Clan-Kriminalität

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Als Clan-Kriminalität wird eine Form der organisierten Kriminalität in Deutschland bezeichnet. Als örtliche Schwerpunkte gelten Berlin, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.[1] Die Täterkreise gehören ursprünglich aus dem anatolischen[2][3] und arabischen Raum[4] stammenden Großfamilien an. Bekannt sind der Abou-Chaker-Clan, die Großfamilien Al-Zein, Ali-Khan, Chahrour und Rammo bzw. Remmo sowie der Miri-Clan.[5][6][7]

Charakteristika[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Entstehung des Phänomens der Clan-Kriminalität geht bis in die 1980er-Jahre zurück. Damals herrschte im Libanon Bürgerkrieg, weshalb insbesondere kurdische und palästinensische Familien nach Deutschland migrierten. Hier war ihnen jedoch zunächst der Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt und auch ihre Kinder traf keine Schulpflicht. Diese Umstände gelten heute als eine Ursache für das Entstehen entsprechender Parallelgesellschaften und deren Delinquenz.[4] Teile der Großfamilien verlagerten sich auf illegale Aktivitäten, um ihren Lebensstandard zu heben. Als Tätigkeitsfeld der Clans gelten insbesondere Drogenhandel, Prostitution, Schutzgelderpressung, Raubüberfälle, Einbrüche und Diebstähle.[8]

Nach einer Analyse des Polizeipräsidiums Duisburg sind die aktiven Mitglieder der dortigen Clans männlich, jung und in den Jahren zwischen 1990 und 1998 geboren worden. Sie treten demnach häufig in großen Gruppen auf, um Stärke zu demonstrieren – wegen dieses Phänomens ist polizeiintern auch von einer „Street Corner Society“ die Rede. Die Art des Auftreten der Clan-Mitglieder in der Öffentlichkeit hängt laut der Analyse von der Größe der eigenen Gruppe sowie der zahlenmäßigen Stärke der eingesetzten Polizeibeamten ab. Je größer die eigene Gruppe und je kleiner die Anzahl der Polizeikräfte, desto unangepasster agierten die Clan-Mitglieder.[9]

In einem Lagebild des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts zur organisierten Kriminalität heißt es in Bezug auf Clan-Kriminalität: „Die Polizei sieht sich mit kriminellen, ethnisch abgeschotteten Gruppierungen insbesondere im Bereich der Rauschgift-, Gewalt- und der Straßenkriminalität konfrontiert. Sie trifft im Einsatzgeschehen häufig auf Respektlosigkeit und ein erhebliches Aggressionspotenzial, welches in gewalttätige Angriffe auf Polizeibeamte eskalieren kann.“[10] Laut dem Landeskriminalamt üben vor allem als Problemstadtteile geltende Viertel mit hoher Arbeitslosigkeit und niedrigen Mieten wie Essen-Altenessen oder in Duisburg-Marxloh eine hohe Anziehungskraft auf Clan-Angehörige aus. Neben illegalen Aktivitäten würden sich die Großfamilien auch durch legale Quellen wie den Verkauf und die Vermietung von Pkw, Schlüsseldienste sowie Sozialleistungen finanzieren.[11]

Viele Clan-Mitglieder verfügen nach Polizeiangaben nur über ein geringes Bildungsniveau und besitzen keinen Schulabschluss. Als charakteristisch wird auch ein gewisses Imponiergehabe der Clan-Mitglieder bezeichnet, das ein Beamter des Landeskriminalamt wie folgt beschreibt: „Sie stellen ihre Besitztümer gern öffentlich zur Schau: Man zeigt und ist, was man hat.“[12] Auch Shisha-Bars, die häufig für Geldwäsche und den Verkauf von unversteuertem Tabak genutzt würden, spielen demnach eine Rolle. Der nordrhein-westfälische Innenminister Heribert Reul erklärte, „dass das Umfeld dieser Bars in Nordrhein-Westfalen der Boden für Clan-Kriminalität ist“.[13] Das Bundeskriminalamt schätzt das Personenpotenzial der Clans auf bis zu 200.000 Familienmitglieder, wobei nicht alle davon kriminell sind.[14][15]

Regionale Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kriminelle Großfamilien siedeln sich vor allem in Ballungszentren an. Als besonders betroffen gilt Berlin, wo die Polizei von 15 bis 20 entsprechenden Clan-Gruppierungen ausgeht und wo auch der bekannte Abou-Chaker-Clan residiert.[16] In der Hauptstadt wird mindestens ein Fünftel der organisierten Kriminalität Clan-Strukturen zugerechnet.[4] Als weitere Schwerpunkte gelten die Bundesländer Bremen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. In Nordrhein-Westfalen ist das Phänomen dabei vor allem im Ruhrgebiet und dort in Städten wie Duisburg, Essen, Dortmund und Gelsenkirchen verbreitet.[11] In Niedersachsen sind 13 Städte bekannt, in denen sich Angehörige von Großfamilien niedergelassen haben. In Baden-Württemberg, Sachsen, Hamburg und dem Saarland ist Clan-Kriminalität weniger ausgeprägt, die Protagonisten stammen zudem zumeist nicht aus dem arabischen Bereich, sondern vom Balkan oder aus Osteuropa. Keinerlei Clan-Aktivitäten sind dagegen in Bayern und Schleswig-Holstein sowie den ostdeutschen Bundesländern Brandenburg, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bekannt.[16]

