Fluoridierung

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Als Fluoridierung bezeichnet man die Zugabe von Fluoriden zu Lebensmitteln und Kosmetika (Zahnpasta) sowie das Aufbringen höher konzentrierter Präparate auf die Zähne zum Zweck der Kariesprophylaxe und damit Prävention. Zu fluoridierten Lebensmitteln zählen Speisesalz, Trinkwasser und Milch.

Karies und Kariesprophylaxe[Bearbeiten]

Hauptartikel: Zahnkaries

Karies ist eine Erkrankung des Zahnhartgewebes (Zahnschmelz, Dentin), die durch langfristige Einwirkung der Stoffwechselprodukte von Bakterien entsteht, die sich auf den Zähnen und in Zahnzwischenräumen als Zahnbelag (Plaque) ansiedeln. Neben Laktobazillen finden sich in der Plaque verschiedene Streptokokkenarten, von denen Streptococcus mutans eine herausragende Stellung einnimmt. Von diesen kariogenen Bakterien werden Kohlenhydrate wie Saccharose, Glucose und Fructose zu organischen Säuren verstoffwechselt[1][2][3], wodurch der pH-Wert im Speichel wie in den Plaques sinkt. Während die genannten Mikroorganismen in diesem sauren Milieu überleben können, wird bei pH-Werten unter 5,5 die mineralische Hauptkomponente des Schmelzes, Hydroxylapatit (auch Apatit-(CaOH)), aufgelöst. Nimmt die Säurekonzentration wieder ab (und steigt damit der pH-Wert), können die im Speichel gelösten Ionen dem Schmelz wieder zugeführt werden (Remineralisation). Lösen Säuren in der Mundhöhle aber dauerhaft mehr Schmelz auf als remineralisiert werden kann, bilden sich Erosionen. Unter bakteriellen Plaques kann durch hohe Säurekonzentrationen der Schmelz in eng umgrenzten Bereichen gelöst werden, es entstehen Kavitäten („Löcher“).[4]

Neben Hydroxylapatit enthält der Schmelz auch Magnesium und Carbonate, die bei geringer Häufigkeit oder Stärke der Säureangriffe bevorzugt gelöst werden. Diese Carbonate werden als Teil eines Puffersystems angesehen, das während der Schmelzbildung entsteht[5], oder als Kristallisationskeime, die für die initiale Bildung der Schmelzstruktur notwendig sind.

Prophylaxe[Bearbeiten]

Neben der Beschränkung der Zuckeraufnahme und der gründlichen Entfernung der Zahnbeläge können Fluoride dazu beitragen, die Entstehung von Karies zu erschweren.[6] Fluoride können OH-Gruppen des Hydroxylapatits im Zahnschmelz ersetzen. Dabei bildet sich Fluorapatit, der in schwachen Säuren nicht gut löslich ist. In Laborversuchen wurde beobachtet, dass Streptococcus mutans bei niedriger Fluoridkonzentration weniger Säure produziert. Es ist jedoch unklar, welche Bedeutung diese reduzierte Säureproduktion hinsichtlich der kariösen Aktivität der Bakterien im menschlichen Mund hat.[7]

In der Vergangenheit wurde neben dem Erklärungsmodell der Bildung von Fluorapatit auch die Stimulation der Speichelbildung (vagotoner Speichel) und ein daraus möglicherweise resultierender verbesserter Reinigungseffekt diskutiert.[8][9]

Verwendete Fluoride[Bearbeiten]

Zur Kariesprophylaxe werden Natriumfluorid (enthalten in Fluoridtabletten, Zahncremes und Mundwässern), Kaliumfluorid (Speisesalz), Zinn(II)-Fluorid (Zahncremes) oder Aminfluoride (Zahncremes und fluoridhaltige Gele, z. B. Olaflur) verwendet.

