Landkreis Ratibor

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Landkreis Ratibor, 1905

Der preußische Landkreis Ratibor in Schlesien bestand von 1816 bis 1919. Ab 1938 bis 1945 kam es unter der NS-Herrschaft zu einer Neugliederung unter der Verwendung früherer Bezeichnungen.

Verwaltungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Königreich Preußen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1742 gehörte das ehemalige Herzogtum Ratibor zum Königreich Preußen. Mit den preußischen Verwaltungsreformen nach dem Wiener Kongress trat mit dem 1. Mai 1816 der Kreis Ratibor in der Provinz Schlesien vom Regierungsbezirk Breslau zum Regierungsbezirk Oppeln. Dieser umfasste meist ländliche Gebiete um die Städte Hultschin und Ratibor. Das Landratsamt war in Ratibor.

Zum 1. Januar 1818 wurde aus Teilen der Kreise Ratibor, Pleß und Tost der neue Kreis Rybnik gebildet.

Norddeutscher Bund/Deutsches Reich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem 1. Juli 1867 gehörte der Kreis zum Norddeutschen Bund und ab 1. Januar 1871 zum Deutschen Reich. Mit dem 1. April 1904 schied die Stadtgemeinde Ratibor aus dem Verband des Kreises Ratibor aus und bildete seitdem einen eigenen Stadtkreis. Der Kreis Ratibor wurde jetzt als Landkreis bezeichnet. Am 1. April 1910 erfolgte die Eingliederung der Landgemeinde Plania und des Gutsbezirks Plania aus dem Landkreis Ratibor in den Stadtkreis Ratibor.

Zum 8. November 1919 wurde die Provinz Schlesien aufgelöst. Aus dem Regierungsbezirk Oppeln wurde die neue Provinz Oberschlesien gebildet. Nach dem Inkrafttreten des Versailler Vertrages am 10. Januar 1920 wurde das Hultschiner Ländchen vom Deutschen Reich abgetrennt und ohne Volksabstimmung der Tschechoslowakei zugeschlagen. Am 1. Januar 1921 vergrößerte die Landgemeinde Ober Neuland aus dem Landkreis Ratibor den Stadtkreis Ratibor.

Mit Wirkung vom 1. Januar 1927 traten umfangreiche Grenzänderungen in Kraft:

  • Die Landgemeinden Barglowka, Groß Rauden, Gurek, Jankowitz-Rauden, Klein Rauden, Rennersdorf, Stanitz und Stodoll und die Gutsbezirke Barglowka, Groß Rauden, Gurek, Jankowitz-Rauden, Klein Rauden, Stanitz und Stodoll wurden aus dem Restkreis Rybnik in den Landkreis Ratibor eingegliedert.
  • Die Landgemeinden Ehrenfeld, Habicht und Mosurau und die Gutsbezirke Dollendzin, Habicht und Mosurau aus dem Kreis Cosel traten zum Landkreis Ratibor.
  • Die Landgemeinden Hohenbirken, Janowitz, Niedane, Ostrog, Studzienna und Wilhelmstal und die Gutsbezirke Altendorf, Czerwentzütz, Hohenbirken, Niedane, Ottitz Schloss, Proschowitz, Ratibor Schloss und Studzienna wurden ganz oder teilweise aus dem Landkreis Ratibor entlassen und vergrößerten den Stadtkreis Ratibor.

Zum 30. September 1929 fand im Kreis Ratibor wie im übrigen Freistaat Preußen eine Gebietsreform statt, bei der alle bisher selbstständigen Gutsbezirke aufgelöst und benachbarten Landgemeinden zugeteilt wurden.

