Viktor Kortschnoi

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Korchnoi,Viktor 2012-03-04.JPG
Viktor Kortschnoi, 2012
Name Wiktor Lwowitsch Kortschnoi
Schreibweisen Виктор Львович Корчной (Russisch)
Land Sowjetunion 1955Sowjetunion UdSSR (bis 1976)
SchweizSchweiz Schweiz
Geboren 23. März 1931
Leningrad, UdSSR
Titel Großmeister (1956)
Aktuelle Elo-Zahl 2499 (April 2014)
Beste Elo-Zahl 2695 (Januar 1979, Januar 1980, Juli 1981)[1]
Karteikarte bei der FIDE (englisch)

Viktor Kortschnoi (im Deutschen von Kortschnoi verwendete Namensform, bzw. Wiktor Lwowitsch Kortschnoi, russisch Виктор Львович Корчной, wiss. Transliteration Viktor L'vovič Korčnoj, englische und FIDE-Schreibweise Viktor Korchnoi; * 23. März 1931 in Leningrad[2]) ist ein schweizerischer Schach-Großmeister russischer Herkunft. Nach seiner Emigration aus der Sowjetunion (1976) unterlag er 1978 und 1981 in zwei Wettkämpfen um die Weltmeisterschaft Anatoli Karpow.

Kortschnoi wurde 2006 Seniorenweltmeister und belegte noch im Januar 2007 Rang 85 der Weltrangliste.[3] Damit war er seit deren Einführung der älteste Spieler in den Top 100.

Biographie[Bearbeiten]

Viktor Kortschnoi besuchte in Leningrad die Grundschule, studierte sechs Jahre lang Geschichte und schloss 1954 mit dem Diplom ab. Er erlernte das Schachspiel mit sieben Jahren von seinem Vater. 1943 wurde er Mitglied im Schachklub des Leningrader Pionierpalastes. Hier wurde er trainiert von Abram Modelj, Andrej Batujew und Wladimir Sak. 1947 und 1948 wurde er Jugendmeister der UdSSR. 1951 erhielt er den sowjetischen Titel „Meister des Sports“, ein Jahr später qualifizierte er sich erstmals für die UdSSR-Meisterschaft. 1954 bekam er vom Weltschachbund FIDE den Titel des Internationalen Meisters verliehen, zwei Jahre später folgte der Titel des Internationalen Großmeisters.[4]

Seinen ersten größeren Erfolg erreichte Kortschnoi 1962 beim Zonenturnier in Moskau, wo er sich für das Interzonenturnier in Stockholm qualifizierte, nachdem er beim ersten Anlauf vier Jahre zuvor noch gescheitert war.[5] In der schwedischen Landeshauptstadt belegte er schließlich den vierten Rang, was ihm einen Startplatz beim Kandidatenturnier in Curaçao – dem Ausscheidungswettkampf für die Weltmeisterschaft – bescherte. Dort erreichte Kortschnoi beim Sieg des späteren Weltmeisters und Landsmannes Tigran Petrosjan den fünften Platz.

Nachdem er die Teilnahme am nächsten Interzonenturnier 1964 in Amsterdam und damit vorzeitig die mögliche WM-Ausscheidung für 1966 verpasst hatte, qualifizierte sich Kortschnoi 1967 in Tiflis für das Interzonenturnier in Sousse. In der tunesischen Hafenstadt machte er mit Rang zwei seine Teilnahme am Kandidatenturnier 1968 perfekt, bei dem er bis in das Finale vordrang. Dort scheiterte er an seinem Landsmann und unterlegenen WM-Herausforderer von 1966, Boris Spasski, der sich anschließend gegen den Weltmeister Petrosjan erfolgreich revanchieren sollte.

Durch seinen Finaleinzug drei Jahre zuvor war Kortschnoi für das anschließende Kandidatenturnier 1971 gesetzt, musste aber diesmal bereits im Halbfinale gegen den entthronten Weltmeister Petrosjan die Segel streichen. 1973 gewann Kortschnoi das Interzonenturnier 1973 in Leningrad knapp vor seinem Landsmann Anatoli Karpow. Beim Kandidatenturnier im Jahr darauf standen sich beide Spieler im Finale erneut gegenüber. Diesmal musste sich Kortschnoi seinem 20 Jahre jüngeren Kontrahenten geschlagen geben, der 1975 kampflos zum Weltmeister erklärt wurde. Kortschnoi verpasste somit zum wiederholten Mal die WM-Teilnahme gegen den späteren Titelträger.

Kortschnoi gewann viermal den Titel des UdSSR-Meisters (1960, 1962, 1964, 1970). Insgesamt sechsmal war er mit der sowjetischen Mannschaft der UdSSR bei Schacholympiaden (1960, 1966, 1968, 1970, 1972 und 1974) siegreich.

