Reinhart Koselleck

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Reinhart Koselleck (* 23. April 1923 in Görlitz; † 3. Februar 2006 in Bad Oeynhausen) war einer der bekanntesten deutschen Historiker des 20. Jahrhunderts. Seine Forschungsschwerpunkte lagen in den Bereichen Historik (Theorie der Geschichte), Begriffs- und Sprachgeschichte, anthropologische Grundlagen der Geschichte sowie Sozial-, Rechts- und Verwaltungsgeschichte.

Bekannt wurde er mit seiner Dissertation Kritik und Krise, die von Carl Schmitt maßgeblich beeinflusst war. Der Historiker gilt als einer der originellsten „Außenseiter“ des Fachs, da er keiner historischen „Schule“ zugerechnet werden kann.

Leben[Bearbeiten]

Reinhart Koselleck wurde als einer von drei Söhnen der Eltern Arno Koselleck und Elisabeth Koselleck in ein bildungsbürgerliches Elternhaus hineingeboren. Arno Koselleck war Geschichtslehrer und ein aktiver Reformpädagoge. Er wurde 1928 Direktor des Heilig-Geist-Gymnasium (Breslau). Zwei Jahre später gründete er die Pädagogische Akademie in Kassel. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde die Akademie geschlossen und Arno Koselleck entlassen. Er blieb drei Jahre lang arbeitslos, bevor er eine Stelle als Geschichtsdidaktiker in Saarbrücken fand. Ursprünglich liberal und republikanisch eingestellt, aber mit gewissen Sympathien für großdeutsche und antisemitische Ideen, näherte sich Arno Koselleck in den 1930er Jahren dem Nationalsozialismus an und trat schließlich der Reiter-SA bei. Reinhart Koselleck wurde 1934 Mitglied der Hitlerjugend und ging nach dem Umzug der Familie nach Saarbrücken zur Reiter-HJ.[1]

Reinhart Koselleck meldete sich 1941, im Alter von 19 Jahren, freiwillig zur Wehrmacht, geriet am 1. Mai 1945 in Oderberg, Mähren in sowjetische Kriegsgefangenschaft, wurde am 8. Mai zunächst nach Auschwitz gesandt und war dann bis zum Herbst 1946 in Kriegsgefangenschaft in Karaganda im zentralasiatischen Kasachstan.[2] Nach der Rückkehr nach Deutschland studierte er von 1947 bis 1953 Geschichte, Philosophie, Staatsrecht und Soziologie an der Universität Heidelberg und der University of Bristol in England. Zu seinen akademischen Lehrern zählten Persönlichkeiten wie Martin Heidegger, Carl Schmitt, Karl Löwith, Hans-Georg Gadamer, Werner Conze, Alfred Weber, Ernst Forsthoff und Viktor Freiherr von Weizsäcker, die eine enorme wissenschaftliche Vielfalt repräsentierten.

1954 wurde Reinhart Koselleck in Heidelberg mit der Studie Kritik und Krise. Pathogenese der Bürgerlichen Welt bei Johannes Kühn promoviert. Diese Doktorarbeit verschaffte ihm ein glänzendes Entree in den Wissenschaftsbetrieb, wurde allerdings von Rezensenten auf Grund der enthaltenen konservativen Demokratie- und Bürgertumskritik kritisch beargwöhnt. Jürgen Habermas kritisierte im Jahr 1960 in einer Rezension, dass die kulturpessimistische Kritik Kosellecks sich letzten Endes selbst untergrabe. Außerdem sei die Untersuchung schülerhaft von Carl Schmitt und seiner konservativen ideologischen Orientierung abhängig. „Immerhin sind wir dankbar“, schrieb Habermas ironisch, „zu erfahren, wie Carl Schmitt die Lage beurteilt.“[3]

Von 1954 bis 1956 war Koselleck zunächst Lecturer an der Universität in Bristol, England, bevor er für ein Jahr Assistent am Historischen Seminar der Universität Heidelberg wurde. Von 1960 bis 1965 war Koselleck Mitarbeiter beim Arbeitskreis für moderne Sozialgeschichte in Heidelberg, dessen Vorsitzender er später wurde (1986). Von 1963 an nahm er an den Konferenzen der interdisziplinären Forschergruppe Poetik und Hermeneutik teil. 1965 habilitierte er sich mit einer Arbeit über Preußen zwischen Reform und Revolution, die von Werner Conze angeregt und betreut wurde.[4]

