Fethullah Gülen
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Fethullah Gülen (* 27. April 1941 im Dorf Korucuk im Landkreis Pasinler der Provinz Erzurum) ist ein islamischer Prediger aus der Türkei und der Führer der nach ihm benannten Bewegung, die eine neo-Nurcu-Ideologie verficht.[1] Seine Anhänger und Teile der Islamwissenschaft sehen in ihm einen wichtigen islamischen Gelehrten mit liberalen Ideen und interreligiösen Dialogabsichten, während Gegner in ihm einen Hardliner sehen.[2]
Inhaltsverzeichnis |
Leben
Jugend und Lehre
Nach dem Abbruch der Grundschule in der Folge eines Umzuges konzentrierte sich Gülen auf eine informelle islamische Ausbildung und wurde noch im Jugendalter Anhänger der Nurculuk-Bewegung.
Zeit als Imam
1959 erhielt er eine staatliche Predigerlizenz in Edirne, wo er bis 1964 als ehrenamtlicher Imam arbeitete.[3] 1966 wurde Gülen an die Kestanepazarı-Moschee nach İzmir versetzt.[4] Hier begann er Nursis Lehren um sozialkonservative und nationalistische Elemente zu erweitern, dabei griff er vor allem auf die Schriften von Intellektuellen wie Necip Fazıl Kısakürek, Nurettin Topçu und Sezai Karakoç zurück.[4] Auch durch Predigtreisen wuchs seine Anhängerschaft in der Folge stark, insbesondere unter Ober- und Hochschülern, die er inhaltlich verstärkt ansprach. So zeigt sich Gülen als eine Art moderner Wanderprediger.[5]
Seine Predigten fanden weite Verbreitung durch Audio- und Videokassetten.[6] Gülens religiöse Ansichten bewegen sich nach eigener Aussage im sunnitischen Mainstream, sie tendieren auch zum Sufismus.
Bewegung und Aufstieg
Gülen beendete 1981 seine Predigertätigkeit im Staatsdienst, um sich ganz der neuen Bewegung zu widmen. Durch Öffentlichkeitsarbeit und gute Beziehungen zu der Regierung von Turgut Özal erreicht Gülen seit den späten 80er Jahren eine weite Öffentlichkeit. Als 1996 die umstrittene Religiös-konservative Partei Erbakans zur Regierung gewählt wird, hält sich Gülen von dieser Partei und ihren Thesen eines islamischen Staates fern. Dafür hob er hervor, dass er den laizistischen Staat respektiert und erlangte somit auch die Freundschaft von führenden türkischen Politikern, wie z.B. dem laizistischem Links-Politiker Bülent Ecevit, der sich als Erz-Laizist versteht.[7] Gülen setzt sich für die Förderung der Bildung ein und gründet mehrere hundert Privatschulen und Studentenheime, nicht zuletzt in den Turk-Staaten der ehemaligen UdSSR und später weltweit. Damit erreicht er für seine Ideen eine breite Öffentlichkeit. Seine drei Hauptanliegen seien Bildung, Dialog und Medien, so der FAZ-Redakteur Rainer Hermann.[8] Die Ideologie einer gebildeten und mit dem Westen konformen Gesellschaft scheint auch im Westen viel Sympathie zu erwecken, jedoch erschreckt die weite Ausbreitung der Bewegung Kritiker. FAZ Redakteur Rainer Herrmann fasst weiter zusammen:
„Dennoch trauen die "säkularen" Kemalisten im Staatsapparat und ihre Freunde im Ausland dem Prediger und dessen Bewegung nicht. Gülen akzeptiert nicht, dass es einen Konflikt zwischen Moderne und Religion gibt, den die "säkularen" Hardliner konstruieren. Sie kommen zu der Prognose, dass Religion in der Moderne verkümmere. Gülen sieht hingegen gerade in der Moderne einen Bedarf an Religion und metaphysischen Werten. Das macht ihn in der Türkei zum Staatsfeind; die Berliner Publizistin Necla Kelek unterstellt ihm sogar eine "zutiefst reaktionäre Denkweise". Dabei benutzen das kemalistische Establishment und seine Freunde im Ausland das Argument, alles, was der Islam jenseits der Theologie hervorbringe, müsse politisch sein. Damit mache sich der Islam zu einem Gegenmodell für die politische und gesellschaftliche Ordnung des modernen Westens. Neben dem politischen Islam, wie er in weiten Teilen der arabischen Staaten besteht, gab es in der islamischen Welt jedoch stets gesellschaftliche Bewegungen, die den Menschen im Auge haben, nicht die politische Ordnung.In dieser Tradition stehen Gülen und seine Bewegung.“[9][10]
Gülen trifft hochgestellte politische und religiöse Persönlichkeiten aus aller Welt zum Dialog der Religionen. Bis hin zu Papst Johannes Paul II. diskutiert er über Bildung, Dialog, Toleranz, Gewaltfreiheit, Demokratie, Moral und Modernität, diese Begriffe werden zu zentralen Schlagworten Gülens.
