Rio Reiser

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Rio Reiser (* 9. Januar 1950 in Berlin; † 20. August 1996 in Fresenhagen, Nordfriesland; bürgerlich Ralph Christian Möbius) war ein deutscher Sänger, Musiker, Komponist, Liedtexter und Schauspieler.

Reiser war von 1970 bis 1985 Sänger und Haupttexter der Band Ton Steine Scherben. Nach der Auflösung der Band setzte er seine musikalische Karriere als Solokünstler fort. Zu seinen bekanntesten Liedern gehören Macht kaputt, was euch kaputt macht, Keine Macht für Niemand und die Hausbesetzer-Hymne Rauch-Haus-Song mit Ton Steine Scherben sowie König von Deutschland und Junimond aus seiner Solozeit.

Leben[Bearbeiten]

Berliner Gedenktafel am Haus, Tempelhofer Ufer 32, in Berlin-Kreuzberg

Herkunft[Bearbeiten]

Sein Vater war Ingenieur für Kartonverpackungen bei der Siemens AG, die Familie musste mehrmals infolge seiner Versetzung umziehen. So lebte diese in West-Berlin, Traunreut/Oberbayern, Nürnberg, Brühl bei Mannheim, Stuttgart und Rodgau/Nieder-Roden. Reiser scheiterte angeblich daran, „sich an irgendeinem dieser Orte zu Hause zu fühlen“. In einem Interview, das erst nach seinem Tod 1998 über den Fernsehsender ARTE ausgestrahlt wurde, äußerten einige seiner Freunde die Vermutung, dass „Reiser mit der Musik begann, um diesen Verlust zu kompensieren“.

Jugend[Bearbeiten]

Reiser war seinen Freunden als Mensch mit einem eigenen Kopf bekannt; beispielsweise überredete er seine Mutter Erika Möbius dazu, die Schule abbrechen zu dürfen, um stattdessen eine Ausbildung in einem Fotografenstudio in Offenbach-Bieber zu machen. Sie hielt ihn für einen Autodidakten, der niemals etwas lernte, was ihm von anderen beigebracht würde. Er brachte sich selbst das Cello-, Gitarre- und Klavierspielen sowie weitere Instrumente bei.

Seinen bürgerlichen Namen änderte er in Anlehnung an die Hauptfigur des psychologischen Romans Anton Reiser von Karl Philipp Moritz in Rio Reiser. Während seiner Jugendjahre war Reiser ein großer Fan der Beatles und später der Rolling Stones.

1970 hatte er sein Coming-out und stand ab da offen zu seiner Homosexualität. Allerdings wurde dieser Umstand erst mit Beginn seiner Solokarriere zu einem öffentlichen Thema. Spätestens ab 1986 begann Reiser in Interviews und Talkshows dazu Stellung zu nehmen.[1]

Musikkarriere[Bearbeiten]

Anfänge[Bearbeiten]

Im Januar 1966 fragte R.P.S. Lanrue, der spätere Gitarrist, Komponist und Mitbegründer von Ton Steine Scherben, Rio Reiser, ob er in seiner Gruppe mitsingen wolle. Die Band hieß Beat Kings und coverte hauptsächlich Beatmusik. Noch im selben Jahr gründeten Reiser und Lanrue gemeinsam die Rockband De Galaxis, in welcher sie ab und zu auch eigene Stücke spielten. Später brach Reiser seine Ausbildung in dem Fotostudio in Offenbach-Bieber ab, um nach West-Berlin zu ziehen. Dort komponierte er im Auftrag seiner Brüder die Lieder für die erste Beat-Oper, der kein kommerzieller Erfolg beschieden war.

