Stadt Gombe mindestens sechs Menschen getötet.[36]

Bei einem Angriff auf ein Gemeindehaus in der Stadt Mubi am 6. Januar 2012 wurden mindestens 20[36] christliche Händler getötet, die sich dort trafen um die Überführung eines Gemeindemitglieds zu planen, das am Vortag Opfer eines Drive-By-Shootings wurde.[37] In Yola kamen bei einem Angriff auf eine apostolische[38] Kirche acht Menschen ums Leben[37], drei weitere Menschen starben, als ein nahegelegener Schönheitssalon angegriffen wurde.[38] In Potiskum setzten Bewaffnete zwei Banken mit Benzinbomben in Brand, der anschließende Schusswechsel forderte zwei Menschenleben.[38] Boko Haram bekannte sich zu den Anschlägen in Gombe und Mubi.[37]

Präsident Goodluck Jonathan sagte Anfang Januar 2012 über die islamistische Gewalt im Vielvölkerstaat, sie sei noch „viel schlimmer als der Bürgerkrieg“. Jonathan sprach im Gegensatz zu seinen früheren Einschätzungen in seiner Verlautbarung davon, „dass sich die Sympathisanten der Terror-Gruppe auch in den Reihen der Regierung, des Parlaments und der Gerichte versteckten.“ Hinzu kommen nach seinen Worten „Boko-Haram-Unterstützer im Polizeiapparat, im Geheimdienst und Militär.“[39][40] Der ganze Staat Nigeria sei von dem Terror-Netzwerk unterwandert. Dabei sind nach Angaben der Süddeutschen Zeitung die Aktivisten von Boko Haram schwer zu greifen: „Wenn ein junger Mensch Mitglied der Sekte ist, dann weiß das oft nicht einmal der eigene Vater - so geheim ist dieser Bund der Radikalen. Die Attentäter sitzen vielleicht am Abend unerkannt mit am Tisch der Familie, bevor sie am nächsten Morgen eine Bombe zünden.“[41]

Die offizielle Sicht auf die Bedeutung von Boko Haram wird kontrovers diskutiert. So bestreitet die amerikanische Historikerin Jean Herskovits[A 1], dass Boko Haram eine islamistische Terrorgruppe sei, denn einige Verbrechersyndikate, auch aus dem vorwiegend christlichen Süden Nigerias, nutzen gerne den Namen 'Boko Haram'. Sie macht für die Gewalt hauptsächlich die Armut in Nigerias islamischem Norden verantwortlich.[42] Im nigerianischen Blog Liberty Report aus Ondo wird dies vehement bestritten, und Herskovits vorgeworfen, sie sei aufgrund lukrativer Positionen in nigerianischen Institutionen voreingenommen.[43]

Am 20. Januar 2012 verübte die Gruppe eine Reihe von Terroranschlägen unter Einsatz von Sprengstoff und Schusswaffen auf mehrere Polizeistationen in Kano im Nordosten Nigerias. Dabei kamen mindestens 191 Menschen ums Leben. [44] Von den Waffen der Gruppe wird vermutet, dass sie aus Libyen stammen.[45]

Am 8. März 2012 wurden zwei europäische Geiseln, ein britischer und ein italienischer Ingenieur, die im Mai des Vorjahres in Birnin Kebbi entführt worden waren, bei einem Befreiungsversuch durch britische und nigerianische Spezialkräfte in Sokoto getötet. [46] Der Sprecher von Boko Haram bestritt jegliche Teilnahme an der Geiselnahme mit dem Hinweis, dass derartige Praktiken von ihnen abgelehnt würden.[47]

Am 31. März 2012 töteten nigerianische Sicherheitskräfte neun mutmaßliche Terroristen als sie eine „Bombenfabrik“ in Okene aushoben, die die Behörden Boko Haram zuordneten. Auch zwei Sicherheitskräfte kamen bei dem Feuergefecht ums Leben.[48]

Am 26. April 2012 starben neun Menschen[49], als Büros der Zeitung THISDAY in Abuja und Kaduna angegriffen wurden. Während in Abuja ein Selbstmordattentäter mit seiner Autobombe das Bürogebäude rammte[50], konnte in Kaduna der Fahrer der Autobombe, die im Hof des dortigen Bürogebäudes detonierte, festgenommen werden.[51]

