Zeit der Unschuld

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Film
Deutscher TitelZeit der Unschuld
OriginaltitelThe Age of Innocence
ProduktionslandUSA
OriginalspracheEnglisch
Erscheinungsjahr1993
Länge140 Minuten
AltersfreigabeFSK 12
Stab
RegieMartin Scorsese
DrehbuchMartin Scorsese,
Jay Cocks
ProduktionBarbara De Fina
MusikElmer Bernstein
KameraMichael Ballhaus
SchnittThelma Schoonmaker
Besetzung

Zeit der Unschuld ist ein US-amerikanisches Liebesdrama von Martin Scorsese aus dem Jahr 1993. Der Film mit Daniel Day-Lewis, Michelle Pfeiffer und Winona Ryder in den Hauptrollen basiert auf den Roman The Age of Innocence von Edith Wharton, der 1920 erschienen war.[1]

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

New York in den 1870er-Jahren: Der aus gutem Hause kommende Anwalt Newland Archer ist verlobt mit der hübschen und freundlichen May Welland, einer standesgemäßen Partie. Er beginnt sein geplantes Leben zu hinterfragen, als Mays Cousine, die schöne Gräfin Ellen Olenska, aus Europa nach New York reist und für gesellschaftliches Aufsehen sorgt. Ellen hat ihren ausfallend werdenden Ehemann, einen polnischen Grafen, verlassen, was sie auch in der New Yorker Elite zu einer Außenseiterin macht und ihre Familie einen offenen Skandal fürchten lässt. Insbesondere Archer bemüht sich bei den anderen angesehenen Familien New Yorks um eine freundliche Aufnahme Ellens in ihrer Mitte. Dabei verliebt er sich leidenschaftlich in die unkonventionelle Ellen und beginnt an der New Yorker Gesellschaft, ihrer Moral und ihren Ansichten zu zweifeln.

Newland hadert mit der Aussicht auf eine leidenschaftslose Ehe mit May und mit seinem Leben in einem erstarrten gesellschaftlichen System. Es fehlt ihm jedoch der Mut, seine Verlobung zu lösen und aus der Gesellschaft auszubrechen. So kann er Ellens Wunsch nach Freiheit durch eine Scheidung von dem Grafen nachvollziehen, in seiner Funktion als Anwalt rät er ihr jedoch zum Verbleib in der Ehe, da im Scheidungsprozess unerfreuliche Gerüchte aufgewirbelt werden könnten, die sie gesellschaftlich zerstören könnten. Ellen verzichtet daher auf eine Scheidung. Um seinen seelischen Zwiespalt aufzulösen, bittet er May und ihre Familie darum, mit der Heirat nicht länger zu warten. May ist skeptisch und fühlt, dass etwas zwischen sie und ihren Verlobten getreten ist, willigt aber dennoch ein, nachdem er sie nochmals seiner Liebe versichert. Archer gesteht Ellen schließlich seine Gefühle und sie erwidert diese zwar, erklärt aber, nun sei es bereits zu spät – die Hochzeitsvorbereitungen sind durch Archers Einwirken schon in vollem Gange.

Nach seiner Eheschließung mit May kann er seine heimliche Liebe zu Ellen Olenska nur zeitweise verdrängen. Seine Ehe mit May verläuft äußerlich harmonisch, doch schafft er es nie, unter die Oberfläche seiner konventionell denkenden Frau zu blicken. Ellen und Newland sehen sich mehrfach wieder, woraus sich allerdings nie eine „richtige“ Affäre entwickelt. Als Ellen ihre Großmutter in New York besucht, denken Archer und sie über einen Ehebruch und ein gemeinsames Zusammenleben nach. In diesem Moment aber entzieht sich Ellen ihm: Sie kündigt ihre baldige Abreise nach Europa an, was Archer vollkommen überrascht. Nach einer Abschiedsfeier für Ellen, die das erste von May und Newland gegebene Abendessen für die Gesellschaft darstellt, erzählt May ihm von ihrer Schwangerschaft. May hatte Ellen bereits zuvor in ihre Schwangerschaft eingeweiht, worin offensichtlich die schnelle Abreise der Gräfin begründet lag.