Ton Steine Scherben[Bearbeiten]

Hauptartikel: Ton Steine Scherben

1970 gründete Reiser zusammen mit seinem Freund R.P.S. Lanrue sowie mit Kai Sichtermann und Wolfgang Seidel die Band Ton Steine Scherben. Im selben Jahr hatte die Gruppe den ersten Liveauftritt auf dem von Beate Uhse gesponserten Love-and-Peace-Festival. Mit den beiden im Selbstvertrieb erschienenen Alben Warum geht es mir so dreckig (1971) und vor allem Keine Macht für Niemand (1972) brachten die Scherben die Zustände, Gedanken und Strömungen der radikalisierten Linken im West-Deutschland nach 1968 auf den Punkt. „Agitrock“ nannte man das, eine Mischung aus politischer Agitation und Rockmusik mit deutschen Texten. Die Band erlangte schnell Kultstatus und lieferte beispielsweise mit dem Rauch-Haus-Song den Soundtrack zur linken Hausbesetzer-Szene in Berlin-Kreuzberg und anderen westdeutschen Städten, in denen sie auftraten. Im Anschluss an Ton-Steine-Scherben-Konzerte kam es meist vor Ort zu einer Hausbesetzung.

Als sich die Scherben zunehmend als „Jukebox der Linken“ in Berlin missbraucht sahen, zogen sie aufs Land – nach Fresenhagen.[2] Dort entstand 1975 das Doppelalbum Wenn die Nacht am tiefsten … – eine Abkehr von den Politparolen der Anfangszeit und eine Hinwendung zu privaten, melancholischen Themen – bevor die Band eine langjährige Auszeit nahm, jedoch weiter als Kommune zusammenlebte. In dieser Zeit entstanden Hörspiele, Kinderplatten und musikalische Beiträge für Theaterstücke der schwulen Theatergruppe Brühwarm (u. a. mit Corny Littmann), wie beispielsweise Mannstoll und Entartet.[1]

1981 kam es zu einem Comeback mit der düsteren Doppel-LP IV, mit der sich die Band endgültig von ihrem Status als „Polit-Combo“ löste (jeder der 22 Songs nimmt Bezug auf jeweils eine der 22 Tarot-Karten). Um das Album zu bewerben, entschied man sich nach Jahren der Live-Abstinenz, wieder ausgedehnt auf Tour zu gehen. Die Resonanz war positiv und die Tournee größtenteils ausverkauft. Aufgrund der Fehlkalkulation eines externen Tourmanagers konnten die Kosten für die Licht- und Tonanlage sowie die teilweise luxuriösen Unterkünfte bei Eintrittspreisen unter 10 DM nicht eingespielt werden; die Band stand am Ende mit einem Verlust von ca. 300.000 DM da. Das neue Management von Claudia Roth und Misha Schoeneberg sollte helfen, den Schuldenberg abzutragen. Nachdem die eher eingängige LP Scherben 1983 raus war, folgte Tournee auf Tournee (u. a. auch im Wahlkampf für die Grünen).

1985 löste sich die Band nach der Veröffentlichung des bis dahin einzigen „Live“-Albums Live in Berlin 84 unter anderem wegen der finanziellen Misere auf.

Solokarriere[Bearbeiten]

Ton Steine Scherben und Rio Reiser hatten rund 200.000 DM Schulden, sie konnten und wollten sich aber als „Ikone der Linken“ nicht an „die Industrie“ verkaufen. Annette Humpe (Ex-Ideal), die 1984 bereits Rios erste Single Dr. Sommer/B-Seite produziert hatte, stellte den Kontakt zu George Glueck (Reisers späterem Manager) her.

Udo Arndt produzierte zusammen mit Annette Humpe 1985/86 Reisers erstes Soloalbum Rio I. für die CBS. Das Album baute auf den zahlreichen Demos auf, die die Scherben für eine mögliche weitere LP aufgenommen hatten. Reisers Solo-Karriere begann mit seinen beiden größten Hits König von Deutschland und Junimond und war so erfolgreich, dass er nach kurzer Zeit schuldenfrei war.

Viele Fans von Ton Steine Scherben konnten (und wollten) es allerdings nicht gutheißen, dass Reiser als Idol der linksalternativen Szene ein kommerziell erfolgreicher Musiker im Fahrwasser der NDW sein sollte. Dabei verkannten sie, dass die meisten der Lieder, die Reiser im Laufe seiner Solokarriere aufgenommen und gespielt hat, alte Scherben-Lieder waren (Junimond, Menschenfresser, Jetzt schlägt’s Dreizehn, Irrenanstalt und König von Deutschland wurden schon 1976 live gespielt). Nur waren sie hier glatter, gefälliger oder besser produziert. Eingespielt wurden die Platten allerdings von einer Reihe professioneller Studiomusiker (anstatt wie bisher im Kollektiv). Bei den Live-Auftritten wurde Reiser von zahlreichen Musikern aus dem Scherben-Umfeld begleitet, so spielte R.P.S. Lanrue bis 1988 in Rios Live-Band.