Die gelegentlich ebenfalls unter den Begriffen „Fluoride“ oder „Fluor“ eingereihten Fluoridokomplexe umfassen Natriummonofluorphosphat (Na2PO3F, in Zahncremes verwendet) oder die Fluoridosilikate (Natriumhexafluoridosilikat, Na2SiF6; Hexafluoridokieselsäure, H2SiF6), die seit Beginn der 1950er Jahre zur Trinkwasserfluoridierung eingesetzt werden. In der Frühzeit der Trinkwasserfluoridierung hat man in Madison, einer Stadt im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin, sogar mit Flusssäure fluoridiert, weil diese Säure in der Region produziert wurde und dort günstig zur Verfügung stand.[10][11]

Wirkungsweise[Bearbeiten]

Bis Ende der 1980er Jahre war man der Ansicht, dass die Wirkung des Fluorids vor allem auf seinem festen Einbau in die Kristallstrukturen von Schmelz und Dentin beruhe. Diese Ansicht hat sich grundlegend geändert. Der menschliche Zahnschmelz enthält in seiner äußersten Schicht eine Konzentration von ca. 1.000 bis 2.000 ppm Fluorid. In einer Tiefe von 25 µm werden nur noch ca. 100 ppm gefunden. Weiterführende Studien ergaben, dass der kariesprophylaktische Effekt des Fluorids vor allem auf das labile Fluoridreservoir zurückzuführen ist, das sich nach Anwendung leicht löslicher Fluoride in Form einer Calciumfluorid-(CaF2-) Schicht bildet, die die Zahnoberfläche bedeckt.

Seit Ende der 1990er Jahre besteht allgemeine Übereinstimmung der Forscher weltweit, dass die kariesprotektive Wirkung der systemisch aufgenommenen Fluoride, zum Beispiel aus Trinkwasser, Kochsalz, Tabletten, Milch usw., nach dem Zahndurchbruch einsetzt. Die lokale Schutzwirkung der systemisch aufgenommenen und durch den Speichel an die Zahnoberflächen herangeführten Fluoride setzt in der wässerigen Phase an der Grenzfläche des Zahns zu seiner Umgebung und im Kristallwasser der äußeren Schichten des Schmelzmaterials ein.[12]

Das Fortschreiten der Karies ist ein zyklischer Prozess. In ihm wechseln sich Säureattacken (als Folge des Stoffwechsels der Plaquebakterien), die den pH-Wert absenken, mit neuerlichem Anstieg des pH-Werts durch die Säure neutralisierende Wirkung des Speichels und anderer Faktoren ab. Fluoride sind im Speichel, in der Plaque und im Kristallwasser des Hydroxylapatits enthalten und auch in den Apatitkristallen selbst eingebaut. Die kariostatische Wirkung des Fluorids erfolgt vorwiegend in der wässerigen Phase an der Oberfläche des Zahnes und zwischen den Kristallen im Schmelz des Zahns. Das während der Zahnentwicklung in die Kristallstrukturen des Schmelzes eingefügte Fluorid hat eine vergleichsweise geringe Wirkung auf kariöse Prozesse.[12]

Erst das nach dem Zahndurchbruch integrierte und während der Kariesattacke in die wässerige Phase um den Schmelz aufgenommene Fluorid hat entscheidende Bedeutung als Schutzfaktor.

Demineralisation während der Säureattacke, d. h. Mineralverlust infolge teilweiser Auflösung von Schmelzkristallen, wird durch die Anwesenheit von Fluorid entschieden gehemmt. Das Fluorid diffundiert mit der Säure in die Schmelzporen und wirkt an den Kristalloberflächen zusammen mit dem dort bereits entstandenen Fluorapatit gegen die nachfolgende Säureattacke.

Das während des pH-Anstiegs nach einer Demineralisationsphase in der wässerigen Lösung an der Kristallfläche vorhandene Fluorid kann sich mit den gelösten Calcium- und Phosphationen verbinden und an der Kristallfläche niederschlagen oder sich als fluorapatit-ähnliches kristallines Material im Schmelz ansammeln. Fluorid verstärkt diesen als Remineralisation bezeichneten Mineralgewinn und verhilft der kristallinen Substanz des Schmelzes damit zu mehr Resistenz gegen künftige Säureangriffe. Bei relativ hohen Konzentrationen an Fluoridionen können diese sich mit Calcium verbinden und als Calciumfluorid (CaF2) niederschlagen, woraus das Fluorid sich wie aus einem Depot langsam wieder auslösen kann und als "slow releasing device" wirkt.[13] Damit wird das Calciumfluorid zur Quelle von Fluoridionen, die wiederum die Demineralisation hemmen oder, je nach Phase des Prozesses, die Remineralisation fördern.

