Erdferkel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Erdferkel
Erdferkel

Erdferkel

Systematik
Unterklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Überordnung: Afrotheria
Ordnung: Tubulidentata
Familie: Erdferkel
Gattung: Orycteropus
Art: Erdferkel
Wissenschaftlicher Name der Ordnung
Tubulidentata
Huxley, 1872
Wissenschaftlicher Name der Familie
Orycteropodidae
Gray, 1821
Wissenschaftlicher Name der Gattung
Orycteropus
Geoffroy Saint-Hilaire, 1796
Wissenschaftlicher Name der Art
Orycteropus afer
(Pallas, 1766)

Das Erdferkel (Orycteropus afer) ist die einzige rezente Art der Säugetierordnung der Röhrenzähner (Tubulidentata). Die systematische Stellung des im subsaharischen Afrika vorkommenden Tieres ist nicht geklärt. Ähnlichkeiten mit den amerikanischen Ameisenbären beruhen auf konvergenter Evolution, nicht auf Verwandtschaft.

Merkmale[Bearbeiten]

Auf der Seite schlafendes Erdferkel. Man beachte die großen grabschaufelähnlichen Vorder- und Hinterfüße.

Erdferkel sind kompakt gebaute Tiere mit einem kräftigen Leib und aufgewölbtem Rücken, einem an ein Känguru erinnernden Schwanz, ziemlich dickem Hals, langem, schmächtigem Kopf mit langen, rohrförmigen, sehr beweglichen Ohren und einem langen, schweineartigen Rüssel. Die Schnauze ist röhrenförmig ausgezogen und von einer dehnbaren Haut umschlossen, die dem langen Kiefer genügend Spielraum zum Kauen lässt. Die konvergenten Ameisenbären zeigen im Gegensatz eine relativ starre Mundpartie, die das weite Öffnen des Maules nur zu einem geringen Grad erlaubt. Schnauze und Augen der Erdferkel sind von zahlreichen Tasthaaren umgeben. Die Vorderfüße tragen jeweils vier und die Hinterfüße jeweils fünf Krallen, die zwischen den Zehen von kleinen Häuten verbunden sind, die dem Graben nützlich sind. Die riemenförmige Zunge ist sehr lang, warzenreich und durch reichliche Speichelabsonderung stets feucht und klebrig. Das Erdferkel ist spärlich mit borstigem, gelblichem Haar bedeckt. Es wird bis zu 1,65 Meter lang, hat eine Schulterhöhe von 60 Zentimeter und wiegt zwischen 50 und 70 Kilogramm.

Seine Zähne sind eine Besonderheit, die der Ordnung der Röhren- oder Röhrchenzähner ihren Namen gegeben haben. Sie bestehen aus säulenartigen Gebilden rundlicher Prismen aus Dentin, deren Seitenwände aus zahnzementartiger Substanz sind.[1] Größere Zähne zeigen im Querschnitt bis zu 1500 dieser hexagonal angeordneten Prismen. Die Zähne zeigen keinerlei Krönung. Während junge Erdferkel noch voll bezahnt sind (Zahnformel: I3/3-C5/5-P6/6-M10/10), fehlen adulten Exemplaren die Schneide- und Eckzähne völlig. Die Zahnformel adulter Erdferkel lautet: I0/0-C0/0-P2/2-M3/3. Es besitzt also insgesamt 20 Zähne.[2]

Verbreitung und Lebensraum[Bearbeiten]

Verbreitung des Erdferkels

Das Erdferkel ist in ganz Afrika südlich der Sahara verbreitet – überall dort, wo es Termiten gibt. Altägyptische Darstellungen geben starken Anlass zu der Vermutung, dass es einst auch nördlich der Sahara gelebt hat. Unsichere Quellen aus britischer Kolonialzeit berichten im 19. Jahrhundert von geschossenen Erdferkeln aus dem heutigen Irak, möglicherweise haben die Populationen nördlich der Sahara also länger als vermutet überlebt.[3] Die Ägypter kannten das Erdferkel nicht nur, nach Meinung einer Minderheit unter den Ägyptologen war es sogar Symboltier des Gottes Seth.