1986 beendete Rio Reiser mit einer Allstar-Band (u. a. mit Herbert Grönemeyer, den Rodgau Monotones, den Toten Hosen und Herwig Mitteregger) vor über 100.000 Zuschauern das Anti-WAAhnsinns-Festival. Als letztes Lied spielte er allein am Klavier eine Version von Somewhere over the Rainbow.

Die Nachfolge-LP Blinder Passagier (1987) bzw. deren Verkauf konnte die hohen Erwartungen nicht erfüllen, die das Debüt geweckt hatte. Statt stur einen Nachfolge-Hit für König von Deutschland zu produzieren, schrieb Reiser neben Rocksongs lieber Seemanns-, Sehnsuchts- und Schlaflieder. Die Tournee zum Album war trotzdem ein voller Erfolg und führte ihn im Oktober 1988 für zwei Konzerte auf Einladung der FDJ nach Ost-Berlin.

Das Konzert, für das Reiser noch ein paar Scherben-Klassiker mehr als üblich ins Programm genommen hatte (und das mit Alles Lüge begann), wurde aufgezeichnet und in der Sendung DT 64 ausgestrahlt. Allerdings fehlte bei der Ausstrahlung der Scherben-Song Der Traum ist aus: Die Zeile „Gibt es ein Land auf der Erde, wo der Traum Wirklichkeit ist? […] Ich weiß es wirklich nicht – Ich weiß nur eins, und da bin ich sicher: Dieses Land ist es nicht!“ – ursprünglich der Bundesrepublik gewidmet – wurde von tausenden Ost-Berlinern „mehr mitgebrüllt als mitgesungen“ und zeigte ein Jahr vor der Wende, wie wenig sich die anwesenden Zuhörer mit ihrem Staat identifizieren wollten. Als Vorgruppe spielte Lutz Kerschowski, der später als Gitarrist in Rios Band spielte und heute als sein musikalischer Nachlassverwalter tätig ist.

Nach einem Gastauftritt mit Band (und drei Songs für den Soundtrack) im Schimanski-Tatort Der Pott 1989 ging Reiser mit seiner dritten LP *** (Sternchen; 1990) neue musikalische Wege. Produziert von Udo Arndt und Reinhold Heil – als „Die Kuhjaus“ (angelehnt an den Fälscher Konrad Kujau) – verzichtete es weitgehend auf rockige Töne zugunsten von elektronischen Klängen und gesampelten Streichern. Die LP enthält mit Zauberland ein Lied, welches als Abgesang auf die untergehende DDR verstanden wurde. Es war jedoch schon Jahre zuvor geschrieben und bereits 1988 auf Konzerten gespielt worden.

1990 erhielt Reiser aufgrund seiner kompositorischen Leistungen im Bereich Deutschsprachige Musik den Fred-Jay-Preis für seine Kompositionen für Marianne Rosenberg.

1991 erschien das Album Durch die Wand, mit dem Rio zu ungeschliffenen rockigen Tönen zurückkehrte. Die Kritiken waren überaus positiv, das Publikumsinteresse hielt sich jedoch in Grenzen. Darüber hinaus musste die geplante Tournee aufgrund des sich verschlechternden Gesundheitszustandes des Sängers abgesagt werden.

Im November 1991 sollte Reiser in der Talkshow Holgers Waschsalon von Holger Weinert auftreten, stattdessen brannte er am Tag der Aufzeichnung mit seinem neuen Freund durch.[3]

Beim Heute Die-Morgen Du-Konzert in Frankfurt am Main 1992 trat Reiser zusammen mit einigen der bekanntesten deutschen Gruppen auf und begleitete Marianne Rosenberg am Klavier zu Der Traum ist aus. Für diesen Anlass schrieb er (und spielte diesen dann auch) gemeinsam mit Ulla Meinecke den Song „Zeitreise“ – später veröffentlicht als „13. Dezember“.

