Incel

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Incel (Kofferwort aus involuntary, dem englischen Wort für ‚unfreiwillig‘, und celibacy, dem englischen Wort für ‚Zölibat‘) ist die Selbstbezeichnung einer Internet-Subkultur von überwiegend weißen, heterosexuellen Männern, die unfreiwillig keinen Geschlechtsverkehr haben und der Ideologie einer hegemonialen Männlichkeit anhängen. Überzeugungen und Gefühle, die Incels ausdrücken, sind geprägt von Misogynie, dem Anspruch ein Recht auf Sex zu haben, Selbstmitleid und der Billigung von Gewalt gegen Frauen und sexuell erfolgreiche Männer.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Terminus „Incel“ war ursprünglich rein deskriptiv und geht zurück auf eine kanadische Studentin, die 1997 mit der Online-Selbsthilfegruppe „Alana's Involuntary Celibacy Project“ schüchternen Menschen aller Sexualitäten ein Forum geben wollte. Nachdem sie es im Jahr 2000 verlassen hatte, entwickelte es sich zu einem Hassforum heterosexueller Männer, die den Terminus als Selbstbeschreibung übernahmen. Die Szene wird der antifeministischen Männerrechtsbewegung zugerechnet, die besonders stark im Netz vertreten ist. Von einem Aktivismus für Männerrechte unterscheidet sie sich dadurch, dass ihre Anhänger Frauenfeindlichkeit in Verbindung mit Gewaltfantasien oder rassistischen Einstellungen propagieren.[1]

Incels betrachten sich oft als Männer zweiter Klasse, die sich von Frauen zurückgewiesen fühlen, aber überzeugt sind, dass ihnen Sex zusteht. Oder sie sind gescheiterte „Pick-Up Artists“, für die Frauen zu Feinden ihrer sexuellen Bedürfnisse geworden sind. Sie sprechen von Frauen auch als „Femoids“ oder „Female Humanoid“, weibliche Roboter.[2][3][4] In den USA haben sich tausende Incels in Online-Communitys zusammengeschlossen, wie in „The Red Pill“, einem Kanal der Forengemeinschaft Reddit, dem Subforum „PhilosophyOfRape“, wo „korrektive Vergewaltigung von Feministinnen“ diskutiert wurde, oder auf 4chan und weiteren.[4] Wird ein Forum geschlossen, finden sich die „Incels“ in einem anderen zusammen.[5] Ausgehend von den USA und Kanada hat sich das Phänomen mittlerweile über den gesamten englischsprachigen Raum verbreitet. Die Rhetorik ist zunehmend extremer geworden, die Szene hat sich politisch radikalisiert und weist Überschneidungen und Verbindungen mit dem Rechtsnationalismus auf, der sich in den USA vor allem in der Alt-Right-Bewegung formiert.[6] Laut dem Southern Poverty Law Center ist Frauenfeindlichkeit mehr und mehr zur „Einstiegsdroge für Extremisten“ geworden.[7]

In den Fokus der Medien geriet die Incel-Szene erst nach der Amokfahrt in Toronto 2018. Der Attentäter war ein bekennender Incel. Er hatte zuvor auf Facebook von der „Incel Rebellion“ geschrieben und auf Elliot Rodger, den Täter des Amoklaufs von Isla Vista, verwiesen, der von Teilen der Incel-Community als Held gefeiert wird.[8][9] Im November 2018 drang ein 40-jähriger Mann in ein Yoga-Studio in Florida ein und erschoss zwei Frauen, bevor er sich selbst tötete. In Youtube-Videos hatte er sich als Incel und Sympathisant von Rodger bekannt, Hass auf Frauen und rechtsextreme Ansichten geäußert. Bereits als Schüler hat er Texte geschrieben, in denen er fantasierte, Frauen zu vergewaltigen und zu töten.[7] Im Zusammenhang mit diesen Taten wird der Massenmord von Anders Behring Breivik, der neben muslimfeindlichen Motiven auch aus Frauenverachtung gehandelt hat, diskutiert.[6] Das ideologische Rüstzeug würden vor allem die maskulinistischen und männerrechtlichen Bewegungen liefern, so der Sozialpsychologe Rolf Pohl. „Sie sind die Theorie, der Hass und die Gewaltbereitschaft sind die Praxis.“[10]

Im deutschsprachigen Raum ist eine Szene mit diesem Namen nicht bekannt. Doch wird auf Plattformen und in Foren von antifeministischen Männerrechtlern ebenfalls radikaler Frauenhass verbreitet.[11] Ein Monitoring spezifischer Hassformen im Netz, die sich gegen Frauen richten, fehlt bislang.[12]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Spielfilm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • A Young Man With High Potential (Thriller), Regie: Linus de Paoli, Deutschland 2019[13]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zoe Williams: ‘Raw hatred’: why the 'incel' movement targets and terrorises women, The Guardian, 25. April 2018
  2. Philipp Bovermann: Amokfahrt von Toronto. Was ist ein "Incel"? Süddeutsche Zeitung, 25. April 2018
  3. Rachel Janick: "I laugh at the death of normies": How incels are celebrating the Toronto mass killing, Southern Poverty Law Center, 24. April 2018
  4. a b Veronika Kracher: Gekränkte Männlichkeit. In: Jungle World. 3. Januar 2019, abgerufen am 8. Juli 2019.
  5. Frauenhass: Reddit schließt „Männergruppe“ mit 40.000 Mitgliedern – derStandard.de
  6. a b Inga Barthels: Frauenhass und Rechtsnationalismus. Die Rache verunsicherter Männer, Der Tagesspiegel, 20. März 2019
  7. a b Steve Hendrix: How male supremacy fueled an incel attack on a florida yoga studio, The Washington Post, 7. Juni 2019
  8. Michael Schilliger: Der Amokfahrer von Toronto war ein Incel – aber was ist das eigentlich? Eine Erklärung. NZZ, 25. April 2018
  9. Tilman Richter: Der Hass der „Incels“. Männer ohne Sex, FAZ, 29. April 2018
  10. Die düstere Welt der «Incel». «Gewalttaten aus Frauenhass sind keine Einzelfälle». Interview von Beat Soltermann mit Rolf Pohl, SRF, 5. Mai 2018
  11. Holger Kreitling, Heike Vowinkel: Hass auf Frauen und der Traum von einer Revolution, 29. April 2018
  12. Brigitte Theißl: Frauenhass. "Incels": Recht auf Sex als radikale Ideologie, Der Standard, 2. DEzember 2018
  13. Ein Computernerd wird zum Mörder. Linus de Paoli im Gespräch mit Gesa Ufer, In: Deutschlandfunk Kultur, 7. März 2019