Tatort: Der König der Gosse

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Folge der Reihe Tatort
OriginaltitelDer König der Gosse
ProduktionslandDeutschland
OriginalspracheDeutsch
Produktions-
unternehmen
MDR
Länge86 Minuten
EinordnungFolge 995 (Liste)
Erstausstrahlung2. Oktober 2016 auf Das Erste
Stab
RegieDror Zahavi
DrehbuchRalf Husmann und Mika Kallwass
ProduktionNanni Erben, Quirin Berg, Max Wiedemann
MusikDürbeck & Dohmen
KameraGero Steffen
SchnittFritz Busse
Besetzung

Der König der Gosse ist ein Fernsehfilm aus der Krimireihe Tatort. Der vom MDR produzierte Beitrag wurde am 2. Oktober 2016 im Ersten ausgestrahlt. In dieser 995. Tatort-Folge ermitteln die Dresdner Ermittler Sieland, Gorniak und Schnabel in ihrem zweiten Fall.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kulisse des Mordversuchs: Dresdner Hafenbrücke

Drei Obdachlose verfolgen, wie ein Mann von zwei anderen über die Brüstung einer Brücke geworfen wird. Sie scheinen den noch Lebenden gut gekannt zu haben, aber ihre uneinheitlichen Hinweise helfen dem hinzugerufenen Notarzt nicht wirklich weiter. Sie geben sich als seine „Security“ aus. Peter Schnabel unterrichtet seine beiden Kolleginnen Henni Sieland und Karin Gorniak, dass es sich beim Opfer um Hans-Martin Taubert, den Leiter des Unternehmens „Berberhilfe“ handelt, das Obdachlose bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft unterstützt. Hansi, Platte und Eumel schildern den Verlauf des Abends: sie seien mit Taubert zum Edel-Italiener gefahren, wo sich Taubert mit einem „Schlipsträger“ traf. Sie beobachteten das Geschehen von der Theke aus und bekamen von einem Typ einige Drinks spendiert. Der hatte eine auffällige Tätowierung am rechten Unterarm. Plötzlich war dann Taubert verschwunden. Die Kommissarinnen gehen in das italienische Restaurant. Der Wirt bestätigt, dass Taubert dort Stammgast war, aber nicht, dass er sich mit Jemandem traf, sondern dass er sich mit den Obdachlosen stritt. Schnabel sucht unterdessen Tauberts Bruder auf, den dessen Unfall kalt lässt.

Tauberts Mitarbeiter Nico Reimann präsentiert Droh-Mails, die in der letzten Zeit zugenommen haben sollen. Er charakterisiert Taubert eher als exzentrisch denn depressiv. In seinem Büro soll es Streit zwischen Taubert und seiner „Security“ wegen ihrer Mitwirkung in einem authentischen Theaterstück gegeben haben, das sein Konkurrent Schleibusch inszeniert. Dann gibt es einen Anschlag auf Taubert im Krankenhaus. Sein Bruder und Hansi beschuldigen sich gegenseitig. Wiebke Lohkamp vom Betrugsdezernat weist darauf hin, dass sich Hajo Taubert vor längerer Zeit 50.000 € für sein Fitnessstudio von seinem Bruder geliehen hat, die auch der Grund für immer wiederkehrende Streitigkeiten war. Hans-Martin Taubert konnte durch sein Geschäftsmodell, das auf lukrativer Unterbringung Obdachloser, Alleinerziehender und Flüchtlinge basiert, locker auf den Betrag zugreifen. In Tauberts Fitnessstudio erscheint der Mann mit dem auffälligen Tattoo in einem Werbefilm: Thomas Springer. Der ist im Ensemble von Schleibuschs Theaterstück zu finden, kann aber später nicht zweifelsfrei von den Dreien identifiziert werden. Allerdings hatte er in der Vergangenheit im Auftrag eines Inkassounternehmens Mieter bedroht. Ausgerechnet dies wird von Hajo Taubert geführt. Mit dieser Information stellt Hans-Martin Taubert Schleibusch zur Rede und wirft ihm vor, die Elbsiedlung räumen zu lassen, um dort Sozialfälle einzuquartieren.

Endlich stellt sich für die Polizei heraus, dass Hansi, Platte und Eumel beim Italiener KO-Tropfen von Thomas Springer ins Getränk gemischt wurden und der „Schlipsträger“ Herr Schleibusch war. Er gab Luigi Geld für sein Schweigen. Die drei Obdachlosen haben das längst erkannt und sind ins Theater zu Springer aufgebrochen. Im Schwitzkasten von Platte gesteht er schlussendlich die im Auftrag von Schleibusch begangene Mordtat, woraufhin Hansi ein Klappmesser zückt und damit auf Springer einsticht. Maliziös lächelnd beruft sich Schleibusch gegenüber der Polizei auf seinen Anwalt, der auch noch ein Wörtchen mitzureden habe. Während die Obdachlosen in Handfesseln in den Polizeiwagen verfrachtet gezeigt werden, wird er offenbar davonkommen.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

