Ton Steine Scherben

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Ton Steine Scherben
Allgemeine Informationen
Genre(s) Folkrock, Blues, Politrock, Protopunk, Psychedelic Rock
Gründung 1970
Auflösung 1985
Neugründung 2014
Website www.tonsteinescherben.com
Gründungsmitglieder
Rio Reiser (1970–1985; † 1996)
R.P.S. Lanrue (1970–1985)
Kai Sichtermann (1970–1985,
außer 1974–1975)
Wolfgang Seidel (1970–1971)
Aktuelle Besetzung
R.P.S. Lanrue
Kai Sichtermann
Funky K. Götzner
Gitarre, Gesang
Nicolo Rovera
Gitarre, Gesang
Ella Josephine Ebsen
Percussion, Schlagzeug
Maxime S.P.
Piano
Lukas McNally
Gesang
Elfie-Esther Steitz
Gesang, Percussion
AnayanA
Ehemalige Mitglieder
Management, Gesang
Nikel Pallat (1970–1978)
Jörg Schlotterer (1971–1978)
Schlagzeug
Sven Jordan (1971)
Schlagzeug
Olaf Lietzau (1972)
Angie Olbrich (1972–1982,
außer 1976–1977)
Schlagzeug, Gitarre
Captain Hynding (1972)
Schlagzeug
Helmut Stöger (1973)
Schlagzeug
Funky K. Götzner (1974–1985)
Bass
Werner „Gino“ Götz (1974–1975)
Schlagzeug, Perkussion
Britta Neander (1974–1982; † 2004)
Chor, Catering
Elfie-Esther Steitz (1979–1982)
Keyboard
Martin Paul (1981–1985)
Management
Elser Maxwell (1980–1982)
Gitarre, Chor
Marius del Mestre (1981–1982)
Management, Bühnen,
Lichtdesign
Misha Schoeneberg (1981–1985)
Management
Claudia Roth (1982–1985)
Gitarre
Dirk Schlömer (1983–1985)

Ton Steine Scherben (oft auch kurz „Die Scherben“ genannt) war eine der ersten und einflussreichsten deutschen Rockgruppen der 1970er- und frühen 1980er-Jahre, die vor allem sozialkritische deutschsprachige Texte in der Rockmusik verwendeten. Mit den ausdrucksvollen emotional-politisch motivierten Liedern ihres Sängers und Frontmanns Rio Reiser wurde diese Gruppe zu einem musikalischen Sprachrohr des linksalternativen Spektrums, beispielsweise der Hausbesetzerbewegung, und zu einer auch nach ihrer Auflösung 1985 bis in die Gegenwart wirkenden Kultband der entsprechenden Szene ihrer Zeit in der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin.

Geschichte[Bearbeiten]

Gründung und erste Bekanntheit[Bearbeiten]

Ton Steine Scherben wurde 1970 in West-Berlin von R.P.S. Lanrue (bürgerlich Ralph Peter Steitz), Rio Reiser (bürgerlich Ralph Möbius), Kai Sichtermann und Wolfgang Seidel gegründet, die damals alle etwa 20 Jahre alt waren. Im Januar 1966 fragte R.P.S. Lanrue Rio Reiser, ob er in seiner Gruppe mitsingen wolle. Die Band hieß Beat Kings und coverte hauptsächlich Beatmusik. Noch im selben Jahr gründeten Reiser und Lanrue gemeinsam die Rockband De Galaxis, in welcher sie auch ab und an eigene Stücke spielten. 1967 folgte der Umzug von Niederroden (Rodgau/Hessen) nach Berlin. Beim Theaterprojekt Hoffmanns Comic Teater (sic) in Berlin trafen die beiden auf Seidel und Sichtermann.[1] Der Bandname Ton Steine Scherben leitet sich laut Aussage Rio Reisers aus einem Zitat des Troja-Entdeckers Heinrich Schliemann ab: „Was ich fand, waren Ton, Steine, Scherben“. In dem Buch „Keine Macht für Niemand“ führt Bassist Kai Sichtermann dagegen aus, dass sich der Name bei einem Brainstorming aus dem Namen „VEB Ton Steine Scherben“ entwickelt habe, was als die wahrscheinlichere Version gilt (assoziativ angelehnt an den Namen der westdeutschen Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden).