Annette Humpe produzierte 1993 das Album Über Alles. Es überraschte mit einer „Volksmusik aus Beat, Polka, Ventures-Gitarren, Westcoast, Shanties und Bob Dylan“ sowie mit „Rave- und House-Soundelementen“.[4] Die Platte enthält mit Irrenanstalt einen Song, der zwar für die Theatergruppe „Brühwarm“ geschrieben wurde und bereits 1977 erschienen war, der sich aber auch im Live-Repertoire der Scherben fand.

1994 erschien die in Zusammenarbeit mit Hannes Eyber entstandene Autobiografie König von Deutschland, die – von kurzen Schlaglichtern abgesehen – seine Solokarriere ausspart. Etwa zeitgleich spielte er seinen größten Hit König von Deutschland mit teilweise neuem Text für das gleichnamige Best Of-Album neu ein.

Gedenktafel am Malzhaus in Plauen: hier fand Rio Reisers letztes Konzert statt

Reisers sechste und letzte Soloplatte heißt Himmel und Hölle und war zugleich das letzte Album, das er bei Sony veröffentlichte. 1995 sollte ursprünglich nur der Song Träume als Titellied für den Münchener Tatort Im Herzen Eiszeit aufgenommen werden, in dem Rio eine Hauptrolle spielte. Man entschied sich aber kurzerhand, ein ganzes Album aufzunehmen. Eingespielt wurde die Platte von der gleichen Studiobesetzung, die schon bei Reisers Debütalbum 1986 mitwirkte. „Eine der schönsten und zugleich düstersten Platten aus deutschen Landen“, urteilte Hollow Skai. Im Song Hoffnung singt Rio Reiser zehn Jahre nach König von Deutschland und nur wenige Monate vor seinem Tod: „Nehmt mir die Krone ab, die mich erdrückt, nehmt mir die Krone weg, nehmt sie zurück. Ich weiß, irgendwo ist da ein Licht, doch ich kann euch nicht führen, denn ich weiß den Weg nicht“.

Im Frühsommer 1996 begab sich Reiser trotz seines schlechten Gesundheitszustands auf Deutschland-Tour, die auch mehrere Open-Air-Konzerte in Berlin vorsah. Aber kurz vor dem ersten geplanten Auftritt musste die Tour abgebrochen werden. Rio Reiser gab sein letztes offizielles Konzert am 24. Mai 1996 im ausverkauften „Malzhaus“ in Plauen/Vogtland. Seit seinem Tod wird an diesem Ort Rios letzter Auftritt mit einer Gedenktafel gewürdigt. Fünf Tage vor seinem Tod teilte er R. P. S. Lanrue mit, dass er seine nächste Platte wieder bei der hauseigenen David Volksmund Produktion herausbringen wollte, um wieder unabhängig zu sein.

Tod[Bearbeiten]

Das Grab von Rio Reiser in Berlin

Rio Reiser starb am 20. August 1996 im Alter von 46 Jahren an Kreislaufversagen aufgrund innerer Blutungen (Ösophagusvarizen).

Die Bemühungen von Lanrue und der Familie um eine Sondergenehmigung, Reiser auf seinem Privatgrundstück begraben zu dürfen, wurden nicht nur vom Kreis Nordfriesland, sondern auch von der damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin Heide Simonis unbürokratisch unterstützt. Nachdem sie die Genehmigung erteilt hatte, konnte Reiser auf dem Grundstück Fresenhagen 11 beigesetzt werden. Das Grab wurde zur Pilgerstätte. Sein Haus wurde als Rio-Reiser-Haus bekannt und diente als Tagungsort und Studio für Kulturschaffende. Nach dem Verkauf des Hofes in Fresenhagen wurde der Leichnam Reisers am 11. Februar 2011 auf den Berliner Friedhof Alter St.-Matthäus-Kirchhof Berlin umgebettet.[5] Reisers Grabstein sowie der Grabschmuck sind mit nach Berlin gezogen und weisen nun dort auf seine letzte Ruhestätte hin.[6] Das alte Grab in Nordfriesland wurde eingeebnet.