Verwandte des heutigen Erdferkels aus der Gattung Amphiorycteropus, so unter anderem A. depereti und A. gaudryi, besiedelten vom Mittleren Miozän an auch Eurasien. Hier starben sie aber zu Beginn des Pliozäns und lange vor der Ankunft des Menschen wieder aus.[4]

Lebensraum des rezenten Erdferkels sind Savannen und offenes Buschland. Es fehlt in dichten Wäldern und in Wüsten.

Lebensweise[Bearbeiten]

Erdferkel
Junges Erdferkel

Erdferkel leben in offenen Landschaften und legen große Erdhöhlen und -baue an. Nachts kommen sie heraus, um auf Nahrungssuche nach Ameisen und Termiten zu gehen (Myrmecophagie). Mit den starken Klauen reißt das Erdferkel die betonharten Termitenbauten auf und leckt mit seiner langen, klebrigen Zunge die Insekten auf.

Das Tunnelsystem, in dem das Erdferkel seinen Bau hat, hat in seiner Mitte eine zwei bis drei Meter große Kammer. Von hier führen bis zu 13 Meter lange Gänge zu den Ausgängen. Obwohl das Erdferkel ein Einzelgänger ist, legen manchmal mehrere Erdferkel ihre Baue direkt nebeneinander an. Manchmal ruht das Erdferkel in einer Höhlung in einem Termitennest. Seine dicke Haut macht es gegen die Bisse der Insekten vollkommen unempfindlich.

Das Sozialsystem ist kaum näher erforscht. Bei größerer Populationsdichte kommt es vor, dass Erdferkel gemeinsam an Termitenhügeln zu beobachten sind.[2] Auch im Zoo zeigen Erdferkel ein soziales Verhalten und können in Paaren zusammen gepflegt werden.[1]

Bei der kleinsten Störung flieht das Erdferkel in seinen Bau. Obwohl es sich meistens sehr langsam bewegt, kann es in diesem Fall hohe Geschwindigkeiten erreichen. Es orientiert sich mit Hilfe seines Gehörs und seines Geruchssinns. Die Augen sind weniger hilfreich. Wird es trotz allem eingeholt, wirft es sich auf den Rücken und schlägt mit seinen scharfen Klauen nach dem Angreifer.

Die Hauptnahrung sind Ameisen und Termiten, doch gelegentlich werden auch andere Insekten verspeist. In seltenen Fällen sah man ein Erdferkel eine Maus erbeuten. In Zoos lassen sich die Tiere auch mit pflanzlicher Nahrung füttern.

Erdferkel werden in Südafrika von Mai bis Juli, in Botswana zwischen Mai und August, in Zaire von Oktober bis November, in Uganda im November und in Äthiopien von Mai bis Juni geboren.[2] Nach einer Tragezeit von fünf bis sechs Monaten wird ein, selten auch ein zweites Jungtier zur Welt gebracht. Bei der Geburt beträgt das Körpergewicht etwa ein Kilo und die Gesamtlänge etwa 55 cm.[2] Erste koordinierte Schritte werden mit etwa drei Wochen unternommen.[1] Mit etwa drei Monaten wird erstmals das Nest verlassen, mit etwa sechs Monaten erste eigene Höhlen gegraben und das Gebiet der Mutter verlassen. Mit einem Jahr haben Erdferkel ihr Endgewicht von etwa 50 kg erreicht.[1] Mit etwa zwei Jahren wird die Geschlechtsreife erreicht. Im Zoo erreichten Erdferkel ein Alter von 25 Jahren; in freier Wildbahn dürfte ihre Lebenserwartung niedriger sein. Erdferkel werden gelegentlich von Löwen, Leoparden und Hyänen erbeutet. Jungtiere fallen zuweilen Pythons zum Opfer.[5]

Erdferkel und Menschen[Bearbeiten]

Muttertier mit Jungtier in einem Zoo

In manchen Regionen Afrikas wird Erdferkelfleisch gegessen. Gilt es mancherorts als Delikatesse, bezeichnen andere das Fleisch als übelriechend und zäh wie Leder. Die dicke Haut wird regional zu Leder verarbeitet.

