Breitblättriges Knabenkraut

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Breitblättriges Knabenkraut
Breitblättriges Knabenkraut (Dactylorhiza majalis)

Breitblättriges Knabenkraut (Dactylorhiza majalis)

Systematik
Familie: Orchideen (Orchidaceae)
Unterfamilie: Orchidoideae
Tribus: Orchideae
Untertribus: Orchidinae
Gattung: Knabenkräuter (Dactylorhiza)
Art: Breitblättriges Knabenkraut
Wissenschaftlicher Name
Dactylorhiza majalis
(Rchb.) P.F.Hunt & Summerh.

Das Breitblättrige Knabenkraut (Dactylorhiza majalis), auch Breitblättrige Fingerwurz genannt, ist eine auf ungedüngten Feuchtwiesen noch gelegentlich häufig anzutreffende Orchideenart. Der Gattungsname Dactylorhiza kommt von den fingerartigen Wurzelknollen (von griechisch δάκτυλος dactylos = Finger und ρίζα rhiza = Wurzel). Das Art-Epitheton majalis weist auf den Blütemonat Mai hin (von lateinisch maialis = auf den Mai bezogen).

Beschreibung[Bearbeiten]

Breitblättriges Knabenkraut (D. majalis),
Detail des Blütenstands

Es sind ausdauernde krautige Pflanzen, die Wuchshöhen von 15 bis 40 cm, kräftige Pflanzen auch von 60 cm, erreichen. Die drei bis acht dunkel gefleckten Laubblätter sind am Stängel verteilt. Die unteren Laubblätter sind eiförmig bis eiförmig-lanzettlich mit einer Länge von 6 bis 18 cm und einer Breite von 1,5 bis 3,5 cm. Die oberen Laubblätter werden zunehmend kleiner und sind mehr lanzettlich geformt. Die Tragblätter sind ungefähr so lang wie die Blüte, sie bedecken diese vor dem Aufblühen.

Der 4 bis 15 cm lange, dichtblütige Blütenstand ist zunächst konisch, im aufgeblühten Zustand deutlich zylindrisch und enthält 7 bis 40 Blüten. Die Blüten sind purpurrot, selten hellrosa oder weiß gefärbt. Die seitlichen Blütenhüllblätter des äußeren Kreises des Perigons stehen schräg oder senkrecht nach oben. Sie sind 7 bis 12 mm lang und 2,5 bis 5 mm breit. Das mittlere Blütenhüllblatt ist kleiner und bildet mit den beiden seitlichen Blütenhüllblättern des inneren Kreises einen „Helm“. Diese sind 6 bis 11 mm lang. Die dreilappige Lippe ist 5 bis 10 mm lang und 7 bis 14 mm breit. Die Lippenform und das Lippenmuster sind variabel. Im helleren, mittleren Bereich der Lippe setzt sich die Zeichnung aus Linien, Strichen oder Punkten zusammen. Der Sporn ist etwas abwärts gebogen und knapp so lang wie der Fruchtknoten.

Die Blütezeit beginnt in tieferen Lagen bereits Anfang Mai und endet in höheren Lagen Ende Juli. Die untersten Blüten öffnen sich meist schon, bevor der Stängel seine endgültige Höhe erreicht hat. Die Knolle ist flach und dreiteilig-handförmig.

Ökologie[Bearbeiten]

Das Breitblättrige Knabenkraut ist ein Knollen-Geophyt.

Die Blüten sind „Lippenblumen vom Orchis-Typ“. Die Blüten sind durch Drehung des Fruchtknotens um 180 Grad gedreht. Dieser Vorgang wird durch die Schwerkraft ausgelöst. Der Lippensporn hat keinen Nektar, ist aber mit einem zuckerreichen „anbohrbaren“ Gewebe ausgestattet. Der Pollen befindet sich in 2 gestielten, mit Klebscheiben versehenen Pollinien. Dies ist eine Anpassung daran, dass der Fruchtknoten viele Samenanlagen besitzt, von denen möglichst viele befruchtet werden sollen. Bestäuber sind zumeist Bienen, die das an ihrem Kopf klebende, nach 30 Sekunden sich nach vorne neigende Pollinium auf die klebrige Narbe einer anderen Blüte übertragen. Blütezeit ist von Mai bis Juli. Die Früchte sind Kapseln mit hygroskopisch verschließbaren Längsspalten, die die Samen nur bei trockenem Wetter freigeben. Jede Frucht enthält ca. 6000 winzige Samen mit einem Keimling aus nur wenigen Zellen. Die Samen besitzen statt Nährgewebe einen Hohlraum aus Luft. Sie können sich dadurch als typische Körnchenflieger ausbreiten. Ihre Sinkgeschwindigkeit beträgt 25 cm/s, was eine Flugweite von 10 km ermöglicht. Fruchtreife ist im September. Samenkeimung ist nur in Anwesenheit eines spezifischen Pilzes möglich (endotrophe Mykorrhiza). Vegetative Vermehrung erfolgt durch basale Brutknospen.

