Neue deutsche Medienmacher*innen

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Neue deutsche Medienmacher*innen
(NdM)
Rechtsform gemeinnütziger eingetragener Verein
Gründung 2008
Sitz Berlin
Zweck Förderung kultureller Vielfalt durch ethnische Pluralität in den Medien
Vorsitz Thembi Wolf, Ferda Ataman
Geschäftsführung Konstantina Vassiliou-Enz
Website www.neuemedienmacher.de

Neue deutsche Medienmacher*innen (NdM, Aussprache mit Glottisschlag; bis März 2021 Neue deutsche Medienmacher)[1] ist eine Nichtregierungsorganisation und bundesweiter Zusammenschluss von Medienschaffenden mit und ohne Migrationsgeschichte.

Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Größtes Ziel des Vereins ist es, der Vielfalt und Diversität der Gesellschaft sowie dem Einwanderungsland Deutschland eine adäquate Stimme zu verleihen und diese in der Berichterstattung durch die Medien sichtbarer zu machen. Laut Statistischem Bundesamt haben rund 26 % der Bevölkerung einen Migrationshintergrund, bei Journalisten lag dieser Anteil laut Schätzungen von 2013 bei nur 4 %.[2] Das Netzwerk ist ein unabhängiger, nationalitäten- und konfessionsübergreifender Zusammenschluss von Medienschaffenden.[3] Seine Mitglieder sind in allen deutschen Medienformen (Print, TV, Hörfunk, Online) vertreten, sowohl regional als auch überregional.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gegründet wurde der Verein Anfang 2008. Anfang 2014 wird die Mitgliederzahl nach Angaben des Vereins mit mehr als 160 Vereinsmitgliedern sowie 670 Netzwerkmitgliedern angegeben. Im Jahr 2018 beläuft sich die Zahl der Netzwerkmitglieder laut Homepage auf 1.250.[4] Die Gründung erregte Aufsehen in den deutschen Medien, so brachten unter anderem Frankfurter Allgemeine Zeitung, taz und Frankfurter Rundschau umfangreiche Berichte.[5]

Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorstand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Vorstand besteht aus zwei Vorsitzenden, einem Schatzmeister und zwei bis sechs Beisitzern.[6] Den Vorsitz haben Stand 2021[7]:

Geschäftsführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geschäftsführerin des Vereins ist die ehemalige Zweite Vorsitzende Konstantina Vassiliou-Enz.[4]

Tätigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verein nennt neben diversen Projekten die folgenden Hauptaufgabenbereiche als Vereinszweck:

  • Interessenvertretung für „Medienschaffende mit Migrationsgeschichte
  • Umsetzung von Projekten und Initiativen für mehr Vielfalt in den Medien, auf inhaltlicher und personeller Ebene
  • Ansprechpartner für interkulturellen Journalismus
  • Forum für Information und Austausch und zur gegenseitigen Unterstützung und Förderung
  • Publikmachung der Anliegen und Positionen des Netzwerkes insbesondere gegenüber Entscheidungsträgern in Medien und Politik
  • Mediale Integration

Konkrete größere Projekte sind bisher vor allem die Gründung lokaler und regionaler Netzwerke von Medienschaffenden, ein Mentoren-Programm, um junge Journalisten mit Migrationshintergrund zu fördern, die kostenfreie Recherche-Datenbank Vielfaltfinder.de mit Fachleuten mit Migrationshintergrund zu einem breiten Themenspektrum, die Entwicklung eines Glossars mit Formulierungshilfen für differenzierte Berichterstattung,[8] regelmäßig stattfindende Medientrainings (Projekttitel: „Wir bleiben im Gespräch“)[9] und die „Informationsplattform für Geflüchtete” Handbook Germany.[10][11] Außerdem führen die Neuen deutschen Medienmacher, gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms Demokratie leben sowie unterschiedlichen Stiftungen, die Koordination der nationalen Umsetzung des No Hate Speech Movement durch.[12] Für Aufmerksam sorgte 2021 die Kampagne Wetterberichtigung. Um auf mangelnde Diversität in den Medien hinzuweisen, hatten sie beim Institut für Meteorologie 13 Patenschaften für Hoch- und Tiefdruckgebiete gekauft und dem Wetter im Januar 2021 migrantische Namen gegeben.[13] Die Kampagne trendete in den Sozialen Medien und sorgte auch in internationalen Medien für Aufmerksamkeit.[14]

Die Vorsitzende, Marjan Parvand, Sheila Mysorekar, Ferda Ataman und Thembi Wolf nehmen auf Einladung von Bundeskanzlerin Angela Merkel seit 2009 am jährlichen Integrationsgipfel im Kanzleramt teil.[15]

Finanzierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verein finanziert sich durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und zweckgebundene Fördermittel für gemeinnützige Projekte. Zu den Förderern gehören verschiedene Stiftungen und Bundesministerien, wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, sowie die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung.

