Privatrechtlicher Hörfunk

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Privatradio)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Privatrechtlicher Hörfunk ist der durch privatrechtlich organisierte Unternehmen veranstaltete Hörfunk.

Allgemeines[Bearbeiten]

Rundfunk wurde weltweit zunächst als öffentliche Aufgabe verstanden. Radiostationen befanden sich deshalb im Staatsbesitz oder unter öffentlicher Kontrolle. Auf diese Weise konnte der Staat dieses bedeutsame Medium hinsichtlich der Verbreitung bestimmter Informationen besser kontrollieren. Während in den USA der privatrechtliche Hörfunk relativ früh entstand, dauerte es in Europa noch bis in die 1980er Jahre, ehe der Hörfunk auch privaten Trägern überlassen wurde.

Geschichte in den USA[Bearbeiten]

Im Jahre 1906 strahlte in Brant Rock/Massachusetts Reginald Aubrey Fessenden die erste Radiosendung aus. Die erste privatrechtliche Sendelizenz erhielt am 27. Oktober 1920 die US-amerikanische Radiostation mit den „Call letters“ KDKA in Pittsburgh,[1] sie ging am 2. November 1920 auf Sendung.[2] Die ersten privaten amerikanischen Radiostationen finanzierten sich nicht durch Radiowerbung, sondern gehörten entweder einem Hersteller von Radiogeräten[3] oder Zeitungen, die die Finanzierung der Sender übernahmen. Die jeweiligen Eigentümer nutzten deshalb ihre Privatradiostation als Werbevehikel für ihre eigenen Produkte. Die erste, von Dritten bezahlte Radiowerbung strahlte am 28. August 1922 WEAF in New York City aus. 1940 gab es bereits 705 kommerzielle Radiostationen. Seither haben sich Radiostationen in den USA als Werbeträger etabliert und damit die Einnahmen hieraus zur Hauptquelle ihrer Finanzierung gemacht. Daraus ist ihre Bezeichnung als kommerzieller Rundfunk oder Fernsehen entstanden.

Hintergrund[Bearbeiten]

Ziel der meisten Privatradios ist es, durch Einnahmen aus Radiowerbung Gewinn zu erwirtschaften. Dazu wird das Programm auf die Bedürfnisse einer vordefinierten Zielgruppe zugeschnitten, um möglichst hohe Hörerreichweiten zu erreichen. Um die Akzeptanz der verschiedenen Musiktitel im Programm in der werberelevanten Zielgruppe kontinuierlich zu untersuchen, führen mittlerweile fast alle Privatradios meist wöchentlich eigene Marktforschungsuntersuchungen, so genannte Call-Out-Tests, durch und passen ihr Repertoire entsprechend an.

Die Hörerreichweiten aller kommerziellen deutschen Radiosender werden durch eine bundesweite Marktforschung, die Media-Analyse, erhoben und zweimal pro Jahr (im Frühjahr und im Sommer) ausgewiesen. Diese Reichweiten sind maßgeblich für die Gestaltung der Werbepreise. Die am 9. März 2005 veröffentlichte Media-Analyse wies für die Privatradios eine Gesamtreichweite von 28,34 Millionen Hörern aus, der öffentlich-rechtliche Rundfunk kam auf 34,12 Millionen Hörer.

Die Vermarktung von Werbezeiten erfolgt im nationalen Markt meist durch Dienstleister, wie zum Beispiel der deutschen Radio Marketing Service (RMS), eine von den Privatradios selbst gegründete nationale Vermarktungsgesellschaft. Im regionalen und lokalen Markt sind die Privatradios in der Regel selbst durch eigene Mediaberater oder freie Handelsvertreter aktiv. Die RMS betreuten Stationen erreichten laut Media-Analyse vom 9. März 2005 8,9 Millionen Hörer. Im Jahr 2004 erzielten die Privatradios in Deutschland einen Netto-Werbeumsatz von insgesamt 438,38 Mio EUR. Die öffentlich-rechtlichen Radios erzielten 216,61 Mio EUR.

