Denkmal für die ermordeten Juden Europas

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Holocaust-Mahnmal in Berlin, 2006

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, kurz Holocaust-Mahnmal genannt, ist ein Mahnmal für die unter der Herrschaft der Nationalsozialisten im Holocaust ermordeten Juden. Zwischen 2003 und Frühjahr 2005 wurde das Bauwerk in der historischen Mitte Berlins auf einer etwa 19.000 m² großen Fläche in der Nähe des Brandenburger Tors errichtet. Der Entwurf stammt von Peter Eisenman. Das Mahnmal wurde am 10. Mai 2005 feierlich eingeweiht und ist seit dem 12. Mai 2005 der Öffentlichkeit zugänglich. Im ersten Jahr kamen über 3,5 Millionen Besucher. Das Denkmal wird von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas betreut, die im Jahr 2000 gegründet wurde und ab 2003 als Bauherrin auftrat.[1] Stiftungsdirektor ist der Historiker Uwe Neumärker.

Aufbau[Bearbeiten]

Blick von Süden auf das Mahnmal
Ein Gang des Holocaust-Mahnmals mit welligem Boden

Auf der gewellten Grundfläche wurden 2711 zwischen 0,5° und 2° geneigte Betonquader (Stelen) in parallelen Reihen aufgestellt (54 Nord-Süd- und 87 Ost-West-Achsen). Bei identischem Grundriss (2,38 m × 0,95 m) weisen die Stelen unterschiedliche Höhen auf, zwischen ebenerdig (112 Stück im Gehweg) und 4,7 Meter. Von den nicht-ebenerdigen Stelen sind 367 niedriger als ein Meter, 869 haben Höhen von ein bis zwei Metern, 491 Stelen sind zwischen zwei und drei Metern hoch, 569 Stelen haben eine Höhe zwischen drei und vier Metern und 303 sind größer als vier Meter. Die schwerste wiegt etwa 16 Tonnen. Innen sind die Stelen hohl, wobei die Wandstärke rund 15 cm beträgt. Am Rand des Stelenfeldes befinden sich 41 Bäume. Die gepflasterte 13.100 m² große Bodenfläche führt unter das Niveau der umgebenden Straßen.[2] Die gleichmäßig 95 Zentimeter breiten Gänge zwischen den Stelen sind für die Besucher voll begehbar, bieten allerdings nicht genügend Platz, um zu zweit nebeneinanderzugehen.

In einem mehrstufigen Verfahren sind die Stelen speziell oberflächenbehandelt, um eine einfache Entfernung von Graffiti zu gewährleisten. Die Zahl von 2711 Stelen hat nach Auskunft der Denkmalstiftung keine symbolische Bedeutung, sondern ergibt sich aus den Maßen, die der Architekt für diesen Standort wählte.[2]

Eine unterirdische, 930 m² große Gedenkausstellung (Ort der Information) ergänzt den Komplex. Sie besteht aus vier Ausstellungsräumen (778 m²), zwei Vortragsräumen (106 m²) und einem Buchladen (46 m²).[2] An Computerstationen sind rund vier Millionen Namen jüdischer Holocaustopfer einsehbar; die Datenbank basiert auf dem Gedenkbuch - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland und der Zentralen Datenbank der Namen der Shoah-Opfer der Gedenkstätte Yad Vashem.

Panorama des Denkmals für die ermordeten Juden Europas

Deutungsansätze[Bearbeiten]

  • Die 2711 Stelen erinnern an Grabsteine. Es bestehen Ähnlichkeiten zwischen dem Mahnmal und den Sarkophag-Gräbern israelischer Friedhöfe.
  • Der Förderkreis um Lea Rosh deutet die Stelen als Kenotaphe und vergleicht sie mit Kriegerdenkmälern und Soldatenfriedhöfen: Das sei nötig, weil die meisten ermordeten Juden kein eigenes Grab hätten.[3]
  • Die graue Farbe der Stelen soll an die Asche der verbrannten Juden erinnern, die meistens in Gewässer verklappt oder in Gruben geworfen wurde.
  • Die Stiftung sieht in der kaum merklichen Neigung der Pfeiler und dem scheinbar schwankenden Boden die Möglichkeit, ein „Gefühl der Verunsicherung“ zu erzeugen.
  • Äußerungen des Architekten Peter Eisenman:
    • „Das Ausmaß und der Maßstab des Holocaust machen jeden Versuch, ihn mit traditionellen Mitteln zu repräsentieren, unweigerlich zu einem aussichtslosen Unterfangen. […] Unser Denkmal versucht, eine neue Idee der Erinnerung zu entwickeln“[4]
    • „This is a place of no meaning“ (Es ist ein Ort ohne bestimmte Bedeutung).[5]