Gedenken[Bearbeiten]

Heute kümmern sich Reisers Brüder Peter Möbius und Gert Möbius (mit dem Rio-Reiser-Archiv/Möbius Rekords) um das Gedenken des Künstlers.

Mit einem Gedenkkonzert im Berliner Tempodrom nahmen am 1. September 1996 neben anderen seine alte Band Ton Steine Scherben, die Einstürzenden Neubauten, Engerling, Nationalgalerie, Pe Werner, Ulla Meinecke, Marianne Rosenberg, Lutz Kerschowski, Herbert Grönemeyer, Keimzeit, Haindling, Tim Fischer, Freygang und John Banse Abschied von Rio Reiser. Moderiert wurde der Abend von Corny Littmann.

Von Januar bis März 2010 fand im Schwulen Museum in Berlin anlässlich des 60. Geburtstags Reisers eine Ausstellung über sein Leben sowie sein Lebenswerk statt.[7]

Rio-Reiser-Weg in Unna

Im Jahr 2012 kam es im westfälischen Unna zu einem politischen Streit, nachdem aus der Bürgerschaft der Antrag gestellt wurde, eine Straße nach Rio Reiser zu benennen.[8][9] Am 17. August 2012 wurde dann die Straße am Kulturzentrum Lindenbrauerei nach Rio Reiser benannt.[10] Auf dem benachbarten Platz der Kulturen fand 2013 in Anlehnung an die Festivals in Fresenhagen eintägig das 2. Rio-Reiser-Fest Unna als Open-Air-Veranstaltung statt, das in den kommenden Jahren als zweitägige Veranstaltung, verbunden mit einem Song-Contest, weitergeführt werden soll.

Enthüllung der Gedenktafel an seinem ehemaligen Wohnort in Berlin Kreuzberg

Anlässlich des 17. Todestages von Rio Reiser, dem 20. August 2013, wurde am Tempelhofer Ufer 32 in Berlin auf Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg im Beisein des Chefs der Berliner Senatskanzlei, Björn Böhning, zweier Gründungsmitglieder von Ton Steine Scherben, der Berliner Geschichtswerkstatt und Reisers Bruder Gert Möbius eine Berliner Gedenktafel enthüllt.[11] Das Projekt wird unterstützt von der Historischen Kommission Berlin, der Berliner Geschichtswerkstatt, und der GASAG.[12]

Theater / Film[Bearbeiten]

Rio Reiser war wie seine älteren Brüder Peter und Gert Möbius schauspielerisch tätig – so unter anderem bei Hoffmanns Comic Teater und den Roten Steinen (einem Berliner Lehrlingstheaterkollektiv). 1977 bekam Rio Reiser für seine erste Filmrolle in dem Film Johnny West den Bundesfilmpreis in Gold. Ursprünglich war Herbert Grönemeyer für die Rolle vorgesehen; aufgrund befürchteter amouröser Verwicklungen Grönemeyers mit der Hauptdarstellerin, der Freundin des Regisseurs, wurde die Rolle mit Rio Reiser besetzt.

Gemeinsam mit Lanrue schrieb er Musik und Texte für zahlreiche Theaterstücke, u. a. für das schwule Jugendtheater Brühwarm. Reiser schrieb darüber hinaus Musik für unzählige Bühnenstücke, zum großen Teil für seinen Bruder Peter Möbius. Ein Teil der so entstandenen Kompositionen wurde 2007 mit der CD Rio Reiser singt Lieder von kleinen und großen Vorstadttigern veröffentlicht.