Nach dem Münchner Abkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 1. April 1938 wurden die preußischen Provinzen Niederschlesien und Oberschlesien zur neuen Provinz Schlesien zusammengeschlossen. Das Deutsche Reich ging von einer völkerrechtswidrigen Annexion des Gebiets aus. Zum 15. April 1939 wurde das „Hultschiner Ländchen“ aus den sudetendeutschen Gebieten wieder mit dem "Landkreis Ratibor" vereinigt. Am 20. November 1939 trat der Landkreis Rybnik (teilweise, und zwar die 1922 abgetretenen Teile des damaligen Landkreises Ratibor östlich des Unterlaufs der Oder) zum Landkreis Ratibor. Damit entsprach der Umfang des Landkreises Ratibor etwa wieder dem von 1914. Zum 18. Januar 1941 wurde die neue Provinz Schlesien erneut aufgelöst. Aus den bisherigen Regierungsbezirken Kattowitz und Oppeln wurde die neue Provinz Oberschlesien gebildet. Racibórz (nun wieder umbenannt in Ratibor) gehörte zum Regierungsbezirk Oppeln in der Provinz Oberschlesien.

Der neue Landkreis Ratibor umfasste am 1. Januar 1945:

  • die Stadt Hultschin sowie
  • 114 Gemeinden und
  • zwei Gutsbezirke (Forsten).

Nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Frühjahr 1945 wurde das Kreisgebiet von der Roten Armee besetzt und aus Sicht der Slowakei dadurch „wieder befreit“. Das Hultschiner Ländchen wurde der Verwaltung der Tschechoslowakei unterstellt, der Rest des Kreisgebietes wurde unter polnische Verwaltung gestellt. Die deutsche Bevölkerung wurde aus dem Kreisgebiet größtenteils vertrieben.

Bevölkerungsentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jahr Einwohner Anmerkungen
1828 57.892 davon 6.971 Deutsche
1840 54.256 davon 14.619 Deutsche
1867 81.855 davon 20.492 Deutsche [1]

Landräte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1798–1816: Gustav Gottlob von Wrochem (1768–1816)
1816–1834: Gottlob Adam Johann von Wrochem (1765–1840)
1834–1838: Heinrich Alexander Robert von Wrochem
1838–1842: Louis von Reichenbach
1842–1851: Carl Albert Wichura († 1862)
1851–9999: Wilhelm von Wrochem
1851–1852: Oscar von Elsner (1822–1882)
1852–1869: Eugen von Selchow (1828–1897)
1870–1900: Max von Pohl († 1905)
1900–1914: August Wellenkamp
1914–1922: Hugo Swart (1885–1952)
1922–1925: Artur Finger (* 1878)
1925–1933: Alfons Schmidt
1933–1937: Walther Duczek
1937–1944: Ferdinand Hütteroth
1944–1945: Schweiger (vertretungsweise)

Kommunalverfassung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kreis Ratibor gliederte sich zunächst in die Stadtgemeinden Hultschin und Ratibor, in Landgemeinden und selbstständige Gutsbezirke.

Mit Einführung des preußischen Gemeindeverfassungsgesetzes vom 15. Dezember 1933 sowie der Deutschen Gemeindeordnung vom 30. Januar 1935 wurde zum 1. April 1935 das Führerprinzip auf Gemeindeebene durchgesetzt. Im „Hultschiner Ländchen“ galt das Recht der Deutschen Gemeindeordnung vom 30. Januar 1935 bereits wieder seit dem 20. November 1938, also vor der Eingliederung dieses Gebietes in den Landkreis Ratibor.

Nach dem Polenfeldzug wurde auch in allen Gemeinden des Landkreises Rybnik, die (wieder) in den Landkreis Ratibor eingeordnet worden waren, am 26. Januar 1940 die im Altreich gültige Deutsche Gemeindeordnung vom 30. Januar 1935 geltendes Recht.

Eine neue Kreisverfassung wurde nicht mehr geschaffen; es galt weiterhin die Kreisordnung für die Provinzen Ost- und Westpreußen, Brandenburg, Pommern, Schlesien und Sachsen vom 19. März 1881.