Anlässlich eines internationalen Turniers in Amsterdam emigrierte Viktor Kortschnoi im Jahr 1976 in den Westen. Er ließ in der Sowjetunion seine Ehefrau und seinen Sohn zurück. Mit Hilfe der FIDE versuchte er danach, für seine Familie eine Ausreisegenehmigung zu erhalten. Zunächst hielt er sich in den Niederlanden, dann – ab 1978 – in der Schweiz auf, für die er seitdem bei Turnieren antritt.

Als gesetzter Teilnehmer bei der WM-Ausscheidung 1977 bekam Kortschnoi nach Siegen über Petrosjan, Lew Polugajewski und Spasski (alle UdSSR) erstmals die Gelegenheit geboten, um die Weltmeisterschaft zu spielen. Dieser Wettkampf, dessen Austragungsort Baguio (Philippinen) war, fand in einem politisch aufgeheizten Klima statt: Kortschnoi machte Titelverteidiger Karpow, der als „linientreu“ galt, für die politischen Verhältnisse in der UdSSR mitverantwortlich. Das WM-Duell – Sieger sollte der Spieler werden, der als erstes sechs Siege errang – verlor Kortschnoi knapp mit fünf zu sechs Siegen bei 21 Unentschieden (15½ – 16½), nachdem er zuvor einen Drei-Punkte-Rückstand innerhalb von vier Partien aufgeholt hatte.

Viktor Kortschnoi (rechts) mit Max Euwe (1978)
Viktor Kortschnoi (1993)

Als letzter WM-Teilnehmer für das Kandidatenturnier 1980 automatisch qualifiziert, bezwang Kortschnoi wie bereits drei Jahre zuvor Petrosjan und Polugajewski sowie im Finale den Westdeutschen Robert Hübner und erkämpfte sich so erneut das Herausforderungsrecht gegen Weltmeister Karpow. Auch die WM-Neuauflage – im Herbst 1981 in Meran ausgetragen – verlor Kortschnoi, als er sich diesmal nach 18 Partien sechsmal geschlagen geben musste (bei zwei Siegen).

Auch für das nächste Kandidatenturnier 1983 war Kortschnoi gesetzt. Als er im August 1983 im Halbfinale gegen Garri Kasparow (UdSSR) antreten sollte, kam es zum Streit zwischen dem Weltschachbund FIDE und der sowjetischen Schachföderation über den geplanten Austragungsort Pasadena in den USA. Die FIDE sprach Kortschnoi einen kampflosen Sieg zu, den dieser nicht annehmen wollte. Schließlich kam der Wettkampf nach dreimonatiger Verzögerung in London zustande, Kortschnoi unterlag Kasparow mit eins zu vier Siegen (4–7).

Im Zuge der Qualifikation für die drei Jahre später stattfindende Weltmeisterschaft 1990 – Titelträger war mittlerweile Kasparow – gewann Kortschnoi in Zagreb eines der drei angesetzten Interzonenturniere. Beim anschließenden Kandidatenturnier verlor er zu Beginn des Jahres 1988 im Achtelfinale gegen den Isländer Jóhann Hjartarson. Bei der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1993 erreichte Kortschnoi im Sommer 1990 mit Rang sechs beim Interzonenturnier in Manila erneut einen Startplatz für das Kandidatenturnier. Dort verlor er schließlich im August 1991 im Viertelfinale gegen den Niederländer Jan Timman mit 2½–4½.

Viktor Kortschnoi in Zürich, August 2009

Bei seinen weiteren Teilnahmen an diversen WM-Vorausscheidungen kam Kortschnoi nicht mehr über die ersten Qualifikationsrunden hinaus. Jedoch nahm Kortschnoi trotz seines fortgeschrittenen Alters weiterhin erfolgreich an hochklassigen Schachturnieren teil. Nachdem er sich lange geweigert hatte, in speziellen Seniorenwettbewerben anzutreten, wurde er bei seiner ersten Teilnahme im Jahr 2006 auf Anhieb Seniorenweltmeister. Im italienischen Arvier gewann er mit neun Punkten aus 11 Partien vor dem tschechischen Großmeister Vlastimil Jansa (8,5/11). In der Saison 2006/07 spielte Kortschnoi zudem in der Zweiten Bundesliga eine Partie für den SV Glück auf Rüdersdorf am Spitzenbrett. In der Saison 2011/2012 absolvierte er im Mannschaftspokal eine Partie in der ersten Mannschaft des SV Lingen, zusammen mit seinem ehemaligen Sekundanten Lev Gutman. In der Schweizer Nationalliga A spielt er für die Schachgesellschaft Zürich. Die Schweizer Landesmeisterschaft gewann er fünf Mal: 1982, 1984, 1985, 2009 und 2011.