In der Landwirtschaft erfreut sich das Erdferkel keiner großen Beliebtheit, da es für seine Baue den Boden aufwühlt. Allerdings hatten Ausrottungskampagnen, wie sie zum Beispiel in manchen Gegenden Südafrikas erfolgt sind, die unerwünschte Folge, dass sich die Termiten explosiv vermehrten und umso größere Schäden an den Pflanzungen der Farmer anrichteten.

In den allermeisten Gegenden Afrikas konnten Erdferkel in ihrem Bestand allerdings kaum vermindert werden. Sie gehören zu den häufigsten Säugetieren Afrikas und sind weit davon entfernt, als bedrohte Tierart eingestuft zu werden.

Erdferkel sind in freier Wildbahn extrem schwierig zu beobachten. Die wenigen Nationalparks Afrikas, die Nachtsafaris erlauben (zum Beispiel Luangwa Valley in Sambia, Kuru-Kuru-Mountain in Kenia oder der Liwonde Park in Malawi), beenden ihre Nachtfahrten um etwa 20 Uhr. Erdferkel verlassen ihre Baue selten vor 22 Uhr und kehren lange vor Morgengrauen in ihre Baue zurück.

Erstmals wurde ein Erdferkel 1869 im Zoo London gezeigt.[1] Das Tier erreichte ein Alter von 9 Jahren. Auch den Berliner Zoo erreichten die ersten Erdferkel im 19. Jahrhundert. Die weltweit erste gelungene Nachzucht konnte 1962 im Zoo Frankfurt erzielt werden.[1] Gegenwärtig gibt es drei Haltungen in Deutschland.[6] Im Zoo Berlin und in Frankfurt werden Erdferkel regelmäßig nachgezüchtet. Seit 1978 können Erdferkel auch im Zoo Saarbrücken besichtigt werden. In allen Einrichtungen werden Erdferkel in speziellen Nachttierhäusern gehalten, in denen die Lichtverhältnisse im umgekehrten Tag-Nacht-Rhythmus geschaltet sind.

Aus den 1970ern stammt die Darstellung eines Erdferkels als Zeichentrickfigur „Die blaue Elise“, in der deutschen Übersetzung fälschlich als Ameisenbär klassifiziert. Thema der Kurzfilme ist die grundsätzlich erfolglose Jagd auf die Ameise.

Systematik[Bearbeiten]

Schädel des Erdferkels (Sammlung Museum Wiesbaden)

Wissenschaftliche Namen[Bearbeiten]

Wissenschaftliche Bezeichnungen des Erdferkels (Orycteropus afer):[2]

  • Myrmecophaga afra (Pallas 1766) als Typusfund am Kap der Guten Hoffnung
  • Orycteropus senegalensis (Lesson 1840) aus Senegal
  • Orycteropus aethiopicus (Sundevall 1843) aus Sudan
  • Orycteropus wertheri (Matschie 1889) aus Tanganjika
  • Orycteropus haussanus (Matschie 1900) aus Westafrika
  • Orycteropus leptodon (Hirst 1906) aus Kamerun
  • Oryteropus afer (W. Rothschild 1907) aus Südwestafrika

Entwicklung der Theorien zur Systematik[Bearbeiten]

Innere Systematik der Afrotheria nach Gheerbrant et al. 2014[7]
 Afrotheria 



 Ptolemaia (†) 


     

  Tubulidentata (Erdferkel)



     

 Ocepeia (†) 


     

 Afrosoricida (Tenrekartige)




     

 Hyopsodus (†) 


     

 Phenacodonta (†) 


     

 Macroscelidea (Rüsselspringer)


     

 Teilhardimys (†) 


     

 Paenungulata 







Die Position des Erdferkels im System der Säugetiere ist noch immer weitgehend rätselhaft. Grzimeks Tierleben nennt das Erdferkel den letzten überlebenden Vertreter der Urhuftiere (Protungulata). Diese Lehrmeinung war lange Zeit in Ermangelung einer Alternative unbestritten, ehe man mit DNA-Untersuchungen den wahren Verwandtschaftsverhältnissen auf den Grund gehen konnte. Das Ergebnis war wie erwartet: Mit keinem anderen lebenden Säugetier ist das Erdferkel näher verwandt und stellt damit als Ausnahme die einzig rezente Art einer Familie (Tubulidentata) dar.

