Karl Schiller

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Karl Schiller (Begriffsklärung) aufgeführt.
Karl Schiller, 1969

Karl August Fritz Schiller (* 24. April 1911 in Breslau; † 26. Dezember 1994 in Hamburg) war ein deutscher Wissenschaftler und Politiker (SPD). Er war von 1966 bis 1972 Bundesminister für Wirtschaft und von 1971 bis 1972 zusätzlich Bundesminister der Finanzen. Er war federführend an der Entstehung des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes mit seinen im „Magischen Viereck“ dargestellten Zielen beteiligt. Außerdem war er Initiator der konzertierten Aktion. Weil er der Globalsteuerung in Deutschland eine gesetzliche Grundlage gab, wird er häufig zusammen mit Ludwig Erhard als bedeutendster Wirtschaftspolitiker der Nachkriegszeit benannt.

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Schiller war der Sohn von Marie († 1958) und Carl (* 1885). Sein Vater war Ingenieur, er arbeitete zunächst bei Siemens, später bei der Howaldt-Werft, zuletzt in Hamburg. Karl Schiller war dreimal verheiratet. Aus der ersten Ehe (Hamburg, 1938-1949) mit Lise-Lotte (* 1916) gingen die Töchter Barbara (* 1940) und Bettina (* 1945) hervor. Seine dritte Tochter Christa (* 1952) und sein Sohn Tonio (* 1956) entstammen der Ehe (Hamburg, 1951-1969) mit Annemarie (* 1921). Seine dritte Ehe schloss er 1976 in Jesteburg mit Vera-Sylvia Gutzat (* 1936, † 1995).[1] Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof des Jesteburger Ortsteils Reindorfer Osterberg.[2]

Ausbildung und Beruf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Abitur an der Hebbelschule in Kiel absolvierte Schiller ab 1931 ein Studium der Volkswirtschaftslehre und der Rechtswissenschaft in Kiel, Frankfurt am Main, Berlin und Heidelberg, das er 1935 als Diplom-Volkswirt und mit der Promotion zum Dr. rer. pol. über das Thema „Arbeitsbeschaffung und Finanzordnung in Deutschland“ [3] beendete. Während seines Studiums wurde er von der Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert. Von 1935 bis 1941 war er dann als Leiter einer Forschungsgruppe am Institut für Weltwirtschaft in Kiel tätig. 1939 habilitierte er sich. Von 1941 bis 1945 nahm er als Soldat am Zweiten Weltkrieg teil. 1947 nahm er einen Ruf der Universität Hamburg an und besetzte hier als Professor den Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie. Schiller zählte zu den Wegbereitern der 1948 gegründeten Akademie für Gemeinwirtschaft. Von 1956 bis 1958 amtierte er außerdem als Rektor der Universität Hamburg. Von 1948 bis 1994 war er Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium.[4]

Partei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten war Schiller von Juni 1933 bis 1938 Mitglied der SA. Am 1. Mai 1937 trat Schiller in die NSDAP ein (Mitglieds-Nr. 4.663.250)[5], in der er 1938 Politischer Leiter der Kieler Ortsgruppe Klaus Groth wurde.

Im Rahmen seines Studiums und seiner Lehrtätigkeit war Schiller zusätzlich Mitglied folgender NS-Organisationen: von Juni 1933 bis 1935 Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund, ab 1934 NS-Rechtswahrerbund (Mitglieds-Nr. 82.421), ab 4. Mai 1939 NS-Dozentenbund (Mitglieds-Nr. 4981).[6][7]

Von 1946 bis 1972 sowie erneut ab 1980 war er Mitglied der SPD. 1972 beteiligte er sich gemeinsam mit Ludwig Erhard an einer Anzeigenkampagne der CDU, in der beide als Hüter der Marktwirtschaft auftraten.

Abgeordneter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1946 bis 1957 war er Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft. Von 1965 bis 1972 war er dann Mitglied des Deutschen Bundestages. Hier war er von 1965 bis 1966 stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion.

Öffentliche Ämter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1948 bis 1953 war er Senator für Wirtschaft und Verkehr der Freien und Hansestadt Hamburg. Von 1961 bis 1965 war er im Senat des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt Senator für Wirtschaft in Berlin.

Karl Schiller (rechts) mit Helmut Schmidt, 1969

Dem Kabinett der Großen Koalition unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger gehörte er ab dem 1. Dezember 1966 als Bundesminister für Wirtschaft an. In dieser Zeit prägte er den Begriff der Ablaufpolitik. Er arbeitete in dieser Zeit eng mit dem Bundesfinanzminister Franz Josef Strauß zusammen. Beide erhielten daraufhin in der Öffentlichkeit den Spitznamen Plisch und Plum (nach Wilhelm Busch).

Dem ersten Kabinett von Bundeskanzler Willy Brandt gehörte er wiederum als Bundesminister für Wirtschaft an. Nach dem Rücktritt des Bundesfinanzministers Alexander Möller am 13. Mai 1971 wurde er zum Bundesminister für Wirtschaft und Finanzen ernannt. Von diesem Amt trat er am 7. Juli 1972 zurück und schied damit aus der Bundesregierung aus.