Das freigesetzte Fluoridion sorgt als Biokatalysator für den Wiedereinbau von Calcium- und Phosphationen, in zweiter Linie wird es selbst im Austausch mit dem Hydroxylion (OH-) des Apatits in die obersten Schmelzschichten eingebaut.[12]

Akademikerstreit[Bearbeiten]

Trotz der inzwischen wissenschaftlich abgesicherten Wirkungsweise der Fluoride haben sich bislang die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung den darauf basierenden Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) noch nicht angeschlossen. In anderen Ländern wie zum Beispiel in den USA gelten die Empfehlungen der DGZMK schon seit längerer Zeit.

Sichtweise der DGZMK[Bearbeiten]

Zahnärzte empfehlen auch für Säuglinge fluoridierte Zahnpasta statt Fluoridtabletten. Statt der Fluoridtabletten oder -tropfen, wie sie die meisten Säuglinge zurzeit ab dem ersten Lebensmonat in der kinderärztlichen Praxis erhalten, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) ab den ersten Milchzähnen mit etwa sechs Monaten gleich eine fluoridhaltige Kinderzahnpasta zu verwenden. Die wesentlichen Empfehlungen sind im Einzelnen:[14]

  • Aus zahnärztlicher Sicht sind in den ersten sechs Lebensmonaten keine Fluoridierungsmaßnahmen erforderlich.
  • Mit dem Durchbruch der ersten Milchzähne sollten diese von den Eltern einmal am Tag mit einer höchstens erbsengroßen Menge fluoridhaltiger Kinderzahnpasta (500 ppm Fluorid) geputzt werden. Von Zahnpasten mit Frucht- oder Bonbongeschmack wird abgeraten, weil dies zum Herunterschlucken reizt.
  • Ab dem zweiten Geburtstag sollten die Zähne auf die gleiche Weise zweimal am Tag geputzt werden. Dies erhöht den Kariesschutz und soll dazu beitragen, dass sich das Kind frühzeitig an die tägliche Zahnpflege gewöhnt. Bei Kleinkindern muss das Zähneputzen überwacht werden, und Eltern sollten bis ins Schulalter hinein die Zähne ihres Kindes nochmals nachputzen.
  • Zusätzlich zum Zähneputzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta wird empfohlen, fluoridhaltiges Speisesalz zu verwenden.
  • Ab dem Schuleintritt sollten die Zähne mit einer Zahnpasta mit einem Fluoridgehalt von 1000 bis 1500 ppm geputzt und regelmäßig fluoridiertes Speisesalz zum Kochen verwendet werden.
  • Eine Fluoridgabe in Form von Tabletten kann dann erfolgen, wenn keine fluoridierte Zahnpasta und auch kein fluoridiertes Speisesalz verwendet werden. Allerdings sollte gewährleistet sein, dass die empfohlene Tagesmenge nicht überschritten wird. Hierbei sind auch fluoridhaltige Lebensmittel zu berücksichtigen, da diese auch zur täglichen Fluoridaufnahme beitragen. Deshalb ist es wichtig, dass vor der Fluoridverordnung in der kinder- oder zahnärztlichen Praxis der individuelle Fluoridstatus erhoben wird.[15][16]
  • Wenn schon Fluoridtabletten verabreicht werden, dann sollten diese nicht geschluckt, sondern – wegen der im Vordergrund stehenden lokalen Wirkung – gelutscht werden. Dies ist erst ab einem höheren Lebensalter des Kindes durchführbar.

Sichtweise der DGK[Bearbeiten]

Kinder- und Jugendärzte befürworten für die ersten Lebensjahre Fluoridtabletten. Die meisten Kinder erhalten in den ersten drei Lebensjahren Fluoridtabletten. In den Augen der Kinder- und Jugendärzte hat sich diese Praxis bewährt: Sie berücksichtigt die besonderen Bedingungen bei Säuglingen und Kleinkindern und gewährleistet, dass möglichst viele Kinder zuverlässig mit den notwendigen Fluoriden versorgt werden.