1966 erhielt Koselleck einen Ruf an die Ruhr-Universität Bochum, wo er Professor für Politische Wissenschaft wurde. 1968 zog es den Ordinarius wieder an die Universität Heidelberg, wo er Neuere Geschichte unterrichtete. Ab 1965 war Koselleck Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der im Aufbau befindlichen Universität Bielefeld und 1968 ersetzte er Werner Conze im dortigen Gründungsausschuss. Gleichzeitig übernahm er den Vorsitz der Fachbereichskommission Geschichtswissenschaft, die er bis zur Gründung der Fakultät für Geschichtswissenschaft 1973 leitete. In diesem Jahr nahm er einen Ruf an die Universität Bielefeld auf den Lehrstuhl für Theorie der Geschichte an, den er bis zu seiner Emeritierung 1988 innehatte. Der interdisziplinären Ausrichtung seiner Forschungstätigkeit entsprach, dass er sich in den Leitungsgremien des Zentrums für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld engagierte, 1974/75 als Geschäftsführender Direktor. Gastprofessuren führten ihn unter anderem nach Tokio, Paris, Chicago (University of Chicago) und New York (New School for Social Research 1986, 1988; Columbia University 1992). Ab 1993 wirkte Koselleck am Aufbau der Stiftung Genshagen. Berlin-Brandenburgisches Institut für Deutsch-Französische Zusammenarbeit in Europa mit. 1996/97 arbeitete er am Warburg-Haus Hamburg und 1998 am Netherlands Institute for Advanced Study in the Humanities and Social Sciences (NIAS).

Koselleck war Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Akademien und Kollegien, etwa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (ab 1980), des Wissenschaftskollegs in Berlin (1987–1989) oder des Collegium Budapest (1993). Er war ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste, ab 1979 korrespondierendes Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, ab 1998 auch Ehrenmitglied in der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Für seine Forschungen erhielt er zahlreiche wissenschaftliche Ehrungen: 1974 wurde ihm der Reuchlin-Preis der Stadt Pforzheim verliehen. Die Universitäten Amsterdam (1989), Paris (2003) und Timișoara (2005) verliehen ihm die Ehrendoktorwürde. 1989 wurde er Ehrensenator der Universität Bielefeld. 1993 erhielt Koselleck die Ehrenmedaille der École des Hautes Études en Sciences Sociales, 1999 den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. 2003 wurde ihm der Historikerpreis der Stadt Münster verliehen.[5]

Arbeiten[Bearbeiten]

Koselleck war ab den 1970er Jahren zusammen mit Werner Conze und Otto Brunner Herausgeber des achtbändigen Lexikons Geschichtliche Grundbegriffe. Das Standardwerk behandelt die Begriffsgeschichte zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland.[6] Darüber hinaus legte er Arbeiten zur Historik,[7] zur Historischen Anthropologie, zur politischen Ikonologie[8] und zu einer Theorie historischer Zeiten[9] vor. Doch lag Koselleck die Einordnung in eine bestimmte historische Richtung oder Zweigwissenschaft fern. Er kooperierte fächerübergreifend mit Persönlichkeiten wie Hans-Georg Gadamer, Paul Ricœur oder Hayden White und beschäftigte sich mit interdisziplinären Fragestellungen, wie eben der an die Kunstgeschichte angelehnten politischen Ikonologie (hier besonders des Totenkultes).

Kosellecks Ansatz zur Begriffsgeschichte hat den Bedeutungswandel von Ausdrücken zum Inhalt, damit soll die Wirklichkeitserfahrung vergangener Epochen herausgestellt werden. Da dieser Wandel um 1800 aufgrund politischer und industrieller Revolutionen besonders groß war, prägte Koselleck den Begriff der Sattelzeit für den Zeitraum von circa 1750 bis 1850. Alte Worte haben demnach neuen Sinngehalt gewonnen, sodass sie heute keiner Übersetzung mehr bedürfen. Synonym dazu wird der Begriff der Schwellenzeit verwendet.