In seinem Rücktrittsbrief vom 2. Juli 1972 warf er dem Bundeskanzler vor, ihn nicht mehr zu unterstützen, und Kollegen aus dem Kabinett, dass sie ihre Einzelinteressen nicht gegenüber einer gemeinsamen Strategie der Sozialdemokraten zurückstellen wollten. Diese ständigen Konflikte seien insbesondere wegen der Belastung des Doppelamtes als Wirtschafts- und Finanzminister nicht mehr für ihn tragbar gewesen. „Es gibt aber auch für mich Grenzen – diese sind gegeben, wenn ich der auf meinem Amt beruhenden Verantwortung diesem Staat und seinen Bürgern gegenüber nicht mehr gerecht werden kann, weil ich nicht unterstützt bzw. sogar daran gehindert werde.“[8] Anlass für den Rücktritt war die Währungs- und Finanzpolitik der Bundesregierung: „Ich bin nicht bereit, eine Politik zu unterstützen, die nach außen den Eindruck erweckt, die Regierung lebe nach dem Motto ´Nach uns die Sintflut`. Die Regierung hat die Pflicht, über den Tellerrand des Wahltermins hinauszublicken und dem Volk rechtzeitig zu sagen, was zu leisten und was zu fordern ist.“[9]

Dem Bonner Volksmund war Karl Schiller ein Begriff; den Park des Schlosses Haus Carstanjen, seit den 1970er Jahren Sitz einer Außenstelle des Bundesfinanzministeriums, nannte man den Schillerpark.

Senate und Kabinette[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1973 war Schiller Preisträger der Alexander-Rüstow-Plakette. 1983 wurde Schiller Ehrensenator der Universität Hamburg[10]. Der Hamburger Senat verlieh ihm 1986 die Bürgermeister-Stolten-Medaille. Das Institut für Weltwirtschaft Kiel zeichnete ihn 1989 mit der Bernhard-Harms-Medaille aus.[11] 1991 wurde Schiller mit dem Großen Bundesverdienstorden mit Stern und Schulterband ausgezeichnet. 1999 wurden die „Kaufmännische Schulen II“ der Stadt Dortmund in Karl-Schiller-Berufskolleg umbenannt. Er war Ehrendoktor der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster[12]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Schiller war Mitunterzeichner des eurokritischen Manifests Die EG-Währungsunion führt zur Zerreißprobe (1992).[13]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Arbeitsbeschaffung und Finanzordnung in Deutschland. Junker und Dünnhaupt, Berlin 1936.
  • Marktregulierung und Marktordnung in der Weltagrarwirtschaft. Fischer, Jena 1940 (Probleme der Weltwirtschaft; 67).
  • Aufgaben und Versuche: zur neuen Ordnung von Gesellschaft und Wirtschaft. Reden und Aufsätze, Hansischer Gildenverlag, Hamburg 1953.
  • Betrachtungen zur Geld- und Konjunkturpolitik. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1984 (Vorträge und Aufsätze / Walter-Eucken-Institut; 102).
  • Möglichkeiten und Grenzen der sozialen Marktwirtschaft. Reinhard Appel im Gespräch mit Professor Dr. Karl Schiller, Hess. Sparkassen- u. Giroverband, Frankfurt am Main 1989.
  • Der schwierige Weg in die offene Gesellschaft. Kritische Anmerkungen zur deutschen Vereinigung, Siedler, Berlin 1994.
  • Wachstum, Stabilität, Gleichgewicht. Vorträge, Reden, Aufsätze Mit Würdigungen von Peer Steinbrück und Klaus von Dohnanyi. Hrsg. von Detlef W. Prinz. [Karl-Schiller-Stiftung e.V.], Keyser, Leipzig 2007.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Körner, Heiko, "Schiller, Karl August Fritz" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 736-765 (Onlinefassung) Abgerufen am 25. Mai 2016.
  2. 100 Jahre - Jesteburgs Osterberg feiert Abendblatt.de vom 11. Mai 2007. Abgerufen am 25. Mai 2016.
  3. Karl Schiller, Dr. rer. pol. Die Zeit Nr. 6/1970 vom 6. Februar 1970.
  4. BMWi Beiräte - Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats (abgerufen am 25. März 2014)
  5. BT-Drs. 17/8134 vom 14. Dezember 2011: Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage der Fraktion Die Linke ea.: „Umgang mit der NS-Vergangenheit“
  6. Dokumente im Faksimile abgedruckt in: Nationalrat der Nationalen Front der DDR (Hrsg.): Graubuch - Expansionspolitik und Neonazismus in Westdeutschland (2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Seiten 208-211) (Staatsverlag der DDR, Berlin 1967)
  7. Angaben bestätigt durch Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 534.
  8. Dokumente der Woche, DIE ZEIT, 21. Juli 1972 Nr. 29; vgl. jedoch auch zum Brief: Das ist nicht meine Unterschrift, DER SPIEGEL 31/1972
  9. Roland Tichy in FAZ vom 12. September 2015, "Freiheit statt Wachstum", Seite 20.
  10. Ehrensenatorinnen und Ehrensenatoren der Universität Hamburg
  11. Bernhard-Harms-Medaille. ifw-kiel.de, abgerufen am 15. Juni 2013.
  12. Ehrendoktoren der Fakultät. Archiviert vom Original am 30. Dezember 2012, abgerufen am 22. Mai 2015.
  13. Die EG-Währungsunion führt zur Zerreißprobe als PDF-Datei

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  Wikiquote: Karl Schiller – Zitate
 Commons: Karl Schiller – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]