Zusammen mit Armin Petras, der ihn bereits in Berlin als Schauspieler inszeniert hatte, und Philipp Stölzl sollte das Musical Knock Out Deutschland 1994 im Vorprogramm eines WM-Kampfes von Henry Maske in Frankfurt (Oder) uraufgeführt werden. Dazu kam es allerdings nicht, Maskes Trainer Manfred Wolke erwirkte eine einstweilige Verfügung, da er sich verunglimpft sah.[3] Das Musical hatte am 15. Oktober 1994 an den Städtischen Theatern Chemnitz Premiere.[13]

1995 spielte Reiser in dem Tatort des Bayerischen Rundfunks Im Herzen Eiszeit (zusammen mit Rudolph Moshammer) einen ehemaligen Hausbesetzer, welcher sich nach seiner Entlassung nach elf Jahren Haft in einer für ihn fremd gewordenen Welt zurechtfinden muss. Für den Film komponierte Reiser auch den Titelsong Träume.

Künstlerisches Vermächtnis[Bearbeiten]

Parallel zu Ton Steine Scherben und seiner Solo-Karriere arbeitete Rio Reiser auch als Produzent und Co-Produzent unter anderem für Brühwarm, Wolfgang Michels, Die Stricher und seinen langjährigen Freund Misha Schoeneberg. Als Texter wirkte Rio Reiser unter anderem für Marianne Rosenberg, Wolfgang Michels (mit dem er an drei LPs und diversen Liedern, so u. a. Bald zuhause vom Familienalbum, Ich bin müde – gecovert von Fettes Brot, Herzverloren, zusammenarbeitete), Klaus Lage, Kralle Krawinkel (Ex-Trio) und Uwe Ochsenknecht.

Rio Reisers Kompositionen beeinflussten eine Reihe von Musikern. Echt, Fettes Brot und Jan Delay, die mit ihren Coverversionen von Junimond, Ich bin müde (vom Wolfgang-Michels-Album Keine Probleme) und Für immer und Dich Hits landeten und Bands wie Freundeskreis mit Halt Dich an Deiner Liebe fest sind hier zu nennen.

Heute nennen zahlreiche deutschsprachige Bands Reiser als Vorbild, so etwa Wir sind Helden. Diese coverten auf ihren Konzerten ebenfalls Halt Dich an Deiner Liebe fest und waren mit dem Lied neben vielen anderen (z. B. Klee, Fettes Brot, Söhne Mannheims, Wolfgang Michels, Annett Louisan, Christina Stürmer, Freundeskreis) auf den beiden Tribute-Samplern Familienalbum vertreten.

Eine ganz besondere Version von Übers Meer, gesungen von Herbert Grönemeyer, findet sich auf dem Album Abschied von Rio, das wenige Tage nach Reisers Tod im Berliner Tempodrom aufgezeichnet wurde.

„Ich habe noch nie jemanden in Deutschland singen gehört und gesehen, der wie Rio in der Lage war, innerhalb von Sekunden eine intime Beziehung, geradezu eine Liebesbeziehung, mit jedem einzelnen seiner Zuhörer aufzubauen.

Singen vor Publikum ist eine eigenartige Beschäftigung: Man kann das Blut, das man den Menschen entzieht, wie ein Vampir schlucken, oder man kann es verwandeln und zurückgeben.

Rio Reiser strahlte Kraft und Macht aus, die er vom Publikum bekam, und er gab sie wieder zurück. Charisma ist eine Fähigkeit, die sich nicht erlernen läßt, und sie hat nichts mit Image und bloßer Bühnenpräsenz zu tun. Selbst bei einem banalen Song konnte er irgendein bestimmtes Wort so singen, daß es einem kalt den Rücken runterlief.“

Nachruf von Blixa Bargeld im Spiegel[14]

Politisches Engagement[Bearbeiten]

Albumcover von Keine Macht für Niemand

Der erste Auftritt der Scherben sollte Maßstäbe setzen. Beim Love-and-Peace Festival 1970 auf Fehmarn forderte Rio Reiser die verbliebenen Zuschauer auf, den Veranstalter „ungespitzt in den Boden zu hauen“, worauf ihm diese zu den Klängen von Macht kaputt, was euch kaputt macht Folge leisten sollten.

Obwohl sie nach herkömmlichen „Majorfirmen“-kommerziellen Maßstäben nicht erfolgreich waren, hatten und haben Lieder wie Die letzte Schlacht gewinnen wir, Der Traum ist aus, Keine Macht für Niemand und Macht kaputt, was euch kaputt macht politischen Einfluss auf die deutsche Linke nach 1968: Aufrufe zur Revolution, Utopien eines friedlichen Zusammenlebens, eines menschlichen Miteinanders. Parolen aus der Zeit und Textfragmente finden sich noch im heutigen Sprachgebrauch wieder.