Ortsnamen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1936–1939 fanden im Kreis Ratibor umfangreiche Änderungen von Ortsnamen statt, zum Beispiel:

  • Annaberg: Ruderswald I (ab 1939),
  • Babitz: Jungbirken (ab 1936),
  • Barglowka: Bergwalde (ab 1936),
  • Benkowitz: Berendorf (ab 1936),
  • Bresnitz: Eichendorffmühl (ab 1936),
  • Bojanow: Kriegsbach (ab 1936),
  • Boleslau: Bunzelberg (ab 1936),
  • Borutin: Streitkirch (ab 1936),
  • Budzisk: Bachweiler (ab 1936),
  • Czerwentzütz: Rotental (ab 1936),
  • Dollendzin: Ludwigstal O.S. (ab 1936),
  • Ehrenfeld: Ehrenfeld O.S. (ab 1936),
  • Ellguth Herzoglich,
  • Groß Peterwitz,
  • Groß Rauden,
  • Gurek: Waldeck (ab 1936),
  • Habicht,
  • Jankowitz-Rauden: Rodenbach (ab 1936),
  • Janowitz: Janken (ab 1936),
  • Klein Peterwitz,
  • Klein Rauden,
  • Kranowitz: Kranstädt (ab 1936),
  • Kreuzenort,
  • Lassoki: Weidenmoor OS. (ab 1936),
  • Lekartow: Mettich (ab 1936),
  • Markowitz: Markdorf (ab 1936),
  • Mosurau: Mosern (ab 1936),
  • Nendza: Nensa (1910–1914), Buchenau (ab 1914),
  • Niedane: Oderfurt O.S. (ab 1936),
  • Owschütz: Habergrund (ab 1936),
  • Lubowitz,
  • Pawlau: Paulsgrund (ab 1936),
  • Ponientzütz: Rittersdorf (ab 1936),
  • Kuźnia Raciborska: Ratiborhammer,
  • Ruda: Rudweiler (ab 1936),
  • Rudnik: Herrenkirch (ab 1936),
  • Schammerwitz: Schammerau (ab 1936),
  • Schardzin: Hohenau (ab 1936),
  • Schichowitz: Oderbrück (ab 1936),
  • Schonowitz: Schondorf (ab 1936),
  • Schymotschütz: Simsforst (ab 1936),
  • Slawikau: Bergkirch (ab 1936),
  • Solarnia: Salzforst (ab 1936),
  • Stanitz: Standorf (ab 1936),
  • Stodoll: Hochlinden (ab 1936),
  • Sudoll: Trachkirch (ab 1936),
  • Thurze: Wellendorf (ab 1908/10)
  • Tworkau: Tunskirch (ab 1936),
  • Woinowitz: Weihendorf (ab 1936),
  • Zabelkau: Schurgersdorf (ab 1936),
  • Zawada Herzoglich: Rainfelde (ab 1936),

Auch die neuen Ortsnamen für das „Hultschiner Ländchen“ und den am 26. Oktober 1939 eingegliederten Kreisteil östlich der Oder waren bereits festgelegt.

Kriegsbedingt ist es aber zu förmlichen Umbenennungen nicht mehr gekommen.

  • Der Name Hultschin sollte danach erhalten bleiben,
  • Bobrownik sollte zum Beispiel zukünftig Biberswald (Kr. Ratibor) heißen und
  • Hoschialkowitz den Namen Gottschalksdorf erhalten,
  • Klebsch: Klebesch (ab 1939),
  • Ludgierzowitz: Ludgerstal (ab 1939),
  • Marquartowitz: Markersdorf (ab 1939),
  • Petrzkowitz: Petershofen (ab 1939),
  • Pyschcz: Sandau (ab 1939),
  • Sczepankowitz: Schepankowitz (ab 1939),
  • Wrbkau: Weidental (ab 1939),
  • Wrzessin: Wreschin (ab 1939),
  • Zabrzeg: Oppau (ab 1939).

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gustav Neumann: Geographie des Preußischen Staats. 2. Auflage, Band 2, Berlin 1874, S. 167–169, Ziffer 1.
  • Josef Bartoš, Jindřich Schulz, Miloš Trapl. Historický místopis Moravy a Slezska v letech 1848-1960. Sv. 16, okresy: Ostrava, Fryštát, Hlučín. Univerzita Palackého v Olomouci, Olomouc 2011.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Paul Weber Die Polen in Oberschlesien - Eine statistische Untersuchung. Berlin 1913, S. 8–9