Die ersten zwei Lieder Macht kaputt, was euch kaputt macht und Wir streiken nahm die Band in einem kleinen Studio in Kreuzberg auf. Eine Single mit diesen beiden Stücken als A- und B-Seite war das erste Produkt der Band; verkauft wurden sie über Bootlegger. Den ersten Auftritt hatte die Band beim Love-and-Peace-Festival am 6. September 1970 auf Fehmarn, wo sie unter dem Namen Rote Steine auftrat. Da die Veranstalter mit den Eintrittsgeldern das Gelände verließen, ohne die Musiker zu bezahlen, soll Reiser das Publikum dazu aufgefordert haben, den Veranstalter „ungespitzt in den Boden zu hauen“.[2] Nach dem dritten Lied, Macht kaputt, was euch kaputt macht, zündeten Besucher das Organisationsbüro der Veranstaltung an.[3] Nach dem fünften Song brannte die Bühne ab.[1] Laut Reiser wurde die Brandstiftung zum Teil der Band zugeschrieben.[4] Der Vorfall steigerte den Bekanntheitsgrad der Band jedenfalls enorm.

1971 gründeten sie eines der ersten deutschen Independent-Labels,[3] die David Volksmund Produktion. Zum einen wollten sie mit den eigenen Veröffentlichungen unabhängig von der etablierten Plattenindustrie sein, zum anderen war es aufgrund ihres radikalen Images unmöglich, einen Vertrag bei einem großen Label zu erhalten. Folge davon war ein geradezu bescheidener Profit aus den Plattenverkäufen, sodass die Band permanent finanzielle Probleme hatte.[1]

Das erste Album Warum geht es mir so dreckig? erschien im September 1971. Neben Macht kaputt, was euch kaputt macht befinden sich darauf auch die später populären Lieder Ich will nicht werden, was mein Alter ist und Der Kampf geht weiter.

Am 8. Dezember 1971 besetzten Band und Publikum nach einem Auftritt an der Technischen Universität Berlin einen ungenutzten Gebäudeteil des Kreuzberger Bethanien-Krankenhauses. Da vier Tage vorher Georg von Rauch von Polizisten erschossen worden war, benannten die Besetzer das Wohnheim in Georg-von-Rauch-Haus um. Das Haus wurde erst am 19. April 1972 von der Polizei geräumt. Aus diesem Anlass schrieb Reiser den Rauch-Haus-Song.[1]

Als in einigen Städten Deutschlands wegen Fahrpreiserhöhungen im Rahmen der Aktion Roter Punkt öffentliche Verkehrsmittel zum Teil boykottiert wurden und Protestaktionen gegen diese Verteuerung stattfanden, veröffentlichte die Band auf einer Single die Lieder Mensch Meier und Nulltarif, in denen sie zum Schwarzfahren aufrief.

1972 trennte sich Wolfgang Seidel von der Band. Er wandte sich der elektronischen Musik zu und arbeitete unter anderem mit Conrad Schnitzler und Klaus Freudigmann zusammen, half der Band aber auf Wunsch gelegentlich als Schlagzeuger und Keyboarder (unter dem Pseudonym Sequenza) live sowie im Studio aus. In den folgenden Jahren fanden zahlreiche weitere Mitgliederwechsel statt. Die Musiker wechselten teilweise mehrfach in einem Jahr, Kern der Band blieben Reiser, Lanrue und Sichtermann.

Gesellschaftlicher Rückzug[Bearbeiten]

1975 verließen die Scherben West-Berlin, ließen sich auf einem Bauernhof in Fresenhagen (Nordfriesland) nieder und wandten sich Ende der 70er-Jahre auch den Belangen der Schwulenbewegung zu. Der Umzug war eine Flucht vor dem Druck, bei jeder „Szene“-Aktion in Berlin die Protagonistenrolle übernehmen zu müssen. Von dieser Zeit an betätigte sich die Band weniger stark politisch.[3] Mit der Doppel-LP Wenn die Nacht am tiefsten … (1975) erfolgte eine Hinwendung zu melancholischeren Texten und ausgefeilteren musikalischen Arrangements, die Jazz-, Folk- und Ethnorock-Elemente aufgriffen.