Geschichte[Bearbeiten]

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Das Mahnmal im Bau, März 2004

Im Jahr 1988 regte die Publizistin Lea Rosh den Bau des Denkmals an. Die Idee dazu hatte ihr der Historiker Eberhard Jäckel bei einem gemeinsamen Besuch der israelischen Holocaustgedenkstätte Yad Vashem unterbreitet.[6] Ein Förderkreis wurde gegründet und der Vorschlag fand zunehmend Unterstützung, auch in Form von Spenden. Im Mai 1994 wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben. Berlin, die Bundesrepublik Deutschland und der Förderkreis einigten sich schließlich auf den Entwurf von Christine Jackob-Marks: eine 20.000 m² große schiefe Betonebene mit eingemeißelten Namen der Opfer. Bundeskanzler Helmut Kohl lehnte den Entwurf jedoch im Juni 1995 ab. Eine Reihe von Abgeordneten, darunter die damalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth und der Grüne Volker Beck, versuchten mit einer Parlamentsdebatte die Mahnmal-Idee zu retten.

Einer der 41 Bäume des Mahnmals

Im Juli 1997 wurden erneut Entwürfe eingeholt. Der aus einem Stelenfeld bestehende Vorschlag des New Yorker Architekten Peter Eisenman und des New Yorker Bildhauers Richard Serra wurde angenommen, jedoch in der folgenden Zeit mehrfach verändert. So wurde er auf Betreiben von Michael Naumann um ein unterirdisches Museum (zunächst: „Haus der Erinnerung“, später: „Ort der Information“) ergänzt, die Anzahl der Stelen wurde reduziert und es wurden – gegen den Willen Eisenmans – auf Vorschlag von Kohl vierzig Bäume zur Gestaltung des Übergangs in Richtung Tiergarten vorgesehen.[6] Während dieser Verhandlungen zog sich Serra 1998 aus dem Projekt zurück, da er die Änderungen nicht mittragen wollte.

Im Verlauf des langjährigen Findungsprozesses über Ort und Form eines zentralen Mahnmals und Gedenkortes profilierten sich insbesondere diejenigen Vertreter des Architekten- und Ingenieurvereins (AIV), die synonym als für die Masterplanung und baulichen Entwicklung der Hauptstadt Berlins nach der deutsch-deutschen Wende gelten. Innerhalb der Kommission gab es unter anderem den Hinweis Horst Hoheisels, für den Sinn und Zweck des Gedenkens eines als kollektiv dargestellten „Tätervolkes“ ein eigenes Symbol selbst zu opfern. Dies hätte beispielsweise das Brandenburger Tor sein können, das in wilhelminisch-preußischer Zeit Darstellung von Militarismus, Eroberung und Sieg war. Die Einzelsteine des Stadttors hätten dem jüdischen Brauch entsprechend als partizipierender Akt des Gedenkens an den Ort des Mahnens abgelegt werden können. Durch die Friedliche Revolution von 1989 erlangte das Brandenburger Tor jedoch eine andere Bedeutung und Wertigkeit. Aus dem AIV kamen daraufhin Entgegnungen, man könne stattdessen doch „den Berliner Dom nehmen“, der als eklektizistisches Symbol preußisch-barocker Überladenheit zu diesem Zeitpunkt noch in Nachbarschaft zum inzwischen entsorgten Palast der Republik steht und der selbst als Ort der Mahnung und Erinnerung prozesslos dem Humboldt-Forum gegenüber gewichen ist.