ButtonRed.svg  Dreh- und Spielorte
ButtonBlue.svg  weitere Drehorte

Der Film wurde vom 19. November 2015 bis zum 18. Dezember 2015 in Dresden gedreht,[1] die Aufnahmen entstanden unter anderem an der Hafenbrücke, am damaligen Standort der Staatsoperette Dresden im Gasthof Leuben, im fiktiven Kripo-Büro in der ehemaligen Gardinenfabrik in der Breitscheidstraße sowie der Dresdner Neustadt.[2][3] Am 16. Dezember 2015 wurde im Fitnessstudio New York Fitness an der Bautzner Straße 47 gedreht.[4] In unmittelbarer Nähe der Elbe erfolgten Aufnahmen an der Brühlschen Terrasse, wo das Denkmal von Ludwig Richter als Kulisse Verwendung fand und der Obdachlose Platte mit seiner Drehorgel den Titel Die Internationale intoniert.[5] Weiter wurde die Station 1 des Elblandklinikums Meißen als Kulisse genutzt, wo Chefarzt Dr. Martin Wolz, Leiter der Neurologischen Klinik, als Komparse auftrat.[2] Für die Aufnahmen wurde ein Arztzimmer zur Kulisse der Intensivstation umgestaltet.[2]

In der Dresdner Johannstadt diente im Herbst eine leerstehende Kaufhalle an der Dürerstraße als Kantine und Maske für das Filmteam, die im Anschluss an die Dreharbeiten abgerissen wurde.[6][7] Die Postproduktion erfolgte ebenfalls in Dresden.[2]

Der Name des Unternehmens (Berberhilfe) kann als Anspielung auf das mittlerweile insolvente Social-Profit-Unternehmen Treberhilfe Berlin verstanden werden.[8]

Bei dem aufgeführten Theaterstück handelt es sich um The Beggar’s Opera.

Die Audiodeskription zum Film wurde vom MDR selbst produziert. Sprecher ist Thomas Dehler.[9]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einschaltquote[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Erstausstrahlung von Der König der Gosse am 2. Oktober 2016 wurde in Deutschland von 7,74 Millionen Zuschauern gesehen und erreichte einen Marktanteil von 23,9 % für Das Erste.[10][11] In der Gruppe der 14- bis 49-jährigen Zuschauer konnten 2,20 Millionen Zuschauer und ein Marktanteil von 19,8 % erreicht werden.[11]

In Österreich wurden 577.000 Zuschauer erreicht und damit eine durchschnittliche Reichweite von 8 % sowie ein Marktanteil von 19 % erzielt.[12]

In der Schweiz verfolgten 375.000 Zuschauer im Alter von über drei Jahren die Erstausstrahlung der Folge und bescherten ihr dadurch einen Marktanteil von 20,3 %.[13] In der Gruppe der 15- bis 59-jährigen Zuschauer wurden 196.000 Zuschauer gezählt sowie ein Marktanteil von 18,1 % gemessen.[13]

Kritiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Florian Blaschke urteilte für die prisma, die Folge Der König der Gosse sei „ein großartig emotionaler Krimi zwischen Mord und Moral“.[14] Es gebe „von allem zwei Versionen“„Aussage gegen Aussage“.[14] „Vor allem aber lebt dieser Tatort vom Spagat zwischen Flapsigkeit und seriösem Fach“, schreibt Blaschke.[14] „Das Drehbuch“ überlässt „den Rollen die Sympathie nicht kampflos“, denn „alle haben Schwächen und dunkle Seiten“, so dass „die Autoren ein großartiges Spiel aus Eitelkeiten, Alltagsrassismus und Gefühlen“ inszenieren lassen, was „allen voran Höfels, Hanczewski und Böwe“ betrifft.[14] Somit „pendelt der Zuschauer 90 Minuten zwischen Faszination, Ablehnung und Rührung – und bleibt am Ende mit einer ganz eigenen Tragik allein“, resümiert Blaschke, „so, wie die Hauptfiguren auch“.[14]

Die dpa-Korrespondentin Simona Block lobte die Folge, in der mit „Rückblenden, in denen Situationen aus verschiedenen Perspektiven mit sich widersprechendem Tenor erzählt werden“, durch Regisseur Dror Zahavi „eine besondere Spannung“ geschaffen werde.[15] Dabei bewege sich die Folge „zwischen sozialem Elend und Reichtum, Korruption und Arroganz der Macht“ und „nichts ist, wie es scheint“.[15] Wie in der ersten Folge Auf einen Schlag des Ermittlerteams erhalten die beiden Kommissarinnen „unerwünscht weibliche Verstärkung“, diesmal durch „eine Kollegin aus dem Betrugsdezernat“, gespielt von Jule Böwe.[15] Der „Schlagabtausch“ zwischen Alwara Höfels und Karin Hanczewski „sorgt mit für die wenigen lustigen Szenen des Dresden-»Tatort«, der im Gegensatz zur Premiere in einer traurigen, einsamen, dunklen Welt spielt“, wo für die Inszenierung „das Licht spärlich und die Atmosphäre kühl“ gewählt wurde.[15]