Die Hymne Keine Macht für Niemand wurde nach Reisers eigenen Angaben von den Mitgliedern der späteren Bewegung 2. Juni um Fritz Teufel in Auftrag gegeben und nicht wie oftmals behauptet von der RAF. Das Auftragswerk stieß allerdings auf wenig Begeisterung und wurde nicht abgenommen.[15]

Wohnhaus in Fresenhagen

Reiser und die Scherben, bereits im friesischen Exil, wurden gebeten, 1976 den Wahlkampf der SPD musikalisch zu unterstützen. Rio schrieb aus diesem Anlass einige Songs, weigerte sich aber unter dem Namen Ton Steine Scherben aufzutreten, da er Kritik aus den Reihen der radikalen Linken fürchtete. Im Bundestagswahlkampf 1983 spielten die Scherben für die Grünen. 1987 engagierte sich Reiser, diesmal solo, erneut im Wahlkampf für die Grünen.

1990 wurde Rio Reiser Mitglied der PDS. Als Motiv führte er in Interviews an, dass er sich „immer für Außenseiter eingesetzt“ habe. Die PDS benutzte sein König von Deutschland, gesungen von einem Kinderchor, als Wahlkampfsong, was unter anderem dazu führte, dass das Original kaum mehr im Radio gespielt und der Videoclip von VIVA boykottiert wurde.[16]

Diskografie und Chartplatzierungen[Bearbeiten]

Chartplatzierungen
Erklärung der Daten
Alben[18]
Rio I.
  DE 26 16.06.1986 (17 Wo.)
Blinder Passagier
  DE 42 12.10.1987 (3 Wo.)
Über Alles
  DE 81 06.09.1993 (4 Wo.)
Das Beste von Rio Reiser
  DE 77 16.05.1994 (6 Wo.)
Junimond – Die Balladen
  DE 57 24.07.2000 (9 Wo.)
Familienalbum
  DE 45 10.11.2003 (3 Wo.) [17]
[17]

Studio-Alben[Bearbeiten]

  • 1986: Rio I. (November 1986)
  • 1987: Blinder Passagier (15. September 1987)
  • 1990: *** (2. April 1990)
  • 1991: Durch die Wand (Juli 1991)
  • 1993: Über Alles (20. August 1993)
  • 1995: Himmel und Hölle (März 1995 Wieder-VÖ 28. Januar 2002)

Singles[Bearbeiten]

  • 1984: Dr. Sommer (März 1984)
  • 1986: Alles Lüge (Mai 1986)
  • 1986: Junimond (August 1986)
  • 1986: König von Deutschland (Oktober 1986)
  • 1986: Für immer und dich (November 1986)
  • 1987: Blinder Passagier (August 1987)
  • 1988: Manager (Januar 1988)
  • 1988: Ich denk an dich (Mai 1988)
  • 1989: Über Nacht (1989 – Tatort-Titelsong Der Pott)
  • 1990: Geld (März 1990)
  • 1990: Zauberland (Juni 1990)
  • 1991: Jetzt schlägt’s 13 (Juni 1991)
  • 1991: Nur dich (November 1991)
  • 1993: Nimmst du mich mit (August 1993)
  • 1993: Inazitti (Dezember 1993)
  • 1994: König von Deutschland #94 (März 1994)
  • 1995: Straße (April 1995)

Kompilationen[Bearbeiten]

  • 1994: König von Deutschland – Das Beste von Rio Reiser (15. April 1994; König von Deutschland ’94)
  • 1996: Balladen (8. Juli 1996)
  • 1997: Unter Geiern (Januar 1997; Doppel-CD Best of mit B-Seiten, Remixe)
  • 2000: Junimond – Die Balladen (26. Juni 2000)
  • 2000: Alles Lüge – Best
  • 2003: Zwischen Null und Zero (1. September 2003; Doppel-CD B-Seiten und Remixe)

Live-Alben[Bearbeiten]

  • 1999: Live in der Seelenbinder-Halle, Berlin/ DDR 1988 (8. November 1999)

Sonstige Alben[Bearbeiten]

  • 1998: Am Piano 1 (30. Oktober 1998)
  • 1999: Am Piano 2 (30. März 1999)
  • 2007: Rio Reiser singt Lieder von kleinen und großen Vorstadttigern (16. November 2007; bisher unveröffentlichte Songs aus Theaterstücken, Hörspielen u. ä.)