Über 20 Jahre später, nachdem seine Ehefrau May bereits verstorben ist, unternimmt der inzwischen 57-jährige Newland Archer mit seinem Sohn Ted eine Reise nach Paris. Ted arrangiert ein Treffen zwischen Archer und der dort lebenden Ellen. Seit ihrer Abreise aus New York hatte Newland sie nicht gesehen und sie ist für ihn inzwischen gedanklich zu einem Symbol seiner verpassten Lebensmöglichkeiten geworden. Ted erzählt seinem Vater, dass May ihm auf ihrem Sterbebett gesagt habe, dass sie sich und ihre Kinder immer bei Newland geborgen gewusst habe, da er einmal die Sache, die er am meisten wollte, aufgegeben habe, als sie ihn darum gebeten habe. Archer antwortet, dass May ihn nie gebeten habe, findet aber dennoch Trost darin, dass sie seinen Schmerz zumindest bemerkt hat. Newland entscheidet sich gegen ein spätes Wiedersehen mit Ellen, bleibt vor ihrem Haus sitzen und hängt alten Erinnerungen an ihre gemeinsame, unerfüllte Liebe nach.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Filmkritiker Jay Cocks machte seinen Jugendfreund Martin Scorsese, der seit Langem einen Liebesfilm plante, 1980 auf Edith Whartons Roman Age of Innocence aufmerksam, für den sie 1921 den Pulitzer-Preis erhalten hatte. Scorseses Drogensucht, seine stürmische Ehe mit Isabella Rossellini und manische Depressionen ließen eine Auseinandersetzung mit diesem subtilen Material zu dieser Zeit nicht zu, aber am Ende des Jahrzehnts hatte er filmisch großen Erfolg und kam auch privat zur Ruhe. Viele Beobachter waren überrascht über die Stoffwahl, da Scorsese ansonsten nicht als Regisseur für Liebesfilme bekannt war und eher Filme drehte, in denen die Charaktere nicht wie in Age of Innocence ihre Gefühle zurückhalten und darunter leiden, sondern diese eher in Gewalt- und Emotionsausbrüchen zutage bringen. Scorseses Interesse an bestimmten Milieus und deren Verhaltenskodexen und Praktiken verbindet allerdings The Age of Innocence etwa mit den Gangsterfilmen Scorseses, wo die Figuren sich ebenfalls innerhalb eines sozialen Gefüges bewegen müssen.[2] Einflüsse auf den Film für Scorsese waren Visconti-Filme wie Sehnsucht und Der Leopard sowie Der Glanz des Hauses Amberson von Orson Welles.[3][4]

Nach den Arbeiten zu Die letzte Versuchung Christi las er den Roman und arbeitete mit Cocks drei Wochen lang an einem Drehbuch. Während Cocks noch weitere drei Jahre an der Struktur arbeitete, drehte Scorsese seine Filmerfolge Good Fellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia und Kap der Angst, bevor beide im Dezember 1991 das Buch für Age mit letzten Details ausschmückten. Columbia Pictures stellte 35 Millionen US-Dollar für die Produktion bereit, im März 1992 begannen die Dreharbeiten in New York und endeten im Juni 1992 in Paris. Von Columbia als Oscar-Favorit geplant, musste eine Veröffentlichung im Dezember 1992 wegen des komplizierten Schnitts und der Krankheit von Scorseses Vater Charles verschoben werden. Charles Scorsese, der im August 1993 einen Monat vor der Premiere starb, wurde der Film durch seinen Sohn im Abspann gewidmet. Charles und seine Ehefrau Catherine sind, wie in vielen Filmen ihres Sohnes zuvor, in Komparsenrollen zu sehen (als ältere Leute am Bahnhof Jersey City Station). Martin Scorsese selbst hat im Film einen Cameo-Auftritt als Hochzeitsfotograf.

Nach fast zehn Monaten Nachbearbeitung feierte Zeit der Unschuld bei den Filmfestspielen von Venedig im September 1993 seine Premiere. Als ein Meisterwerk seines Regisseurs bejubelt, stand der Film im Dezember 1993 bei den Preisverleihungen gleichwohl in Konkurrenz zu Steven Spielbergs erfolgreichem Holocaust-Drama Schindlers Liste, das schließlich auch das Gros der zu gewinnenden Auszeichnungen gewinnen sollte. An den Kinokassen in den USA nahm der Film etwas über 32 Millionen Dollar ein, weitere Einnahmen im Ausland folgten zwar, dennoch war der Film keineswegs ein Kassenschlager.[5]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Ein grandios fotografiertes und inszeniertes Drama um den Konflikt von Sehnsucht und Verantwortung in einer von starren gesellschaftlichen Konventionen und engen Moralvorstellungen geprägten Welt. Schauspielerisch sehr zurückhaltend, offenbart sich das innere Drama der Hauptfiguren über die Zeichen- und Symbolsprache einer auf Äußerlichkeiten reduzierten Umwelt.“

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Edith Wharton: Zeit der Unschuld. Roman (Originaltitel: The Age of Innocence). Deutsch von Richard Kraushaar und Benjamin Schwarz. Ungekürzte Taschenbuchausgabe, 7. Auflage. Piper, München und Zürich 1997. ISBN 3-492-22419-9
  • Martin Scorsese, Jay Cocks: Die Zeit der Unschuld. Ein Portrait des Films nach dem Roman von Edith Wharton (Originaltitel: The Age of Innocence). Herausgegeben von Robin Standefer. Mit Produktionsfotos von Philip V. Caruso. Deutsch von Barbara Först. Bastei-Verlag Lübbe, Bergisch Gladbach 1993. ISBN 3-404-13541-5
  • Dana Poppenberg/Gerhard Poppenberg: Martin Scorsese. Einführung in seine Filme und Filmästhetik. Paderborn 2018. S. 143–151.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. zu den verschiedenen deutschsprachigen Buchausgaben und -titeln siehe den Namensartikel
  2. Geoffrey O'Brien: The Age of Innocence. Beiliegendes Heft zur Criterion Collection des Filmes. S. 8–9.
  3. Close-Up on Martin Scorsese's "The Age of Innocence". Abgerufen am 1. Oktober 2020 (deutsch).
  4. Geoffrey O'Brien: The Age of Innocence. Beiliegendes Heft zur Criterion Collection des Filmes. S. 10.
  5. The Age of Innocence bei Boxoffice-Mojo. Abgerufen am 20. November 2020.
  6. Zeit der Unschuld. In: Lexikon des internationalen Films. Filmdienst, abgerufen am 2. März 2017.Vorlage:LdiF/Wartung/Zugriff verwendet