Am 29. April 2012 starben bei einem Boko-Haram-Angriff[52] auf christliche Gottesdienste auf dem Gelände der Universität in Kano rund 20 Menschen, als erst ein Gottesdienst unter freiem Himmel und dann ein weiterer in einem Universitätsgebäude, bei dem sich die Teilnehmer bis vor die Türen drängten, von zwei Motorrädern und aus einem Auto beschossen und mit Sprengkörpern beworfen wurden.[49] Bei einem weiteren Angriff auf die Church-of-Christ-in-Nigeria-Kapelle in Maiduguri starben fünf Menschen.[53]

Am 10. Juni 2012 starben infolge zweier Angriffe auf Kirchen in Nord-Nigeria mindestens 7 Menschen. In Jos gab es mindestens 48 Verletzte und bis zu 5 Tote[54] als ein Selbstmordattentäter eine Bombe in seiner Limousine vor der Christ-Chosen-Church-of-God-Kirche zündete, was diese zum Einsturz brachte. Mindestens 3 bis 5 Menschen wurden daraufhin in Jos bei Vergeltungsangriffen auf Muslime durch christliche Demonstranten getötet, die Straßensperren errichteten und sich Straßenschlachten mit der Polizei lieferten. In Biu starb mindestens ein Mensch bei einem Feuerüberfall auf die EYN-Kirche[55], mindestens 3 Menschen, nach anderen Berichten 5, wurden dabei verletzt. Boko Haram bekannte sich zu beiden Anschlägen.[56]

Am 17. Juni starben nach Angaben des Nigerianischen Roten Kreuzes 50 Menschen infolge von Anschlägen auf Kirchen in Zaria und Kaduna, zu denen sich Boko Haram bekannte, 131 wurden verletzt. Zuerst durchbrach gegen 9 Uhr ein Selbstmordattentäter mit seinem Fahrzeug die Absperrungen vor der EWCA-Goodnews-Wusasa-Zaria-Kirche, bei der Explosion starben laut Nigerianischem Roten Kreuz 2 Menschen, 22 wurden verletzt. Regierungskreise gehen von mindestens 24 Toten und 125 Verletzten aus. Minuten später gab es eine Explosion bei der katholischen Christ-the-King-Kirche in Zaria, die laut Nigerianischem Roten Kreuz 16 Menschen tötete und 31 verletzte. In Regierungskreisen war von 10 Toten und 50 Verletzten die Rede. Laut Nigerianischem Roten Kreuz starben bei einem Bombenanschlag auf eine dritte Kirche in Kaduna mindestens 10 Menschen, zusammen mit den Vergeltungsangriffen junger Christen, die auch Moscheen und Häuser von Muslimen anzündeten, gab es 32 Tote und 78 Verletzte in Kaduna, woraufhin eine 24-stündige Ausgangssperre verhängt wurde.[57] Die Nachrichtenagentur Reuters geht für Kaduna von 19 Toten durch die Anschläge und 52 Toten durch die Vergeltungsangriffe aus. Am 19. Juni gab es Zusammenstöße zwischen Muslimen und Christen in Kaduna, wobei laut Angaben des örtlichen Roten Kreuzes mindestens 40 Menschen getötet und 62 verletzt wurden und eine Kirche zerstört wurde. [58]

Am 19. Juni wurden in Damaturu bei Gefechten mit Sicherheitskräften laut Polizeiangaben 34 Boko-Haram-Anhänger getötet und 7 festgenommen, wobei 6 Angehörige der Sicherheitskräfte zu Tode kamen, 4 Polizisten mussten wegen Schußverletzungen behandelt werden.[58]

Anfang Juli warfen Tuareg-Rebellen in Mali Boko Haram vor, sich zusammen mit Al-Qaida an der Zerstörung von UNESCO-Weltkulturerbe in Timbuktu durch Ansar Dine zu beteiligen.[13]

Im August gelang es dem nigerianischen Militär, einen Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde festzunehmen, als dieser sich als Armeeoffizier ausgab. Er gestand seine aktive Boko-Haram-Mitgliedschaft und berichtete von Training im Umgang mit Waffen sowie in der Durchführung von Mordanschlägen und Kommandoaktionen, das er mit 15 anderen in Niger erhalten habe. Seine Aussagen ermöglichten dem Militär die Festnahme weiterer Regierungsmitarbeiter, die mit Boko Haram zusammenarbeiteten.[59]

