Jean-Louis Trintignant

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Jean-Louis Trintignant, 2007
Portrait von Alain Elorza

Jean-Louis Xavier Trintignant (* 11. Dezember 1930 in Piolenc, Département Vaucluse) ist ein französischer Schauspieler und Filmregisseur. Neben der Arbeit am Theater übernahm er ab Mitte der 1950er-Jahre Rollen in mehr als 130 Film- und Fernsehproduktionen. Mit Hauptrollen in Filmen wie Ein Mann und eine Frau (1966), Z, Meine Nacht bei Maud (beide 1969) oder Drei Farben: Rot (1994) etablierte er sich als einer der großen Stars des französischen Kinos.[1]

Leben[Bearbeiten]

Kindheit und Ausbildung[Bearbeiten]

Jean-Louis Trintignant wuchs als jüngster von zwei Söhnen einer wohlhabenden provenzalischen Industriellenfamilie in Pont-Saint-Esprit auf. Sein Vater Raoul Trintignant war der Bürgermeister der Stadt und hatte während des Zweiten Weltkriegs auf der Seite der Résistance gestanden. Er wurde in Marseille inhaftiert und kehrte erst nach dem Krieg zu seiner Familie zurück. Trintignants Mutter Claire (Geburtsname: Tourtin) war im März 1943 kurzfristig von der Gestapo inhaftiert worden. Enttäuscht über die Geburt eines zweiten Sohnes hatte sie Jean-Louis Trintignant bis zum siebten Lebensjahr wie ein Mädchen erzogen. Früh begeisterte sich Trintignant für die Poesie, unter anderem für die Werke Jacques Préverts.[2]

Seine Schulzeit verbrachte Trintignant in Avignon, wo er das dortige Gymnasium besuchte. Nach dem Abitur im Jahr 1950 schrieb er sich zuerst für ein Studium der Rechtswissenschaft in Aix-en-Provence ein,[1] ging aber stattdessen nach Paris, wo er eine Ausbildung an der Filmhochschule IDHEC begann. Ursprünglich mit dem Ziel herauszufinden, wie man Schauspieler führt, besuchte er einen Schauspielkurs.[3] Daraufhin nahm er Unterricht bei Charles Dullin und Tania Balachova.[1] Trintignant benötigte mehr als ein Jahr, um seinen südfranzösischen Akzent abzulegen, der unter seinen Kommilitonen Gelächter auslöste.[3]

Trintignant begann zunächst eine Theaterkarriere als jugendlicher Held in klassischen und modernen Stücken. Kleine Rollen führten ihn zunächst ans Théâtre National Populaire in Paris. 1951 hatte Trintignant seine Bühnenpremiere mit der Compagnie Raymond Hermantier in Jean Mogins Chacun selon sa faim, danach als Mortimer in Friedrich Schillers Maria Stuart. Kurz darauf spielte er an der Comédie St. Etienne die Rolle des Macbeth. 1953 war Trintignant mit den Stücken Britannicus und Don Juan auf Tournee durch die französische Provinz und bekam anschließend mit Responsabilité limitée von Robert Hossein seine erste größere Rolle in Paris. Diese brachte ihm auch seinen ersten Filmagenten ein.[4]

Ein weiterer anfänglicher Berufswunsch von Jean-Louis war es, Rennfahrer zu werden. Sein Onkel, Maurice Trintignant, gewann 1954 das 24-Stunden-Rennens von Le Mans. 1980 war auch Jean-Louis selbst dort am Start. Das 24-Stunden-Rennen von Spa-Francorchamps 1981 beendete er als Gesamtsiebter. Darüber hinaus nahm er Anfang der 1980er Jahre auch wiederholt an Rallycross-Rennen in Frankreich teil.

Karriere als Filmschauspieler[Bearbeiten]

1955 begann er seine Karriere als Filmschauspieler mit dem Kurzfilm Pechiney von Marcel Ichac, dem das Spielfilmdebüt in Christian-Jaques TKX antwortet nicht (1956) folgte. In Das Gesetz der Straße (1956) von Ralph Habib ist er als Gegenspieler von Jean Gabin zu sehen. Roger Vadims im selben Jahr veröffentlichter Streifen Und immer lockt das Weib, in dem er den schüchtern-verkrampften Ehemann von Brigitte Bardot spielt, machte ihn in Frankreich bekannt. Zwischen 1956 und 1959 war Trintignants Karriere durch den Militärdienst gehemmt, den er unter anderem in Deutschland verbrachte.