Tribute-Alben[Bearbeiten]

DVD[Bearbeiten]

  • 2003: Ton Steine Scherben – Land in Sicht (27. Januar 2003, Live in der Offenbacher Stadthalle am 30. Mai 1983)
  • 2005: Konzert, Videos, Interviews (14. März 2005; Live in der Seelenbinderhalle & alle Videos)

Filme[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Rio Reiser und Hannes Eyber: König von Deutschland. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1997, Neuauflage Möbius Rekords, Berlin 2001, ISBN 3-00-007733-2.
  • Dirk Nishen (Hrsg.): Ton Steine Scherben: Geschichten, Noten, Texte und Fotos aus 15 Jahren. Neuauflage David Volksmund Produktion, 1997, ISBN 978-3-00-021702-9.
  • Dirk Ducar: Reiser, Rio. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 21, Duncker & Humblot, Berlin 2003, ISBN 3-428-11202-4, S. 389 f. (Digitalisat).
  • Hartmut El Kurdi: Schwarzrote Pop-Perlen. Wehrhahn Verlag, Hannover 2001, ISBN 3-932324-82-X.
  • Hartmut El Kurdi: Unter Geiern. In: Mein Leben als Teilzeit-Flaneur. Edition Tiamat, Berlin 2001, ISBN 3-89320-047-9.
  • Kai Sichtermann & Jens Johler & Christian Stahl: Keine Macht für Niemand. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2003, ISBN 3-89602-468-X.
  • Wolfgang Seidel: Scherben. Musik, Politik und Wirkung der Ton Steine Scherben. Ventil Verlag, Mainz 2005, ISBN 3-931555-94-1.
  • Hollow Skai: Das alles und noch viel mehr. Rio Reiser: die inoffizielle Biografie des Königs von Deutschland. Heyne, München 2006, ISBN 3-453-12038-8.

Filme[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. a b Bernd-Ulrich Hergemöller: Mann für Mann – Ein biographisches Lexikon, Suhrkamp Taschenbuch, Hamburg 2001, ISBN 3-518-39766-4.
  2. vgl. Rio Reisers Residenz – Nichts als Scherben, 1. Februar 2010, taz.de.
  3. a b Hollow Skai im Booklet zu Unter Geiern
  4. zitiert nach http://www.riolyrics.de/artikel/id:503
  5. news.de vom 11. Februar 2011, abgerufen am 11. Februar 2011.
  6. tagesspiegel.de
  7. Tagesspiegel:Lange Haare machen schwul
  8. http://www.wz-newsline.de/home/panorama/namensstreit-was-rio-reiser-mit-unna-zu-tun-hat-1.1012216 wz-online,gesichtet 15. Juni 2012.
  9. DerWesten.de, gesichtet 15. Juni 2012
  10. Welt Online, gesichtet 18. August 2012
  11. Böhning: Berlin gedenkt Rio Reisers In: berlin.de, Pressemitteilung des Berliner Senats vom 19. August 2013, abgerufen am 20. August 2013.
  12. Gedenktafel für Rio Reiser in Berlin enthüllt. Berliner Zeitung, abgerufen am 20. August 2013.
  13. in-chemnitz.de
  14. 26. August 1996, Der Spiegel, Ausgabe 35/1996, S. 194.
  15. Rio Reiser in der NDR-Talkshow 1995 auf YouTube, gesichtet 12. April 2013.
  16. Hollow Skai: Rio gegen den Rest der Welt Rolling Stone 5/1995.
  17. a b Familienalbum in den deutschen Charts
  18. Chartquellen: Platzierungen / Details

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rio Reiser – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikiquote: Rio Reiser – Zitate