Das Album „IV“ von 1981 lässt sich musikalisch im Bereich eines unkonventionellen New-Wave-Stils einordnen. Reiser verwendete Wortspiele, in denen ein politischer Bezug nur indirekt erkennbar ist, etwa „Der Turm stürzt ein“ und „Jenseits von Eden“. Auf dieser Platte betätigten sich auch die anderen Bandmitglieder und Freunde der Band als Texter und Komponisten. Durch die Scherben-Biografie „Keine Macht für Niemand“ wurde bekannt, dass die Lieder auf der Grundlage des Tarot entstanden sind. Die Platte war im Original auf sehr schlechtem Vinyl gepresst und daher klanglich unbefriedigend und bediente inhaltlich kaum die Erwartungen der Fans, so dass sie finanziell ein Flop wurde.[3]

Trotz allem beeindruckte „Die Schwarze“, wie sie auch genannt wird, durch die Verschmelzung von Rock-, Jazz-, Klassik-Elementen sowie avantgardistischen Sound-Experimenten. Ferner zeichnen sich einige Lieder durch ungerade Rhythmen und erweiterte Harmonien aus. Das Album kann als einer der Meilensteine der deutschen Rockgeschichte bezeichnet werden.

1982 kam die spätere Grünen-Politikerin Claudia Roth zur Co-Organisation der Scherben nach Fresenhagen. Mit ihrem letzten Studio-Album Scherben von 1983 wandten sich die Scherben wieder gesellschaftskritisch konkreteren Aussagen zu, um aktuelle Probleme aufzugreifen, wie in dem Lied „Mole Hill Rockers“ die Arbeitslosigkeit.

Auflösung und Neugründung[Bearbeiten]

Nach einer Tour, von der später drei Live-Mitschnitte und eine DVD erschienen, löste sich Ton Steine Scherben 1985 auf. Zu dieser Zeit hatte die Band hohe Schulden.

Als Solokünstler veröffentlichte Frontmann Rio Reiser sechs Alben, von denen die Songs Junimond und König von Deutschland im deutschsprachigen Raum bekannt und kommerziell erfolgreich waren. Außerdem arbeitete er mit Marianne Rosenberg und Wolfgang Michels. 1996 starb er im Alter von 46 Jahren.

Lanrue beteiligte sich an den Aufnahmen aller Alben von Reiser (außer: Durch die Wand, Über Alles) und spielte bis 1988 in dessen Live-Band. Er zog zwei Jahre nach Reisers Tod nach Portugal. Heute lebt er wieder in Berlin. Sichtermann nahm 1998 mit anderen Scherben-Mitgliedern eine CD („Die Nachtfalter“) auf und schrieb mit zwei Co-Autoren die Bandbiografie mit dem Titel Keine Macht für Niemand.

Im April 2014, 29 Jahre nach Auflösung der ursprünglichen Gruppe, gingen Ton Steine Scherben unter der Leitung von Lanrue erstmals wieder auf Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Neben den Gründungsmitgliedern R.P.S. Lanrue (Gitarre) und Kai Sichtermann (Bass) sowie dem Schlagzeuger Funky K. Götzner gehören zur Band Lanrues Schwester Elfie-Esther Steitz (Gesang, Chor) und der Schlagzeuger Maxime S.P. (Sohn des 2012 verstorbenen Spliff-Bassisten Manfred Praeker), der Keyboarder Lukas McNally, Nicolo Rovera (Gesang, Gitarre) sowie Lanrue's Tochter Ella Josephine Ebsen (Gesang, Gitarre) und AnayanA (Gesang, Chor, Percussion), Tochter der 2004 verstorbenen Britta Neander. Als Gastsänger traten u. a. Blumentopf, Frittenbude, Madsen, Max Prosa und Sebastian Krumbiegel auf.

Verhältnis zu den Medien[Bearbeiten]

1971 versuchte Nikel Pallat während der WDR-Talkshow „Ende offen“ mit einer Axt den Studiotisch zu zertrümmern und nahm Mikrophone mit, die er angeblich für Leute brauchte, die „in Jugendstrafanstalten sitzen“. Zuvor äußerte er noch: „Fernsehen ist ein Unterdrückungsinstrument in dieser Massengesellschaft“. In der Show hatten zuvor eine Stunde lang die Musiktheoretiker Heinz-Klaus Metzger und Hans G Helms, der Krautrock-Produzent Rolf-Ulrich Kaiser und der Musiker Wolf Conrad Veit, darüber diskutiert, ob eine Musik mit gesellschaftskritischem Anspruch als ganz normales Marktprodukt produziert und gehandelt werden dürfe.[5] Die Aufnahme von Pallats Zerstörung des Tisches verwendete auch die Gewerkschaft IG Metall als Abschlußsequenz eines Wahlaufrufes zur Bundestagswahl 2013.[6]

In deutschsprachigen Radiosendern werden die Lieder der Band wegen ihres radikalen Rufes bis heute sehr selten gespielt, auch die unpolitischen Stücke. Ausnahmen sind nur Sender wie DT64, Radio Fritz und Radio Eins, bei denen ihre Titel regelmäßig zu hören waren beziehungsweise sind. Eine der wenigen Ausnahmen waren zwei Konzerte von Rio Reiser in der Werner-Seelenbinder-Halle in Ost-Berlin 1988, die sogar im Fernsehen der DDR gesendet wurden. Rio sang dort einige seiner Solostücke, aber auch, anders als bei Konzerten in Westdeutschland, vor allem Scherben-Klassiker. Das Konzert wurde im Fernsehen der DDR gekürzt ausgestrahlt, aber einschließlich der politisch radikaleren Scherben-Titel, gesendet. Nicht gesendet wurde das Lied „Der Traum ist aus“, da bei der Zeile mit der Frage „Gibt es ein Land auf der Erde, wo der Traum Wirklichkeit ist?“ und der Antwort „Ich weiß nur eins, und da bin ich sicher: dieses Land ist es nicht!“ das Publikum mehr mitbrüllte als mitsang sowie auffallend laut applaudierte.[7]

Musikalischer Stil, inhaltlicher Anspruch[Bearbeiten]

Die Bandgeschichte ist nicht nur vom kommuneartigen Lebensstil, politischen Vereinnahmungen, die von der Band stets abgelehnt wurden, und internen Konflikten gekennzeichnet, sondern auch von einer musikalischen Weiterentwicklung geprägt. Gekennzeichnet waren die Produktionen jedoch immer von einer gewissen „Geradlinigkeit und Offenheit“, die im Wesentlichen auf den Texten und dem charismatisch leidenschaftlichen Gesang Reisers beruhten.

Die Musik der Scherben war unter anderem stilbildend für die deutsche Rockmusik, den deutschsprachigen Punk und Teile der Neuen Deutschen Welle. Bei ihrem rockigen Stil hatte die Gruppe den Anspruch, ein neues Verständnis von Volksmusik zu kreieren – im Sinn einer eingängigen, verständlichen Musik für das im Widerspruch zu den „Herrschenden“ stehende „Volk“, indem sozial relevante Themen des „einfachen“ Volkes, im engeren Sinn der aufbegehrenden damaligen Jugend, in einem Musikstil aufgegriffen wurden, der dieser Zeit angemessen schien. In diesem Zusammenhang hatten sie für die textlich-inhaltlich anspruchsvolle Rockmusik in Deutschland eine ähnlich prägende Bedeutung, wie dies – etwa sieben Jahre vor Gründung der „Scherben“ – in den Vereinigten Staaten für Bob Dylan und seinen nachfolgenden Einfluss auf die dortige gesellschaftskritische Folk- und Rockmusik der Fall war.

Einige Titel und Textpassagen von Ton Steine Scherben sind bis in die Gegenwart bekannte Slogans der außerparlamentarischen Linken und der linksradikalen Szene, so zum Beispiel „Keine Macht für Niemand“ und „Macht kaputt, was euch kaputt macht“.

Die neue Band traf mit ihren hemmungslosen, rebellischen und radikalen Texten, zum Beispiel mit ihrer ersten Single „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, den Nerv einer Zeit, die im Zeichen der so genannten 68er-Bewegung und des gesellschaftlichen Aufbruchs stand. Ton Steine Scherben war nach der Gruppe Ihre Kinder und noch vor Udo Lindenberg eine der ersten Rockmusikbands, die fast ausschließlich und von Anfang an deutsche Originaltexte sang.

Anfang der 1970er Jahre waren die Scherben mit ihren revolutionären Texten, die versuchten, die proletarische Jugend anzusprechen, Identifikationsfigur für anarchistische und linksradikale Kreise („Der Kampf geht weiter“, „Die letzte Schlacht gewinnen wir“, „Menschenjäger“) aber auch für junge Werktätige, Lehrlinge, Schüler und Studenten. In den Texten der ersten beiden Alben fanden sich auch gewaltverherrlichende Elemente wieder (Paul Panzers Blues). Mit ihrer Musik lieferten sie den Soundtrack zu Hausbesetzungen und Demonstrationen.

Interpretationen durch andere Bands und Musiker[Bearbeiten]

Neben den Revival-Gruppen Neues Glas aus alten Scherben, Neues Glas/akustisch und der 2004 gegründeten Ton Steine Scherben Family, die sich als Nachfolgeband von Ton Steine Scherben sieht, und in der außer Reiser/Lanrue die meisten Musiker der ursprünglichen Gruppe weiter spielen, wurden Cover-Versionen von „Scherben“-Titeln bereits von zahlreichen weiteren Bands oder Einzelinterpreten erstellt, darunter Mantus, Beatsteaks, Freygang, Totenmond, Cochise, Klaus Lage, Marianne Rosenberg, Misha Schoeneberg, Rocko Schamoni, Echt, Bruder&Kronstädta, Slime, Knochenfabrik, Alan Woerner, Freundeskreis, Xavier Naidoo, shin-en, Wir sind Helden, Britta, ZSK, Die Sterne, Terrorgruppe, Die Ärzte, Samsas Traum, Rawside, WIZO, Grantig, Die Prinzen, Joachim Witt, Clueso, den Dödelhaien, den Toten Hosen und Dritte Wahl. Sogar rechtsextremistische Gruppen wie Nahkampf mit dem Titel Der Kampf geht weiter oder Landser mit dem Stück Allein machen sie dich ein coverten einen Titel von Ton Steine Scherben, dessen Text sie allerdings mit kleinen Änderungen in einem inhaltlich verfälschenden Sinn antisemitisch ausrichteten.

Viele Coverversionen sind auf dem Rio-Reiser- „Familienalbum – Eine Hommage“ zu finden, das 2003 erschien, dem Sampler „Viva L'Anarchia“ (1997) oder „Keine Macht für Niemand – Die Erben der Scherben“ (2001), auf dem unter anderem Nina Hagen zu hören ist. Im Oktober 2005 wurde das „Familienalbum, Band 2“ veröffentlicht.

Musikalische sowie politische Kontinuitäten zwischen Ton Steine Scherben einerseits und sich als links bzw. gesellschaftskritisch verstehenden Musikern aus der aktuellen Independent-, Deutschrock- und Hip-Hop-Szene andererseits, thematisiert der Dokumentarfilm „Der Traum ist aus oder die Erben der Scherben“ aus dem Jahr 2001. Inhalt des Films ist weniger die Musik, sondern vielmehr die Frage, was aus dem Protest und dem Lebensgefühl der 1970er und -80er Jahre geworden ist, bzw., inwiefern diese in der Gegenwart eine neue Entsprechung gefunden haben. Zu Wort kommen u. a. Musiker und Bands wie Tocotronic, Lassie Singers, Die Sterne, Das Department, Tilman Rossmy. In diesen Traditionszusammenhang gestellt werden darüber hinaus auch Fink, Element of Crime sowie die beiden Liedermacher Funny van Dannen und Hans Söllner.

Das alte Anwesen der Scherben in Fresenhagen wurde bis Januar 2011 als Rio-Reiser-Haus von Peter Möbius, dem Bruder von Rio Reiser, und dem Rio-Reiser-Verein betrieben. Es sollte neben dem Gedenken an den 1996 verstorbenen Rio Reiser und seine Werke auch jungen Musikern als Quartier dienen. Dann wurde das Anwesen aus wirtschaftlichen Gründen verkauft. Betreutes Wohnen für Jugendliche sollte an den Platz der Erinnerung treten und Rio Reisers Leichnam, der nach eigenem Wunsch im dortigen Garten begraben lag, wurde nach Berlin umgebettet.[8]

Differenzen um das ideelle Erbe[Bearbeiten]

Kritiker werfen der Möbius-Familie vor, mit ihren Plänen einen „obskuren Totenkult“ um Rio Reiser zu betreiben, bei dem dieser, herausgelöst aus dem Scherben-Kollektiv, zum „romantischen Einzelkämpfer“ für die linke Bewegung stilisiert und in einem „durchweg weißen Licht als heldenhafter Barrikadensänger“ dargestellt werde. Dass die anderen Mitglieder von Ton Steine Scherben ihren Anteil zu der Popularität der ganzen Gruppe beigetragen hatten, werde genauso verschwiegen wie die Schattenseiten, die das Zusammenleben mit Rio Reiser mit sich gebracht habe. Reiser wird in diesem Zusammenhang nachgesagt, dass er durchaus jähzornig und gehässig habe werden können; vor allem, wenn er unter Alkoholeinfluss gestanden habe.

Nach Rio Reisers Tod kam es zu gerichtlichen Auseinandersetzungen zwischen der Möbius-Familie und R. P. S. Lanrue um Nachlass-Regelungen. Im Jahr 2003 gelangen vorübergehende Einigungen; seit 2008 besteht jedoch eine vertragslose Situation.

Eine 2006 bei Bertelsmann erschienene Reiser-Biografie von Hollow Skai wurde gegen den Willen einiger Interview-Partner, die ihre Aussagen verfälscht sahen (Hannes Eyber, Lutz Kerschowski, Gert und Peter Möbius), veröffentlicht.

Diskografie (Auszug)[Bearbeiten]

Album Cover von Keine Macht für Niemand
Album Cover von IV

Bis auf wenige Ausnahmen erschienen alle Veröffentlichungen auf dem bandeigenen Label David Volksmund Produktion.

Alben[Bearbeiten]

Singles[Bearbeiten]

  • 1970: Macht kaputt, was euch kaputt macht und Wir streiken
  • 1971: Mensch Meier und Nulltarif
  • 1971: Allein machen sie dich ein und Frauen gemeinsam sind stark
  • 1979: Das ist unser Land und Kommen Sie schnell, als „Corny, Ernst & Scherben“
  • 1981: Jenseits von Eden und Der Turm stürzt ein, erschienen bei Decca
  • 1983: Laß uns'n Wunder sein und Hau ab, erschienen bei Teldec

Live[Bearbeiten]

  • 1985: In Berlin 1984 (Live I)
  • 1996: Live II
  • 2002: Land in Sicht, DVD, erschienen bei eye tune productions
  • 2006: Live III

Andere Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • 1973: Herr Freßsack und die Bremer Stadtmusikanten, Hörspiel, zusammen mit Hoffmanns Comic Teater [sic], erschienen im Rotbuch-Verlag
  • 1974: Martha, die letzte Wandertaube, Hörspiel, zusammen mit Dietmar Roberg, erschienen bei TAT
  • 1976: Teufel hast du Wind, Hörspiel, zusammen mit Dietmar Roberg, erschienen im Rotbuch-Verlag
  • 1976: Paranoia, Theatermusik, zusammen mit dem Kollektiv Rote Rübe
  • 1977: Mannstoll, zusammen mit Brühwarm
  • 1979: Liebe Tod Hysterie, Theatermusik, zusammen mit dem Kollektiv Rote Rübe, erschienen bei Stechapfel
  • 1979: Entartet, zusammen mit Brühwarm
  • 1981: Auswahl I, Best-of-Album, erschienen bei Teldec / Eastwest
  • 2005: 18 Songs aus 15 Jahren, Best-of-Album
  • 2006: Das Gesamtwerk, Box-Set

Filme[Bearbeiten]