Arnason, Gullberg und Janke kamen nach ihren Untersuchungen 1999 zu dem Schluss, dass das Erdferkel die Schwesterart eines Taxons sei, das Zahnarme, Raubtiere, Paarhufer, Unpaarhufer und Wale umfasst. Die Linien des Erdferkels und der anderen Säugetiere hätten sich demnach bereits vor 90 Millionen Jahren voneinander getrennt.

Im Gegensatz dazu kommen Springer, Amrine, Burk und Stanhope zu einem ganz anderen Schluss. Ihren Untersuchungen zufolge ist das Erdferkel in die Afrotheria eingebettet, die unter anderem auch Elefanten, Seekühe und Schliefer umfassen. Diese Sichtweise wird von Nikaido, Nishihara, Hukumoto und Okada unterstützt, nach deren Untersuchungen Erdferkel in ihren Genomen spezifische Retroposons, sogenannte AfroSINEs, tragen, die sie mit anderen Vertretern der Afrotheria gemein haben.

Von Gewissheit über die Position des Erdferkels ist man noch weit entfernt. Gesichert ist momentan nur, dass das Erdferkel einer sehr alten Säugetierlinie entstammt und den Ursprüngen der Höheren Säugetiere zumindest sehr nahesteht.

Auf Madagaskar trat Plesiorycteropus auf, der vermutlich keine Zähne besaß und sich im Eozän durch die Isolation Madagaskars vom übrigen Taxon trennte.[8] Die Gattung Plesiorycteropus, die vor rund 1000 Jahren ausgestorben ist, wird manchmal als „Madagassisches Erdferkel“ bezeichnet. Untersuchungen von Ross MacPhee aus dem Jahr 1994 ergaben dass zwischen Plesiorycteropus und den Tubulidentaten keine nähere Verwandtschaft besteht und Plesiorycteropus wurde fortan in einer eigenen Ordnung geführt (Bibymalagasia).[9]

Überblick über die fossilen und rezenten Vertreter der Tubulidentata[Bearbeiten]

Die Ordnung der Tubulidentata besteht heute aus vier Gattungen mit mehr als einem Dutzend Arten:[4]

  • Ordnung: Tubulidentata Huxley, 1872
  • Familie: Orycteropodidae Gray, 1821
  • M. africanus MacInnes, 1956; Ostafrika
  • M. minutus Pickford, 1975; Ostafrika
  • M. chemeldoi Pickford, 1975; Ostafrika
  • A. seni Tekkaya, 1993; Türkei
  • A. pottieri Ozansoy, 1965; Türkei, Griechenland
  • A. browni Pilgrim, 1933; Pakistan
  • A. gaudryi Major, 1888; südliches Europa bis zentrales Asien
  • A. mauritanicus Arambourg, 1956; Nordafrika
  • A. abundulafus Lehmann, Vignaud, Likius & Brunet, 1956; nördliches Zentralafrika
  • A. depereti Helbing, 1933; Südfrankreich
  • O djourabensis Lehmann, Vignaud, Mackaye & Brunet, 2004; nördliches Zentral- und Ostafrika
  • O. crassidens MacInnes, 1956, Kenia
  • O. afer Pallas, 1766; das heute lebende Erdferkel

Unterarten[Bearbeiten]

In Brehms Tierleben (1927) als Kapisches Erdferkel (Orycteropus capensis) bezeichnet[3]

Der Auffassung Meesters (1986) zufolge können 18 genetische Unterarten unterschieden werden. Nach dieser Einteilung richtet sich auch Wilson et al. (2005).[10] Die Validität dieser Unterarten ist jedoch umstritten. Unterarten nach Meester:[11]

  • Orycteropus afer afer – Südafrika (westliche Kapprovinz, Kap der Guten Hoffnung)
  • Orycteropus a. adametzi – Nordwest-Kamerun
  • Orycteropus a. aethiopicus – Sudan
  • Orycteropus a. angolensis – Südwest-Angola
  • Orycteropus a. erikssoni – Nordkongo
  • Orycteropus a. faradjius – Kongo
  • Orycteropus a. haussanus – Westafrika
  • Orycteropus a. kordofanicus – Sudan
  • Orycteropus a. lademanni – Tanganjika
  • Orycteropus a. leptodon – Kamerun
  • Orycteropus a. matschiei – Südküste Tanganjikas
  • Orycteropus a. observandus – nordwestlich des Malawisees in Tanganjika
  • Orycteropus a. ruvanensis – Tanganjika
  • Orycteropus a. senegalensis – Senegal
  • Orycteropus a. somalicus – Somaliland
  • Orycteropus a. wardi – Nordost-Simbabwe
  • Orycteropus a. wertheri – Tanganjika