Szenenbild aus Ein Mann und eine Frau mit Anouk Aimée

Der internationale Durchbruch als Filmschauspieler gelang Trintignant 1966 mit Ein Mann und eine Frau des befreundeten Regisseurs Claude Lelouch. In dem teils in Farbe, teils in Schwarz-Weiß gedrehten Melodram spielte er mit Anouk Aimée zwei alleinerziehende Eltern, die trotz komplizierter Vergangenheit zueinander finden. Lelouchs Film erhielt eine Vielzahl an Auszeichnungen, darunter den Hauptpreis der Filmfestspiele von Cannes und den Oscar. Fortan konnte sich Trintignant seine Rollen frei aussuchen[1] und es folgten Werke wie Sergio Corbuccis Italowestern Leichen pflastern seinen Weg (1968), in der er als stummer Rächer Silence auf sich aufmerksam machte. Angeboten aus Amerika folgte er jedoch nicht.[5]

1969 wurde Trintignant für seine Darstellung eines unbequemen Untersuchungsrichters in Costa-Gavras’ hochgelobten Polit-Thriller Z als bester Schauspieler auf dem Filmfestival von Cannes ausgezeichnet. Im Jahr zuvor hatte er bereits für den Part des eleganten und redegewandten Mannes in Alain Robbe-Grillets Der Lügner (1968) den Darstellerpreis der Filmfestspiele von Berlin erhalten. In den 1970er-Jahren zählte Trintignant zu den gefragtesten Charakterschauspielern Europas. Unter anderem war er die erste Wahl für Bernardo Bertoluccis Skandalfilm Der letzte Tango in Paris (1972). Trintignant arbeitete mit dem Regisseur an den Dialogen zusammen, er lehnte die männliche Hauptrolle eigenen Angaben zufolge jedoch ab, nachdem seine Tochter den Film für „zu unzüchtig“ gehalten hatte.[5] Zu Trintignants bekanntesten Filmen gehörten in dieser Zeit unter anderem Das wilde Schaf (1973) mit Jean-Pierre Cassel, Romy Schneider und Jane Birkin. Ebenfalls versuchte sich Trintignant mit den Komödien Une journée bien remplie (1973) und Der Schwimmeister (1979) erfolglos als Filmregisseur zu etablieren, zu denen er auch die Drehbücher beisteuerte.

Im Alter wurde Trintignant immer wählerischer bei der Wahl seiner Filmrollen. Unter anderem musste er für den Part des pensionierten Richters und verbitterten Menschenfeinds in Krzysztof Kieślowskis Oscar-nominierten Trilogie-Abschluss Drei Farben: Rot (1994) erst von seiner Tochter überzeugt werden.[6] Ab Mitte der 2000er-Jahre zog sich Trintignant, der eigener Meinung nach ein besserer Theaterschauspieler sei,[7] aufs Land zurück und nahm nur noch Bühnenengagements und an Lesungen teil. Dem österreichischen Regisseur Michael Haneke gelang es, den Schauspieler nach mehreren Jahren Abwesenheit von der Kinoleinwand als Erzähler für die französische Fassung seines Films Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte (2009) sowie für die Hauptrolle neben Emmanuelle Riva in Liebe (2012) zu gewinnen. Das Drama um ein pensioniertes Musikprofessoren-Paar aus Paris, dessen Liebe auf die Probe gestellt wird, nachdem die Frau einen Schlaganfall erlitten hat, wurde unter anderem mit der Goldenen Palme der Filmfestspiele von Cannes und dem Oscar als bester fremdsprachiger Film preisgekrönt und brachte Trintignant erneut das Lob der Fachkritik sowie den Europäischen Filmpreis und seinen ersten César ein.

Am 23. September 2013 kündigte Trintignant an, mit einer Lesung von Gedichten Boris Vians, Robert Desnos’ und Jacques Préverts Anfang Oktober desselben Jahres im Theater Anthéa (Antipolis Théâtre d’Antibes) seine Schauspielkarriere beenden zu wollen. „Ich mache nichts mehr. Weder Theater, noch Kino. Platz für die Jungen.“, so Trintignant.[8]

Privates[Bearbeiten]