Die Deutsche Akademie für Kinder und Jugendmedizin e.V. empfiehlt deshalb weiterhin:

  • In den ersten sechs Lebensmonaten, d. h. vor Durchbruch des ersten Milchzahns, sollte der Säugling kombinierte Fluorid- und Vitamin-D-Tabletten oder -tropfen in der empfohlenen Fluoridmenge von 0,25 mg/Tag erhalten.
  • Vom siebten bis ca. 36. Lebensmonat, d. h. nach Durchbruch der ersten Milchzähne, sollte die Fluoridgabe in Form von Tabletten oder Tropfen mit 0,25 mg/Tag fortgeführt werden (bis zum Alter von 12 Monaten in Kombination mit Vitamin D). Gleichzeitig sollte das Kind in die tägliche Zahnpflege eingewöhnt werden.
  • Erst wenn ab dem Alter von etwa drei Jahren sichergestellt ist, dass die Zähne regelmäßig mindestens zweimal täglich geputzt werden, ohne dass die Zahnpasta im Wesentlichen verschluckt wird, und sowohl mit Fluorid angereichertes Speisesalz wie auch mit 500 ppm Fluorid angereicherte Zahnpasta regelmäßig benutzt werden, ist eine weitere externe Fluoridzufuhr mit Tabletten oder Tropfen nicht mehr erforderlich.
  • Wenn diese Bedingungen nicht eingehalten werden, ist die altersgemäße Fluoridzufuhr mit Tabletten (je nach Alter 0,5–1,0 mg/Tag) fortzuführen.
  • Bei Auftreten einer Karies ist eine kinderzahnärztliche Behandlung einzuleiten.[17]

Daneben werden auch ganz praktische Erwägungen angeführt, die aus kinderärztlicher Sicht gegen die zahnmedizinischen Empfehlungen sprechen. Hierzu gehören unter anderem:

  • Kleinkinder verschlucken häufig Zahnpasta. Da Zahnpasten jedoch als Kosmetika deklariert sind, unterliegen sie keinen lebensmittelrechtlichen Kontrollen und eignen sich daher nicht zum Verzehr (Verschlucken).
  • Es wird kinderärztlich empfohlen, in der Kindernahrung zunächst überhaupt kein zusätzliches Speisesalz zu verwenden. Deshalb ist eine ergänzende Fluoridversorgung über fluoridiertes Speisesalz, wie es seitens der Zahnmediziner empfohlen wird, nicht von Anfang an gegeben.
  • Kleine Kinder können sich ihre Zähne noch nicht richtig selbst putzen, und oft sind auch Eltern unsicher, wie Kinderzähne am besten gepflegt werden. Es gibt jedoch nur eine unzureichende zahnärztliche Säuglings- und Kleinkinderfürsorge, die Eltern in die Zahnpflege einweisen könnte.[17]

Empfohlene Aufnahme-Mengen[Bearbeiten]

Als um 1945 in den USA die Trinkwasserfluoridierung („TWF“, Fluoridzusatz von ca. 1 mg je Liter) eingeführt wurde, ging man dabei von einer täglichen Fluoridzufuhr von 1 bis 1,5 mg pro Tag aus (McClure), und dieser Wert diente später als Basis für die Fluoridverabreichung in Tablettenform. Seit etwa 25 Jahren weiß man, dass in Orten mit Trinkwasserfluoridierung die tägliche Zufuhr bei etwa 3 mg (und mehr) pro Tag liegt. Entsprechend passte das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BGVV) in einer Stellungnahme (September 2001) die Zufuhrempfehlung für eine Kariesprophylaxe auf 3,1 mg bis 3,8 mg pro Tag für Personen zwischen 19 und 65 Jahren an.[18]

Dagegen sieht sich die WHO nicht in der Lage, einen Wert für einen täglichen Fluoridbedarf festzulegen, da Fluorid kein essentielles Spurenelement ist und es somit keine diagnostischen Parameter und keinen Beweis für die Existenz klinischer Symptome eines „Fluoridmangels“ gibt.[19]

Die durchschnittliche Aufnahme aus Lebensmitteln (ohne Fluorid-Supplemente und ohne Getränke) ist in Deutschland mit 0,4–0,5 mg pro Tag gering.[20]

Verbreitung von fluoridierten Lebensmitteln und Trinkwasser[Bearbeiten]

Die Fluoridierung von Trinkwasser wurde 1945 in einigen Städten der USA probeweise eingeführt und fand dort seit 1950 rasche Verbreitung. Später folgte man auch in einigen anderen Ländern wie Australien, Brasilien, Chile, Irland, Malaysia und Vietnam dem amerikanischen Vorbild. 5,7 % der Weltbevölkerung benutzen fluoridiertes Wasser.[21] Bis zur Wiedervereinigung wurde auch in einigen Orten der ehemaligen DDR das Trinkwasser fluoridiert. In Westdeutschland wurde zwischen 1952 und 1971 der Kasseler Ortsteil Wahlershausen mit fluoridiertem Trinkwasser versorgt.