Stammesgeschichte[Bearbeiten]

Die Röhrenzähner finden ihren Ursprung im frühen Miozän vor 20,4 bis 16 Millionen Jahren in Ostafrika und breiteten sich bis zum frühen Pleistozän aus. Eine Radiation der Tubulidentaten erfolgte in weiten Teilen Afrikas, Europas, Asiens. Sie werden heute in vier Gattungen unterteilt. Den frühesten Nachweis besitzt die Gattung Myorycteropus mit der Art M. minutus im Unteren Miozän von Songhor in Kenia. Hierbei handelt es sich um eine relativ kleine Form, die nur halb so groß wurde wie die heutigen Erdferkel, aber schon Anpassung an eine myrmecophage Ernährung und eine grabende Lebensweise zeigt. Ähnlich alt ist M. africanus, dass ursprünglich anhand eines nicht voll ausgewachsenen Tieres beschrieben wurde. Es ist wiederum aus Ostafrika bekannt und war ebenfalls relativ klein, zeigte aber die stärksten Anpassungen an grabende Tätigkeiten, wie unter anderem aus dem Bau des Oberarmknochens geschlossen werden kann. Aus diesem Grund stellt M. africanus nicht die Stammform der Tubulidentata dar, sondern ist eher als ein Seitenzweig aufzufassen. Aus dem Mittleren Miozän (vor 16 bis 11,6 Millionen Jahren) sind nur wenige Funde aus Afrika bekannt. Hierzu gehört M. chemeldoi von den Tugen Hills in Kenia. Die Art ist aber nur durch fragmentiertes Knochenmaterial bekannt. Dafür sind erstmals Vertreter der Tubulidentaten außerhalb Afrikas nachgewiesen. Sie gehören neueren Untersuchungen zufolge der Gattung Amphiorycteropus an. Höchstwahrscheinlich wanderten die frühen Erdferkel nach der Schließung der Tethys und der Entstehung einer Landbrücke nach Eurasien zusammen mit vielen anderen afrikanischen Säugetieren, etwa den Rüsseltieren aus. Fossilien konnten unter anderem in der bedeutenden Fundstelle Çandir in der Türkei geborgen werden. Sie werden zur Art A. seni gestellt, da aber das Material auch nur bruchstückhaft ist, sind die näheren Verwandtschaftsverhältnisse unklar. Weiterhin tritt A. browni ein kleiner Vertreter in den Siwaliks von Pakistan auf.[12][13][4]

Im Oberen Miozän aus der Zeit vor 11,6 bis 5,3 Millionen Jahren erreichten die Röhrenzähner ihre höchste Vielfalt. Im westlichen Eurasien ersetzte A. pottieri die vorangegangene Form A. seni. Sie ist von zahlreichen Funden in der Türkei und in Griechenland bekannt und stellte ein mittelgroßes Erdferkel dar, das im Gegensatz zu den heutigen Vertretern noch lange Eckzähne besaß. Sehr weit verbreitet war A. gaudryi, zudem ist es das zuerst beschriebene und am besten untersuchte fossile Erdferkel. Sein Verbreitungsgebiet reichte vom südlichen Europa bis zum zentralen Asien. Die Vertreter besaßen etwa drei Viertel der Größe der heutigen Erdferkel, waren aber schlanker und kurzschnauziger. In Afrika sind aus dem Beginn des Oberen Miozäns bis vor 8 Millionen Jahren keine Funde von Tubulidentaten bekannt, was wohl auf die relativ geringe Anzahl von Fundstellen aus dieser Zeit zurückzuführen ist. Im nördlichen Teil des Kontinentes trat dann das größere A. mauretanicus auf, so in Bou Hanifia in Algerien. Im Tschad wurden mehrere Teilskelette eines weiteren Erdferkels entdeckt, die zu der Art A. abundulafus verwiesen werden und bereits in den Übergang zum Pliozän datieren. Ihre Angehörigen waren eher schlechte Gräber und besaßen sehr breite Zähne, zusammen mit den kräftigeren Muskelansatzstellen der Kaumuskeln kann auf festere Insektennahrung geschlossen werden, etwa Blatthornkäfer.[14][15] Leptorycteropus guilielmi stellt eine mittelgroße Form mit einer Schulterhöhe von 24 cm aus dem Übergang vom Oberen Miozän zum Pliozän dar, gefunden wurden die fossilen Reste in der Nawata-Formation von Lothagam in Kenia. Der Erdferkel-Vertreter besaß im Vergleich zu Orycteropus ein untypisch gut ausgebildetes Gebiss, große Eckzähne, einen gut ausgebildeten Kiefer und zeigt keine Anpassungen an eine grabende Lebensweise. Vermutlich ernährte er sich nicht von staatenbildenden Insekten sondern war möglicherweise omnivor.[12][13][4]

