ATR 42

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ATR 42
ATR 42-600 in ATR-Werkslackierung
ATR 42-600 in ATR-Werksbemalung
Typ: Regionalverkehrsflugzeug
Entwurfsland:
Hersteller:

Avions de Transport Régional

Erstflug: 16. August 1984
Indienststellung: 1985
Produktionszeit: Seit 1984 in Serienproduktion
Stückzahl: 438 (Stand: 1. August 2015)

Die ATR 42 ist das kleinere Modell von zwei Turboprop-Regionalverkehrsflugzeugen des französisch-italienischen Herstellerkonsortiums Avions de Transport Régional. Das größere Modell ATR 72 ist die gestreckte Version der ATR 42.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

ATR 42 (I-RIML) der Italy First Airlines
ATR 42 der Air Lithuania

Am 29. Oktober 1981 begann das Entwicklungsprogramm für das erste gemeinsame Produkt der Avions de Transport Régional (ATR). Die ATR 42, deren Prototyp dann am 16. August 1984 seinen Erstflug hatte war ab September 1985 serienreif und zertifiziert. Die Endmontage und Flugerprobung der zivilen Passagierflugzeugvariante erfolgte in Toulouse. Die militärische wie auch zivilen Frachtvarianten erfolgte in Neapel.

Der Flugzeugtyp wird hauptsächlich für den Personentransport auf Kurzstrecken eingesetzt. Die Maschinen sind aber auch als Frachtversion erhältlich oder können nach Umbau der Zelle als Frachtflugzeug eingesetzt werden.

Air Littoral (Frankreich) war die erste Fluggesellschaft, die am 3. Dezember 1985 das Flugzeug in Dienst stellte. Seit dem Zeitpunkt ist es – mit Ausnahme der Änderung der Propeller – nahezu unverändert im Einsatz.

Die älteren Maschinen (ATR 42-300, ab 1985 und ATR 42-320, ab 1987) haben vierblättrige Propeller. Im Oktober 1995 nahm die verbesserte Version ATR 42-500 den Liniendienst bei der Air Dolomiti auf. Die Verbesserungen (laut Herstellerwebseite) umfassen das Kabineninterieur, ein erhöhtes Startgewicht MTOW, stärkere Motoren und modernere sechsblättrige Propeller. Dadurch werden Reisegeschwindigkeit und Reichweite erhöht sowie der Kerosinverbrauch gesenkt, auch werden die Flugzeuge im Landeanflug oder beim Start merklich leiser.

Bis August 2015 waren 438 Exemplare der ATR 42 ausgeliefert. Mitte des Jahres 2015 betrug die Summe der Auslieferungen der „Familienmitglieder“ ATR 42 und ATR 72 1.202 Stück.[1]

Konstruktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch den Einbau sogenannter Active-Noise-Reduction-Systeme wurde zudem der Propellerlärm im Kabineninneren deutlich reduziert.

Ein Vorteil der Turbopropellermaschinen gegenüber den Regionaljets ist die deutlich kürzere Start- und Landestrecke, die sie für den Einsatz auf kleineren Flughäfen interessant macht. Vergleichbare Werte für Start- und Landestrecke erreichen bei den Regionaljets nur speziell für diesen Zweck entworfene Maschinen, so etwa die BAe-146, auch Jumbolino genannt.

Der Hauptvorteil einer Turbopropmaschine ist der erheblich geringere Kraftstoffverbrauch pro Tonnenkilometer. Zum Zeitpunkt ihres Erscheinens setzte sie hier Maßstäbe – die ATR 42 verbraucht bei voller Auslastung etwa 1,8 Liter Kerosin pro Passagier und 100 km – dies entspricht der Hälfte des Verbrauchs eines modernen Jets.

Im Regionalflugverkehr hat die ATR 42 einen deutlichen Geschwindigkeitsnachteil gegenüber den mit Strahltriebwerk betriebenen Regionaljets. Mit den aktuellen Motoren erreicht die ATR 42 nur Geschwindigkeiten bis 556 km/h. Aktuelle Regionaljets erreichen mit über 700 km/h Geschwindigkeiten, die denen von Mittelstreckenflugzeugen in nichts nachstehen. Verstärkter Einsatz und die Verfügbarkeit unterschiedlicher Regional-Jets (wie der Bombardier CRJ200 oder der Regionaljets von Embraer) stellten die Zukunft von Turboprop-Flugzeugen in Frage. Angesichts steigender Treibstoff-Preise erfuhr der Turboprop-Antrieb im Jahre 2005 allerdings einen gewissen Aufschwung, was zu einer steigenden Nachfrage sowohl bei ATR als auch bei Bombardier (für die Q-Serie) führte.