Am 25. Juni 1999 beschloss der Deutsche Bundestag mit großer Mehrheit den Bau des Denkmals. Kosten von 54 Millionen Mark (rund 27 Millionen Euro) wurden für die Errichtung des Denkmals und des angegliederten Museums eingeplant. Bis 2005 wurden davon etwa 900.000 Euro durch Spenden von Privatpersonen aufgebracht.[6]

Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem erklärte sich im Jahr 2000 bereit, eine Liste aller Namen der bekannten jüdischen Holocaust-Opfer für den Ort der Information zur Verfügung zu stellen. Nach einer Verzögerung durch Fehler bei der europaweiten Ausschreibung begann der Bau am 1. April 2003.

Im Oktober 2003 kam es zu einer Unterbrechung der Arbeiten, als bekannt wurde, dass von der ausführenden Firma für den Bau der Fundamente und der Stelen ein Anti-Graffiti-Schutz der Degussa AG beauftragt werden sollte. Die Degussa-Tochter Degesch hatte während der Zeit des Nationalsozialismus das Giftgas Zyklon B hergestellt, das in den Konzentrationslagern zur Ermordung von Juden eingesetzt wurde. Dass Lea Rosh ohne weitere Rücksprachen Degussa vom Bau des Denkmals ausschließen wollte, sorgte für einen Eklat. Viele Kritiker, einschließlich des Architekten Eisenman[7] – warfen ihr vor, dies nur aufgrund persönlicher Eitelkeit getan zu haben, und brachten vor, dass gerade Degussa ihre Vergangenheit vorbildlich aufgearbeitet habe. Degussa konnte auch nachweisen, dass sie über eine Tochterfirma bereits einen Betonverflüssiger für das Denkmal geliefert hatte – was bei einem Ausschluss den Abbruch der bisher gelieferten Stelen notwendig gemacht hätte. Am 13. November 2003 beschloss das Kuratorium der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas den Weiterbau mit weiterer Beteiligung der Degussa. Am 12. Juni 2004 war der Rohbau des Ortes der Information fertiggestellt, inzwischen stand rund die Hälfte der insgesamt 2711 Stelen. Beim Richtfest waren neben den Stiftungsmitgliedern und dem Architekten Peter Eisenman zahlreiche Vertreter der Presse anwesend. Ein Teil des Stelenfeldes war erstmals für die Öffentlichkeit begehbar.

Am 15. Dezember 2004 wurde mit einem öffentlichen Festakt die letzte der insgesamt 2711 Betonstelen gesetzt. Gleichzeitig wurde mit der Pflanzung der Nadelbäume begonnen.

Mit der Einrichtung der von Dagmar von Wilcken gestalteten Ausstellung am Ort der Information wurde Ende 2004 begonnen, die Eröffnung des Denkmals und des Orts der Information fand am 10. Mai 2005 statt.

Risse am Mahnmal, 2008

Bereits nach drei Jahren haben sich an 1361 der 2711 Stelen Haarrisse im Beton gebildet, die saniert werden sollen. Die Untersuchung wurde von Joachim Schulz, Sachverständiger für Sichtbeton und Lehrbeauftragter für Bauschäden an der Beuth Hochschule für Technik Berlin durchgeführt.[8]

Nach mehreren kleineren Beschädigungen seit der Eröffnung wurde das Denkmal am 23. August 2008 abermals geschändet. Vermutlich Neonazis beschmierten mehrere Säulen mit insgesamt elf Hakenkreuzen. Es handelt sich um die größte Beschädigung seit 2005.[9]

Am 9. Mai 2008 fand anlässlich des dritten Jahrestages der Eröffnung des Holocaustdenkmals ein einmaliges Konzert statt. Das extra für diesen Anlass komponierte Werk Vor dem Verstummen von Harald Weiss wurde mitten im Stelenfeld des Holocaustdenkmals am Brandenburger Tor von Musikern der Kammersymphonie Berlin unter der Leitung von Dirigent Lothar Zagrosek vor Tausenden Besuchern welturaufgeführt. Jeder Hörer hatte damals je nach Standort im Stelenfeld ein anderes Klangerlebnis. Mit jedem Schritt durch das Denkmal veränderte sich auch die Musik, hier war das eine, dort ein anderes der 24 Instrumente zu hören, dort wieder die Sängerin. Wegen des großen Aufwands konnte das Konzert nur ein einziges Mal gespielt werden.