Genetik und Entwicklung[Bearbeiten]

Das Breitblättrige Knabenkraut besitzt einen Karyotyp von zwei Chromosomensätzen und jeweils 40 Chromosomen (Zytologie: 2n = 80).

Die Vermehrung erfolgt entweder über Samen oder das Wachstum von mehr als einer Tochterknolle pro Jahr. Die Samen sind sehr klein (wie Staubkörnchen) und mit bloßem Auge kaum als solche zu erkennen. Der Same enthält keinerlei Nährgewebe für den Keimling. Eine Keimung kann nur mit Hilfe eines speziellen Wurzelpilzes (Mykorrhiza) erfolgen.

Verbreitung[Bearbeiten]

Das Breitblättrige Knabenkraut auf einer feuchten Waldwiese in der Hohenloher Ebene

Das Breitblättrige Knabenkraut wächst hauptsächlich auf stickstoffarmen feuchten bis nassen Wiesen, die aus verschiedenen Pflanzengesellschaften bestehen. Seltener ist es in Niedermooren zu finden. Die Pflanze liebt unbeschattete, sonnige Standorte.

Die Pflanzengesellschaften sind:

  • Ordnung Molinietalia caerulae (Nasse Staudenfluren)
  • Verband Caricion nigrae
  • Ordnung Tofieldietalia (Kleinseggenried)
  • Verband Caricion davallianae

(Aufschlüsselung siehe Pflanzensoziologische Einheiten nach Oberdorfer)

Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich in Europa von den Pyrenäen bis zum Baltikum und an den Don, möglicherweise auch bis zur Wolga. Südlich der Alpen kommt das Breitblättrige Knabenkraut nicht vor, in Südskandinavien ist es selten.

Es ist ein Florenelement der zentral- und westsubmediterranen, pannonischen, süd- und mittelatlantischen, subatlantischen und zentraleuropäischen Florenzonen, möglicherweise auch der pontischen Florenzone.

In Deutschland ist das Breitblättrige Knabenkraut noch mit mehreren Lücken weit verbreitet, es sind jedoch viele Standorte bereits erloschen, besonders von West- bis Norddeutschland.

In der Schweiz ist das Breitblättrige Knabenkraut ebenfalls noch ausreichend weit verbreitet. Eine deutliche Lücke befindet sich südlich der Aare zwischen Aarau und dem Neuenburgersee.

Standorte und Verbreitung in Mitteleuropa[Bearbeiten]

Das Breitblättrige Knabenkraut braucht feuchten, nicht unbedingt kalkhaltigen, nicht allzu nährstoffarmen Boden.

Es besiedelt Flachmoore, Sumpfwiesen und lichte Auenwälder. Es steigt in den Alpen bis über 2000 m auf. Es kommt an seinen Standorten da und dort in größeren, lockeren, doch individuenreichen Beständen vor.

Naturschutz und Gefährdung[Bearbeiten]

Das Breitblättrige Knabenkraut ist zwar in manchen Regionen noch häufiger anzutreffen, ist aber dennoch als Orchidee geschützt.

Seit geraumer Zeit nehmen die Bestände diese Art wie bei vielen Pflanzen der Feuchtwiesen ab. Hauptursachen sind Stickstoffeintrag durch Düngung, Trockenlegen der Standorte und intensive Beweidung. Das Breitblättrige Knabenkraut reagiert nicht so empfindlich auf Veränderungen der Standorte wie zum Beispiel das Fleischfarbene Knabenkraut, mit welchem es sich die Standorte gelegentlich teilt. Es verschwindet meist als letzte der heimischen Orchideen. Diese Toleranz macht es zu einer noch relativ häufigen Art.

Orchidee des Jahres[Bearbeiten]

Um die Öffentlichkeit auf seine Schutzwürdigkeit hinzuweisen, wurde das Breitblättrige Knabenkraut von den Arbeitskreisen Heimische Orchideen (AHO)s im Jahr 1989 zur „Orchidee des Jahres“ gewählt.

Blume des Jahres[Bearbeiten]

Die deutsche Stiftung zum Schutze gefährdeter Pflanzen (Loki Schmidt Stiftung) wählte das Breitblättrige Knabenkraut im Jahr 1994 zur „Blume des Jahres“.

