Flora und Vegetation der Kanarischen Inseln

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Die Flora der Kanarischen Inseln zeichnet sich durch eine hohe Artenvielfalt und zugleich einen hohen Anteil an endemischen Pflanzenarten aus. Nach aktuellen Schätzungen gibt es auf den Kanaren rund 2.000 Pflanzenarten. In der Vegetationskunde werden die Kanaren zusammen mit Madeira der Makaronesischen Region zugerechnet. Die Zugehörigkeit der Kapverdischen Inseln bzw. auch der Azoren zu diesem Element ist umstritten.[1]

Historie[Bearbeiten]

Der Botaniker Philip Barker Webb gab in den Jahren 1835–1850 mit Sabin Berthelot und Alfred Moquin-Tandon die Histoire naturelle des Iles Canaries heraus.[2]

Geographische und klimatische Bedingungen[Bearbeiten]

Die sieben Hauptinseln des Kanarischen Archipels

Die Geographie der atlantischen Inseln wird durch ihre Lage in subtropischen Breiten und ihre Nähe zu Afrika bestimmt. Lanzarote liegt nur 140 Kilometer westlich der marokkanischen Küste.

Die Inseln sind vollständig vulkanischen Ursprungs, waren nie mit dem Festland verbunden und verdanken ihre Entstehung im Tertiär einer Schwächezone der Erdkruste. Der Pico del Teide auf Teneriffa ist mit 3.718 Metern der höchste Berg des Archipels. Die östlichste Insel Lanzarote ist schätzungsweise vor 19 Millionen Jahren entstanden und die älteste und flachste Insel der Gruppe. El Hierro besteht seit weniger als einer Million Jahre.

Das Klima ist sehr vielgestaltig. Einerseits sorgen der Nordostpassat sowie die Meeresströmungen für einen ausgleichenden Einfluss. Andererseits existiert eine Klimarhythmik mit sommerlichen Trockenperioden und winterlichen Regenfällen, die an den Nord- und Südseiten der Inseln jedoch vielfältig abgewandelt ist.

Auf den östlichen Inseln, aber auch in der unteren Stufe – insbesondere der Südseite – der restlichen Inseln liegen die jährlichen Niederschläge oft deutlich unter 200 mm. Auf den anderen fünf Inseln stauen sich an den Nordostseiten die Passatwolken in einer Höhe zwischen 600 und 1.500 Metern und sorgen für Niederschlagsmengen bis zu 1.000 mm. Hinzu kommt noch die Feuchtigkeit aus Nebelniederschlägen. Oberhalb dieser Stufe nimmt die Niederschlagsmenge wieder ab. In der höchsten Gebirgsstufe werden nur mehr 300 mm gemessen.

Die Temperaturen der unteren Höhenstufe, besonders der Nordseiten, sind sehr ausgeglichen und schwanken im Jahr zwischen 15 °C und 20 °C bei einem Durchschnitt von 18 °C. In den höchsten Gebirgsregionen fallen die Durchschnittswerte auf rund 9 bis 10 °C und es ist auch mit Frösten und Schneefall zu rechnen.

Artenvielfalt[Bearbeiten]

Der Blütenstand von Wildprets Natternkopf (Echium wildpretii) erreicht Wuchshöhen von bis zu 3 Metern

Aufgrund der vielfältigen Lebensräume und starken Höhenzonierung sowie der Abgeschiedenheit konnte sich eine hohe Artenvielfalt entwickeln.

Das Ausbleiben verschiedener klimatischer Veränderungen, wie etwa Eiszeiten, sorgte für den Fortbestand vieler Reliktarten. Diese Endemiten werden auch als Paläoendemiten bezeichnet.

Aufgrund der auf kleinem Raum sehr verschiedenartigen Umweltbedingungen, etwa Niederschlagsmenge, Höhe, Luftfeuchtigkeit oder Substrat, konnten sich durch evolutionäre Prozesse (Adaptive Radiation) neue Arten bilden. Dies wurde zusätzlich durch die geographische Isolation ermöglicht. Diese Gruppe von Pflanzen werden den Neoendemiten zugerechnet.