Der Verein erläutert die Förderung von Projekten, die Verwendung von Mitgliedsbeiträgen und Spenden sowie seine ehrenamtliche Vereinsarbeit in einem FAQ.[16]

Im März 2021 fasste ein Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung zusammen, dass die Organisation der Medienmacher im Jahr 2020 etwa 1,892 Millionen Euro an privaten und öffentlichen Fördergeldern für ihre Projekte erhalten hatte, während Einnahmen durch Spendengelder, Mitgliedsbeiträge und Preisgelder im gleichen Zeitraum etwa 43.000 Euro ausmachten.[17]

Medienpreis „Die Goldene Kartoffel“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Neuen deutschen Medienmacher vergeben seit 2018 den von ihnen geschaffenen Negativpreis Die Goldene Kartoffel „für besonders einseitige oder missratene Berichterstattung über Aspekte der Einwanderungsgesellschaft.“ Nach Aussage der Geschäftsführung wurde die Kartoffel als Namensgeber für den Preis gewählt, da sie „für besonders unterirdische Berichterstattung“ passe. Zum anderen habe die aus Südamerika stammende Kartoffel ebenfalls eine Einwanderungsgeschichte.[18]

Preisträger 2018[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erster Preisträger im Jahr 2018 war Julian Reichelt, Chefredakteur der Bild-Zeitung.[18] Reichelt erschien zur Preisverleihung und lehnte den Preis mit der Begründung ab, „Kartoffel“ sei eine Bezeichnung, die auf deutschen Schulhöfen im Hinblick auf ethnische Herkunft verwendet werde.[19] Auf der Bühne sprach Reichelt zusammen mit Mohammad Rabie, einem geflüchteten Journalisten aus Syrien. Sibel Schick kritisierte in der taz, Reichelt habe ihn als Token instrumentalisiert.[20]

Preisträger 2019[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2019 wurde der Preis an die öffentlich-rechtlichen Talkshows Hart aber fair, Maischberger, Anne Will und Maybrit Illner vergeben, weil ihre „reißerisch, klischeehafte und diskriminierende“ Berichterstattung ein „verzerrtes Bild vom Zusammenleben im Einwanderungsland Deutschland entwerfen und Probleme überzeichnen“ würde.[21][22] Maybrit Illner wies den Preis zurück,[23][24] die Redaktion von hart aber fair nahm ihn an.[25]

Preisträger 2020[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2020 wurde der Preis an Spiegel TV für die Berichterstattung über Clan-Kriminalität verliehen. Laut der Jury sei das gezeichnete Bild der Clans „verzerrt, stigmatisierend und rassistisch.“[26]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der konservative Kolumnist Jan Fleischhauer kritisierte den Verein im Juni 2020 in seiner Focus-Kolumne als Teil einer „Anti-Hate-Speech-Industrie“.[29] Innenminister Horst Seehofer hatte eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung gegen einen satirischen Kolumnenbeitrag von Hengameh Yaghoobifarah erwogen, der unter der dem Titel All cops are berufsunfähig im Zusammenhang mit der Black-Lives-Matter-Bewegung imaginiert, Polizisten seien nur auf der Müllhalde unter ihresgleichen. Daraufhin kritisierten der Verein und viele Mitglieder Seehofers Schritt.[30] Fleischhauer wies darauf hin, dass die Glaubwürdigkeit von Anti-Hate-Speech-Initiativen in Zweifel gerate, wenn damit rassistische Hassrede bekämpft, aber eine Beleidigung der Polizei verteidigt würde.[29]

Im März 2021 wies die Journalistin Anna Schneider in der Neuen Zürcher Zeitung auf die umfassende Förderung der Organisation durch Ministerien der Bundesregierung hin, die den Großteil der Einnahmen ausmachten. Sie sah einen Widerspruch in den Aussagen der Geschäftsführerin Konstantina Vassiliou-Enz die, gefragt nach dem Verlust der journalistischen Unabhängigkeit der Neuen deutschen Medienmacher*innen durch solche Förderungen, ausgeführt hatte, dass man nicht journalistisch tätig sei, sondern sich als eine Initiative für mehr Vielfalt in den Medien verstehe. Zur Vorstellung des "Diversity Guides" hatte Vassiliou-Enz dagegen erklärt, sie wären keine "Diversity-Management-Agentur", sondern Journalisten. Weiter schrieb Schneider, dem Verein ginge es nicht um die "Vielfalt der Meinungen", vielmehr beschneide er "die Freiheit, die Demokratie und die Unabhängigkeit des Journalismus".[17]

Prominente Mitglieder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bekannte Mitglieder sind bis heute:

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gendern am Limit. In: Meedia.de. 9. Juni 2020, abgerufen am 19. Juni 2020.
  2. Horst Pöttker: Vielfalt in Medien – Mangel an Zahlen und Forschung. 2013 (mediendienst-integration.de [abgerufen am 10. November 2018]).
  3. Kontakt – Glossar | Neue Deutsche Medienmacher. Abgerufen am 9. November 2018.
  4. a b Neue Deutsche Medienmacher: Der Verein. In: NeueMedienmacher.de. Abgerufen am 5. April 2021.
  5. Der andere Blick (Memento vom 14. März 2010 im Internet Archive) auf fr-online.de, vom 27. Januar 2009
  6. Satzung des Neue deutsche Medienmacher*innen e. V. Abgerufen am 29. März 2021.
  7. Unser Vorstand. Abgerufen am 29. März 2021.
  8. Neue Deutsche Medienmacher: Formulierungshilfen für die Berichterstattung im Einwanderungsland. (PDF) In: NeueMedienmacher.de. 2015, abgerufen am 8. Oktober 2018.
  9. Neue Deutsche Medienmacher: “Wir bleiben im Gespräch”: Start des Medientrainings-Newsletters. In: NeueMedienmacher.de. Abgerufen am 8. Oktober 2018.
  10. a b Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration: Informationsportal ausgezeichnet. In: www.integrationsbeauftragte.de. Abgerufen am 8. Oktober 2018.
  11. a b Der Smart Hero Award für sozial engagierte Heldinnen und Helden im Internet. In: smart-hero-award.de. Abgerufen am 22. September 2020.
  12. Projektbeschreibung No Hate Speech Movement. In: www.neuemedienmacher.de. Abgerufen am 14. April 2016.
  13. Neue Deutsche Medienmacher e.V: #wetterberichtigung. Abgerufen am 5. Juli 2021.
  14. Financial Times. Abgerufen am 5. Juli 2021.
  15. Der Integrationsgipfel 2012 (Memento vom 11. September 2012 im Internet Archive) auf Homepage der Heinrich-Böll-Stiftung, abgerufen am 23. Oktober 2012
  16. FAQs zum Erfolg der Neuen deutschen Medienmacher*innen | Neue deutsche Medienmacher*innen. Abgerufen am 22. September 2020.
  17. a b Anna Schneider: Von wegen Vielfalt: Die Neuen Deutschen Medienmacher fordern Diversität, aber fördern Einfalt. In: NZZ.ch. 18. März 2021, abgerufen am 5. April 2021.
  18. a b Konstantina Vassilou-Enz im Gespräch mit Vladimir Balzer: Julian Reichelt bekommt „Goldene Kartoffel“: Ein Meister der Panik-Schlagzeile. In: Deutschlandfunk Kultur. 23. Oktober 2018, abgerufen am 5. April 2021.
  19. Andrea Dernbach: Ein Jubiläum und eine Kartoffel für Julian Reichelt. In: Der Tagesspiegel. 3. November 2019, abgerufen am 29. Oktober 2019.
  20. Sibel Schick: Negativer Medienpreis: Chapeau, Herr Reichelt, aber… In: Die Tageszeitung: taz. 4. November 2018, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 11. Juli 2020]).
  21. Erica Zingher: Preis für diskriminierenden Journalismus: „Goldene Kartoffel“ für Talkshows. In: Die Tageszeitung: taz. 29. Oktober 2019, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 30. Oktober 2019]).
  22. Negativ-Medienpreis: „Goldene Kartoffel“ geht an ARD- und ZDF-Talkshows. In: Spiegel Online. 29. Oktober 2019 (spiegel.de [abgerufen am 30. Oktober 2019]).
  23. Michael Hanfeld: Überzogene Talkshowkritik: Wer gefährdet hier die Demokratie? Hrsg.: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 5. November 2019, ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 11. November 2019]).
  24. Joachim Huber: Rassismus, ein Thema wie jedes andere auch. In: Der Tagesspiegel. 30. Oktober 2019, abgerufen am 22. Dezember 2019.
  25. Twitter – Hart aber Fair. Abgerufen am 22. September 2020.
  26. Meedia Redaktion: „Spiegel TV“ erhält die „Goldene Kartoffel“ für besonders schlechte Berichterstattung. In: Meedia.de. 9. Dezember 2020, abgerufen am 12. Dezember 2020.
  27. Förderpreis 2020 an die Kampagne „No Hate Speech Movement“. In: Deutsche Nationalstiftung. 18. Mai 2020, abgerufen am 22. September 2020.
  28. Gewinner 2021 | Onlinekommunikationspreis. 27. Mai 2021, abgerufen am 5. Juli 2021 (deutsch).
  29. a b Jan Fleischhauer: Spur des Geldes: Wie der Staat mit Millionen eine linke Anti-Hass-Industrie unterstützt. In: Focus.de. 28. Juni 2020, abgerufen am 27. Juni 2020.
  30. PM: Finger weg von der Pressefreiheit, Herr Innenminister! In: Neue deutsche Medienmacher*innen. Abgerufen am 22. September 2020.