Stefan Aust

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Stefan Aust, Podiumsdiskussion am 9. Juni 2014 im Rahmen des Kulturfestes „Birlikte – 10 Jahre nach dem Nagelbombenanschlag in der Keupstraße“
Stefan Aust (2009)

Stefan Aust (* 1. Juli 1946 in Stade) ist ein deutscher Journalist. Er war von 1994 bis 2008 Chefredakteur des deutschen Nachrichtenmagazins Der Spiegel und ist seit 2014 Herausgeber der Tageszeitung Die Welt.

Leben[Bearbeiten]

Stefan Aust (2008)
Stefan Aust (2008)

Aust ist der Sohn eines Landwirts. Er erlangte sein Abitur am Gymnasium Athenaeum in Stade. Ein Soziologiestudium brach er nach wenigen Wochen ab.[1] Von 1966 bis 1969 arbeitete Aust als Redakteur bei der Zeitschrift „konkret“ sowie den „St. Pauli-Nachrichten“. Seit 1970 war er Mitarbeiter des Norddeutschen Rundfunks.

Im September 1970 befreite er auf eigene Faust und mit Hilfe eines Aussteigers der RAF, Peter Homann,[2] die Schwestern Bettina und Regine Röhl. Die Zwillinge sind die Töchter von Ulrike Meinhof und des damaligen „konkret“-Herausgebers Klaus Rainer Röhl, die von Mitgliedern der Rote Armee Fraktion nach Sizilien verschleppt worden waren. Aust brachte sie zurück zu ihrem Vater. Nach einer anderen Darstellung entführte Stefan Aust in einer Blitzaktion die beiden Kinder aus Sizilien – die nach Ulrike Meinhofs Willen vor ihrem Vater (aus nicht genau genannten Gründen) geschützt werden mussten und später bei Meinhofs Schwester aufwachsen sollten – und brachte sie zu ihrem Vater, obwohl die Anwälte Ulrike Meinhofs im schwebenden Sorgerechtsstreit um die Kinder gegen die vorläufige Übertragung des Aufenthaltsbestimmungsrechts auf Klaus-Rainer Röhl Beschwerde eingelegt hatten.[3]

Nach eigenen Angaben haben Andreas Baader, Horst Mahler und andere einmal versucht, ihn zu ermorden. Er sei allerdings damals vorgewarnt worden und durch einen Hinterausgang nachts entkommen, „so dass Baader & Co. unverrichteter Dinge wieder abziehen mussten“.[4]

Von 1972 bis 1986 arbeitete er für das Fernsehmagazin „Panorama“.

Chefredakteur bei Spiegel-TV und Spiegel-Printausgabe[Bearbeiten]

Ab Mai 1988 war Aust Chefredakteur für das „Spiegel TV Magazin“. Anfangs kritisch kommentiert, konnte Aust mit Journalen und Dokumentationen eine gewinnträchtige Verlagsabteilung entwickeln. Zum Chefredakteur des „Spiegel“ wurde Aust am 16. Dezember 1994 ernannt; er schied daher aus der Spiegel-TV-Redaktion aus. Seit Juli 1995 war Aust auch Geschäftsführer der Spiegel TV GmbH. Er moderierte die Fernsehsendung regelmäßig.

Am 7. Mai 2001 gründete er gemeinsam mit der Produktionsfirma dctp den mittlerweile durch DMAX ersetzten Spiegel-TV-Ableger XXP. Der Sender XXP wurde an Discovery Channel verkauft. Am 6. Juli 2007 gab er seinen Posten als Geschäftsführer der Spiegel TV GmbH ab und wurde stattdessen Herausgeber der Sendung.[5]

Im Oktober 2005 kam es von Seiten zweier Gesellschafter des Blattes (Mitarbeiter KG und Augstein-Erben) zu einem medial viel beachteten Konflikt mit Aust wegen ihm vorgeworfener „Qualitätsmängel in der Berichterstattung“. Er setzte sich unter Verweis auf die Statuten des Magazins, die volle journalistische Unabhängigkeit der Redaktion garantieren, durch.[6]