Militärische Versionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

ATR 42 MP Surveyor der Guardia di Finanza
Cockpit einer nigerianischen ATR 42 MP

Von der ATR 42 entwickelte Alenia Aeronautica neben des militärischen Frachtflugzeuges ein militärischer Transporter mit der Bezeichnung ATM 42, der mit einer Heckrampe ausgerüstet ist sowie die SAR 42 als Such- und Rettungsversion auf Basis der ATR 42-400.

Außerdem eine Seeaufklärer-Variante mit der Bezeichnung ATR 42 MP Surveyor. Sie dient als Patrouillenflugzeug und wird vorwiegend von Küstenwachen oder ähnlichen Organisationen eingesetzt.[2] Das Flugzeug ist mit zwei Turboprop-Triebwerken des Typs Pratt & Whitney Canada PW100 ausgestattet. Ein Hilfstriebwerk (APU) ist nicht vorhanden. Der Propeller des rechten Triebwerks kann aber am Boden mit Hilfe einer Bremse (prop brake) fixiert werden. Die beiden Wellen des so genannten Kerntriebwerks laufen mit Leerlaufdrehzahl weiter und liefern Strom sowie Zapfluft für die Klimaanlage und andere Systeme. Beschafft wurden Flugzeuge dieses Typs von der italienischen Guardia Costiera und der Guardia di Finanza, weitere Flugzeuge gingen nach Nigeria (Nigerian Air Force) und Libyen (General Security Agency).[3]

Zivile und militärische Frachtversion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An der ATR 42 wurden durch verschiedene Firmen auch Umbauten zum Frachter ATR-42F vorgenommen. Die bekannteste Version ist ein Bulk Freighter, wobei die gesamte Kabine ausgeräumt und mit vertikalen Netzen in verschiedene Frachträume aufgeteilt wird. Die ATR 42 kann dabei ökonomisch bis zu etwa fünf Tonnen Fracht transportieren. Eine ATR 42-320 als Frachter wird beispielsweise durch ASL Airlines Switzerland (ehemals Farnair) mit Basis in Basel, Schweiz eingesetzt.

Zwischenfälle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis einschließlich 7. Dezember 2016 gab es 32 Zwischenfälle mit Totalschaden,[4] darunter folgende:

  • Am 15. Oktober 1987 stürzte Aero-Trasporti-Italiani-Flug 460, eine ATR 42-300 der Aero Trasporti Italiani (Luftfahrzeugkennzeichen I-ATRH) auf dem Flug von Flughafen Mailand-Linate nach Köln-Bonn, am Conca di Crezzo aufgrund von Vereisung ab. Alle 37 Insassen starben.[5]
  • Am 21. August 1994 wurde der Autopilot einer in Agadir gestarteten ATR 42-300 der Royal Air Maroc in einer Flughöhe von 16.000 Fuß ausgeschaltet. Das Flugzeug ging in einen Sturzflug über und zerschellte am Boden. Alle 44 Personen an Bord starben. Die vermutliche Unfallursache war ein Suizid des Flugkapitäns.[6]
  • Am 11. Oktober 1999 steuerte ein allein fliegender Pilot der Air Botswana eine ATR 42-320 absichtlich in zwei leere ATR 42 am Boden, nachdem seine Forderungen nach Gesprächen mit dem Präsidenten von Botswana und weiteren Entscheidungsträgern nicht erfüllt worden waren.[7]
  • Am 12. November 1999 prallte eine von den Vereinten Nationen gecharterte ATR 42-300 der Si Fly im Landeanflug auf den Flughafen Priština im Kosovo gegen einen Berg. Alle 24 Insassen kamen dabei ums Leben.[8]
  • Am 21. Februar 2008 flog eine ATR 42-300 der venezolanischen Fluggesellschaft Santa Barbara Airlines kurz nach dem Start von Mérida (Venezuela) in einen Berghang, als sie absichtlich vom offiziellen Abflugverfahren abweichend geflogen wurde. Dabei kamen alle 46 Insassen ums Leben.[9]
  • Am 27. Januar 2009 landete eine ATR-42-Frachtmaschine der Empire Airlines im Auftrag von Federal Express auf dem Lubbock Preston Smith International Airport vor dem Aufsetzpunkt und rutschte bei gefrierendem Regen von der Landebahn. Durch ein geringes Feuer wurden die beiden Piloten leicht verletzt.[10]
  • Am 11. Februar 2010 führte eine ATR 42 der Trigana Air Service eine Notlandung in einem Reisfeld etwa 30 km vom Sultan Aji Muhamad Sulaiman Airport entfernt durch, nachdem nacheinander beide Triebwerke Leistung verloren hatten. Zwei Passagiere erlitten Beinbrüche.
  • Am 13. September 2010 stürzte Conviasa-Flug 2351, eine ATR 42 der Airline Conviasa, bei einem Inlandsflug in Venezuela bei Ciudad Guayana ab, nachdem der Pilot vorher technische Probleme gemeldet hatte. Von den 51 Menschen an Bord starben 17, 34 wurden teilweise schwer verletzt.[11][12]
  • Am 16. August 2015 verschwand eine ATR 42-300 der Trigana Air Service auf dem Flug 257 von Jayapura nach Oksibil in der indonesischen Provinz Papua vom Radar. An Bord der Maschine befanden sich 54 Personen, darunter fünf Kinder und fünf Besatzungsmitglieder.[13] Später wurden zwölf Kilometer vom Flugziel entfernt Wrackteile gefunden. Anwohner hatten beobachtet, wie das Flugzeug einen Berg gerammt hatte. Keiner der 54 Insassen überlebte. Der Absturz war somit das bisher schwerste Unglück mit einer ATR 42.[14]
  • Am 7. Dezember 2016 stürzte eine ATR 42-500 der Pakistan International Airlines (AP-BHO) nahe der pakistanischen Hauptstadt Islamabad ab. Die aus Chitral kommende Maschine kollidierte im Anflug mit einem Berg. Dabei starben alle 48 Personen an Bord[15][16] (siehe Pakistan-International-Airlines-Flug 661).