In Nordrhein-Westfalen wurden bis Anfang 2019 rund 100 verschiedene kriminelle Clans dokumentiert. Zwischen 2016 und 2018 registrierte die Polizei in NRW mehr als 14.225 Straftaten mit rund 6449 tatverdächtigen Clanmitgliedern. Von den 6400 Tatverdächtigen sind 360 Intensivtäter für ein Drittel aller Straftaten verantwortlich. Jeder fünfte Verdächtige war weiblich. Unter den 14.225 Straftaten waren 26 Tötungsdelikte oder versuchte Tötungsdelikte, 5600 Gewaltdelikte, 2600 Betrugsfälle, 2600 Eigentumsdelikte und 1000 Drogendelikte. Von den tatverdächtigen Clanmitgliedern leben 1227 in Essen, 648 im Kreis Recklinghausen, 570 in Gelsenkirchen, 402 in Duisburg, 399 in Dortmund und 378 in Bochum. Von Sommer 2018 bis Januar 2019 wurden in NRW über 100 Razzien durchgeführt. In dieser Zeit durchsuchte die Polizei mehr als 1000 Gebäude. Es kam zu über 100 Festnahmen und zur Schließung von 60 Shisha-Bars.[17][18]

Im Mai 2019 wurde in NRW das bundesweit erste Lagebild zur Clan-Kriminalität von NRW-Innenminister Herbert Reul vorgestellt. Unter den von 2016 bis 2018 festgestellten rund 14.000 Straftaten mit Clan-Hintergrund waren 26 versuchte und vollstreckte Tötungsdelikte. Rund 30 Prozent der erfassten Straftaten wurden zehn Clans zugeordnet. 36 Prozent der Verdächtigen mit Clan-Hintergrund sind Deutsche Staatsbürger, 31 Prozent Libanesen, 15 Prozent Türken und 13 Prozent Syrern.[19]

Aufsehenerregende Straftaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Spektakuläre kriminelle Aktivitäten durch Clan-Angehörige sind Anlass für überregionale und internationale Berichterstattung. In Berlin sorgten für Aufsehen:

  • 2003 die Erschießung des SEK-Beamten Roland Krüger durch ein Clan-Mitglied. Krüger und sein Team sollten nach einer Messerstecherei in einer Discothek einen Clan-Angehörigen festnehmen, dieser eröffnete jedoch das Feuer und verletzte Krüger tödlich.[20][21]
  • 2010 ein Überfall auf ein Pokerturnier im Hyatt-Hotel.
  • 2014 ein Raubüberfall auf die Schmuckabteilung des Kaufhaus des Westens.
  • 2017 der Diebstahl einer Goldmünze im Wert von rund 3,75 Millionen Euro aus dem Bode-Museum.[8][22]
  • 2018 der Überfall auf einen Geldtransporter in Berlin-Mitte, der mit Clan-Kriminalität in Verbindung gebracht wird. Hierbei nahmen die Täter einen verfolgenden Streifenwagen mit einem automatisches Sturmgewehr vom Typ Kalaschnikow unter Beschuss und zwangen ihn zum Abbrechen der Verfolgung.[23]
  • 2019 der Diebstahls eines Kunstwerks aus Gold aus der Grundschule am Fuchsberg.[24]

Maßnahmen des Staates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Staat ergreift im Rahmen der Kriminalitätsbekämpfung diverse Maßnahmen gegen kriminelle Familienclans. So soll das Bundeskriminalamt ab Herbst 2019 jährlich ein Bundeslagebild zu dem Phänomen erstellen.[25] Als weiterer Ansatz gilt eine Null-Toleranz-Strategie, die auch kleinere Vergehen verfolgt und im Zuge derer durch Ermittlungsmaßnahmen wie Durchsuchungen schwerwiegendere Straftaten aufgedeckt werden sollen. Diskutiert wurde auch der Vorschlag, Kinder aus kriminellen Großfamilien zu nehmen und diesen so den Nachwuchs zu entziehen.[26] In Niedersachsen ist seit dem 1. März 2018 eine „Landesrahmenkonzeption zur Bekämpfung krimineller Clanstrukturen“ in Kraft. Zudem existiert seit dem 1. Juli 2017 bundesweit, mit dem Gesetz zur Reform der strafrechtlichen Vermögensabschöpfung, die Möglichkeit Vermögen aus Straftaten einzuziehen.[27] Am 20. Juli 2018 beschlagnahmte die Polizei in Berlin aufgrund dieser neuen Gesetzeslage 77 Immobilien im Wert von zehn Millionen Euro, die dem Berliner Remmo-Clan zugerechnet werden.[28]