Heute wird in den meisten europäischen Ländern, darunter Deutschland, Österreich und die Schweiz, das Trinkwasser nicht fluoridiert. Ausnahmen sind Irland, wo etwa 71 % der Bevölkerung fluoridiertes Trinkwasser zur Verfügung steht[22], und das Vereinigte Königreich mit etwa 10 % Abdeckung.[23] Public Health England, ein wissenschaftlicher Beirat der britischen Regierung, kam nach einer Auswertung dieser Maßnahme im März 2014 zu der Schlussfolgerung, dass die Trinkwasserfluoridierung eine „sichere und effektive“ Maßnahme sei. In der Altersgruppe zwischen ein und vier Jahren seien 45 % weniger Fälle von kariösen Zähnen festgestellt worden. Bei den Fünfjährigen seien es 15 % weniger und bei den Zwölfjährigen 11 %. Als Konsequenz empfahl der Beirat die weitere Ausweitung der Trinkwasserfluoridierung in England.[24] In der Schweizer Stadt Basel wurde die Fluoridierung 2003 eingestellt, da befürchtet wurde, dass die Bevölkerung durch den Konsum von fluoridiertem Speisesalz (in der übrigen Schweiz seit 1955 erhältlich) überversorgt werden könnte.[23] Wie in der Schweiz ist auch in Deutschland fluorid-versetztes Speisesalz erhältlich.

Weitere Länder mit Trinkwasserfluoridierung sind Australien, Malaysia, Kolumbien, Hongkong und Singapur.[25]

In verschiedenen Produkten findet man von Natur aus eine etwas erhöhte Fluoridkonzentration, z. B. in Tee (schwarzer u. grüner) oder in Mineralwässern. Mineralwässer mit einem Fluoridgehalt von mehr als 1,5 mg/l müssen in Deutschland als „fluoridhaltig“, solche mit weniger als 0,7 mg/l dürfen als „für Säuglingsnahrung geeignet“ gekennzeichnet werden. Bei höheren Konzentrationen wächst nämlich das Risiko einer Dentalfluorose.[20] In manchen Gegenden in Deutschland (z. B. einige Orte in der Eifel) enthält das Leitungswasser von Natur aus (abhängig von der geologischen Formation) Fluorid in Konzentrationen von 1 mg/l und mehr.[26]

Alternativen zur Trinkwasser- und Salzfluoridierung[Bearbeiten]

Gegenüber der Verwendung von fluoridiertem Wasser und Lebensmitteln wird vor allem der Fluoridierung von Zahnpasta seit den siebziger Jahren große Bedeutung zugemessen, wodurch die Wasserfluoridierung an Bedeutung verloren hat.[27][28] Regelmäßiges Zähneputzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta ist im Allgemeinen ausreichend. Bei Patienten mit hohem Kariesrisiko kann der Zahnarzt zusätzlich lokal ein höher konzentriertes Fluorid-Präparat (Lack oder Gel) aufbringen.

Bei einer lokalen Anwendung wird das fluoridhaltige Mittel in der Mundhöhle durch Zahnpasten, Mundspülungen, Gele und Lacke angewandt und bleibt dann eine Zeit lang im Speichel nachweisbar. Die topische (lokale) Anwendung höher konzentrierter Fluorid-Produkte führt eher zu einem Verlust an Zahnmineralien, wie durch eine Reihe von Patenten der American Dental Association Health Foundation (ADAHF) belegt wird.[29] Laut dort angeführten Untersuchungen wird durch höher konzentrierte Fluorid-Produkte der Entzug von Calcium aus dem Apatit unter Bildung von Calciumfluorid an der Zahnoberfläche begünstigt, das leichter weggespült wird. Deshalb wurden Zwei-Komponenten-Zahncremes entwickelt, bei denen Fluorid einerseits sowie Calcium und Phosphat andererseits getrennt gehalten werden, die erst beim Ausdrücken aus der Tube gemischt werden und an der Zahnoberfläche unter Bildung von Apatit reagieren sollen.