Endemismus[Bearbeiten]

Die Anzahl der endemischen Lebewesen fällt für verschiedene Gruppen sehr unterschiedlich aus. Von den Algen stellen weniger als 9 Prozent endemische Taxa da. Bei den Pilzen sind es etwa 10 %. Ähnlich ist die Situation bei den Moosen mit 5,6 Prozent. Den größten Anteil stellen die Gefäßpflanzen (Tracheobionta) mit 575 makaronesischen Endemiten, wovon 514 kanarische Endemiten sind. Somit beträgt der Anteil an kanarischen Endemiten 25,9 Prozent, wovon wiederum 57 Prozent ausschließlich auf einer Insel vorkommen[1]. Eine Sonderstellung nimmt hierbei Teneriffa ein, da nur hier aufgrund von Höhe und Fläche sämtliche Vegetationszonen voll ausgeprägt sind.

Erwähnenswert sind noch die Gattungen Echium und Aeonium, die mit 24 bzw. 35 endemischen Arten ihr Mannigfaltigkeitszentrum auf den Kanarischen Inseln haben.

Florenbeziehungen[Bearbeiten]

Vorfahren des Kanarischen Drachenbaums (Dracaena draco) stammen aus Afrika

Der Bestandteil an autochthonen Gefäßpflanzen wurde aus zwei Quellen gespeist:

Mesogenes Kontingent[Bearbeiten]

Zum mesogenen Kontingent zählt die Flora, die sich an den Rändern des ehemaligen Tethys-Meers, im Bereich des heutige Mittelmeers, entwickelte. Die Pflanzen wiesen tropische und subtropische Merkmale auf, die auch in Europa verbreitet waren, aber durch das Vordringen der Gletscher im Quartär drastisch eingeschränkt wurden. Nachfahren dieser Arten sind in den Lorbeerwäldern der Inseln anzutreffen, wie etwa Laurus azorica und Ilex canariensis.

Afrikanisches Kontingent[Bearbeiten]

Heutige Arten aus diesem Kontingent gehen auf xerophile Arten der Randflora, die sich einst von Südafrika bis in den Norden des Kontinents erstreckte, zurück. Sie sind aufgrund ihrer Eigenschaften vor allem in niederen, trockenen Zonen anzutreffen. Dazu gehören Vertreter der Gattungen Dracaena, Euphorbia, Aeonium und Ceropegia.

Vegetation[Bearbeiten]

Astydamia latifolia ist ein typischer Bewohner der Spritzwasserzone

Für die Inselgruppe werden üblicherweise vier Höhenstufen mit niederschlagsabhängigen Varianten unterschieden: infrakanarisch, thermokanarisch, mesokanarisch, suprakanarisch. Nur für Teneriffa wird noch eine fünfte, höchste Stufe angegeben: orokanarisch.[3]

Die folgenden Vegetationsstufen, die expositionsbedingt zum Teil sehr unterschiedliche Höhengrenzen aufweisen, orientieren sich an den Angaben von Rivas-Martínez[4].

Küstenvegetation[Bearbeiten]

Die Küstenvegetation nimmt eine Sonderstellung ein, da diese nicht von klimatischen Faktoren, sondern von der Bodenbeschaffenheit bzw. der chemischen Zusammensetzung bestimmt wird. Man bezeichnet dies auch als azonale Vegetation.

Halophiler Gürtel[Bearbeiten]

Die Sprühzone der Steilfelsen wird von halophytischen Zwergsträuchern mit geringer Bodendeckung dominiert. Charakteristisch ist ein instabiler, poröser Untergrund, wodurch die Pflanzen auf Spalten in den Basaltböden und Flächen mit geringer Hangneigung, die etwas Erde zurückhalten, beschränkt sind. Typische Arten sind: Astydamia latifolia, Frankenia ericifolia, Lycium intricatum, Schizogyne sericea, Limonium pectinatum und Argyranthemum frutescens.

Psammophile Vegetation[Bearbeiten]

Sandpflanzen wachsen vor allem auf Lanzarote, Fuerteventura und Gran Canaria, wo auch Sandflächen und Wanderdünen vorhanden sind. Zu den repräsentativsten Arten dieser Vegetation zählen: Traganum moquinii, Chenoleoides tomentosa, Polycarpaea nivea, Polygonum maritimum oder auch Strand-Wolfsmilch (Euphorbia paralias) .