Schriften[Bearbeiten]

Als Autor[Bearbeiten]

Als Herausgeber[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ute Daniel: Artikel Reinhart Koselleck. In: Lutz Raphael (Hrsg.): Klassiker der Geschichtswissenschaft. Band 2: Von Fernand Braudel bis Natalie Z. Davis. München 2006, ISBN 3-406-54104-6, S. 166–194.
  • Christof Dipper: Die „Geschichtlichen Grundbegriffe“. Von der Begriffsgeschichte zur Theorie historischer Zeiten. In: Historische Zeitschrift. Bd. 270, 2000, S. 281–308.
  • Carsten Dutt, Reinhard Laube (Hrsg.): Zwischen Sprache und Geschichte. Zum Werk Reinhart Kosellecks. Göttingen 2013, ISBN 978-3835311701.
  • Manfred Hettling, Bernd Ulrich: Formen der Bürgerlichkeit. Ein Gespräch mit Reinhart Koselleck. In: Manfred Hettling (Hrsg.): Bürgertum nach 1945. Hamburg 2005, ISBN 3-936096-50-3, S. 40–60.
  • Bettina Hitzer, Thomas Welskopp (Hrsg.): Die Bielefelder Sozialgeschichte. Klassische Texte zu einem geschichtswissenschaftlichen Programm und seinen Kontroversen. Bielefeld 2010, ISBN 978-3-8376-1521-0.
  • Michael Jeismann: Das Jahrhundert unter der Haut. Die Besiegten schreiben die Geschichte: Zum Tode des deutschen Historikers Reinhart Koselleck. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 6. Februar 2006, Nr. 31, S. 33.
  • Hubert Locher / Adriana Markantonatos (Hrsg.): Reinhart Koselleck und die Politische Ikonologie. München/Berlin 2013. ISBN 978-3-422-07161-2.
  • Marian Nebelin: Das Preußenbild Reinhart Kosellecks. In: Hans-Christof Kraus (Hrsg.): Das Thema „Preußen“ in Wissenschaft und Wissenschaftspolitik vor und nach 1945. Berlin 2013, ISBN 978-3-428-14045-9, S. 333–384.
  • Niklas Olsen: History in the Plural. An Introduction to the Work of Reinhart Koselleck. Berghahn, New York 2012.
  • Willibald Steinmetz: Nachruf auf Reinhart Koselleck (1923–2006). In: Geschichte und Gesellschaft. Bd. 32, 2006, S. 412–432.
  • Rudolf Vierhaus: Laudatio auf Reinhart Koselleck. In: Historische Zeitschrift. Bd. 251, 1990, S. 529–538.
  • Stefan Weinfurter (Hrsg.): Reinhart Koselleck, 1923–2006: Reden zum 50. Jahrestag seiner Promotion in Heidelberg. Winter. Heidelberg 2006, ISBN 3-825-35205-6.

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Niklas Olsen: History in the Plural. An Introduction to the Work of Reinhart Koselleck. Berghahn, New York 2012, S. 10–12 (online).
  2. Niklas Olsen: History in the Plural. An Introduction to the Work of Reinhart Koselleck. Berghahn, New York 2012, S. 12 f. (online).
  3. Jürgen Habermas: Verrufener Fortschritt – verkanntes Jahrhundert: zur Kritik der Geschichtsphilosophie. Rezension zu: Peter F. Drucker: Das Fundament für Morgen; Reinhart Koselleck: Kritik und Krise; Hanno Kesting: Geschichtsphilosophie und Weltbürgertum, in: Merkur 5.147 (1960), S. 468 – 477.
  4. Siehe Marian Nebelin: Preußenbild, S. 334 f.
  5. Ingo Lohuis: Die Universität Bielefeld trauert um Reinhart Koselleck (Pressemitteilung der Universität Bielefeld), 4. Februar 2006, abgerufen am 21. Juli 2012.
  6. Christof Dipper: Die „Geschichtlichen Grundbegriffe“.
  7. Stefan Ludwig Hoffmann: Was die Zukunft birgt. Über Reinhart Kosellecks Historik, in: Merkur 63, 2009, S. 546–550.
  8. Vgl. Hubert Locher: Denken in Bildern. Reinhart Kosellecks Programm Zur politischen Ikonologie. In: Zeitschrift für Ideengeschichte 3, 2009, Heft 4, S. 81–91 sowie die Beiträge in ders./Adriana Markantonatos (Hrsg.): Reinhart Koselleck und die Politische Ikonologie. München/Berlin 2013.
  9. Vgl. Marian Nebelin: Zeit und Geschichte. Historische Zeit in geschichtswissenschaftlichen Theorien. In: Andreas Deußer, Marian Nebelin (Hrsg.): Was ist Zeit? Philosophische und geschichtstheoretische Aufsätze. Berlin 2009, S. 51–93, bes. S. 61–78.