Heinz Keßler

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Heinz Keßler (1988)
Heinz Keßler beim Truppenbesuch 1968

Heinz Keßler (* 26. Januar 1920 in Lauban) ist ein ehemaliger deutscher Armeegeneral. Er war Mitglied des Ministerrats der DDR, Minister für Nationale Verteidigung und Abgeordneter der Volkskammer der DDR. Er gehörte dem SED-Zentralkomitee, dem Politbüro und dem Nationalen Verteidigungsrat der DDR an. In den Mauerschützenprozessen wurde er zu einer siebeneinhalbjährigen Freiheitsstrafe wegen Totschlags verurteilt.

Leben[Bearbeiten]

Heinz Keßler wurde als Sohn einer Arbeiterfamilie in Lauban in Schlesien geboren. Seine Eltern zogen 1923 nach Chemnitz um. Sie waren Kommunisten und wurden unter den Nationalsozialisten mehrmals in Konzentrationslagern inhaftiert. Er besuchte die Volksschule und wurde Mitglied des Jungspartakusbundes.[1] Von 1934 bis April 1937 erlernte er den Beruf eines Maschinenschlossers und arbeitete bis 1940 in diesem Beruf.

Militärische Laufbahn[Bearbeiten]

Am 15. November 1940 wurde Keßler in die Wehrmacht einberufen und als MG-Schütze ausgebildet. Im Frühjahr 1941 kam er mit der 134. Infanterie-Division zunächst ins Generalgouvernement nach Petrikau. Nach einer weiteren Ausbildung ging er im Juni 1941 mit der Division in ihre Ausgangsstellung für die Operation Barbarossa bei Białystok in Stellung. Drei Wochen nach Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion lief er am 15. Juli 1941 zur Roten Armee über und kam zunächst in sowjetische Kriegsgefangenschaft. In Folge seines Übertritts wurde seine Mutter von 1941 bis 1945 im KZ Ravensbrück inhaftiert. Er kam zunächst in das Lager 27 in Krasnogorsk bei Moskau, dann mit dem Überläufer Franz Gold nach Spasso-Sawodsk bei Karaganda in Kasachstan. Hier lernte er Heinz Hoffmann kennen. Mit Gold und Hoffmann erhielt er eine fünfmonatige Ausbildung an der neugeschaffenen Antifa-Schule in Gorki. Zusammen mit Gold wurde er im Kriegsgefangenenlager 27 eingesetzt und dann Mitarbeiter der 7. Verwaltung der Politischen Hauptverwaltung der Roten Armee. Im Dezember 1942 kam es zu seinem ersten Fronteinsatz in Welikije Luki. Gold und Keßler wurden nach weiteren Fronteinsätzen zur Mitbegründung des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) nach Krasnogorsk beordert. Gemeinsam mit den übrigen Mitgründern des NKFD unterschrieb Keßler das Manifest vom 12. Juli 1943. Dort engagierte er sich als einer der wichtigsten Jugendfunktionäre sowie als Frontbeauftragter an der Brjansker Front.[2] In dieser Funktion rief er deutsche Soldaten zum Überlaufen auf.

Heinz Keßler (rechts) und Erich Honecker (2.v.r.), 5. August 1947.

Rückkehr nach Deutschland[Bearbeiten]

Im Mai 1945 kehrte er als Angehöriger der Roten Armee ins eroberte Berlin zurück, wo er nach langer Zeit seine Mutter Hedwig Keßler wiedertraf.[3] 1945 war Keßler Mitglied des Zentralen Antifaschistischen Jugendausschusses und 1946 eines der Gründungsmitglieder der Freien Deutschen Jugend. Er trat der KPD bei, die sich 1946 mit der SPD zur SED vereinigte. Im gleichen Jahr wurde er Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der SED. Von 1948 bis 1950 war er Sekretär des Zentralrats der FDJ. In dieser Zeit nahm er an Agitationseinsätzen auch in der Bundesrepublik teil („Ich habe versucht, die Jugendverbände zu agitieren und dafür zu gewinnen, mit uns gegen die Pariser Verträge aufzutreten“).

Eintritt in die Bewaffneten Organe der DDR[Bearbeiten]

Am 1. November 1950 trat Keßler in die Bewaffneten Organe der DDR ein. Hier war er bis 1952 im Rang eines Generalinspekteurs Leiter der Volkspolizei-Luft (VP-Luft, Tarnbezeichnung Verwaltung der Aeroklubs). Infolge erster struktureller Veränderungen wurde sein Dienstposten von 1952 bis 1953 in Stellvertreter des Ministers des Inneren und Chef der VP-Luft geändert. Weitere Strukturreformen führten bis 1955 zur erneuten Namensänderung in nunmehr Chef der VP-Luft, der Vorgängerorganisation der NVA Luftstreitkräfte.[4]

Von Dezember 1955 bis Herbst 1956 ging Keßler zur Generalstabsausbildung an die Generalstabsakademie der UdSSR „Kliment Woroschilow“ nach Moskau. In dieser Zeit stand Generalmajor Heinz-Bernhard Zorn, ein ehemaliger Luftwaffenmajor i.G. der Wehrmacht, interimsweise an der Spitze der NVA-Luftstreitkräfte.