Deutschland[Bearbeiten]

In Deutschland erhalten Privatradios keine Einnahmen durch Rundfunkgebühren, sondern finanzieren sich über Werbung oder Bezahlmodelle.

Radiowerbung[Bearbeiten]

Im Mai 1924 genehmigte die Reichspost den Regionalgesellschaften die so genannten „Radio-Inserate“,[4] doch durften die „Inserate aus der Luft“ nur „in mäßigem Umfange und allervorsichtigster Form“ gesendet werden. Unter allen Umständen müsse „vermieden werden, dass die kulturelle Bedeutung des Rundfunks durch die Ausübung von Reklame beeinträchtigt wird.“ Die „Deutsche Reichs-Postreklame GmbH“ war in die Abwicklung der Rundfunkwerbung eingeschaltet. Am 1. Juli 1924 strahlte die schlesische „Funkstunde Breslau“ die erste Werbung aus. Der zunächst von privaten Veranstaltern organisierte Rundfunk wurde am 27. Juli 1932 verstaatlicht. Nach der geltenden Rundfunkordnung übernahm der Staat die Aufsicht über die knapp 30 Rundfunksender, kontrollierte deren Programm und übernahm das Eigentum.[5]

Privatradio[Bearbeiten]

Am 29. Oktober 1923 wurde im Hause des privaten Schallplattenunternehmens VOX AG von der Deutschen Stunde schließlich die erste Hörfunksendung in Berlin ausgestrahlt. Der älteste private Hörfunksender in Deutschland ist der am 1. April 1955 gegründete Europe 1, der seine Entstehung dem besonderen Statut des Saarlandes in den 1950er-Jahren verdankt. Er sendet von Felsberg-Berus ein französischsprachiges Programm auf der Langwellenfrequenz 183 kHz. Im Unterschied zu den anderen Privatradios in Deutschland, die seit den 1980er-Jahren hinzukamen, betreibt Europe 1 seine Sendeanlage in Eigenregie.

Die erste private Radiostation auf UKW bzw. innerhalb eines Kabelgebietes (Ludwigshafen/Vorderpfalz) war Radio Weinstraße, das am 1. Januar 1984 seinen Sendebetrieb in der Vorderpfalz im Rahmen des Kabelpilotprojekts Ludwigshafen in der Anstalt für Kabelkommunikation (AKK) auf 104,35 MHz startete. RADIO 4 in Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz) war der erste landesweite private Radiosender, der am 30. April 1986 auf Sendung ging. Der Sender war zunächst eine Veranstaltergemeinschaft von Radio RPR, Pro Radio4, Linksrheinischer Rundfunk und RADIO´85, später integrierte Radio RPR die anderen 3 Veranstalter und hieß seitdem nur noch Radio RPR. Radio Schleswig-Holstein (R.SH) nahm dann am 1. Juli 1986 sein Programm als zweiter landesweiter privater Radiosender mit einem 24-Stunden-Vollprogramm auf. 2009 gab es 19 bundesweite, 55 landesweite und 158 lokale oder regionale Privatradiostationen.[6]

Rechtsgrundlagen[Bearbeiten]

Private Rundfunk-Veranstalter bedürfen nach § 20 Abs. 1 Rundfunkstaatsvertrag (RStV) einer Zulassung durch die zuständige Landesmedienanstalt, wobei die Programmkategorie Vollprogramm oder Spartenprogramm festzulegen ist. Hörfunkprogramme ausschließlich im Internet (Internetradio) bedürfen nach § 20b RStV keiner Zulassung. In § 21 RStV werden Grundsätze für die Zulassung aufgestellt, wonach der Veranstalter alle Auskünfte zu erteilen und alle Unterlagen vorzulegen hat, die zur Prüfung des Zulassungsantrags bei der Landesmedienanstalt erforderlich sind. Nach § 25 Abs. 1 ist im privaten Rundfunk inhaltlich die Vielfalt der Meinungen im Wesentlichen zum Ausdruck zu bringen. Die bedeutsamen, politischen, weltanschaulichen und gesellschaftlichen Kräfte und Gruppen müssen in den Vollprogrammen angemessen zu Wort kommen; Auffassungen von Minderheiten sind zu berücksichtigen.