Iris Janda von den Westfälischen Nachrichten freute sich über eine Folge, die mit Situationskomik aufzuwarten wusste, wenngleich phasenweise „das Interesse der Kommissare, den versuchten Mord aufzuklären, in den Hintergrund“ geriet.[16] „Ganz vorn dabei in Sachen Unterhaltungswert waren zweifelsfrei die frischen Dialoge zwischen Chef Schnabel und seinen beiden »Kampf-Amazonen«, die stellenweise den Sprüchen aus »Doctor’s Diary« an Schlagkraft in nichts nachstanden“, resümierte Janda.[16]

„Das Problem des Dresdner ‚Tatort‘: Während die beiden jungen Ermittlerinnen mit heiligem Ernst in ihrer Überforderung als alleinerziehende Mutter und als liebesbedürftige Lebenspartnerin gezeigt werden, sind die Obdachlosen zur Beömmelung freigegeben. Vor dem Hintergrund der aktuellen fremdenfeindlichen Ereignisse in Bautzen und Dresden wirkt dieser sächsische Sozialklamauk besonders bräsig. Nun können die Filmemacher nichts für die Programmierung, ein Debakel ist ihr ‚Tatort‘ aber so oder so.“

„Das ganze Elend dieser Melange an Comic-Figuren in einem pseudo-kritischen Umfeld zeigt sich in Martin Brambach als ewiggestriger Chef des Damen-Trios. Der arme Mann, so schön er das auch spielt, soll also nun mitsamt seines Volksmusik-Klingeltons für die überforderten alten weißen Männer stehen, die mit der heutigen Zeit nicht richtig Schritt halten können und die die Welt nicht mehr verstehen. So modern dieser Film sich auch geben will, letztlich zeigt er auf schmerzhafte Weise vor allem eines: Dass die Verantwortlichen im MDR einfach mit der heutigen Zeit nicht richtig Schritt halten können und die Welt nicht mehr verstehen.“

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Tatort: Der König der Gosse bei crew united
  2. a b c d Peter Anderson: Tatort Elblandklinik, in: Sächsische Zeitung Meißen, 18. Dezember 2015.
  3. Heiko Nemitz: Mit diesem „Tatort“ blamiert sich Dresden!, auf tag24.de (Dresdner Morgenpost), 1. März 2016.
  4. Anton Launer: Tatort im Fitness-Studio, neustadt-ticker.de, 16. Dezember 2015.
  5. Gutmenschen mit schlechten Absichten, in: Sächsische Zeitung, 1. Oktober 2016.
  6. Luisa Schlitter: Filmset wird einfach weggebaggert: Dresdner Tatort abgerissen!, in: Bild Dresden, 30. März 2016.
  7. KK: Wo die Krimi-Stars futterten, wird jetzt gebaut, in: Dresdner Morgenpost, 1. Oktober 2016.
  8. Axel Weidemann: „Tatort“ aus Dresden: Der fliegende Schokoladenkuchen ruht, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Oktober 2016.
  9. Der König der Gosse in der Hörfilm-Datenbank des Hörfilm e. V.
  10. Sidney Schering: Primetime-Check: Sonntag, 2. Oktober 2016. Quotenmeter.de, 3. Oktober 2016, abgerufen am 2. August 2017.
  11. a b Gesamt/14 bis 49 Jahre, Top 20: die TV-Quoten für Sonntag, den 2. Oktober 2016, bei Meedia, abgerufen am 3. Oktober 2016.
  12. Medienforschung ORF, Daten von Sonntag, 2. Oktober 2016.
  13. a b Schweizer Radio und Fernsehen: SRF 1 – 2. Oktober 2016 (PDF), Mediapulse-Fernsehpanel – Deutschschweiz, Overnight, Personen drei Jahre und älter, abgerufen am 6. Oktober 2016.
  14. a b c d e Florian Blaschke: Aussage gegen Aussage, Sonntag am Tatort, in: prisma, 1. Oktober 2016 – 7. Oktober 2016, Nr. 39/2016, S. 23.
  15. a b c d Simona Block: Ermittlungen unter der Brücke: Zweiter „Tatort“ aus Dresden „Der König der Gosse“ schwelgt in dunklen Farbtönen, Medien, in: Westfälische Nachrichten, 1. Oktober 2016.
  16. a b Iris Janda: Tatort: Der König der Gosse (ARD) – Situationskomik, Medien, in: Westfälische Nachrichten, 3. Oktober 2016.
  17. Christian Buß: "Tatort" aus Dresden. Dreck, Bart, Jogginghose, fertig ist der Obdachlose. In: Kultur. Spiegel Online, 30. September 2016, abgerufen am 2. August 2017: „2 von 10 Punkten“
  18. Heiko Werning: TATORT: Frauen in Dresden! Die Tageszeitung, 4. März 2016, abgerufen am 23. Mai 2017: „[…] mein Tipp an den MDR fürs nächste Mal: macht doch einfach Bernd das Brot zum Kommissar! Es kann nur besser werden.“