General der NVA[Bearbeiten]

Beförderungen

Bei Gründung der NVA am 1. März 1956 wurde Keßler zum Stellvertreter des Ministers für Nationale Verteidigung berufen. Ab 1. September 1956 übernahm er wieder den Oberbefehl über die Luftstreitkräfte der Nationalen Volksarmee. Nach der Zusammenlegung der Luftstreitkräfte und der Luftverteidigung am 1. Juni 1957 zum Kommando Luftstreitkräfte/Luftverteidigung (Kdo. LSK/LV) wurde Keßler Stellvertreter des Ministers und Chef der LSK/LV. Generalmajor Zorn, sein bewährter Stellvertreter und Chef des Stabes aus den Zeiten der KVP-Luft, sollte ihm wieder als zweiter Mann zur Seite stehen, wurde aber zur Militärakademie Friedrich Engels nach Dresden abverfügt. Diesen Dienstposten hatte Keßler bis März 1967 inne.

Von März 1967 bis 1978 war er dann Stellvertreter des Ministers und Chef des Hauptstabes im damaligen MfNV in Strausberg.

Danach war er als Generaloberst Mitglied des Militärrates des Vereinten Oberkommandos des Warschauer Pakts mit Sitz in Moskau. Von 1979 bis 1985 war er Stellvertreter des Ministers für Nationale Verteidigung und Chef der Politischen Hauptverwaltung und übernahm am 3. Dezember 1985 das Amt des verstorbenen Heinz Hoffmann als Verteidigungsminister. 1986 wurde er Mitglied des Politbüros des ZK der SED. Im Oktober 1989 galt Keßler bei der Funktionärsgruppe um Egon Krenz, die die Absetzung Erich Honeckers vorbereitete, als größter „Risikoposten“.[5] Er befand sich in Nicaragua, als Honecker am 17. Oktober von einer Mehrheit des Politbüros zum Rückzug gezwungen wurde. Keßler hat seither wiederholt erklärt, dass er dem „nie zugestimmt“[6] hätte. Direkt vom Flughafen kommend, nahm er am Folgetag an der Plenartagung des Zentralkomitees teil, auf der Honecker „aus gesundheitlichen Gründen“ um die Entbindung von allen Funktionen bat. Der konsternierte Keßler stimmte dem zu, einen improvisierten Redebeitrag brach er nach mehrfachen störenden Zwischenrufen – unter anderem von Günter Schabowski, Harry Tisch und Kurt Hager – ab.[7]

Rücktritt und Entlassung[Bearbeiten]

Am 17. November 1989 trat Keßler zurück und wurde aus der NVA entlassen.

Parteiausschluss[Bearbeiten]

Im Januar 1990 wurde Keßler mit der Begründung, eine „antisowjetische Haltung“ (gemeint war aber „…gegen das Programm von Gorbatschow.“) zu vertreten, aus der SED-PDS ausgeschlossen.[8][9]

Verurteilung wegen Totschlags[Bearbeiten]

Am 24. Januar wurde er unter dem Vorwurf, für die „Verschwendung von Volksvermögen“ in Höhe von 80.000 Mark verantwortlich zu sein, festgenommen.[10] Bis April 1990 blieb er in der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt des MfS in Berlin-Hohenschönhausen in Haft. Wie die restliche Staatsführung der DDR leugnete Keßler stets den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze.[9] So sagte er etwa in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit vom 30. September 1988: „Es hat nie – nie! – einen Schießbefehl gegeben. Den gibt es auch jetzt nicht, das bitte ich mir so abzunehmen (…)“. Nach dem Fall der Berliner Mauer musste er sich zusammen mit ehemaligen Parteiführern und den anderen Mitgliedern des Nationalen Verteidigungsrates der DDR wegen des Befehls vor Gericht verantworten. Am 16. September 1993 wurde er in den Mauerschützenprozessen zu einer siebeneinhalbjährigen Freiheitsstrafe wegen der Anstiftung zum Totschlag verurteilt. Am 26. Juli wurde das Urteil vom Bundesgerichtshof bestätigt, Keßler aber in "mittelbarer Täterschaft" wegen Totschlags verurteilt.[11][12] Im Frühjahr 1998 wurde er aus der JVA Hakenfelde in Berlin aus gesundheitlichen Gründen auf Bewährung entlassen.