Lehre
Gülens Lehre, die über die letzten 40 Jahre einen gewissen Wandel untergangen hat, unterscheidet sich von anderen Nurcu-Gruppen dadurch, dass er einen modernen türkischen Nationalismus, freie Marktwirtschaft und die Bedeutung der Bildung betont.[4] Gülen erweitert dabei die soziale Basis der Nurculuk-Bewegung, indem er die ghazawāt betont und versucht, den türkischen Nationalismus stärker zu islamisieren.[11] Sein Nationalismus ist dabei mehr ein umfassend religiöser, weniger ein ethnischer oder rassistischer. In seiner Inklusivität umfasst er zwischen Bosniaken und Kasachen fast alle Muslime des Ottomanischen Reichs.[12] Allerdings verwendet er anti-arabische und anti-persische Untertöne.[12]
Kontroversen
Türkei
In der Türkei ist Fethullah Gülen umstritten. Für die einen ist er ein islamischer Gelehrter mit liberalen Vorstellungen. Er stehe für den Dialog zwischen den Religionen.
1998, nach dem Verbot der Refah Partisi Erbakans, ereignet sich im Rahmen einer Untersuchung der angeblichen Unterwanderung des Militärs durch Islamisten [13] ein Skandal um eine zusammengeschnittene Rede Gülens, die – anscheinend mit versteckter Kamera gefilmt – 1999 im Fernsehkanal ATV ausgestrahlt wurde, und in der er Anhänger aufforderte, geduldig zu arbeiten, um die Kontrolle im Staat zu übernehmen: [14]
„Man muss die Stellen im Justiz- und Innenministerium, die man in seine Hand bekommen hat, erweitern. Diese Einheiten sind unsere Garantie für die Zukunft. Die Gemeindemitglieder sollten sich jedoch nicht mit Ämtern wie zum Beispiel denen der Richter oder Landräte begnügen, sondern versuchen, die oberen Organe des Staates zu erreichen. Ohne Euch bemerkbar zu machen, müsst Ihr immer weiter vorangehen und die entscheidenden Stellen des Systems entdecken. Ihr dürft in einem gewissen Grad mit den politischen Machthabern und mit denjenigen Menschen, die hundertprozentig gegen uns sind, nicht in einen offenen Dialog eintreten, aber ihr dürft sie auch nicht bekämpfen. Wenn sich unsere Freunde zu früh zu erkennen geben, wird die Welt ihre Köpfe zerquetschen und die Muslime werden dann Ähnliches wie in Algerien erleben. Die Welt hat große Angst vor der islamischen Entwicklung. Diejenigen von uns, die sich in diesem Dienst befinden, müssen sich so wie ein Diplomat verhalten, als ob sie die ganze Welt regieren würden, und zwar so lange, bis Ihr diese Macht erreicht habt, die Ihr dann auch in der Lage seid, mit eigenen Kräften auszufüllen, bis Ihr im Rahmen des türkischen Staatsaufbaus die Macht in sämtlichen Verfassungsorganen an Euch gerissen habt.“[15]