Sein kompromissloser Stil brachte Kortschnoi den Spitznamen Viktor der Schreckliche ein. Laut dem US-amerikanischen Mathematiker Jeff Sonas besaß er zwischen September und Dezember 1965 die höchste Historische Elo-Zahl aller zu diesem Zeitpunkt aktiven Schachspieler. Seine beste gelistete Historische Elo-Zahl betrug 2814, womit er 1978 zweitbester aktiver Spieler hinter Weltmeister Karpow war. Vom gewonnenen Interzonenturnier 1973 in Leningrad stammte Kortschnois höchste je erreichte Historische Elo-Zahl mit 2825.[6] Kortschnois beste FIDE-Elo-Zahl betrug 2695 (zwischen 1979 und 1981).

Aufgrund seiner ungewöhnlich langen aktiven Karriere hält Kortschnoi mit fast 5000 dokumentierten Partien den Rekord für die meisten gespielten Schachpartien. Darüber hinaus nahm er seit 1960 an 17 Schacholympiaden teil, sechsmal für die UdSSR und elfmal für die Schweiz. Neben den sechs Goldmedaillen für die UdSSR erhielt er viermal Gold für sein bestes Brettergebnis, zuletzt 1978 am ersten Brett der Schweizer Mannschaft.[7] Fast 50 Jahre kämpfte er auf Schacholympiaden, wohl ein weiterer weltweiter Rekord.

Ende Dezember 2012 wurde bekannt, dass Viktor Kortschnoi zuvor einen Schlaganfall erlitten hat und daher wahrscheinlich seine lange Karriere beenden muss.[8] Ende März 2014 spielte der im Rollstuhl sitzende Kortschnoi in Leipzig zwei Schaupartien gegen Wolfgang Uhlmann, die er beide gewann.[9]

Seit dem 21. Mai 1991 ist Viktor Kortschnoi mit Petra Leeuwerik verheiratet, die ihn bereits bei seinem WM-Kampf 1978 als Delegationsleiterin unterstützt hatte. Ebenfalls 1991 bekam Kortschnoi von seinem Wohnort Wohlen im Kanton Aargau das Schweizer Bürgerrecht.

Publikationen[Bearbeiten]

  • Viktor Kortschnoi: Ein Leben für das Schach. Rau-Verlag, Düsseldorf 1978, ISBN 3-7919-0170-2.
  • Viktor Kortschnoi: Meine besten Kämpfe. 1952 bis 1978. Rau-Verlag, Düsseldorf 1979, ISBN 3-7919-0177-X.
  • Viktor Kortschnoi: ANTISCHACH. Mein Wettkampf um die Weltmeisterschaft gegen KARPOW in Baguio City 1978. Eigenverlag, Wohlen 1980.
  • Viktor Kortschnoi: Praxis des Turmendspiels. Olms-Verlag, Zürich 1999, ISBN 978-3-283-00287-9.
  • Viktor Kortschnoi: Meine besten Kämpfe, Bd. 1, Partien mit Weiss. Olms-Verlag, Zürich 2001, ISBN 978-3-283-00407-1.
  • Viktor Kortschnoi: Meine besten Kämpfe, Bd. 2, Partien mit Schwarz. Olms-Verlag, Zürich 2001, ISBN 978-3-283-00408-8.
  • Viktor Kortschnoi: Mein Leben für das Schach. Olms-Verlag, Zürich 2004, ISBN 978-3-283-00409-5.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Viktor Kortschnoi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. www.schachchronik.de
  2. „Hinsichtlich seines Geburtstags existiert etwas Verwirrung, denn viele Quellen, so auch Kortschnois 400 wins, die 1978 veröffentlicht und von ihm selbst mitgeschrieben wurden, geben den 23. Juli als Datum an. Der Zufall wollte es, dass mein Sohn eben genau an diesem Tag geboren wurde, und wir nannten ihn natürlich Victor. Später kam mir die andere Version von Kortschnois Geburtstag zu Ohren, und ich entschloss mich, den großen Meister selbst um etwas Erleuchtung in dieser Angelegenheit zu bitten. Er nannte den 23. März als seinen tatsächlichen Geburtstag...“ – Mihail Marin: Von den Legenden Lernen. Quality Chess, 1. deutsche Auflage, 2008.
  3. fide.com
  4. Willy Iclicki: FIDE Golden book 1924–2002. Euroadria, Slovenia, 2002, S. 74.
  5. Übersicht über die sowjetischen Zonenturniere (englisch)
  6. www.chessmetrics.com
  7. MEN'S CHESS OLYMPIADS - Kortschnoj, Viktor (Switzerland) auf OlimpBase (englisch)
  8. Meldung bei Chessvibes 28. Dezember 2012
  9. Kortschnoi gegen Uhlmann, Leipziger Volkszeitung, 30. März 2014