Seit 2013 existiert dieses Konzert in Form einer virtuellen Rekonstruktion per Smartphone-App. Dazu wurden mit Unterstützung des RBB alle 24 Musikinstrumente sowie der Gesang im Dezember 2012 in einem speziell entwickelten Verfahren neu aufgenommen.[10]

Kosten[Bearbeiten]

Für den Bau des Denkmals wurden 27,6 Millionen Euro aus Mitteln des Bundeshaushalts ausgegeben: 14,8 Millionen Euro für das Stelenfeld, 10,5 Millionen Euro für den Bau des Ortes der Information und 2,3 Millionen Euro für den Ausstellungsbau.[2] Das Grundstück mit einem Wert von ca. 40 Millionen Euro stellte der Bund als Eigentümer des ehemaligen Mauerstreifens zur Verfügung.

Die Stiftung, die das Denkmal trägt und die Öffentlichkeitsarbeit leistet, verfügt über einen Jahresetat von 2,1 Millionen Euro, die aus dem Haushalt des Kulturstaatsministers finanziert werden. Wolfgang Thierse trat im Juni 2006 von seinem Posten als Vorstandsvorsitzender der Denkmalsstiftung zurück, weil er diesen Etat für um mindestens 600.000 Euro unterfinanziert hielt. Er forderte eine Erhöhung des Etats auf mindestens 2,7 Millionen Euro jährlich und eine organisatorische Zusammenführung mit anderen Gedenkstätten.

Kritik[Bearbeiten]

In der Öffentlichkeit gab und gibt es kontroverse Diskussionen um Form und Größe des Denkmals.

In der Zielsetzung wird das Denkmal unter anderen vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma kritisiert, da zwar der ermordeten Juden Europas gedacht werde, nicht aber anderer Opfer des NS-Regimes, die ebenfalls im Holocaust ihr Leben ließen.[11] Dieser Kritik wurde begegnet durch die Bewilligung eines weiteren und kleineren Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas sowie eines Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Die Trennung der Mahnmale für einzelne Opfergruppen wird nun (von wem?) als Separation und Hierarchisierung kritisiert.

Kritisiert wurde (von wem?) die Formensprache des Mahnmals als künstlerische Beliebigkeit, die keine offensichtliche Beziehung zum Holocaust erweckt. Das Werk benötigt eine Erklärung, um die Absicht zu verdeutlichen, wobei die Erklärungen als etwas hergeholt kritisiert werden. Ebenso beinhaltet das Stelenfeld selbst keine weitergehenden Informationen zum Holocaust.

Henryk M. Broder gehört zu den prominenten Kritikern des Denkmals. In einer Folge der satirischen Fernsehreihe Entweder Broder – Die Deutschland-Safari sprach er von Geldverschwendung: Mit dem bereitgestellten Geld hätte man „vielen Überlebenden [des Holocaust], die heute in Polen, Tschechien und woanders am Existenzminimum leben, wirklich helfen können“. Seine Positionen unterstrich er auch in Essays.[12]

Der damalige Zentralrats-Vorsitzende Ignatz Bubis distanzierte sich 1998 wie folgt:

„Es ist Sache der Nichtjuden, ob sie in der deutschen Hauptstadt ein Mahnmal für das ermordete europäische Judentum errichten wollen oder nicht. Der Zentralrat ist deshalb auch nicht Mitglied des Förderkreises und weder in der Jury noch in einem anderen Gremium vertreten.“[13]

Mangelnde Authentizität[Bearbeiten]

Die Art und Weise der Werbung für die Neuerrichtung eines Mahnmals, das in Deutschland angesichts einer Vielzahl „authentischer“ Holocaust-Gedenkstätten völlig unnötig sei, wurde kritisiert. Ignatz Bubis, der mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl den Bauplatz und den Bau vereinbarte, stellte fest, dass die Juden dieses Denkmal für ihre Trauer nicht benötigten. Das Holocaust-Mahnmal wurde außerdem (von wem?) als versteckte „Renationalisierung der Erinnerung von Deutschen für Deutsche“ bezeichnet und mit dem Vorwurf verbunden, dass dadurch die Auseinandersetzung mit Täterschaft und Schuld vermindert würde.