Im September griff Boko Haram in Nordnigeria gezielt Sendemasten für Mobilfunk an, es entstanden Schäden in Millionenhöhe, als mindestens 24 Sendemasten in den Städten Kano, Maiduguri, Gombe, Bauchi und Potiskum „als Vergeltung für die Zusammenarbeit der Netzbetreiber mit den Sicherheitsbehörden“ (die Informationen der Netzbetreiber zur Verhaftung von Boko-Haram-Mitgliedern nutzen) angegriffen wurden.[60] Bei Militäraktionen in den Bundesstaaten Adamawa und Yobe wurden Ende September 35 mutmaßliche Boko Haram Anhänger getötet, weitere 60 wurden festgenommen. Das Militär ging in der Nacht vom 23. auf den 24 September in drei Stadtteilen von Damaturu, wo eine Ausgangssperre erlassen worden war, von Haus zu Haus. Dabei wurden bei Feuergefechten zwei Soldaten verletzt und es wurden dutzende Schusswaffen und Bomben, hunderte Schuss Munition sowie 32 Pfeile und 2 Schwerter sichergestellt.[61]

In der Nacht zum 2. Oktober kam es in einem Studentenwohnheim am Campus der Universität Federal Polytechnic von Mubi, im Nordosten Nigerias, zu Hinrichtungen von mindestens 26 Menschen, obwohl in der Stadt eine Ausgangssperre von 15:00h bis 6:00h verhängt war.[62] Vermutet wird ein Anschlag der Boko Haram oder ein Zusammenhang mit ethnischen und religiösen Konflikten im Umfeld der Wahl der Studentenvertretung am Vortag,[62] denn auch der christliche Wahlsieger wurde getötet.[63] Ein Zusammenhang mit der Wahl wird von Offiziellen der Universität aber als Trugschluss bezeichnet.[64] In der Nacht waren etwa zwei Stunden lang Schüsse zu hören[65] und Studenten wurden namentlich aus ihren Zimmern gerufen, bevor sie erschossen oder erstochen wurden.[63] Angaben eines Vertreters der Universität und eines Anwohners gegenüber der BBC zufolge liegt die Zahl der Opfer bei 40 Toten.[62] Unter den Opfern befanden sich Christen und Muslime,[65] auch ein älterer Anwohner und zwei Wachleute wurden getötet. Infolge des Massakers wurde die Universität geschlossen und einige Studenten verließen die Stadt, wobei sie ihre Fahrzeuge als neutral kennzeichneten.[65] Am 3. Oktober sicherte die Polizei die Stadt mit einem großen Aufgebot und ging auf der Suche nach den Tätern von Haus zu Haus, während Nigerias Senat „das Töten unschuldiger Studenten“ aufs Strengste verurteilte und die Regierung zur schnellen Ergreifung der Täter aufforderte.[62] Das beschädigte Mobilfunknetz erschwerte es der BBC, genaue Informationen aus der Stadt zu erhalten, so das sich einige der Berichte widersprachen.[63]

Anfang Oktober wurden nach Militärangaben in Damaturu 30 mutmaßliche Boko-Haram-Anhänger bei Feuergefechten mit dem Militär getötet, darunter auch der Kommandeur von Boko Haram in Damaturu, 10 Personen wurden festgenommen. Frühe Berichte aus Polizeikreisen sprachen nur von 4 Toten.[66]

Am 15. Oktober griff Boko Haram in Maiduguri an mehreren Orten das Militär mit Bomben an. Nach Militärangaben wurden 24 der Angreifer getötet und 4 verhaftet, sowie lediglich ein Soldat verletzt, während keine Zivilisten zu Schaden kamen. Anwohner berichteten, dass Bewaffnete nachmittags einen Markt überfielen, auch ein Verkehrspolizist soll nahe einer Straßensperre des Militärs von einem Bewaffneten erschossen worden sein. Gegen 18:00 Uhr Ortszeit gab es die erste von bis zu 15 Explosionen, auch eine Grundschule und ein Funkturm sollen angezündet worden sein, es gab Berichte über tote Zivilisten und Soldaten, die das Militär aber dementierte. Das Militär riegelte nach Beginn der bis in die Nacht hinein andauernden Angriffe die meisten Straßen im Stadtzentrum ab. [67]

In der Nacht vom 1. zum 2. November wurden in Maiduguri nach Nachrichten der BBC mindestens 48 Jugendliche, die der Mitgliedschaft von Boko Haram verdächtigt wurden, von Mitgliedern der nigerianischen Streitkräfte erschossen. [68]