Sukkulentenbusch der infrakanarischen Stufe[Bearbeiten]

Das kakteenähnliche Wolfsmilchgewächs Euphorbia canariensis

In Höhen bis 800 Metern (in der Nordlage nicht höher als 400, in Südlagen bis 800 Meter) herrscht auf allen Inseln bei Jahresniederschlägen unter 300 mm große Trockenheit. Auch große Hitze und intensive Sonneneinstrahlung sorgen für extreme Lebensbedingungen. In diesem arid-semiariden Klima dominieren Pflanzen, die Anpassungsstrategien wie Sukkulenz, Blattabwurf, Verringerung der Blattoberfläche oder Haarbildung aufweisen.

Bestandsbildend sind hier vor allem sukkulente, kakteenähnliche Wolfsmilchgewächse wie Euphorbia canariensis oder während der in der sommerlichen Trockenzeit laubabwerfende Strauch Euphorbia balsamifera. Auch andere Familien wie die Seidenpflanzengewächse (Asclepiadoideae) stellen sukkulente Vertreter wie etwa Arten der Gattung Ceropegia. Sehr weit verbreitet ist auch der sukkulente Korbblütler Senecio kleinia. Weitere typische Arten sind: Echium decaisnei, Plocama pendula, Periploca laevigata und Rubia fruticosa.

Zerstörtem Sukkulentenbusch folgen Arten wie Euphorbia regis-jubae, Launaea arborescens und Neochamaelea pulverulenta.

Thermosklerophylle Vegetation[Bearbeiten]

Diese Zone wird nicht durch eine homogene Pflanzengesellschaft dominiert, sondern ist je nach Ausrichtung des Standortes und Insel sehr unterschiedlich ausgeprägt. Bestimmend sind jedoch gemäßigte Temperaturen zwischen 16 und 18 °C und gemäßigtem Wassermangel. Der durchschnittliche Jahresniederschlag liegt bei weniger als 500 mm, im Sommer kommt es zu Wassermangel. In einem Streifen von 50 bis 500 Meter gedeihen hier viele wärmeliebende Hartlaubgewächse. Da sich dieser Bereich sehr gut für die Landwirtschaft eignet, wurde die natürliche Vegetation stark zurückgedrängt. Erwähnenswert sind folgende Formationen:

  • Natürliche Bestände des Olivenbaums (Olea europaea subsp. cerasiformis) im Westteil Gran Canarias.
  • Pistacia atlantica im Westteil von Gran Canaria
  • Pistacia lentiscus im Nordosten von Gran Canaria zwischen 300 und 500 Meter.
  • Palmenhaine aus Phoenix canariensis wachsen von Küstenstandorten, die nicht direkt vom Meer beeinflusst sind, bis in Höhen von 600 m. Schöne Bestände gibt es noch auf Gran Canaria und La Gomera.
  • Wacholder-Vegetation, dominiert von Juniperus phoenicea subsp. canariensis auf Gomera und Hierro.

Lorbeerwälder der thermokanarischen Stufe[Bearbeiten]

Lorbeerwald auf La Gomera

Dieser immergrüne Wald entstand im Tertiär und war auch in Europa weit verbreitet, bevor er von den Eiszeiten ausgelöscht wurde. Unter dem Einfluss der Passatwolke zwischen 200 und 1.400 Metern Höhe herrschen bei einer Jahrestemperatur von maximal 15 °C und Niederschlagsmengen bei etwa 1.000 mm jährlich optimale Entwicklungsbedingungen für diese Reliktvegetation. Kennzeichnend für den Lorbeerwald sind die vier bestandsbildenden Lorbeergewächse (Lauraceae): Azoren-Lorbeer (Laurus azorica), Persea indica, Apollonias barbujana sowie Ocotea foetens. Lorbeerwälder fehlen auf Lanzarote und Fuerteventura und sind auf den restlichen Inseln in unterschiedlich gutem Erhaltungszustand anzutreffen. Schöne Bestände finden sich noch im Anaga-Gebirge auf Teneriffa, Nationalpark Garajonay auf La Gomera und im Naturschutzgebiet Los Tilos auf La Palma.