Kommerziell bedeutet, dass der Hörfunk gewinnorientiert und auf unternehmerischer Basis arbeitet und - im Gegensatz zum öffentlich-rechtlichen Hörfunk - keine Einnahmen aus Rundfunkgebühren erhält. Gewinne werden durch dementsprechend hohe Hörerreichweiten erzielt, die wiederum ausschlaggebend für die Gestaltung der Werbepreise sind.

Österreich[Bearbeiten]

Seit März 2001 regelt in Österreich das Privatradiogesetz den privaten Rundfunk.

Inhalt[Bearbeiten]

Als Massenmedium hat das Privatradio seine Hörer zu informieren, bilden, sozialisieren und unterhalten.[7] Private Radiosender arbeiten stark zielgruppenorientiert (werberelevante Zielgruppe) und können sich auf eine bestimmte Hörerschaft spezialisieren. Dabei ist das Formatradio vorherrschend. Es besitzt ein Programm, das wegen seines Wiedererkennungsfaktors durch Musikausrichtung, Moderation, Programmfarbe und Programmstruktur unverwechselbar sein soll. Häufig besitzen private Hörfunkprogramme Boulevardcharakter und neigen zu Boulevard-Nachrichten, wobei der Musikanteil mit bis zu 75 % überwiegt. Der Informationsanteil im privaten Hörfunk hat bei den meisten Sendern Servicecharakter. Er setzt sich vor allem aus Kurznachrichten, Wetter-, Zeit-, Verkehrs- und Veranstaltungshinweisen zusammen. Ein häufiger Programmbestandteil ist im Privathörfunk die Hörerbeteiligung, mit der die Hörer des Programms an den Sender gebunden werden sollen. Das Einbeziehen der Hörer eines Senders erfolgt live meist durch für den Hörer attraktive Gewinnspiele oder andere „Mitmachsendungen“.[8]

In Deutschland sind folgende Musik- und Programmformate bei privaten Radiosendern verbreitet:[9]

  1. Album-oriented Rock (AOR): meist melodiöse Rockmusik
  2. Contemporary Hit Radio (CHR): Aktuelle Hits und Hits aus der Vergangenheit
  3. Adult Contemporary (AC): Zeitgemäße Popmusik für Erwachsene, meist melodiös
  4. Middle of the Road (MOR): „main stream“-Popmusik
  5. Easy Listening (EL): Big-Band-Musik, Oldies, Evergreens, Schlager, Volksmusik

Bundesweit strahlen relativ wenige Privatradiostationen aus. Bei den Musiksendern verfolgen wiederum die meisten nicht das MOR-Format („main stream“), sondern spezialisieren sich auf Black Music (Jam FM), Country-Musik (Truckradio), elektronische Musik (Techno, House, Trance; Radio Sunshine Live), volkstümliche Musik/Schlager (Radio Melodie), klassische Musik (Radio Klassik) und RTL Radio, das bis Dezember 2002 als Oldiesender galt, heute jedoch auch Hits der 80er, 90er Jahre und von heute sendet.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Chapman Racksway, Communicating Politics Online, 2014, S. 33
  2. Jim Willis, 100 Media Moments That Changed America, 2010, S. 55
  3. KDKA gehörte dem Konzern Westinghouse Electric & Manufacturing
  4. Konrad Dussel, Deutsche Rundfunkgeschichte, 2007, S. 44
  5. Robert Kühne, Perspektiven der Radionutzungsforschung, 2008, S. 13
  6. Klaus Meier, Journalistik: UTB basics, 2013, S. 155
  7. Robert Sturm/Jürgen Zirbik, Die Radio-Station. Ein Leitfaden für den privaten Hörfunk, 1996, S. 189 f.
  8. Miriam Wahl/Jakob Thibaut/Rebecca Frey/Michael Münzing, Privater Hörfunk, 2007, S. 14
  9. Robert Sturm/Jürgen Zirbik, a.a.O., S.201 f.

Siehe auch[Bearbeiten]

 Portal: Hörfunk – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Hörfunk