Am 16. November 2012 wurde Ibn Saleh Ibrahim, der Anführer von Boko Haram in einem Feuergefecht mit dem nigerianischen Militär in der Stadt Maiduguri getötet. Sein Nachfolger ist Abubakar Shekau. [69]

Am 22. Dezember griffen Selbstmordattentäter zwei Leitungsvermittlungsstellen in Kano an. Der erste Angriff galt einer Einrichtung der Firma Bharti Airtel im Viertel Sabon Gari; laut Zeugen rammte ein Fahrzeug das Tor der Einrichtung, woraufhin ein zweites, mit Sprengstoff beladenes, Fahrzeug in das Gebäude fuhr. Der Fahrer des zweiten Wagens sei ausgestiegen und habe sich einen Schusswechsel mit Wachpersonal geliefert, bevor das Fahrzeug schließlich explodierte. Der zweite Angriff galt einer Einrichtung der Firma Mobile Telephone Networks im Viertel Bompai; dort explodierte ein Fahrzeug vor dem Gebäude. [70]

In der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember überfiel eine Gruppe Unbekannter die protestantische Kirche in der Nachbarschaft der Stadt Potiskum und töteten sechs Menschen, unter ihnen auch den Pfarrer.[71][72] Die Gemeinde gehört zur Evangelical Church of West Africa (ECWA).

2013 [Bearbeiten]

Am 13. Januar 2013 verhaftete das nigerianische Militär in Maidiguri Mohammed Zangina, auch bekannt unter den Namen Mallam Abdullahi und Alhaji Musa, ein wichtiges Mitglied des Shura-Rates von Boko Haram und Anführer von Boko Haram in Nord-Zentral-Nigeria. Ihm wurde die Koordinierung der meisten Bombenanschläge in Abuja, Kaduna, Kano, Jos und Potiskum zur Last gelegt, und eine Belohnung von 25 Millionen Naira war auf seine Ergreifung ausgesetzt.[73]

Am 8. Februar 2013 wurden in Kano insgesamt 9 weibliche Mitarbeiter eines Impfteams gegen Kinderlähmung erschossen.[74] Aufgrund eines Verbotes, in Kano auf Motorrädern Passagiere zu transportieren (was Drive-By-Shootings eindämmen sollte), nutzten die Angreifer motorisierte Dreiräder bei ihren Angriffen auf Medizinische Versorgungszentren in Kano und in Hotoro,[75] einem Vorort von Kano, der als Hochburg von Boko Haram galt.[76]

Am 16. Februar 2013 wurden in Bauchi sieben Mitarbeiter der britischen Baufirma STRAECO entführt. Die Angreifer versuchten zuerst, in ein Gefängnis einzudringen und eines der inhaftierten Boko-Haram-Mitglieder zu befreien.[77] Als dies misslang, begaben sie sich auf eine Baustelle der Baufirma und ermordeten den Wachmann. Anschließend entführten sie die ausländischen Fachkräfte. [78]

Am 21. Februar 2013 wurden im Waza National Park in Limani im Norden Kameruns eine fünfköpfige französische Familie entführt. Boko Haram verlangte für ihre Freilassung die Aufgabe des französischen Militäreinsatzes in Mali.[79] Die Familie wurde nach zwei Monaten am 19. April 2013 von ihren Entführern unversehrt freigelassen.[80]

Am 18. März 2013 verübten Anhänger der Boko Haram einen Anschlag auf den Busbahnhof in Kano. Bei der Serie von Explosionen wurden über 20 Menschen getötet.[81]

Im April 2013 starben bei schweren Gefechten der nigerianischen Streitkräfte mit der islamistischen Sekte mindestens 185 Menschen in dem Fischerdorf Baga im Bundesstaat Borno, an der Grenze zum Tschad.[82]

Am Morgen des 7. Mai 2013 überfielen rund 200 Boko-Haram-Kämpfer, die teilweise Armeeuniformen trugen, Regierungseinrichtungen in Bama im Bundesstaat Borno. Die örtliche Polizeistation, Kasernengebäude, ein Gericht und weitere Gebäude der öffentlichen Hand wurden zerstört, und es wurden 105 Häftlinge aus einem Gefängnis befreit. Der Angriff auf die Kaserne konnte von den nigerianischen Streitkräften zurückgeschlagen werden, wobei 2 Boko-Haram-Mitglieder festgenommen und 10 getötet wurden. Insgesamt forderte das fünfstündige Gefecht 55 Menschenleben, und zwar 22 Polizisten, 14 Justizvollzugsbeamte, 2 Soldaten, 13 Boko-Haram-Mitglieder und 4 Zivilisten, eine Frau und 3 Kinder.[83]