Einige Kritiker hätten den Ausbau der nahegelegenen Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ auf dem Gelände der ehemaligen Gestapo-Zentrale für angemessener gehalten. Auch auf diese Anregung hin errichtete der Bund ein Dokumentationszentrum.

Laufende Kosten[Bearbeiten]

Ebenfalls kritisiert wurden die vergleichsweise hohen Kosten für das zentrale Holocaustmahnmal, die bei anderen Gedenkstätten eingespart würden: So sei die geplante Bundesstiftung für die Berliner NS-Gedenkstätten nicht abgeschlossen, das Land Berlin lehne eine mit der Stiftung Bayerische Gedenkstätten vergleichbare landeseigene Trägerschaft ab, und der künftige Unterhalt der teilweise baufälligen brandenburgischen KZ-Gedenkstätten wie des Deutsch-Russischen Museums sei ungesichert. Die bayerische Stiftung etwa hätte 2006 einen Jahresetat von 4,5 Millionen Euro, womit Gedenkstätten in Dachau und Flossenbürg einschließlich der über 140 Außenstellen unterhalten würden,[14] während allein für das vom Bund betriebene Holocaustmahnmal 2,1 Millionen Euro Jahresetat zur Verfügung stünden. Während dieses im Zentrum der Aufmerksamkeit stehe, sei die Bauwerkserhaltung vieler „authentischer“ Gedenkstätten nicht gesichert.[15]

Werbeaktionen[Bearbeiten]

Spektakuläre Werbeaktionen durch die Initiative von Lea Rosh hätten andere Mahnmale in der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zurückfallen lassen. Rosh hatte unter anderem in einer Telefonwerbeaktion eine 0190er Rufnummer[16] schalten lassen und die Kampagne erst nach heftigen Protesten eingestellt.

Auch eine Plakataktion unter dem Slogan „Den Holocaust hat es nie gegeben“ und die Ankündigung von Rosh bei der Einweihungsveranstaltung, sie werde zur Authentisierung einen von ihr in der Gedenkstätte Vernichtungslager Belzec aufgefundenen Backenzahn in einer der Stelen des Denkmals einbetonieren lassen, führten zu Kontroversen.[17] Lea Rosh wurde der unmittelbaren Verantwortung für das Denkmal enthoben.[18]

Stadtentwicklung[Bearbeiten]

Das Mahnmal im Stadtbild; vor dem Reichstagsgebäude

Anfänglich hatten Berliner Senat und die Baubehörde dem Vorhaben merklichen Widerstand entgegengesetzt, weil ein stadtplanerisches Hindernis an zentraler Stelle befürchtet wurde. Mit dem Umzug des Bundestags 1999 von Bonn nach Berlin wurden jedoch zunehmend Teile der Planungsaufgaben für den Stadtraum um das Reichstagsgebäude an den Bund übertragen und der Widerstand so umgangen.

Lob und Erfolg in der Öffentlichkeit[Bearbeiten]

Eine Architekturkritik[19] beschreibt eine erstaunliche Akustik, die die städtische Umgebung beim Eintreten in die schmalen Wege schnell zurücktreten lässt und ein Spannungsfeld zwischen geometrisch-strenger Form und vielfältigen und metaphorischen Assoziationen entstehen lasse. Dies mache einen Besuch des Stelenfelds zum Event, zur unmittelbaren Erfahrung, welche eine inhaltliche Auseinandersetzung überlagere.

Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder wurde öfter mit dem Wunsch zitiert, das Denkmal möge ein Ort sein, „zu dem man gerne hingeht“.[20] Dies scheint auch, zur Irritation mancher,[19] der Fall zu sein. Das Kunstwerk, weniger die zugehörige Ausstellung, wurde im Ansturm der ersten Monate stark frequentiert und bereits kurz nach Eröffnung in einer Art und Weise aktiv in das Berliner Stadtleben, insbesondere bei Jugendlichen, und den Berlin-Tourismus einbezogen, die an einem authentischen Gedenkort unvorstellbar wäre.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Das Holocaust-Mahnmal erhielt 2007 den Preis des American Institute of Architects, den Institute Honor Award, der als höchste Anerkennung für Architektur in den USA gilt.[21]

Verwandte Formgebungen[Bearbeiten]

Garten des Exils vor dem Jüdischen Museum Berlin

Ein ähnliches Feld bestehend aus 72 riesigen, identischen Granitkolonnen (je 4,5 m Höhe und 90 cm Breite) hat die französische Künstlerin Aurélie Nemours (1910–2005) unter dem Namen L'alignement du XXIe siècle seit den 1980er Jahren in einem Park der französischen Stadt Rennes geschaffen.