Bei mit der Höhe zunehmender Trockenheit, aber auch nach Rodung der Lorbeerwälder gehen diese in Baumheide-Buschwälder (Fayal-Brezal) über, die von Erica arborea und Myrica faya dominiert werden.

Kanarenkiefernwälder der mesokanarischen Stufe[Bearbeiten]

Die Kiefernwälder zwischen 1.200-2.000 Metern Höhe sind sehr artenarme Formationen, die hauptsächlich von der Kanaren-Kiefer (Pinus canariensis) dominiert werden. Je nach Ausrichtung des Standortes kommen diese Wälder an windgeschützten Stellen oberhalb der thermophilen Vegetation vor, an der Luvseite oberhalb der Lorbeerwälder. Im Unterholz finden sich an trockenen Standorten die Zistrosen Cistus monspeliensis und Cistus symphytifolius. An feuchteren Standorten gedeihen vorwiegend Erica arborea und Chamaecytisus proliferus.

Suprakanarische Stufe[Bearbeiten]

Teideginster (Cytisus supranubius) auf 2.400 Meter

In Höhen oberhalb von 2.000 Metern, die nur mehr in Teneriffa und La Palma erreicht werden, wo aufgrund der klimatischen Bedingungen keine Bäume mehr wachsen können, dominieren vor allem niedrige Sträucher. Auf Teneriffa ist dies vor allem der Teideginster (Cytisus supranubius), während auf La Palma vor allem Adenocarpus viscosus vorherrscht. Zusammen mit diesen Arten wachsen auch viele endemische Pflanzen, wobei der Endemitenanteil in dieser Höhenstufe bei 80 Prozent liegt. Erwähnenswert sind etwa: Genista benehoavensis, Descurainia bourgeauana, Echium wildpretii, Pterocephalus porphyranthus, Micromeria lasiophylla, Erysimum scoparium. Die Vegetation dieser Höhe besitzt große Bedeutung als Erosionsschutz und diente früher in den Frühlings- und Sommermonaten als Futterpflanzen, vor allem für Ziegen.

In Höhen über 2.800 Metern, die nur auf Teneriffa erreicht werden, gedeihen nur mehr sehr wenige Pflanzen wie etwa das Teide-Veilchen (Viola cheiranthifolia).

Sonderstandorte[Bearbeiten]

Die besondere Orografie der Kanaren mit tief eingeschnittenen Schluchten (Barrancos), Klippen (Riscos) und Steilhängen bietet einen Sonderstandort für viele endemische Pflanzen. Die felsigen Schluchten durchlaufen teilweise sämtliche Höhenstufen der jeweiligen Insel. Entsprechend unterschiedlich zeigt sich die dort angesiedelte Flora. Beispiele hierfür sind: Riscos de Famara auf Lanzarote, die Felslandschaft von Jandia auf Fuerteventura, Tenteniguada oder Tirajana auf Gran Canaria, Anaga-Gebirge auf Teneriffa, El Golfo auf der Insel Hierro, Caldera de Taburiente auf La Palma und Garajonay auf Gomera.

In den Felsfluren der Steilküsten und Klippen dominieren vor allem Arten des halophilen Gürtels. Die Pflanzenwelt der höheren Stufen weist eine größere Diversifizierung auf und enthält viele endemische Arten, insbesondere der Gattungen Aeonium, Aichryson, Sonchus und Carlina.

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Miguel Ángel Cabrera Pérez: Die einheimische Flora der Kanarischen Inseln, 1999, ISBN 84-241-3550-4
  2. Günther Kunkel: Die Kanarischen Inseln und ihre Pflanzenwelt, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart, Jena, New York 1993, ISBN 3-437-20491-2.
  3.  Adalbert Hohenester, Walter Welss: Exkursionsflora für die Kanarischen Inseln. Mit Ausblicken auf ganz Makaronesien. Eugen Ulmer, Stuttgart (Hohenheim) 1993, ISBN 3-8001-3466-7.
  4. Werner Nezadal, Roland Lindacher, Walter Welss: Lokalendemiten und Phytodiversität der westkanarischen Inseln La Palma und La Gomera. In: Feddes Repertorium 110(1–2), 1999: 19–30. doi:10.1002/fedr.19991100107

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Flora of the Canary Islands – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien