Rio Reiser

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Rio Reiser (* 9. Januar 1950 in Berlin; † 20. August 1996 in Fresenhagen, Nordfriesland; bürgerlich Ralph Christian Möbius) war ein deutscher Sänger, Musiker, Komponist, Texter und Schauspieler.

Rio Reiser war von 1970 bis 1985 Sänger und Haupttexter der Band Ton Steine Scherben. Nach der Auflösung der Band setzte er seine musikalische Karriere als Solokünstler fort. Zu seinen bekanntesten Liedern gehören die Hausbesetzer-Hymne Rauch-Haus-Song, Macht kaputt, was euch kaputt macht, Keine Macht für Niemand von den Scherben, sowie König von Deutschland und Junimond aus seiner Solozeit.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

[Bearbeiten] Herkunft

Sein Vater war Ingenieur für Kartonverpackungen bei der Siemens AG, so dass die Familie mehrmals aufgrund seiner Versetzungen umzog. Sie lebte in West-Berlin, Traunreut/Oberbayern, Nürnberg, Mannheim, Stuttgart und Rodgau/Nieder-Roden. Reiser war nicht in der Lage, sich an irgendeinem dieser Orte zu Hause zu fühlen. In einem Interview, das erst 1998 über den Fernsehsender ARTE ausgestrahlt wurde, äußerten einige seiner Freunde die Auffassung, dass Reiser mit der Musik begann, um diesen Verlust zu kompensieren.

[Bearbeiten] Jugend

Reiser war seinen Freunden als Person mit einem eigenen Kopf bekannt. Beispielsweise überredete er seine Mutter Erika Möbius dazu, die Schule beenden und eine Ausbildung in einem Fotografiestudio in Offenbach-Bieber anfangen zu dürfen. Sie glaubte, er sei ein Autodidakt; er lernte niemals etwas, was ihm von anderen beigebracht wurde. Also brachte er sich selbst das Spielen auf dem Cello, der Gitarre, dem Klavier und anderen Instrumenten bei.

Seinen bürgerlichen Namen, Ralph Christian Möbius, änderte er in Rio Reiser, angelehnt an die Hauptfigur des psychologischen Romans Anton Reiser von Karl Philipp Moritz. Während seiner Jugendjahre war Rio Reiser ein großer Fan der Beatles und später der Rolling Stones.

Reiser hatte 1970 sein Coming-out und stand offen zu seiner Homosexualität. Allerdings wurde dieser Umstand erst mit Beginn seiner Solokarriere zu einem öffentlichen Thema. Spätestens ab 1986 begann er in Interviews und Talkshows zu seiner Homosexualität Stellung zu nehmen.[1]

[Bearbeiten] Musikkarriere

[Bearbeiten] Anfänge

Nachdem er die Schule verlassen hatte, wurde Reiser Sänger der Rockband The Beat Kings in Nieder-Roden, wo er einen guten Freund, R.P.S. Lanrue, den späteren Gitarristen von Ton Steine Scherben, traf. Später brach er seine Ausbildung im Fotostudio in Offenbach-Bieber ab und verließ die Beat Kings, um nach West-Berlin gehen zu können. Dort komponierte er im Auftrag seiner Brüder die Lieder für die erste Beat-Oper, der jedoch kein kommerzieller Erfolg beschieden war.

[Bearbeiten] Ton Steine Scherben

Hauptartikel: Ton Steine Scherben

1970 gründete Reiser zusammen mit R.P.S. Lanrue, Kai Sichtermann und Wolfgang Seidel die Band Ton Steine Scherben. Im selben Jahr hatte die Gruppe den ersten Liveauftritt auf dem von Beate Uhse gesponserten Love-and-Peace-Festival. Mit den beiden im Selbstvertrieb erschienenen Alben Warum geht es mir so dreckig (1971) und vor allem Keine Macht für Niemand (1972) brachten die Scherben die Zustände, Gedanken und Strömungen der radikalisierten Linken im West-Deutschland nach 68 auf den Punkt. „Agitrock“ nannte man das, eine Mischung aus politischer Agitation und Rockmusik mit deutschen Texten. Die Band erlangte schnell Kultstatus und lieferte z.B. mit dem Rauch-Haus-Song den Soundtrack zur linken Hausbesetzer-Szene in Berlin-Kreuzberg und anderen westdeutschen Städten, in denen sie auftraten. Meist wurden im Anschluss an Ton-Steine-Scherben-Konzerte örtlich Häuser besetzt.

Als die Scherben sich zunehmend als „Jukebox der Linken“ in Berlin missbraucht sahen, flüchteten sie in die innere Emigration aufs Land nach Fresenhagen. Dort entstand 1975 das Doppelalbum Wenn die Nacht am tiefsten... - eine Abkehr von den Politparolen der Anfangszeit und eine Hinwendung zu privaten, melancholischen Themen - bevor die Band dann eine langjährige Auszeit nahm, aber weiter als Kommune zusammenlebte. Zu der Zeit entstanden Hörspiele, Kinderplatten und musikalische Beiträge für Theaterstücke der schwulen Theatergruppe Brühwarm (u.a. mit Corny Littmann) wie beispielsweise Mannstoll und Entartet.[1].

1981 kam es zu einem Comeback mit der düsteren Doppel-LP IV (Die Schwarze), mit der sich die Band endgültig von ihrem Status als „Polit-Combo“ löste (jeder der 22 Songs nimmt Bezug auf jeweils eine der 22 Tarot-Karten). Um das Album zu bewerben, entschied man sich nach Jahren der Live-Abstinenz, auch wieder ausgedehnt auf Tournee zu gehen. Die Resonanz war positiv und die Tournee größtenteils ausverkauft. Aufgrund drastischer Fehlkalkulation eines externen Tourmanagers konnten die Kosten für Licht- und Tonanlage sowie teilweise luxuriöse Unterkunft bei Eintrittspreisen unter 10 DM nicht eingespielt werden und die Band stand am Tour-Ende mit 300.000 DM Verlust da. Mit dem Managementteam Claudia Roth / Misha Schöneberg versuchte man den Schuldenberg abzutragen. Nach der eher eingängigen LP Scherben (1983) folgte eine Tournee der nächsten, u. a. auch im Wahlkampf für die Grünen.

1985 löste sich die Band nach Veröffentlichung des bis dahin einzigen Live-Albums Live in Berlin 84 unter anderem wegen der andauernden finanziellen Probleme auf.

[Bearbeiten] Solokarriere

Ton Steine Scherben und Rio Reiser hatten rund 200.000 DM Schulden, konnten und wollten sich aber nicht als „Ikone der Linken“ an „die Industrie“ verkaufen. Annette Humpe (Ex-Ideal), die 1984 bereits Rios erste Single Dr. Sommer/B-Seite produziert hatte, stellte den Kontakt zu George Glueck (Reisers späterem Manager) her.

Udo Arndt produzierte zusammen mit Annette Humpe 1985/86 Reisers erstes Soloalbum Rio I. für die CBS. Das Album baute auf den zahlreichen Demos auf, die die Scherben für eine mögliche weitere LP aufgenommen hatten. Reisers Solo-Karriere begann gleich mit seinen beiden größten Hits König von Deutschland und Junimond und war so erfolgreich, dass er nach kurzer Zeit schuldenfrei war.

Viele Ton Steine Scherben Fans konnten (und wollten) es allerdings nicht gutheißen, dass Reiser als Idol der linksalternativen Szene ein kommerziell erfolgreicher Musiker im Fahrwasser der NDW sein wollte. Dabei verkannten sie, dass die meisten der Lieder, die Reiser im Laufe seiner Solokarriere aufgenommen und gespielt hat, alte Scherben-Lieder waren (Junimond, Menschenfresser, Jetzt schlägt's Dreizehn, Irrenanstalt und sogar König von Deutschland wurde schon 1976 live gespielt). Nur waren sie hier glatter, gefälliger oder besser produziert. Eingespielt wurden die Platten allerdings von einer Reihe professioneller Studiomusiker (anstatt wie bisher im Kollektiv). Bei den Live-Auftritten wurde Reiser von zahlreichen Musikern aus dem Scherben-Umfeld begleitet, so spielte R.P.S. Lanrue bis 1988 in Rios Live-Band.

1986 beendete Rio Reiser mit einer Allstar-Band (u.a. mit Herbert Grönemeyer, den Rodgau Monotones, den Toten Hosen und Herwig Mitteregger) vor über 100.000 Zuschauern das Anti-WAAhnsinns-Festival. Als letztes Lied spielte er allein am Klavier eine Version von Somewhere over the Rainbow.

Die Nachfolge-LP Blinder Passagier (1987), bzw. deren Verkäufe, konnte, sehr zum Leidwesen seiner Plattenfirma, die hohen Erwartungen nicht erfüllen, die das Debüt geweckt hatte. Statt stur einen Nachfolge-Hit für König von Deutschland zu produzieren, schrieb Reiser neben Rocksongs lieber Seemannslieder, Sehnsuchtslieder und Schlaflieder. Die Tournee zum Album war trotzdem ein voller Erfolg und führte ihn im Oktober 1988 für zwei Konzerte nach Ost-Berlin, zu denen die FDJ eingeladen hatte.

Das Konzert, für das Reiser noch ein paar mehr Scherben-Klassiker als üblich ins Programm genommen hatte (und das mit Alles Lüge begann), wurde aufgezeichnet und in der Sendung DT 64 ausgestrahlt. Allerdings fehlte bei der Ausstrahlung der Scherben-Song Der Traum ist aus: Die Zeile „Gibt es ein Land auf der Erde, wo der Traum Wirklichkeit ist? […] Ich weiß es wirklich nicht – Ich weiß nur eins, und da bin ich sicher: Dieses Land ist es nicht!“ – ursprünglich der Bundesrepublik gewidmet – wurde von tausenden Ost-Berlinern „mehr mitgebrüllt als mitgesungen“ und zeigte ein Jahr vor der Wende überdeutlich, wie wenig sich die anwesenden Zuhörer noch mit ihrem Staat identifizieren konnten. Als Vorgruppe spielte Lutz Kerschowski, der später als Gitarrist in Rios Band spielen sollte und heute als sein musikalischer Nachlassverwalter arbeitet.

Nach einem Gastauftritt mit Band (und drei Songs für den Soundtrack) im Schimanski-Tatort Der Pott 1989, ging Reiser mit seiner dritten LP *** (Sternchen) von 1990 konsequent neue musikalische Wege. Produziert von Udo Arndt und Reinhold Heil - als „Die Kuhjaus“ (angelehnt an den Fälscher Konrad Kujau) - verzichtete man weitgehend auf rockige Töne zugunsten von elektronischen Klängen und gesampelten Streichern. Die LP enthält mit Zauberland ein Lied, was als Abgesang auf die untergehende DDR verstanden wurde, jedoch schon Jahre vorher geschrieben wurde.

1990 erhielt Reiser aufgrund seiner kompositorischen Leistungen im deutschsprachigen Musikbereich den Fred-Jay-Preis für seine Kompositionen für Marianne Rosenberg.

1991 erschien das Album Durch die Wand, mit dem Rio zu ungeschliffenen rockigen Tönen zurückkehrte. Die Kritiken waren überaus positiv, das Publikumsinteresse hielt sich jedoch in Grenzen. Darüber hinaus musste die geplante Tournee aufgrund des sich verschlechternden Gesundheitszustandes aufgrund eines Hepatitis-Virus[2] des Sängers abgesagt werden.

Im November 1991 sollte Reiser in der Talkshow Holgers Waschsalon von Holger Weinert auftreten, brannte aber am Tag der Aufzeichnung mit seinem neuen Freund durch[3].

Beim Heute Die-Morgen Du-Konzert in Frankfurt am Main 1992 trat Reiser zusammen mit einigen der bekanntesten deutschen Gruppen auf und begleitete Marianne Rosenberg am Klavier bei Der Traum ist aus. Für diesen Anlass schrieb und spielte er auch gemeinsam mit Ulla Meinecke den Song „Zeitreise“ (später veröffentlicht als „13. Dezember“).

Annette Humpe produzierte 1993 das Album Über Alles, und „überrascht mit einer „Volksmusik aus Beat, Polka, Ventures-Gitarren, Westcoast, Shanties und Bob Dylan“ mit „Rave- und House-Soundelementen“[4]. Die Platte enthält mit Irrenanstalt einen Song, der für die Theatergruppe „Brühwarm“ geschrieben wurde und auch im Live-Repertoire der Scherben zu finden war.

1994 erschien die in Zusammenarbeit mit Hannes Eyber entstandene Autobiografie König von Deutschland, die sinnigerweise, von kurzen Schlaglichtern abgesehen, seine Solokarriere vollkommen ausspart. Parallel dazu spielte er seinen größten Hit König von Deutschland mit teilweise neuem Text für das gleichnamige Best-Of-Album neu ein.

Reisers sechste und letzte Soloplatte hieß Himmel und Hölle, zugleich war es das letzte Album, das er bei Sony veröffentlichte. 1995 veröffentlicht, sollte ursprünglich nur der Song Träume als Titellied für den Münchner Tatort „Im Herzen Eiszeit“ aufgenommen werden, in dem Rio eine Hauptrolle spielt. Man entschied sich kurzerhand, ein ganzes Album aufzunehmen. Eingespielt wurde die Platte von der gleichen Studiobesetzung wie 1986 Reiser Debütalbum. „Eine der schönsten und zugleich düstersten Platten aus deutschen Landen“ urteilte Hollow Skai. Im Song Hoffnung singt Rio Reiser zehn Jahre nach dem König von Deutschland und nur wenige Monate vor seinem Tod: „Nehmt mir die Krone ab, die mich erdrückt, nehmt mir die Krone weg, nehmt sie zurück. Ich weiß, irgendwo ist da ein Licht, doch ich kann euch nicht führen, denn ich weiß den Weg nicht“

Im Frühsommer 1996 begab sich Reiser trotz schlechten Gesundheitszustandes auf Deutschland-Tour, die auch mehrere Open-Air-Konzerte in Berlin beinhaltete. Kurz vor den geplanten Auftritten musste die Tour jedoch abgebrochen werden.

[Bearbeiten] Tod

Das Grab von Rio Reiser in Fresenhagen

Rio Reiser starb am 20. August 1996 im Alter von 46 Jahren nach einem Herz-Kreislauf-Kollaps in Verbindung mit inneren Blutungen. Die Bemühungen der Familie um eine Sondergenehmigung, Reiser auf seinem Privatgrundstück begraben zu dürfen, wurden nicht nur vom Kreis Nordfriesland, sondern auch von der damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin Heide Simonis unbürokratisch unterstützt. So konnte Rio Reiser auf seinem Grundstück in Fresenhagen 11 beigesetzt werden. Das Grab in Fresenhagen ist seitdem eine Art Pilgerstätte. Sein Haus heißt heute Rio-Reiser-Haus und dient als Tagungsort und Studio für Kulturschaffende.

Mit einem Gedenkkonzert im Berliner Tempodrom nahmen am 1. September 1996 neben anderen seine alte Band Ton Steine Scherben, die Einstürzenden Neubauten, Engerling, Nationalgalerie, Pe Werner, Ulla Meinecke, Marianne Rosenberg, Lutz Kerschowski, Herbert Grönemeyer, Keimzeit, Haindling, Tim Fischer, Freygang und John Banse von Rio Reiser Abschied. Moderiert wurde der Abend von Corny Littmann.

Heute kümmern sich Reisers Bruder Peter Möbius als Vorsitzender des Rio-Reiser-Haus-Vereins und Gert Möbius mit dem Rio-Reiser-Archiv/Möbius Rekords um das Gedenken Rio Reisers.

[Bearbeiten] Theater / Film

Rio Reiser war, wie seine älteren Brüder Peter und Gert Möbius, schauspielerisch tätig, so unter anderem bei Hoffmanns Comic Teater und den Roten Steinen (einem Berliner Lehrlingstheaterkollektiv). 1977 bekam Rio Reiser für seine erste Filmrolle in dem Film Johnny West den Bundesfilmpreis in Gold. Ursprünglich war Herbert Grönemeyer für die Rolle vorgesehen, aber aufgrund befürchteter amouröser Verwicklungen Grönemeyers mit der Hauptdarstellerin, der Freundin des Regisseurs, wurde die Rolle mit Rio Reiser besetzt.

Gemeinsam mit Lanrue schrieb er Musik und Texte für zahlreiche Theaterstücke u.a. für das schwule Jugendtheater Brühwarm. Reiser schrieb darüber hinaus Musik für unzählige Bühnenstücke, zum großen Teil für seine Brüder Gert und Peter Möbius. Ein Teil der so entstandenen Kompositionen wurde 2007 mit der CD Rio Reiser singt Lieder von kleinen und großen Vorstadttigern veröffentlicht.

Zusammen mit Armin Petras, der ihn bereits in Berlin als Schauspieler inszeniert hatte, und Philipp Stölzl sollte das Musical Knock Out Deutschland 1994 im Vorprogramm eines WM-Kampfes mit Henry Maske in Frankfurt/Oder uraufgeführt werden. Dazu kam es allerdings nicht, Maskes Trainer Manfred Wolke erwirkte eine einstweilige Verfügung, da er sich verunglimpft sah[3].

1995 spielte Reiser in einem Tatort des Bayerischen Rundfunks (Im Herzen Eiszeit, zusammen mit Rudolph Moshammer) einen ehemaligen Hausbesetzer, welcher sich, nach elf Jahren aus der Haft entlassen, in einer für ihn fremd gewordenen Welt zurechtfinden muss. Für den Film komponierte er auch den Titelsong Träume.

[Bearbeiten] Künstlerisches Vermächtnis

Parallel zu Ton Steine Scherben und seiner Solo-Karriere arbeitete Rio Reiser auch als Produzent und Co-Produzent unter anderem für Brühwarm, Wolfgang Michels, Die Stricher und seinen langjährigen Freund Misha Schöneberg. Als Texter wirkte Rio Reiser unter anderem für Marianne Rosenberg, Wolfgang Michels (mit dem er an drei LPs und diversen Liedern, so u. a. Bald zuhause vom Familienalbum, Ich bin müde – gecovert von Fettes Brot, Herzverloren, zusammenarbeitete), Klaus Lage, Kralle Krawinkel (Ex-Trio) und Uwe Ochsenknecht.

Erst Jahre nach seinem Tod wurde einer breiteren Öffentlichkeit bewusst, welche Qualität Reisers Umgang mit der deutschen Sprache und seine Texte auf andere Musiker hatten und immer noch haben. Echt, Fettes Brot und Jan Delay, die mit ihren Coverversionen von Junimond, Ich bin müde (vom Wolfgang-Michels-Album Keine Probleme) und Für immer und Dich Hits landeten und Bands wie Freundeskreis mit Halt Dich an Deiner Liebe fest sind dabei explizit zu nennen.

Heute nennen zahlreiche deutschsprachige Bands Reiser als Einfluss, so etwa Rosenstolz oder Wir sind Helden. Letztere coverten auf ihren Konzerten ebenfalls Halt Dich an Deiner Liebe fest und waren mit dem Lied neben vielen anderen (z. B. Klee, Fettes Brot, Söhne Mannheims, Wolfgang Michels, Annett Louisan, Christina Stürmer, Freundeskreis) auf den beiden Tribute-Samplern Familienalbum vertreten.

Eine ganz besondere Version von Übers Meer, gesungen von Herbert Grönemeyer, findet sich auf dem Album Abschied von Rio, das wenige Tage nach Reisers Tod im Berliner Tempodrom aufgezeichnet wurde.

„Ich habe noch nie jemanden in Deutschland singen gehört und gesehen, der wie Rio in der Lage war, innerhalb von Sekunden eine intime Beziehung, geradezu eine Liebesbeziehung, mit jedem einzelnen seiner Zuhörer aufzubauen.
Singen vor Publikum ist eine eigenartige Beschäftigung: Man kann das Blut, das man den Menschen entzieht, wie ein Vampir schlucken, oder man kann es verwandeln und zurückgeben.
Rio Reiser strahlte Kraft und Machte aus, die er vom Publikum bekam, und er gab sie wieder zurück. Charisma ist eine Fähigkeit, die sich nicht erlernen läßt, und sie hat nichts mit Image und bloßer Bühnenpräsenz zu tun. Selbst bei einem banalen Song konnte er irgendein bestimmtes Wort so singen, daß es einem kalt den Rücken runterlief.“
(Nachruf von Blixa Bargeld im Spiegel)[5]

[Bearbeiten] Politisches Engagement

Albumcover von Keine Macht für Niemand

Der erste Auftritt der Scherben sollte Maßstäbe setzen. Beim Love-and-Peace Festival 1970 in Fehmarn forderte Rio Reiser die verbliebenen Zuschauer auf, den Veranstalter „ungespitzt in den Boden zu hauen“, worauf ihm diese zu den Klängen von Macht kaputt, was euch kaputt macht Folge leisten sollten.

Obwohl sie nach herkömmlichen „Majorfirmen“-kommerziellen Maßstäben nicht erfolgreich waren, hatten und haben Lieder wie Die letzte Schlacht gewinnen wir, Der Traum ist aus, Keine Macht für Niemand und Macht kaputt, was euch kaputt macht politischen Einfluss auf die deutsche Linke nach 1968: Aufrufe zur Revolution, Utopien eines friedlichen Zusammenlebens, eines menschlichen Miteinanders. Parolen aus der Zeit und Textfragmente finden sich heute noch im Sprachgebrauch wieder.

Die vermeintliche Hymne Keine Macht für Niemand soll, wie Rio Reiser in seiner Biografie beschrieb, im Auftrag der RAF entstanden sein, welche das Ergebnis allerdings aufgrund ihres Textes als „wenig brauchbar im bewaffneten Kampf“ ablehnte.

Wohnhaus in Fresenhagen

Reiser und die Scherben, bereits im friesischen Exil, wurden gebeten, 1976 den Wahlkampf der SPD musikalisch zu unterstützen. Rio schrieb aus diesem Anlass einige Songs, weigerte sich aber unter dem Namen Ton Steine Scherben aufzutreten, da er Kritik aus den Reihen der radikalen Linken fürchtete. 1983 spielten Ton Steine Scherben für die Grünen im Bundestagswahlkampf auf. 1987 engagierte sich Reiser, diesmal solo, erneut im Wahlkampf für die Grünen.

Nach dem Mauerfall 1989 und der Umbenennung der SED in PDS wurde Rio Reiser deren Mitglied. Als Motiv führte er in Interviews an, dass er sich „immer für Außenseiter eingesetzt“ habe. Die PDS benutzte sein König von Deutschland, gesungen von einem Kinderchor, als Wahlkampfsong, was unter anderem dazu führte, dass das Original kaum mehr im Radio gespielt und der Videoclip von VIVA boykottiert wurde.

[Bearbeiten] Diskografie und Chartplatzierungen

[Bearbeiten] Studio-Alben

  • 1986: Rio I. (November 1986)
  • 1987: Blinder Passagier (15. September 1987)
  • 1990: *** (2. April 1990)
  • 1991: Durch die Wand (Juli 1991)
  • 1993: Über Alles (20. August 1993)
  • 1995: Himmel und Hölle (März 1995 Wieder-VÖ 28. Januar 2002)

[Bearbeiten] Singles

  • 1984 - Dr. Sommer (März 1984)
  • 1986 - Alles Lüge (Mai 1986)
  • 1986 - Junimond (August 1986)
  • 1986 - König von Deutschland (Oktober 1986)
  • 1986 - Für immer und dich (November 1986)
  • 1987 - Blinder Passagier (August 1987)
  • 1988 - Manager (Januar 1988)
  • 1988 - Ich denk an dich (Mai 1988)
  • 1989 - Über Nacht (1989 - Tatort-Titelsong Der Pott)
  • 1990 - Geld (März 1990)
  • 1990 - Zauberland (Juni 1990)
  • 1991 - Jetzt schlägt's 13 (Juni 1991)
  • 1991 - Nur dich (November 1991)
  • 1993 - Nimmst du mich mit (August 1993)
  • 1993 - Inazitti (Dezember 1993)
  • 1994 - König von Deutschland #94 (März 1994)
  • 1995 - Straße (April 1995)

[Bearbeiten] Compilations

  • 1994: König von Deutschland – Das Beste von Rio Reiser (15. April 1994; König von Deutschland '94)
  • 1996: Balladen (8. Juli 1996)
  • 1997: Unter Geiern (Januar 1997; Doppel-CD Best of mit B-Seiten, Remixe)
  • 2000: Junimond – Die Balladen (26. Juni 2000)
  • 2000: Alles Lüge – Best
  • 2003: Zwischen Null und Zero (1. September 2003; Doppel-CD B-Seiten und Remixe)

[Bearbeiten] Live-Alben

  • 1999: Live in der Seelenbinder-Halle, Berlin/ DDR 1988 (8. November 1999)

[Bearbeiten] Sonstige Alben

  • 1998: Am Piano 1 (30. Oktober 1998)
  • 1999: Am Piano 2 (30. März 1999)
  • 2007: Rio Reiser singt Lieder von kleinen und großen Vorstadttigern (16. November 2007; bisher unveröffentlichte Songs aus Theaterstücken, Hörspielen u. ä.)

[Bearbeiten] Tribute-Alben

[Bearbeiten] DVD

  • 2003 Ton Steine Scherben - Land in Sicht (27. Januar 2003, Live in der Offenbacher Stadthalle am 30. Mai 1983)
  • 2005 Konzert, Videos, Interviews (14. März 2005; Live in der Seelenbinderhalle & alle Videos)

[Bearbeiten] Literatur

  • Rio Reiser & Hannes Eyber: König von Deutschland. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1997, Neuauflage Möbius Rekords, Berlin 2001, ISBN 3-00-007733-2.
  • Dirk Nishen (Hrsg.): Ton Steine Scherben: Geschichten, Noten, Texte und Fotos aus 15 Jahren. Neuauflage David Volksmund Produktion, 1997, ISBN 978-3-00-021702-9.
  • Hartmut El Kurdi: Schwarzrote Pop-Perlen. Wehrhahn Verlag, Hannover 2001, ISBN 3-932324-82-X.
  • Hartmut El Kurdi: Unter Geiern. In: Mein Leben als Teilzeit-Flaneur. Edition Tiamat, Berlin 2001, ISBN 3-89320-047-9.
  • Kai Sichtermann & Jens Johler & Christian Stahl: Keine Macht für Niemand. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2003, ISBN 3-89602-468-X.
  • Wolfgang Seidel: Scherben. Musik, Politik und Wirkung der Ton Steine Scherben. Ventil Verlag, Mainz 2005, ISBN 3-931555-94-1.
  • Hollow Skai: Das alles und noch viel mehr. Rio Reiser: die inoffizielle Biografie des Königs von Deutschland. Heyne, München 2006, ISBN 3-453-12038-8.

[Bearbeiten] Filme

  • Johnny West 1977, Spielfilm, R/B: Roald Koller, K: Bahram Manocheri – M: Winfried Lovett, The Manhattans, Darsteller: Rio Reiser, Kristina van Eyck, Jess Hahn, Karl Maslo, Rainer Weterfeldt, Birgit Bergen, V: Constantin
  • Nacht mit Chandler, Die 1979, Spielfilm, R/B: Hans Noever, K: Kurt Lorenz, Darsteller: Agnes Dünneisen, Rio Reiser, Thomas Schücke, Vania Vilers, Ray Verhaeghe, Remy Eyssen, Tommy Wiegand
  • Total Vereist 1980, Spielfilm, R/B: Hans Noever, B: Ursula Jeshel, Musik: Ton Steine Scherben Darsteller: Rio Reiser, Adam Alexander Kaz, Jürgen von Alten, Renate Reiche, Silvia Janisch, Kurt Raab, Hanns Zischler, Dominik Raacke
  • Im Herzen Eiszeit Spielfilm (aus der Reihe Tatort), P: Bayrischer Rundfunk, B: Peter Probst, R: Hans Noever, Musik: Rio Reiser, Darsteller: Rio Reiser, M. Nemec, U. Wachtveitl, R. Mosshammer
  • Der Pott 1988 Spielfilm (aus der Reihe Tatort), Musik: Rio Reiser, Darsteller: Rio Reiser, Götz George, M. Nemec, Sabine Postel, Leonard Lansik
  • Ich bieg' dir den Regenbogen 1997, biografischer Dokumentarfilm; 60 min, B/R: Peter Möbius, Hanno Brühl – P: WDR
  • Scherben in Friesland 2000, Film-Tagebuch (45 Min.) von Egon Heinrich Bunne über das bäuerliche Domizil der Scherben in Fresenhagen, durchsetzt mit raren Archivszenen aus den Jahren 1974 bis 1978 - P: NDR
  • Rio Reiser – König von Deutschland 2005, Regie: Stefan Paul, 86 min. Musikrevue/Theateradaption von Heiner Kondschak (Landestheater Tübingen) nach biographischen Daten zu Rio Reiser. Darsteller: Sören Wunderlich – mit zahlreichen musikalischen Interpretationen (Coverversionen) von Ton Steine Scherben- und Rio Reiser-Titeln. Erschienen bei Arsenal Filmverleih
  • Jan Plewka singt Rio Reiser. Eine Remininszenz an den König von Deutschland, 2006, Regie: Stefan Paul, ca. 95 min. Konzertmitschnitt von Jan Plewka und der Schwarz-Roten Heilsarmee im Deutschen Schauspielhais Hamburg. Erschienen bei Arsenal Filmverleih
  • Alles Lüge – Auf der Suche nach Rio Reiser 2007, Spielfilm mit dokumentarischen Ausschnitten (Interviews, Konzertmitschnitte); 85 min, Regie: Barbara Teufel, Darsteller: Marek Harloff, Jan Plewka, Jana Pallaske, P: SWR
  • Lass uns'n Wunder sein – auf der Suche nach Rio Reiser 2008, Regie: Stefan Paul. Dokumentation; 90 min. Mit Udo Lindenberg, Corny Littman, Achim Reichel, Stefan Kunze, Claudia Roth, Daniel Cohn-Bendit, R.P.S. Lanrue u.a. Erschienen bei Arsenal Filmverleih

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. a b Bernd-Ulrich Hergemöller: Mann für Mann – Ein biographisches Lexikon, Suhrkamp Taschenbuch, Hamburg 2001, ISBN 3-518-39766-4
  2. http://rs49163.itsaserver.org/RioBio__Durch_die_Wolken__Sony_2002.pdf
  3. a b Hollow Skai im Booklet zu Unter Geiern
  4. zitiert nach http://www.riolyrics.de/artikel/id:503
  5. 26. August 1996, Der Spiegel, Ausgabe 35/1996, Seite 194)

[Bearbeiten] Weblinks

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