Auch im Garten des Jüdischen Museums in Berlin steht ein kleines Säulenfeld, das ebenfalls das Gefühl eines schwankenden Bodens vermittelt. Die Ähnlichkeit von Eisenmans Stelenfeld mit dem Garten des Exils des damals im Bau befindlichen Jüdischen Museums veranlasste dessen Architekten Daniel Libeskind zu Plagiatsvorwürfen, der Streit konnte aber beigelegt werden.

Laut dem Architekturkritiker Hanno Rauterberg enthält der italienische Zeichentrickfilm Allegro non troppo (1978) von Bruno Bozzetto eine Szene, in der ein Feld von Stelen zu sehen sei, das dem Holocaust-Mahnmal in Berlin stark ähnelt. Auch bei der Filmsequenz gehe es um Trauer, Verlust und Verlorenheit.[22]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Daniel Baranowski u. a.; Stiftung Denkmal für die Ermordeten Juden Europas (Hrsg.): Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Ort der Information, mit einem Überblick zu Gedenkzeichen und historischen Informationen in der näheren Umgebung. In: DKV-Edition, Deutscher Kunstverlag DKV, Berlin / München 2010, ISBN 978-3-422-02235-5 (englisch unter dem Titel: Memorial to the Murdered Jews of Europe. Guide to the Information Centre, ISBN 978-3-422-02236-2).
  • Ute Heimrod (Hrsg.): Der Denkmalstreit – das Denkmal? Die Debatte um das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“. Eine Dokumentation. Philo Verlagsgesellschaft, Philio, Berlin / Wien 1999, ISBN 3-8257-0099-2, (1300 Seiten starke Sammlung von öffentlichen Diskussionsbeiträgen auf dem Weg zum Denkmal, inkl. einer Dokumentation der Wettbewerbsentwürfe.)
  • Jan-Holger Kirsch: Nationaler Mythos oder historische Trauer? Der Streit um ein zentrales „Holocaust-Mahnmal“ für die Berliner Republik. In: Beiträge zur Geschichtskultur Band 25, Böhlau, Wien / Köln / Graz 2003, ISBN 3-412-14002-3
  • Claus Leggewie, Erik Meyer: Ein Ort, an den man gerne geht. Das Holocaust-Mahnmal und die deutsche Geschichtspolitik nach 1989. Hanser, München / Wien 2005, ISBN 3-446-20586-1.
  • Hans-Ernst Mittig: Gegen das Holocaustdenkmal der Berliner Republik. Kramer, Berlin 2005, ISBN 3-87956-302-0.
  • Lea Rosh, Eberhard Jäckel: Die Juden, das sind doch die anderen. Der Streit um ein deutsches Denkmal. Philo, Berlin / Wien 1999, ISBN 3-8257-0127-1.
  • Karen Rebhahn: Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin: Konzeptionelle Entwicklung und stilistische Mittel, VDM, Saarbrücken 2010, ISBN 978-3-639-28313-6.
  • Christian Saehrendt: Information beeindruckt mehr als Kunst. Eine Umfrage unter Schülern nach deren Besuch des Holocaustmahnmals. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt am Main 23. Januar 2007.
  • Joachim Schlör, Jürgen Hohmuth (Fotos), Paul Aston (Übersetzer): Denkmal für die ermordeten Juden Europas / Memorial to the murdered Jews in Europe. 2. Auflage Prestel, München / Berlin / London / New York, NY 2008 (Erstausgabe 2005), ISBN 978-3-7913-4028-9 (deutsch und englisch).
  • Hans-Georg Stavginski: Das Holocaust-Denkmal. Der Streit um das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin (1988–1999). Schöningh, Paderborn / München / Wien / Zürich 2002, ISBN 3-506-78635-0 (Zugleich Dissertation an der Freien Universität Berlin 2001).