Jean-Louis Trintignant war ab 1954 in erster Ehe mit Colette Dacheville verheiratet, die unter dem Künstlernamen Stéphane Audran eine erfolgreiche Schauspielkarriere einschlagen sollte. Noch verheiratet, lernte Trintignant bei den Dreharbeiten zu Und immer lockt das Weib (1956) die Schauspielkollegin Brigitte Bardot kennen, mit der er eine von der Presse vielbeachtete Liaison unterhielt.[9] Nach seiner Scheidung heiratete Trintignant 1961[10] das frühere Scriptgirl Nadine Marquand. Diese nahm seinen Familiennamen an und wurde als Regisseurin Nadine Trintignant bekannt. Jean-Louis spielte mehrfach unter ihrer Regie. Aus der Ehe stammen drei gemeinsame Kinder. 1970 verloren sie eine Tochter durch plötzlichen Kindstod. Die überlebenden Kinder Marie (1962–2003) und Vincent (* 1973) wurden ihrerseits ebenfalls Schauspieler. Marie Trintignant wurde 2003 während Dreharbeiten mit ihrer Mutter in Vilnius von ihrem alkoholisierten Freund, dem Sänger Bertrand Cantat, im Streit erschlagen.

Filmografie[Bearbeiten]

Schauspieler (Auswahl)[Bearbeiten]

Trintignant bei den 65. Filmfestspielen von Cannes (2012)

Regie[Bearbeiten]

  • 1973: Une journée bien remplie ou Neuf meurtres insolites dans une même journée par un seul homme dont ce n'est pas le métier
  • 1979: Der Schwimmeister (Le maître-nageur)

Drehbücher[Bearbeiten]

  • 1972: Der letzte Tango in Paris (Ultimo tango a Parigi, Mitarbeiter an den Dialogen)
  • 1973: Une journée bien remplie ou Neuf meurtres insolites dans une même journée par un seul homme dont ce n'est pas le métier
  • 1979: Der Schwimmeister (Le maître-nageur)
  • 1993: L’oeil écarlate

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Le-Mans-Ergebnisse[Bearbeiten]

Jahr Team Fahrzeug Teamkollege Teamkollege Platzierung Ausfallgrund
1980 DeutschlandDeutschland Malardeau Kremer Racing Porsche 935 K3 FrankreichFrankreich Xavier Lapeyre FrankreichFrankreich Anne-Charlotte Verney Ausfall Getriebeschaden

Dokumentarfilme[Bearbeiten]

  • Jean-Louis Trintignant. Warum ich lebe. Fernseh-Dokumentation, Frankreich, 2012, 76 Min., Regie: Serge Korber, Produktion: arte France, Film-Informationen von arte.
    „Der sonst extrem verschlossene Trintignant offenbart im Vertrauen auf seinen Freund hier zum ersten Mal auch sehr Persönliches.“
  • Jean-Louis Trintignant – Lebensfreude elegant. Gespräch mit Video-Einspielungen, Frankreich, 2012, 43:30 Min., Moderation: Vincent Josse, Produktion: arte France, Redaktion: Square, deutsche Erstsendung: 18. November 2012 bei arte, Film-Informationen und Video-Ausschnitt von arte.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jean-Louis Trintignant – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d hy: Jean-Louis Trintignant. In: Internationales Biographisches Archiv 39/2005 vom 1. Oktober 2005, ergänzt um Nachrichten durch MA-Journal bis KW 37/2012, in: Munzinger-Archiv.
  2. Korber, Serge: Jean-Louis Trintignant – Warum ich lebe. Dokumentarfilm, arte, 2012 (4:30 Min. ff.).
  3. a b Korber, Serge: Jean-Louis Trintignant – Warum ich lebe. Dokumentarfilm, 2012 (11:00 Min. ff.).
  4. Korber, Serge: Jean-Louis Trintignant – Warum ich lebe. Dokumentarfilm, 2012 (13:00 Min. ff.).
  5. a b Korber, Serge: Jean-Louis Trintignant – Warum ich lebe. Dokumentarfilm, 2012 (37:20 Min. ff.).
  6. Korber, Serge: Jean-Louis Trintignant – Warum ich lebe. Dokumentarfilm, 2012 (63:30 Min. ff.).
  7. Cannes-Pressekonferenz (französisch/englisch) vom 20. Mai 2012 (3:00 Min. ff.; abgerufen am 16. Juli 2012).
  8. Schicht mit 82: Schauspielstar Jean-Louis Trintignant geht in Rente bei spiegel.de, 23. September 2013 (abgerufen am 24. September 2013).
  9. Korber, Serge: Jean-Louis Trintignant – Warum ich lebe. Dokumentarfilm, 2012 (16:00 Min. ff.).
  10. Jean-Louis Trintignant. In: World who’s who: Europa biographical reference. London: Routledge, 2002 (Online-Datenbank).