Systematik[Bearbeiten]

Varietäten und Hybriden[Bearbeiten]

Dactylorhiza × aschersoniana
Dactylorhiza × braunii
  • Unterarten:
    • Dactylorhiza majalis var. pumila (Synonym: Dactylorhiza majalis var. alpestris).
  • Hybriden:
    Innerhalb der Gattung hybridisiert das Breitblättrige Knabenkraut zum Teil sehr häufig mit anderen Arten.
    • Dactylorhiza × aschersoniana (D. majalis × D. incarnata)
      Die Hybride mit dem Fleischfarbenen Knabenkraut ist in der Regel schwer zu bestimmen. Die Pflanzen sind im Habitus dem Fleischfarbenen Knabenkraut mit den aufrechten, helleren, gelegentlich gepunkteten Blättern ähnlich. Die Lippe der Blüte liegt in der Breite zwischen beiden Elternarten. Die Hybride kann mit Dactylorhiza incarnata var. haematodes verwechselt werden, deren Blätter stärker gefleckt sind.
    • Dactylorhiza × braunii (D. majalis × D. fuchsii)
      Hybriden tendieren in der Blütenform mal zum Breitblättrigen Knabenkraut, mal zum später aufblühenden Fuchs' Knabenkraut. Sie liegen in der Blütezeit meist zwischen den Elternarten.
    • Dactylorhiza × dufftiana (M. Schulze) Soó (1962) (D. majalis × D. traunsteineri)
    • Dactylorhiza × godferyana (D. majalis × D. praetermissa)
    • Dactylorhiza × kuehnensis (D. majalis × D. ruthei)
    • Dactylorhiza × townsendiana (D. majalis × D. maculata)
    • Dactylorhiza × rupertii (D. majalis × D. sambucina)
    Seltener treten auch Hybriden mit anderen Gattungen auf (Intergenerische Hybriden)

Synonyme[Bearbeiten]

Ludwig Reichenbach beschrieb 1828 das Breitblättrige Knabenkraut als Orchis majalis. Der Name bildet das Basionym, nachdem Peter Francis Hunt und Victor Samuel Summerhayes die Art 1965 in die Gattung Dactylorhiza überführten. Gelegentlich wird auch der Name Dactylorhiza fistulosa verwendet, da aber die Beschreibung nicht gültig ist, kann dieser Name trotz der früheren Veröffentlichung im Jahr 1794 als Orchis fistulosa nicht verwendet werden.

Synonyme:

  • Orchis majalis Rchb. 1828 (Basionym)
  • Orchis latifolia L. 1753 (nom. ambig.)
  • Dactylorchis majalis (Rchb.) Verm. 1947
  • Dactylorhiza comosa ssp. majalis (Rchb.) P.D. Sell & G.Murrell 1996
  • Orchis fistulosa Moench 1794 nom. illeg.
  • Dactylorhiza fistulosa (Moench) H. Baumann & Künkele 1983 nom. illeg.

Aberglaube[Bearbeiten]

Den wie Finger geformten Knollen wurden früher übersinnliche Kräfte zugeschrieben, wobei die vorjährige (dunkel gefärbt und älter) als Teufelsfinger oder Satanshand, die diesjährige (heller gefärbt) als Marienfinger oder Johannishand bezeichnet wurde. Im Volksglauben konnte die Wurzel am Mittag des Johannistages (24.6.) kranke Körperteile durch Berührung heilen.

Bildergalerie[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Standardliteratur über Orchideen

  • AHO (Hrsg.): Die Orchideen Deutschlands. Verlag AHO Thüringen Uhlstädt – Kirchhasel, 2005, ISBN 3-00-014853-1.
  • Karl-Peter Buttler: Orchideen, die wildwachsenden Arten Europas. Mosaik Verlag 1986, ISBN 3-570-04403-3.
  • Robert L. Dressler: Die Orchideen – Biologie und Systematik der Orchidaceae. (1996) – gutes Werk zum Thema Systematik [deutsch]
  • Helmut Presser: Die Orchideen Mitteleuropas und der Alpen . Nikol Verlagsgesellschaft Hamburg, 2. Auflage: 2002, ISBN 3-933203-54-6.
  • Hans Sundermann: Europäische und mediterrane Orchideen. Brücke-Verlag, 2. Auflage: 1975, ISBN 3-871-05010-5.
  • J. G. Williams: Orchideen Europas mit Nordafrika und Kleinasien. BLV Verlag, ISBN 3-405-11901-4.
  • R. Düll/ H. Kutzelnigg: Taschenlexikon der Pflanzen Deutschlands. 7. Auflage, Quelle & Meyer-Verlag, 2011, ISBN 978-3-494-01424-1
  • Aichele/Schwegler: Die Blütenpflanzen Mitteleuropas, Franckh-Kosmos-Verlag, 2. überarbeitete Auflage 1994, 2000, Band 5, ISBN 3- 440-08048-X

Weblinks[Bearbeiten]