Kritiker hatten Aust schon länger vorgeworfen, seine Arbeit mit privaten Interessen zu verquicken. So wurden Vorwürfe laut, er stehe hinter der besonders negativen Berichterstattung des Spiegel über die Stromerzeugung durch Windkraft, da Windkraftanlagen Austs eigene Pferdezucht bedroht hätten. Hintergrund ist, dass Aust einen Artikel der Redakteure Harald Schumann und Gerd Rosenkranz abgelehnt hatte, in dem über die Windenergie vergleichsweise positiv berichtet wurde. Kurze Zeit später wurde die Windenergienutzung in einer Titelgeschichte scharf kritisiert („Der Windmühlen-Wahn“, Spiegel 14/2004). Schumann soll Berichten zufolge von „Desinformation“ und „Propaganda“ gesprochen und aus diesem Grund seine Kündigung eingereicht haben.[7][8]

Am 15. November 2007 wurde bekannt, dass die Gesellschafter des Spiegel-Verlags einvernehmlich und auf Initiative der Mitarbeiter-KG beschlossen hatten, Austs Vertrag nicht über den 31. Dezember 2008 hinaus zu verlängern.[9] Dem 61-Jährigen seien „schlechter Führungsstil und mangelnde Innovationskraft“ zur Last gelegt worden.[10] Am 5. Februar 2008 wurde Aust mit sofortiger Wirkung freigestellt. Seine Stelle traten Mathias Müller von Blumencron, bisher Chefredakteur von Spiegel Online, und Georg Mascolo, bis zu diesem Zeitpunkt Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros Berlin, an.[11] Aust reichte gegen seine Kündigung Klage ein.[12]

Am 7. März 2008 gaben Der Spiegel und Aust bekannt, man habe sich auf Grundlage einer außergerichtlichen Einigung darauf verständigt, dass Aust mit sofortiger Wirkung nicht mehr in Diensten des Verlages stehe. Über Einzelheiten und eine Abfindungshöhe wurde zunächst nichts bekannt. Der Journalist Hans Leyendecker sprach später von „vier Millionen [Euro] Abfindung ungefähr“, die Aust erhalten habe.[13]

Seit Anfang 2009 ist Aust zur Hälfte an der Agentur agenda media GmbH beteiligt,[14] die unter anderem für die WAZ-Mediengruppe Konzepte für Print, Fernsehen und Online entwickelt. Vor der Bundestagswahl 2009 produzierte und moderierte Aust mit Sabine Christiansen fünf Sendungen für Sat.1.[15]

Über seine Zeit beim Spiegel äußert sich Aust im Juni 2011 in einem Interview mit Gentlemen’s Quarterly. „Ich habe das 13 Jahre lang gemacht, hab da eine sehr gute Zeit gehabt, aber eigentlich war es zu lang. Es ist eine unglaublich reizvolle Aufgabe, spannend, aber auch ziemlich aufreibend. Zum Schluss etwas unerfreulich, man hätte meinen Abgang auch eleganter lösen können […] Aber am Ende war ich heilfroh, dass ich da raus war.“[16]

Am 16. Juni 2010 gab die ProSiebenSat.1 Media bekannt, den Nachrichtensender N24 samt Produktionsgesellschaft an ein Bieterkonsortium veräußert zu haben, an dem Aust beteiligt ist.[17] Aust ist mit 26 % an der N24 Media als Eigentümer[18] beteiligt und zugleich als Geschäftsführer tätig.

Seit 1. November 2011 ist Aust als Autor für die Wochenzeitung DIE ZEIT tätig.[19]

Im Dezember 2013 wurde bekannt, dass Stefan Aust neuer Herausgeber der Tageszeitung Die Welt wird und dort die Nachfolge von Thomas Schmid antreten soll.[20]

Privat[Bearbeiten]

Aust wohnt in Lamstedt (Niedersachsen). Er betreibt in Armstorf bei Bremervörde einen Reiterhof mit Hannoveraner-Gestüt. Für seine Zuchttiere erzielte er auf einer Pferdeauktion erhebliche Preise.[21] Aust ist ungetauft.[22]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Erhalten[Bearbeiten]

Vergeben[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

Ab 1980 hat Aust verschiedene Bücher zu meist politischen Themen verfasst:

Zwei seiner Bücher wurden verfilmt: Der Pirat im Jahr 1997 von Regisseur Bernd Schadewald und Der Baader Meinhof Komplex 2008 von Uli Edel.