Das Pliozän (vor 5,3 bis 2,6 Millionen Jahren) markiert das Verschwinden der Erdferkel aus Eurasien. Im Unteren Abschnitt der Phase ist nur noch A. depereti in Perpignan in Frankreich nachgewiesen. In Afrika hingegen zeichnet sich der Aufstieg der modernen Erdferkel ab. Der älteste Vertreter der Gattung Orycteropus ist O djourabensis, der zuerst im Tschad gefunden wurde und dessen Beschreibung auf einem teilweise erhaltenen Skelett beruht. Er ähnelte den heutigen Erdferkeln schon stark, besaß aber kürzere Gliedmaßen[16] Es sind jedoch auch weitere Funde aus Ostafrika bekannt, so zwei Teilskelette von der frühmenschlichen Fundstelle Koobi Fora. Aus dem folgenden Pleistozän (vor 2,6 Millionen bis vor 10.000 Jahren) ist die Art O crassidens belegt. Sie ist über mehrere Skelette von der Insel Rusinga im Viktoriasee nachgewiesen und erreichte die Größe des heutigen Erdferkels, besaß ihm gegenüber aber auch verhältnismäßig größere Zähne.[17] Darüber hinaus ist noch zahlreiches weiteres Fossilmaterial aus Afrika überliefert. Als einer der möglicherweise frühesten Nachweise des heutigen Erdferkels, O afer wurden einige Schädelreste und postcraniales Skelettmaterial aus der pliozänen Fossillagerstätte Langebaanweg in Südafrika interpretiert,[18] doch konnten dies neuere Untersuchungen nicht bestätigen.[17] Auch andere wichtige Fundstellen, etwa Laetoli in Tansania oder Swartkrans in Südafrika, bargen Funde von Erdferkeln, die der modernen Form sehr ähnlich sehen, doch sind sie häufig nicht aussagekräftig genug, um sie dieser oder einer anderen Art genau zuweisen zu können.[19][20][13]

Literatur[Bearbeiten]