Publizistische Verarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filmisch befasst sich die TNT-Serie 4 Blocks mit der Szene. Der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban hat mit Arabische Clans: Die unterschätzte Gefahr ein Buch über sie geschrieben.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. So investieren Familienclans in Bremen ihr Geld. Radio Bremen, 2. August 2018, abgerufen am 19. Oktober 2018.
  2. 39 Verfahren gegen türkische und arabische Clans in Deutschland. 5. August 2018, abgerufen am 13. Januar 2019.
  3. Arabische und türkische Clans in Großstädten: „Mein einziges Gesetz sind meine Eltern“. 3. August 2018, abgerufen am 13. Januar 2019.
  4. a b c Clans in den Straßen von Berlin. Deutschlandfunk, 18. September 2018, abgerufen am 19. Oktober 2018.
  5. Großfamilie R. – die Berliner Blutsbande. Der Tagesspiegel, 15. August 2018, abgerufen am 19. Oktober 2018.
  6. https://www.bild.de/news/inland/news-inland/wer-regiert-wo-die-beruechtigtsten-clans-in-deutschland-57218850.bild.html Die berüchtigtsten Clans in Deutschland
  7. https://www.maturetube.com/ Clan ist in NRW berüchtigt – und in Schweden gefürchtet: „Sie sind sehr gewalttätig“
  8. a b Drogen, Prostitution, Schutzgeld - Die Welt der Clans. Berliner Morgenpost, 12. November 2017, abgerufen am 19. Oktober 2018.
  9. Drei Familienclans kontrollieren Marxloh. Rheinische Post, 30. September 2015, abgerufen am 23. Oktober 2018.
  10. Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen: Organisierte Kriminalität: Lagebild NRW 2016 (PDF; 1,03 MB)
  11. a b Polizei beobachtet 50 Clans in NRW. Rheinische Post, 15. November 2018, abgerufen am 15. November 2018.
  12. Die Macht der Clans in NRW. Rheinische Post, 15. November 2018, abgerufen am 15. November 2018.
  13. Clans funktionieren Shisha-Bars um. Westfälische Nachrichten, 15. November 2018, abgerufen am 15. November 2018.
  14. Reuls Kampfansage gegen kriminelle Clans. Bild, 15. Januar 2019, abgerufen am 25. Januar 2019.
  15. Nebulöse Bedrohung. Die Zeit, 13. August 2018, abgerufen am 25. Januar 2019.
  16. a b Das sind die Familienclans, die in Deutschlands Städten herrschen. Focus, 16. Dezember 2015, abgerufen am 23. Oktober 2018.
  17. https://www.wz.de/nrw/clan-kriminalitaet-in-nrw-mehr-als-14000-delikte-in-zwei-jahren_aid-35995895 Viel mehr als gedacht: LKA beobachtet rund 100 Clans in NRW WZ vom 30. Januar 2019, abgerufen am 4. Februar 2019
  18. Kriminelle Clans für mehr als 14.000 Straftaten in NRW verantwortlich Focus vom 30. Januar 2019, abgerufen am 4. Februar 2019
  19. Clan-Kriminalität in NRW: Innenminister Reul präsentiert Lagebild – diese Ruhrgebietsstadt ist Clan-Hochburg derwesten.de vom 15. Mai 2019, abgerufen am 16. Mai 2019
  20. Tod eines SEK-Beamten - Kollegen leiden noch immer. Berliner Morgenpost, 20. April 2013, abgerufen am 19. Oktober 2018.
  21. Polizisten-Mörder kassiert Geld vom Staat. Bild, 20. September 2018, abgerufen am 19. Oktober 2018.
  22. Peinliche Polizei-Panne nach Münz-Coup im Bode-Museum. BZ, 14. November 2017, abgerufen am 19. Oktober 2018.
  23. Remmo-Clan verantwortlich für Geldtransporter-Überfall? Bild, 29. Januar 2019, abgerufen am 29. Januar 2019.
  24. Das verdächtige Treiben der Berliner Clan-Söhne. Der Tagesspiegel, 17. Mai 2019, abgerufen am 18. Mai 2019.
  25. Bund und BKA verschärfen Druck auf kriminelle Clans! Bild, 25. Januar 2019, abgerufen am 25. Januar 2019.
  26. Araber-Clans soll der Nachwuchs entzogen werden. Bild, 13. September 2018, abgerufen am 25. Oktober 2018.
  27. Darum will der Miri-Clan nach Berlin. Bild, 25. Oktober 2018, abgerufen am 25. Oktober 2018.
  28. Ermittler beschlagnahmen 77 Immobilien von arabischem Clan. Der Tagesspiegel, 20. Juli 2018, abgerufen am 20. Juli 2018.