Filmografie[Bearbeiten]

Aust hat als Autor bzw. Regisseur verschiedener Dokumentationen und Spielfilme gewirkt:

  • 1976: Tod in Stammheim – der Weg der Ulrike Meinhof
  • 1980: Der Kandidat – Co-Drehbuch, Co-Regie mit Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Alexander von Eschwege
  • 1982: Krieg und Frieden – Co-Drehbuch, Co-Regie mit Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Axel Engstfeld
  • 1983: Sag Nein – Regie
  • 1986: Stammheim – Drehbuch (Regie: Reinhard Hauff)
    Ausgezeichnet mit dem Goldenen Bären auf den Filmfestspielen Berlin
  • 1986: Baader-Meinhof – Drehbuch und Regie (zweiteilige WDR-Dokumentation über die RAF)
  • 2005: Fall Deutschland – dreiteilige Spiegel TV/ZDF-Dokumentation (mit Claus Richter)
  • 2007: Wettlauf um die Welt – dreiteilige Spiegel TV/ZDF-Dokumentation (mit Claus Richter)[24]
  • 2007: Die RAF – zweiteilige Dokumentation für die ARD (mit Helmar Büchel)
  • 2008: Der Baader Meinhof Komplex – Berater und Buchvorlage (mit Moritz Bleibtreu und Martina Gedeck)
  • 2009: Wettlauf um die Welt – ZDF-Dokumentation (mit Claus Richter)
  • 2009: Auferstanden aus Ruinen – ZDF-Dokumentation (mit Claus Richter)
  • 2012: Die Jagd auf Adolf Eichmann. Dt. Version einer Dokumentation, 2 Teile, 115 Min. Moderation des Films der israelischen Regisseure Dan Setton und Daniel Paran. Mit Interviews von an der Suche Beteiligten wie Zvi Aharoni und Isser Harel. Originaltitel L'Hidato Shel Adolf Eichmann, Israel, 1994, 91 Min.
  • 2013: 45 Min – Der geplünderte Staat: Geheime Milliarden-Deals in Deutschland (mit Thomas Ammann), NDR

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Stefan Aust – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rainer Frenkel, „Konkrete_Geschichten – kein Wischiwaschi“, in: Die Zeit 06/1995.
  2. Aussage Austs in der Fernsehsendung „im dialog“ auf Phoenix gesehen am 24. September 2008 (wdh.)
  3. Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof – Die Biografie. Ullstein 2007, S. 291 f.
  4. „Chat zur RAF-Debatte mit Stefan Aust“, Spiegel Online, 24. April 2007
  5. Aust wird Herausgeber von „Spiegel TV“, FAZ, 6. Juli 2007
  6. „Stefan Aust – Stationen einer Karriere“, Süddeutsche Zeitung, 15. November 2007
  7. „Auf der Spur des Windenergie-Gegners Aust“, Netzeitung, 29. Juli 2004
  8. „Der Chefredakteur von Deutschland“, die tageszeitung, 12. März 2005
  9. „Keine Vertragsverlängerung für Stefan Aust“ (Die ursprüngliche Seite ist nicht mehr abrufbar.)[1] [2] Vorlage:Toter Link/www.tagesschau.de → Erläuterung, ARD-Tagesschau, 15. November 2007
  10. Spiegel-Chef Aust soll gehen. Vorzeitiger Abgang“, Süddeutsche Zeitung, 15. November 2007
  11. „Blumencron und Mascolo neue Chefredakteure des SPIEGEL“, Spiegel Online, 5. Februar 2008
  12. „Stefan Aust will weiterkämpfen“, Die Welt, 5. Februar 2008
  13. ndr.de
  14. agendamedia
  15. Süddeutsche Zeitung: Neu: Sabine Christiansen bei Sat 1 – Jetzt mal Tempo, 1. Juli 2009
  16. (Unklare Abgrenzung von wörtlichem und indirektem Zitat im Original) GQ
  17. ProSiebenSat.1 verkauft Nachrichtensender N24 an Bieterkonsortium um Torsten Rossmann und Stefan Aust 16. Juni 2010
  18. Anteile der Eigentümer an N24 Media GmbH (PDF; 92 kB)
  19. Stefan Aust geht zur ZEIT, Süddeutsche.de vom 2. November 2011.
  20. SZ vom 9. Dezember 2013: Stefan Aust wird "Welt"-Herausgeber
  21. Spiegel-Chef Aust im Glück: 400 000 Euro für sein Pferd, Hamburger Abendblatt, 15. Oktober 2007
  22. Tagesspiegel – Disput Berlin: Ohne Religion besser dran?
  23. Gastprofessur von Stefan Aust an der Uni Duisburg-Essen. Pressemitteilung der Universität Duisburg-Essen. Abgerufen am 14. April 2010.
  24. „Zeig doch mal die Bilder“, die tageszeitung, 28. März 2007