  • Allein machen sie dich ein. Deutschland 1983. TV-Film über die Heut Nacht oder nie-Tournee der Scherben und Schroeder Roadshow, 285 Minuten, Regie: Christian Wagner
  • Scherben in Friesland 2000, Film-Tagebuch (45 Min.) von Egon Heinrich Bunne über das bäuerliche Domizil der Scherben in Fresenhagen, durchsetzt mit raren Archivszenen aus den Jahren 1974 bis 1978 – P: NDR
  • Der Traum ist aus – Die Erben der Scherben. 2001, Kinofilm, Dokumentation mit Musik, 92 Min. Regie: Christoph Schuch, Verleih: Salzgeber & Co Medien
  • Rio Reiser – König von Deutschland. Deutschland 2005, Regie: Stefan Paul (Musikrevue/Theateradaption von Heiner Kondschak (Landestheater Tübingen – LTT) nach biografischen Daten zu Rio Reiser (Darsteller: Sören Wunderlich) – mit zahlreichen musikalischen Interpretationen (Coverversionen) von Ton Steine Scherben-Titeln).
  • Für immer und Dich – Geschichten aus Winnetous Garagen I, Kinofilm, Interviews u. Lesungen mit Kai Sichtermann, Bernhard Käßner, Nikel Pallat, Jörg Schlotterer, Funky K. Götzner, Marius del Mestre, Angie Olbrich, Martin Paul und Hollow Skai, Deutschland 2006, 84 Min., Regie: Elser Maxwell, Thomas Malz, Produktion: Ton Steine Scherben Family, Verleih: Edition Salzgeber
  • Rio Reiser – Lass uns'n Wunder sein, Dokumentarfilm zum Thema Rio Reiser und Ton Steine Scherben, Deutschland 2008, 90 Min. Regie: Stefan Paul, Verleih: Arsenal
  • „Alles Lüge – Auf der Suche nach Rio Reiser“ Deutschland 2007, Dokudrama, Regie: Barbara Teufel, mit Marek Harloff, Jan Plewka, Wolfgang Packhäuser, Jana Pallaske u. a.

Literatur[Bearbeiten]

  • Dirk Nishen (Hrsg.): Ton Steine Scherben. Geschichten, Noten, Texte und Fotos aus 15 Jahren. Berlin 1985, Neuauflage David Volksmund Produktion, 1997, ISBN 978-3-00-021702-9
  • Rio Reiser u. Hannes Eyber (Bearb.): König von Deutschland. Erinnerungen an Ton Steine Scherben und mehr. Erzählt von ihm selbst und Hannes Eyber. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1995. Wiederveröffentlichung: Möbius Rekords, Berlin 2001. ISBN 3-00-007733-2)
  • Hartmut El Kurdi: Schwarzrote Pop-Perlen. Wehrhahn Verlag, Hannover 2001, ISBN 3-932324-82-X
  • Hartmut El Kurdi: Unter Geiern in Mein Leben als Teilzeit-Flaneur. Edition Tiamat, Berlin 2001, ISBN 3-89320-047-9
  • Kai Sichtermann, Jens Johler, Christian Stahl: Keine Macht für Niemand. Die Geschichte der Ton Steine Scherben. Erw. u. aktualis. N.-Auflage, Schwarzkopf + Schwarzkopf, Berlin 2003 (Erstausgabe 2000), ISBN 3-89602-468-X (auch als Hörbuch erschienen).
  • Wolfgang Seidel (Hrsg.): Scherben. Musik, Politik und Wirkung der Ton Steine Scherben. Ventil Verlag, Mainz 2005, ISBN 3-931555-94-1.
  • Hollow Skai: Das alles und noch viel mehr. Rio Reiser – Die inoffizielle Biografie des Königs von Deutschland. Heyne-Verlag, München 2006, ISBN 3-453-12038-8
  • Wolfgang Philippi: Keine Macht für Niemand – Ein Comic frei nach dem Album von Ton Steine Scherben David Volksmund Produktion, Berlin 2006, ISBN 3-00-019506-8

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ton Steine Scherben – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen[Bearbeiten]

  1. a b c d http://www.laut.de/wortlaut/artists/t/ton_steine_scherben/biographie/index.htm
  2. TSS Story bei Germanrock e.V. 5. Mai 2007, abgerufen am 7. Oktober 2012.
  3. a b c d http://www.tagesspiegel.de/kultur/;art772,2146047
  4. Interview mit Rio Reiser, am 6. September 2005 in WDR 5 wiederholt
  5. Lutz Neitzert: 03.12.1971: Nikel Pallat, Mitglied der Band Ton Steine Scherben, zertrümmert während der WDR-Talkshow „Ende offen“ mit einer Axt den Studiotisch (PDF; 15 kB)
  6. Germany election ad uses viral video to comic effect – Video, The Guardian, 5. September 2013
  7. Rio Reiser live in der Seelenbinder-Halle Berlin
  8. Rio Reiser umgebettet von Klaus Irler in taz.de, 18. Januar 2011