Kurz vor der Fernsehausstrahlung reiste Gülen aus gesundheitlichen Gründen in die USA. Dies wurde so gedeutet, dass er sich einer Verhaftung und einem Gerichtsverfahren wegen sogenannten Republikverrats durch Abwesenheit entziehen wollte. [16] 2003 wurde der Prozess gegen Gülen ausgesetzt [17], 2006 erwirkte Gülen in Abwesenheit aufgrund geänderter Rechtsprechung seinen Freispruch. [18]
Deutschland
In Deutschland - so Islamwissenschaftler Bekim Agai von der Universität Bonn - ist die Bewegung mit Nachhilfezentren "in nahezu jeder größeren Stadt aktiv und bemüht sich, private Schulen zu eröffnen, ohne dabei eine offizielle Zentrale zu besitzen, was jedoch nicht bedeutet, dass die Aktivitäten im Netzwerk nicht koordiniert werden". Obwohl seriöse Journalisten wie Rainer Hermann von der FAZ von Fethullah Gülen ohne Weiteres als "Stimme der Vernunft" [19] sprechen, wird auch in Deutschland die Gülen-Bewegung von manchen kritisch gesehen. So hält der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban von der Evangelischen Fachhochschule in Berlin sie für gefährlich, weil sie "unfassbar" sei. "Unter dem pseudo-modernistischen Lack steckt eine islamistische Auffassung".
USA
Im Juni 2008 befand der U.S. District Court for the Eastern District of Pennsylvania, Gülens Wohnort, über eine Klage Gülens gegen die Nichtgewährung seines Greencard-Antrages mit Abweisung. Gülen hatte Widerspruch eingelegt, woraufhin das Verfahren wieder aufgenommen worden war.[20] Mit Wirkung vom 10. Oktober 2008 hat Gülen seine Green Card erhalten.[21]
Belege
- ↑ M. Hakan Yavuz: Towards an Islamic Liberalism?: The Nurcu Movement and Fethullah Gülen. In: Middle East Journal. 53, Nr. 4, 1999, S. 584-605
- ↑ [http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=60746630 .SPCDruckversion SPIEGEL special 6/2008 vom 30. September 2008]
- ↑ N., N.. Fetullah Gülen Evinde gizli iftar , tüm gazeteler, 16. September 2008. Abgerufen am 12. Juni 2009.
- ↑ a b c M. Hakan Yavuz: Towards an Islamic Liberalism?: The Nurcu Movement and Fethullah Gülen. In: Middle East Journal. 53, Nr. 4, 1999, S. 584-605, S. 593.
- ↑ Wolfgang Günther Lerch: Muhammads Erben, Patmos Verlag Düsseldorf, Düsseldorf 1999,S. 136.
- ↑ DEVLET CARKLARININ ARASINDA ISLAMCILIK, NTV MAG, 2000 (via archive.org)
- ↑ (vgl. hierzu S. 137, Wolfgang Günther Lerch (FAZ): "Muhammads Erben", Patmos Verlag Düsseldorf, Düsseldorf 1999)
- ↑ [1] [2]
- ↑ [3] [4][5]FAZ, Die türkischen Bildungsbürger, 19. Februar 2008
- ↑ *Türkisches Gymnasium: Senat fragte Verfassungsschutz nicht, Der Tagesspiegel 21. Oktober 2004
- ↑ M. Hakan Yavuz: Towards an Islamic Liberalism?: The Nurcu Movement and Fethullah Gülen. In: Middle East Journal. 53, Nr. 4, 1999, S. 584-605, S. 594.