Technische Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kabine einer ATR 42-500
ATR 42 der UTair
Kenngröße ATR 42-300 ATR 42-320 ATR 42-500
Länge 22,67 m 22,67 m 22,67 m
Spannweite 24,57 m 24,57 m 24,57 m
Höhe 7,59 m 7,59 m 7,59 m
Kabinenbreite 2,57 m 2,57 m 2,57 m
Kabinenhöhe 1,91 m 1,91 m 1,91 m
Reichweite
(mit 48 pax)
1.150 km (630 NM) 1.150 km (630 NM) 1.550 km (840 NM)
Geschwindigkeit 491 km/h (265 kn) 498 km/h (269 kn) 556 km/h (300 kn)
Max. Startgewicht 16.700 kg 16.700 kg 18.600 kg
Max. Zuladung 4.950 kg 4.950 kg 5.450 kg
Max. Treibstoffgewicht 4.500 kg 4.500 kg 4.500 kg
Max. Sitzplätze 50 50 50
Triebwerke (2 ×) Turboprop Pratt & Whitney Canada
PW120 mit 1.470 kW (2.000 PS)
Turboprop Pratt & Whitney Canada
PW121 mit 1.544 kW (2.100 PS)
Turboprop Pratt & Whitney Canada
PW127E gedrosselt von 2.051 kW auf 1.764 kW (2.400 PS),
Propeller (2 ×) 4-Blatt Hamilton Standard 4-Blatt Hamilton Standard 6-Blatt Hamilton Standard
Indienststellung 1985 1987 1995

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: ATR 42 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Regional figures in all corners of the globe. atraircraft.com. Abgerufen am 11. Juli 2015.
  2. ATR 42 MP Surveyor (Memento vom 20. Juli 2008 im Internet Archive)
  3. ATR 42 MP Bestellungen
  4. Database results. ASN Aviation Safety Network, abgerufen am 26. Januar 2014.
  5. Flugunfalldaten und -bericht von Flug ATR-42-312 I-ATRH Conca di Crezzo im Aviation Safety Network
  6. Flugunfalldaten und -bericht des Unglückes vom 21. August 1994 im Aviation Safety Network
  7. Flugunfalldaten und -bericht von Flug ATR-42-320 A2-ABB Gaborone-Sir Seretse Khama International Airport (GBE) im Aviation Safety Network
  8. Flugunfalldaten und -bericht im Aviation Safety Network
  9. Flugunfalldaten und -bericht von Flug ATR-42-300 YV1449 Mérida-A Carnevalli Airport (MRD) im Aviation Safety Network
  10. Crash During Approach to Landing Empire Airlines Flight 8284, Avions de Transport Régional, Aerospatiale Alenia ATR 42‐320, N902FX, Lubbock, Texas, January 27, 2009. NTSB, archiviert vom Original am 17. Oktober 2011, abgerufen am 20. Dezember 2014 (PDF; 1,32 MB, englisch).
  11. Venezuelan plane crash death toll rise to 17. xinhuanet.com. 15. September 2010. Abgerufen am 26. Januar 2014.
  12. Flugunfalldaten und -bericht von Flug ATR-42-320 YV1010 Puerto Ordaz Airport (PZO) im Aviation Safety Network
  13. Flugunfalldaten und -bericht im Aviation Safety Network
  14. Suchteams finden Wrackteile. tagesschau.de, 17. August 2015, archiviert vom Original am 19. August 2015, abgerufen am 17. August 2015.
  15. Pakistan International Airlines-Flugzeug abgestürzt. In: faz.net. Abgerufen am 7. Dezember 2016.
  16. Crash: PIA AT42 near Havelian on Dec 7th 2016, engine failure. In: avherald.com. Abgerufen am 7. Dezember 2016.