Nach der Haft[Bearbeiten]

2009 trat er der DKP bei und rechtfertigt weiterhin die SED-Diktatur.[13][14] 2010 gab der Freundeskreis Heinz Keßler anlässlich des 90. Geburtstags von Keßler eine Festschrift heraus.[15] Zur Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin 2011 kandidierte er auf der Liste der DKP.[16] Keßler lebt, bis zu ihrem Tod zusammen mit seiner Frau Ruth (†  2013), im Berliner Bezirk Lichtenberg.

Orden und Auszeichnungen[Bearbeiten]

Keßler erhielt im Laufe seiner Karriere eine Reihe von Orden und staatlichen Auszeichnungen sozialistischer Staaten, darunter den Vaterländischen Verdienstorden in Gold (1965), den Scharnhorst-Orden (1969), den Orden der Oktoberrevolution (1976) und den Karl-Marx-Orden (1979).

Schriften[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Heinz Keßler – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Heinz Keßler im Wiki des Drafd e.V. und auch Gottfried Hamacher u. a.:Gegen Hitler. Deutsche in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung »Freies Deutschland«, Kurzbiografien (PDF; 894 kB).
  2. Hans Ehlert und Armin Wagner: Die Militärelite der DDR in lebensgeschichtlicher Perspektive, S. 7. In: Hans Ehlert und Armin Wagner (Herausgeber): „Genosse General! Die Militärelite der DDR in biografischen Skizzen“. Ch. Links, Berlin 2003. ISBN 3-86153-312-X.
  3. Heinz Keßler: „Einer der schönsten Tage meines Lebens“ : Heinz Keßler erinnert sich an das Wiedersehen mit seiner Mutter im Juni 1945. auf der Website des Verband Deutscher in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung "Freies Deutschland" e.V.. (Abgerufen am 10. August 2011.)
  4. Die Generale und Admirale der NVA. Militärgeschichte der DDR Ein biographisches Handbuch, S. 122. Hrsg. v. Militärgeschichtlichen Forschungsamt von Rüdiger Wenzke, Klaus Froh
  5. Hertle, Hans-Hermann, Stephan, Gerd-Rüdiger, Die letzten Tage des Zentralkomitees der SED. Einführung und historischer Überblick, in: dieselben (Hrsg.), Das Ende der SED. Die letzten Tage des Zentralkomitees, 4. Auflage Berlin 1999, S. 57.
  6. Keßler, Heinz, Die letzten Tage der SED und der Deutschen Demokratischen Republik (Abschrift eines Interviews mit Heinz Keßler), in: Buchholz, Erich (u.a.), Unter Feuer. Die Konterrevolution in der DDR, Hannover 2009, S. 101.
  7. Siehe Hertle, Stephan, Ende der SED, S. 127-130. Nach Keßlers später geäußerter Auffassung hatte sich in der SED-Führung zu diesem Zeitpunkt eine Fraktion gebildet: „Sie hat sich zusammengesetzt aus Leichtgläubigen, dazu zähle ich Krenz, weil der offensichtlich wirklich glaubte, dass Perestroika und Glasnost ein Weg sei, und anderen, die nie Kommunisten waren, die nie richtig verbunden waren mit unserer Sache, dazu zähle ich Schabowski, Schürer, Tisch und noch zwei, drei andere.“ Siehe Keßler, Die letzten Tage, S. 106.
  8. Bernd-Rainer Barth, Helmut Müller-EnbergsKeßler, Heinz. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 1, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  9. a b http://www.focus.de/politik/deutschland/tid-25497/parteigenossen-krenz-schabowski-und-co-was-wurde-aus-den-ehemaligen-ddr-groessen-heinz-kessler_aid_737037.html
  10. Siehe Keßler, Die letzte Tage, S. 103: „Sie haben mir erklärt, dass das Ministerium für Verteidigung wie andere Ministerien auch ein Jagdgebiet hatte. Ich habe mich nie darum gekümmert, weil mich das nicht interessiert hat. (...) Für diese Verschwendung von Volksvermögen trüge ich die Verantwortung.“
  11. Strafjustiz und DDR-Unrecht: Gewalttaten an der deutsch-deutschen Grenze, S.599ff
  12. http://www.n-tv.de/politik/Die-Ahndung-der-Todesschuesse-article95028.html
  13. Heinz Keßler in die DKP Berlin aufgenommen
  14. Fakten und Erkenntnisse, keine Mythen und Legenden. Bundeszentrale für politische Bildung, 10. Oktober 2011, abgerufen am 9. Oktober 2014.
  15. Freundeskreis Heinz Keßler (Hrsg.): Die Sache aufgeben, heißt sich selbst aufgeben. Festschrift für Heinz Keßler zum 90. Geburtstag. Verlag Wiljo Heinen, Berlin 2010, ISBN 978-3-939828-39-6.
  16. Information der Landeswahlleiterin von Berlin