Angesichts der Eskalation der Gewalt rief Nigerias Staatspräsident Goodluck Jonathan am 14. Mai 2013 für die Bundesstaaten Borno, Yobe und Adamawa den Notstand aus.[84] Schätzungen zufolge tötete Boko Haram bis Mai 2013 insgesamt mehr als 4000 Menschen.[85] In einer neuen Offensive gegen die Gruppe verlegten die nigerianischen Streitkräfte tausende zusätzliche Soldaten und schweres Gerät[85] in die betroffenen Gebiete und schalteten teilweise das Mobilfunknetz aus.[86] Am 17. Mai verlautbarte das nigerianische Militär, dass seit dem 15. Mai bei Luftangriffen auf Boko-Haram-Lager, von denen sich einige im Sambisa-Wildreservat befanden, mindestens 30 Boko-Haram-Kämpfer getötet worden seien.[86] Es handelte sich um die ersten Luftangriffe der nigerianischen Armee im eigenen Land seit dem Biafra-Krieg.[87] Unterdessen gab es in der Nacht zum 17. Mai Schüsse und Explosionen in Daura nahe Niger im nördlichen Bundesstaat Katsina; Anwohner berichten von fünf toten Sicherheitskräften und drei toten Angreifern, sowie von zerstörten Banken, Polizeistationen und Gefängnissen.[86]

Am 20. Mai verhängte das Militär eine 24-stündige Ausgangssperre über Teile Maiduguris, der Hauptstadt Bornos. Es sollen Hausdurchsuchungen vorgenommen worden sein.[87] In der ersten Woche des Ausnahmezustands sind nach Angaben des Militärs über 200 Boko-Haram-Kämpfer festgenommen worden,[88] davon 120 bei einer Beerdigung eines Kommandeurs.[89][90]

Anmerkungen [Bearbeiten]

  1. Professorin (research professor) für Geschichte am Purchase College der State University of New York

Weblinks [Bearbeiten]

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. a b c d e f Dominic Johnson: Hunderte Tote in Nigeria (Version vom 11. August 2010 im Internet Archive) taz, 27. Juli 2009
  2. a b c Dozens killed in Nigeria clashes. BBC online, 26. Juli 2009
  3. http://www.tagesschau.de/ausland/nigeria178.html (Archivversion)
  4. Christoph Wagenseil: Boko Haram – neue Semantiken im Spiegel ihrer Mediendeutungen. In: Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst e. V. 23. Juli 2011, abgerufen am 29. August 2011 (deutsch).
  5. Nigeria policemen in court trial for Boko Haram killing. In: BBC News, 13. Juli 2011. 
  6. a b Extremisten bekennen sich zu Anschlägen in Nigeria. In: Neue Zürcher Zeitung. 28. Dezember 2010, abgerufen am 28. Dezember 2010 (deutsch).
  7. Olaolu Oladipo, Tordue Salem: Nigeria Can't Fight Terrorism - US. In: Leadership. 21. August 2011, archiviert vom Original am 12. März 2012, abgerufen am 29. August 2011 (englisch).
  8. Who are Nigeria's Boko Haram Islamists? BBC online, 17. Juni 2011
  9. a b Kämpfe in Nigeria. Islamistenführer Yusuf von Sicherheitskräften getötet. In: Tagesschau.de. ARD, 31. Juli 2009, archiviert vom Original am 3. August 2009, abgerufen am 17. Mai 2013 (depubliziert).
  10. 'Boko Haram attack' frees hundreds of prisoners BBC online, 8.September 2010
  11. http://www.tagesschau.de/ausland/faqchristen100.html (Archivversion)
  12. http://www.tagesschau.de/ausland/bokoharam102.html (Archivversion)
  13. a b Mali separatists ready to act over destruction of tombs. In: CNN. 1. Juli 2012, abgerufen am 19. Juli 2012 (englisch).
  14. David Smith: Nigerian 'Taliban' offensive leaves 150 dead. Guardian, 27. Juli 2008
  15. a b Nigeria accused of ignoring sect warnings before wave of killings. In: guardian.co.uk, 2. August 2009 (online)
  16. a b Nigeria sect head dies in custody BBC online, 31. Juli 2009
  17. a b Nigeria: 700 Tote bei Kämpfen mit Islamisten, Die Presse, 2. August 2009.
  18. Red Cross finds 780 corpses in single Nigeria city
  19. Nigeria attacks claimed by Islamist sect Boko Haram BBC online, 1. Juni 2011
  20. 'Boko Haram' gunmen kill Nigerian Muslim cleric Birkuti BBC online, 7. Juni 2011
  21. Maiduguri: Nigeria's city of fear BBC online, 15. März 2011
  22. Maiduguri: 'Boko Haram' attacks Nigeria police stations BBC online, 7. Juni 2011
  23. Maiduguri: Nigeria arrests for 'Boko Haram' attacks BBC online, 10. Juni 2011
  24. Nigeria's Boko Haram Islamists 'bombed Abuja police HQ' BBC online, 17. Juni 2011
  25. Gegen 30 Tote bei Anschlag auf Bierlokale in Nigeria. In: Neue Zürcher Zeitung. 27. Juni 2011, abgerufen am 27. Juni 2011 (deutsch).
  26. 30 Tote bei Anschlag in Nigeria. In: ORF. 2. Juni 2011, abgerufen am 27. Juni 2011 (deutsch).
  27. Nigeria Boko Haram threat closes Maiduguri university BBC online, 12. Juli 2011
  28. Nigeria to probe 'army abuses' in Boko Haram crackdown BBC online, 12. August 2011
  29. Sekte droht mit Terror sueddeutsche.de, 29. August 2011
  30. Abuja attack: Car bomb hits Nigeria UN building BBC online, 26. August 2011
  31. Nigeria Boko Haram attack 'kills 63' in Damaturu BBC online, 5. November 2011
  32. Überfall auf nigerianische Stadt. In: Neue Zürcher Zeitung. 4. Dezember 2011, abgerufen am 5. Dezember 2011 (deutsch).
  33. Deadly Nigeria bomb attacks condemned by world leaders. In: BBC News. 25. Dezember 2011, abgerufen am 27. Dezember 2011 (englisch).
  34. http://www.tagesschau.de/ausland/nigeria332.html (Archivversion)
  35. Terrorsekte Boko Haram: Christenjäger stürzen Nigeria ins Chaos - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik. Website spiegel.de. Abgerufen am 21. Januar 2012.
  36. a b c http://tagesschau.de/ausland/nigeria348.html (Archivversion)
  37. a b c Nigeria Christians hit by fresh Islamist attacks. In: BBC News. 7. Januar 2012, abgerufen am 7. Januar 2012 (englisch).
  38. a b c 13 killed in attacks in northeast Nigeria. In: Associated Press. 7. Januar 2012, abgerufen am 7. Januar 2012 (englisch) (Archivversion)
  39. zitiert aus: Gespenstischer Feind. Die geheimnisvolle islamistische Sekte Boko Haram hat Nigeria an den Rand eines Bürgerkriegs zwischen Christen und Muslimen gebracht, von Arne Perras, in: Süddeutsche Zeitung vom 10. Januar 2012, S. 14
  40. Ebenso: http://www.guardian.co.uk/world/2012/jan/09/nigeria-islamists-government-backers-admits-president - abgerufen am 10. Januar 2012
  41. Gespenstischer Feind, a.a.O.
  42. http://www.nytimes.com/2012/01/02/opinion/in-nigeria-boko-haram-is-not-the-problem.html?src=twr - abgerufen am 10. Januar 2012; auf diese Veröffentlichung bezieht sich auch die Frankfurter Rundschau vom 9. Januar 2012, S.10, in dem Kommentar „Nigeria im Existenzkampf“
  43. http://myondostate.com/w3/jean-herskovits-american-woman-employs-half-truths-to-alter-the-boko-haram-narrative-against-southerners-she-is-a-buddy-of-danjuma/ - abgerufen am 10. Januar 2012
  44. Ein Land in Flammen. 23. Januar 2012, abgerufen am 24. Januar 2012 (deutsch).
  45. Dominic Johnson: Anschläge und Unruhen in Westafrika: Gaddafis Waffen überall in der taz vom 27. Januar 2012
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