Ein ungefärbt Gemüte

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Bachkantate
Johann Sebastian Bach 1746.jpg
Ein ungefärbt Gemüte
BWV: 24
Anlass: 4. Sonntag nach Trinitatis
Entstehungsjahr: 1723
Entstehungsort: Leipzig
Gattung: Kirchenkantate
Solo: A T B
Chor: SATB
Instr: Cl 2Oa 2Vn Va Bc
Text
Erdmann Neumeister, Johann Heermann
Liste der Bachkantaten

Ein ungefärbt Gemüte (BWV 24) ist eine Kirchenkantate von Johann Sebastian Bach. Er schrieb sie in Leipzig für den 4. Sonntag nach Trinitatis und führte sie am 20. Juni 1723 zum ersten Mal auf. Sie ist die dritte neu komponierte Kantate in seinem 1. Jahreszyklus.

Geschichte und Worte[Bearbeiten]

Bach komponierte die Kantate in seinem ersten Jahr in Leipzig für den 4. Sonntag nach Trinitatis als dritte neue Kantate in seinem 1. Jahreszyklus, den er am ersten Sonntag nach Trinitatis bei seinem Amtsantritt mit Die Elenden sollen essen begonnen hatte.[1] Die vorgeschriebenen Lesungen waren als Epistel Röm 8,18-23 LUT, „Alle Kreatur sehnt sich nach mit uns nach der Offenbarung der Kinder Gottes“, und als Evangelium Lk 6,36-42 LUT, aus der Bergpredigt „Übt Barmherzigkeit, richtet nicht“. Es erscheint wahrscheinlich, dass Bach noch keinen neuen Textdichter in Leipzig gefunden hatte, denn er griff auf einen Text von Erdmann Neumeister zurück, der schon 1714 in der Sammlung „Geistliche Poesie mit untermischten Biblischen Sprüchen und Choralen“ erschienen war.[2] In einer symmetrischen Komposition stellte Neumeister ein Bibelwort in die Mitte, ein Zitat aus der Bergpredigt nach Matthäus Mt 7,12 LUT, „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch“.[3] Er rahmte es durch zwei Rezitative, diese durch zwei Arien. Thema des ersten Rezitativs ist „Die Redlichkeit / ist eine von den Gottesgaben“, dem gegenübergestellt ist „Die Heuchelei / ist eine Brut, die Belial gehecket“. Die Dichtung zum Thema „Der Christen Tun und Handel“ wurde als zu lehrhaft bewertet.[1] Die Kantate wird beschlossen mit der ersten Strophe von Johann Heermanns Lied O Gott, du frommer Gott (1630).[4]

Bach führte die Kantate am 20. Juni 1723 erstmals auf. Es ist wahrscheinlich, dass er im selben Gottesdienst auch die frühere Kantate Barmherziges Herze der ewigen Liebe aufführte, die er zum selben Anlass 1715 in Weimar komponiert hatte. An den drei vorangegangenen Sonntagen hatte er jeweils zweiteilige Kantaten aufgeführt, die neuen Werke Die Elenden sollen essen und Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, sowie die frühere Ich hatte viel Bekümmernis. Am vierten Sonntag musizierte er wahrscheinlich die neue Kantate vor, die ältere nach der Predigt.[3]

Besetzung und Aufbau[Bearbeiten]

Die Kantate ist besetzt mit drei Solisten, Alt, Tenor und Bass, vierstimmigem Chor, Clarino, zwei Oboen, zwei Oboe d'amore, zwei Violinen, Viola und Basso continuo.

  1. Aria (alto): Ein ungefärbt Gemüte
  2. Recitativo (tenor): Die Redlichkeit ist eine von den Gottesgaben
  3. Coro: Alles nun, das ihr wollet
  4. Recitativo (bass): Die Heuchelei ist eine Brut
  5. Aria (tenor): Treu und Wahrheit sei der Grund
  6. Chorale: O Gott, du frommer Gott

Musik[Bearbeiten]

In seiner Komposition verleiht Bach dem zentralen Bibelwort Gewicht, indem er es vom Chor singen lässt, während die rahmenden Sätze kammermusikalisch besetzt sind.[3] Die Obligato-Stimme der ersten Arie wird von den Violinen und Bratschen unisono gespielt und ähnelt dem Material der Singstimme. Das folgende Rezitativ, das einer kurzen Predigt ähnelt,[5] ist secco und endet als Arioso.

Der zentrale Chorsatz besteht aus zwei Abschnitten, der gesamte Text wird zunächst frei vorgestellt, dann als Fuge, vergleichbar mit dem Konzept Präludium und Fuge.[3] Zwei Oboen verdoppeln die Streicher, ein Clarino spielt eine unabhängige Stimme. Die Fuge ist eine Doppelfuge, "vivace allegro" bezeichnet. Die zunächst singenden „concertisten“ werden anfangs nur vom continuo begleitet, dann steigert sich der Satz durch Chor und Orchester[5] und erreicht mit einem Themeneinsatz des Clarino als fünfter Stimme seinen Höhepunkt.

Das folgende Rezitativ ähnelt im Aufbau dem ersten, doch wird es von Streichern akzentuiert. Es endet ebenfalls als Arioso, ohne die Streicher,[6] und betont so das Gebet „Der liebe Gott behüte mich dafür!“.[5] Die letzte Arie wird von zwei Oboen d'amore begleitet. Der Tenor singt eine ungewöhnliche Koloratur auf die letzten Worte „Macht uns Gott und Engeln gleich“, vielleicht um die „Menge der himmlischen Heerscharen“ anzudeuten.[6]

Die acht Zeilen des Schlusschorals[7] werden in vierstimmigem Satz gesungen, jeweils gerahmt von instrumentalen Teilen und vom Orchester begleitet. Diese Art der Choralbehandlung fand Bach bei seinem Vorgänger in Leipzig, Johann Kuhnau.[1] Das letzte Gebet bittet um „ein unverletzte Seel und rein Gewissen“.[5]

Einspielungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Klaus Hofmann: Ein ungefärbt Gemüte, BWV 24 (PDF; 3,0 MB) bach-cantatas.com. 1998. Abgerufen am 26. Juni 2012.
  2. Christoph Wolff: Bach: Essays on his Life and Music (englisch) 1991, S. 30 (Zugriff am 21. Juni 2012).
  3. a b c d Christoph Wolff: On the first annual cycle of Bach's cantatas for the Leipzig liturgy (1723-24) (II) (englisch, PDF; 11,8 MB) bach-cantatas.com. S. 16. 1997. Abgerufen am 27. Juni 2012.
  4. O Gott, du frommer Gott / Text and Translation of Chorale (englisch) bach-cantatas.com. 2008. Abgerufen am 25. Juni 2012.
  5. a b c d John Eliot Gardiner: Cantatas for the Fourth Sunday after Trinity / Tewkesbury Abbey (englisch, PDF; 123 kB) bach-cantatas.com. S. 3. 2008. Abgerufen am 27. Juni 2012.
  6. a b Julian Mincham: Chapter 5 BWV 24 Ein ungefärbt Gemüte (englisch) jsbachcantatas.com. 2010. Abgerufen am 27. Juni 2012.
  7. Chorale Melodies used in Bach's Vocal Works / O Gott, du frommer Gott / Melody 2 (englisch) bach-cantatas.com. 2005. Abgerufen am 27. Juni 2012.