  • Holger Thünemann: Holocaust-Rezeption und Geschichtskultur. Zentrale Holocaust-Denkmäler in der Kontroverse. Ein deutsch-österreichischer Vergleich. In: Schriften zur Geschichtsdidaktik. Band 17, Schulz-Kirchner, Idstein 2005, ISBN 3-8248-0381-X (Zugleich Dissertation an der Universität Münster (Westfalen) 2004/2005).
  • Karen E. Till: The New Berlin. Memory, Politics, Place. University of Minnesota Press, Minneapolis, MN 2005, ISBN 978-0-8166-4011-9.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Denkmal für die ermordeten Juden Europas – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Siehe Webseite der Stiftung unter Chronologie abgerufen am 6. Dezember 2013
  2. a b c d Informationsblatt der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas
  3. Förderkreis Denkmal für die ermordeten Juden Europas: Warum ein Denkmal (nur) für die Juden?
  4. Peter Eisenman über das Denkmal (1998), Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas
  5. Artikel in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16. August 2003
  6. a b c Artikel in: SZ-Magazin 17/2005
  7. Geisel der Geschichte. In: Die Zeit, 30. Oktober 2003
  8. Holocaust-Mahnmal: Schon jede zweite Stele mit Rissen. In: www.morgenpost.de, 22. Januar 2008
  9. Berliner Zeitung, 19. August 2008
  10. Virtuelles Konzert im Holocaust-Mahnmal. In: B.Z., 5. August 2013
  11. Jan Philipp Reemtsma: „Wäre Trauer die Emotion, der Ausdruck verliehen werden sollte, müsste jeder Opfergruppe ein Mahnmal errichtet werden.“ (Die einzige Lösung - in: DIE ZEIT Nr. 25 vom 17. Juni 1999);
    Reinhart Koselleck: "Die falsche Ungeduld" - ZEIT Nr. 13/98
  12. Vergleiche etwa Henryk M. Broder: Über dem Führerbunker, Berlin. In: Stephan Porombka, Hilmar Schmundt (Hgg.): Böse Orte. Stätten nationalsozialistischer Selbstdarstellung heute. Claaßen, Berlin 2005
  13. Wer ist hier intolerant? Holocaust-Mahnmal: Eine Replik auf Reinhart Koselleck
  14. http://www.stmf.bayern.de/imperia/md/content/stmf/broschueren/staatshaushalt2006.pdf Zuwendungen für alle bayerischen KZ -Gedenkstätten
  15. Hubel, Achim; Wirth, Hermann (Hrsg.): Dokumentation der Jahrestagung 1994 in Weimar – Thema: Denkmale und Gedenkstätten ISSN 0863-0712
  16. Claus Leggewie, Erik Meyer: Schalten Sie nicht ab! Gedenkstätten in der Ökonomie der Aufmerksamkeit. In: Neue Zürcher Zeitung, 9. August 2001
  17. Hartmut Ziesing: Lea Rosh vergräbt Backenzahn in Belzec, Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung, 20. Juli 2005. Nicht mehr verfügbar www.n-ost.de/cms/index.php?option=com_content&task=view&id=413&Itemid=106. Schließlich gab Rosh den Backenzahn, den sie vor 17 Jahren mitgenommen hatte, dem Konzentrationslager Belzec zurück. Kritisiert wurde der Termin der Zeremonie an einem Samstag, dem für orthodoxe Juden heiligen Shabbat, an dem keine Begräbnisse stattfinden dürfen.
  18. Scharfe Richterin, von Jörg Lau. In: Die Zeit, 6. November 2003 Nr. 46
  19. a b http://www.bbk-berlin.de/cms/site/side606.html Stefanie Endlich, Harmonie und Dissonanzen, Kunststadt Stadtkunst 2005
  20. Jan Feddersen: Die Erinnerungslücken bleiben. In: die tageszeitung, 10. Mai 2006
  21. Begründung der AIA-Jury
  22. Alles nur geklaut! Böse Abkupferei! Oder doch nicht? In: Die Zeit Nr. 16, 14. April 2005

52.51388888888913.378888888889Koordinaten: 52° 30′ 50″ N, 13° 22′ 44″ O