  • David Macdonald (Hrsg.): Enzyklopädie der Säugetiere. S. 452, 453. Könemann, ISBN 3-89731-928-4
  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World. Johns Hopkins University Press, 1999, ISBN 0-8018-5789-9.
  • U. Arnason, A. Gullberg, A. Janke: The mitochondrial DNA molecule of the aardvark, Orycteropus afer, and the position of the Tubulidentata in the eutherian tree. In: Proceedings of the Royal Society: Biological Sciences. Band 266, Nr. 1417, S. 339.
  • Mark S. Springer, Heather M. Amrine, Angela Burk, Michael J. Stanhope: Additional Support for Afrotheria and Paenungulata, the Performance of Mitochondrial versus Nuclear Genes, and the Impact of Data Partitions with Heterogeneous Base Composition. In: Systematic Biology. Band 48, Nr. 1, S. 65–75.
  • M. Nikaido, H. Nishihara, Y. Hukumoto, N. Okada: Ancient SINEs from African endemic mammals. In: Molecular Biology and Evolution. Band 20, 2003. S. 522–527.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Erdferkel – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f Wolfgang Puschmann: Zootierhaltung - Säugetiere, 4. Auflage, 2004, Verlag Harri Deutsch, ISBN 3817116209
  2. a b c d e Shoshani, J., Golden, A. C. & J. G. M. Thewissen (1988): Orycteropus afer (Mammalian Species No. 300, S. 1–8; PDF; 1,1 MB)
  3. a b 'Brehms Tierleben in 24 Bänden, Bearbeitet 1926 nach der 2. Originalausgabe von Dr. Adolf Meyer
  4. a b c d Thomas Lehmann: Phylogeny and systematics of the Orycteropodidae (Mammalia, Tubulidentata). Zoological Journal of the Linnean Society 155, 2009, S. 649–702
  5. Smither´s Mammals of Southern Africa. Struik Publishers (2000)
  6. Erdferkel (Orycteropus afer) auf Zootierliste.de. Aufgerufen am 6. September 2012
  7. Emmanuel Gheerbrant, Mbarek Amaghzaz, Baadi Bouya, Florent Goussard und Charlène Letenneur: Ocepeia (Middle Paleocene of Morocco): The Oldest Skull of an Afrotherian Mammal. PLOSone 9 (1), 2014, S. e89739 ([1])
  8. Patterson, B. (1975): The fossil aardvarks (Mammalia: Tubulidentata). Bull. Mus. Comp. Zool., 147:185–237
  9. Lars Werdelin: Bibymalagasia. In: Lars Werdelin und William Joseph Sanders (Hrsg.): Cenozoic Mammals of Africa.University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London, 2010, S. 113–114
  10. D. E. Wilson und D. M. Reeder (2005) Orycteropodidae Mammal Species of the World. 3. Auflage. Johns Hopkins University Press, 2005. ISBN 0-8018-8221-4
  11. Meester, J. A. J., I. L. Rautenbach, N. J. Dippenaar & C. M. Baker (1986): Classification of southern African mammals. Transvaal Museum Monograph, Seite 5:1-359.
  12. a b Patricia A. Holroyd: Tubulidentata. In: Lars Werdelin und William Joseph Sanders (Hrsg.): Cenozoic Mammals of Africa.University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London, 2010, S. 107–111
  13. a b c Thomas Lehmann: Biodiversity of the Tubulidentata over geological time Afrotherian Conservation 4, 2006, S. 6–11
  14. Thomas Lehmann, Patrick Vignaud, Andossa Likius und Michel Brunet: A new species of Orycteropodidae (Mammalia, Tubulidentata) in the Mio-Pliocene of northern Chad. Zoological Journal of the Linnean Society 143, 2005, S. 109–131
  15. Thomas Lehmann, Patrick Vignaud, Andossa Likius, Hassane Taïsso Mackaye und Michel Brunet: A sub-complete fossil aardvark (Mammalia, Tubulidentata) from the Upper Miocene of Chad. Comptes Rendus Palevol 5, 2006, S. 693–703
  16. Thomas Lehmann, Patrick Vignaud, Hassane Taïsso Mackaye und Michel Brunet: A fossil aardvark (Mammalia, Tubulidentata) from the lower Pliocene of Chad. Journal of African Earth Sciences 40, 2004, S. 201–217
  17. a b Thomas Lehmann: Plio-Pleistocene aardvarks (Mammalia, Tubulidentata) from East Africa. Fossil Record 11 (2), 2008, S. 67–81
  18. Martin Pickford: Orycteropus (Tubulidentata, Mammalia) from Langebaanweg and Baard’s Quarry, Early Pliocene of South Africa. Comptes Rendus Palevol 4, 2005, S. 715–726
  19. Terry Harrison: Orycteropodidae. In: Terry Harrison (Hrsg.): Paleontology and Geology of Laetoli: Human Evolution in Context. Volume 2: Fossil Hominins and the Associated Fauna. Vertebrate Paleobiology and Paleoanthropology, Springer, 2011, S. 263–274
  20. Thomas Lehmann: Fossil aardvark (Orycteropus) from Swartkrans Cave, South Africa. South African Journal of Science 100, 2004, S. 311–314
Dies ist ein als lesenswert ausgezeichneter Artikel.
Dieser Artikel wurde am 8. Februar 2006 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.


[A1]