- ↑ a b M. Hakan Yavuz: Towards an Islamic Liberalism?: The Nurcu Movement and Fethullah Gülen. In: Middle East Journal. 53, Nr. 4, 1999, S. 584-605, S. 595.
- ↑ Army chief demands Islamist purge, BBC 31. August 2000
- ↑ Turkish investigation into Islamic sect expanded, BBC 21. Juni 1999
- ↑ Ozan Ceyhun (MdEP), Hg. Politik im Namen Allahs, S. 69 (pdf)
- ↑ Turkey accuses popular Islamist of plot against state, The Guardian 1. September 2000
- ↑ Gülen acquitted of trying to overthrow secular government, AP 6. Mai 2006
- ↑ Gülen acquitted of trying to overthrow secular government, AP 6. Mai 2006
- ↑ Frankfurter Allgemein Zeitung, Rainer Hermann: "Stimme der Vernunft", 27.03.2004, in: http://fazarchiv.faz.net/webcgi?START=A20&DOKM=993245_FAZ_0&WID=18573-1800308-11507_3
- ↑ Gerichtsbeschluß der Revisionsinstanz (pdf): http://www.bibdaily.com/pdfs/Gulen%2036%207-16-08.pdf
- ↑ Green card coming to prominent Turkish leader, International Herald Tribune: http://www.iht.com/articles/ap/2008/10/17/america/NA-US-Turkey-Scholar.php
Werke
Gülen hat über 60 Bücher zu religiösen, sozialen und politischen Themen veröffentlicht, sowie eine Vielzahl von Essays und Gedichten. Viele sind in mehrere Sprachen, darunter auch ins Deutsche, übersetzt. Hunderte von Reden Gülens sind als Audio- und Videokassetten erhältlich. Gülen schreibt regelmäßig Artikel in seiner Bewegung nahestehenden Zeitungen und Magazinen.
Literatur
- Wolfgang Günther Lerch (FAZ): "Muhammads Erben", Patmos Verlag Düsseldorf, Düsseldorf 1999.
- Bekim Agai: "Zwischen Netzwerk und Diskurs - Das Bildungsnetzwerk um Fethullah Gülen (geb. 1938). Die flexible Umsetzung modernen islamischen Gedankenguts", Schenefeld: EB-Verlag 2004, ISBN 3-936912-10-6.
- M. Hakan Yavuz, John L. Esposito (Hg.): Turkish Islam and the Secular State: The Gülen Movement, Syracuse University Press 2003, ISBN 0-8156-3040-9
- Wendy Kristianasen: New Faces of Islam, Le Monde Diplomatique, Juli 1997
- Kemal Balcı: Fethullah Gülen's Missionaries, The Turkish Probe, Juni 1998
- Ünal Bilir: Der Türkische Islam als politisches und religiöses Weltbild in seinem historischen Kontext von der II. Meşrûtiyyet-Periode bis zur Gegenwart, Dissertation Universität Hamburg, 2004 PDF
Weblinks
- Literatur von und über Fethullah Gülen im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Fethullah Gülens Website
- Politik im Namen Allahs - Ozan Ceyhun, MdEP (2003), S. 69ff (PDF-Datei; 4,13 MB)
- Porträt Fethullah Gülen: Ein moderner türkisch-islamischer Reformdenker? - Bekim Agai, qantara.de (2004)
- Turkish Islam's Moderate Face - Bülent Aras, Middle East Quarterly (1998)
- Turkey's most powerful man - The Guardian, 23.06.2008
- Islamophonic podcast: Turkey edition - The Guardian, 23.06.2008
- Turkish Schools Offer Pakistan a Gentler Vision of Islam - New York Times, 04.05.2008
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Gülen, Fethullah |
| KURZBESCHREIBUNG | türkisch-islamischer Gelehrter |
| GEBURTSDATUM | 27. April 1941 |
| GEBURTSORT | Korucuk, Erzurum |