Bei einer systemischen Anwendung wird Fluorid mit der Nahrung aufgenommen oder als Tablette verabreicht. Das Fluorid wird im Verdauungstrakt resorbiert und über das Blut transportiert. Von dort aus kann es in neugebildetes Zahnhartgewebe (Dentin) und Knochengewebe eingebaut oder im Speichel ausgeschieden werden. Als Beispiele sind fluoridhaltiges Trinkwasser, Mineralwasser, Tabletten, Speisesalz, fluoridhaltige Nahrungsmittel (Fisch, Schalentiere und Tee) zu nennen. Die Verweildauer im Mund ist sehr gering, und die Konzentration an Fluorid ist mit Ausnahme bei der Anwendung von Fluoridtabletten meist sehr klein. Deshalb können über das Essen aufgenommene Fluoride vermutlich nicht direkt auf den Zahnschmelz einwirken.[30][31]

Die gemischte Anwendung durch Lutschen von Fluoridtabletten oder Verschlucken von fluoridhaltiger Zahnpasta wirkt zuerst lokal im Mund und danach systemisch.

Kontroverse um Schaden und Nutzen[Bearbeiten]

Unter verschiedenen Aspekten wird die Fluoridierung, insbesondere des Leitungswassers, kontrovers diskutiert.[32] Die Trinkwasser-Fluoridierung wird oftmals als Zwangsmedikation abgelehnt. Da in Deutschland als Massenprophylaxe nur die Salzfluoridierung praktiziert wird,[20] beschränkt sich die Kontroverse hier im Wesentlichen auf fluoridiertes Speisesalz und die Gabe von Fluoridtabletten wie auch Fluoridapplikation beim Zahnarzt, wobei allerdings einige Argumente gegen Trinkwasserfluoridierung auch hierbei relevant sind.

Wirksamkeit[Bearbeiten]

Die Wirksamkeit von Fluoridanwendungen gilt als gut belegt,[7][33] wenngleich gelegentlich noch immer Zweifel geäußert werden, die sich auf die vielfältigen Fehlerquellen bei epidemiologischen Studien beziehen oder auf den Umstand, dass lange als wichtig hervorgehobene Wirkmechanismen (z. B. Fluorapatitbildung) nicht die ihnen zugeschriebene Bedeutung haben können.[26]

Mögliche Schadwirkungen[Bearbeiten]

Hauptartikel: Fluorose

Manche Argumente beziehen sich auf die akute und chronische Giftwirkung von Fluoriden und ihren Komplexsalzen, die aus vielfältigen Quellen zu einer letztlich toxisch wirkenden Gesamtbelastung führen können.[34] Befürchtungen resultieren zum Teil aus der Verwendung von Fluoriden als Ratten- und Insektengifte.[35] Sie haben infolge von Verwechslungen oder als Mittel für Suizide und Mordanschläge auch bei Menschen oft tödlich verlaufene akute Vergiftungen verursacht. Unter bestimmten Voraussetzungen (zum Beispiel Verzehr von vielen Fluoridtabletten durch Kinder, technisches Versagen von Anlagen zur Wasserfluoridierung oder Verschlucken von höher konzentrierten Fluoridgelen, die beim Zahnarzt aufgetragen werden) ist eine akute Fluoridvergiftung auch durch Produkte zur Kariesprophylaxe möglich und vorgekommen.[36][37]

Chronische Schädigungen sind von Arbeitern bekannt geworden, die am Arbeitsplatz Fluoriden exponiert sind (siehe Fluorose). Knochenfluorose, auch durch Wasser mit überhöhtem Fluoridgehalt induzierbar, entsteht durch eine fluoridbedingte Stimulation der knochenbildenden Zellen (Osteoblasten). Diesen Effekt nutzte man lange bei der inzwischen veralteten Osteoporose-Therapie mit hoch dosierten Fluoridgaben (iatrogene Fluorose). Die Fluorosteopathie führt durch Vermehrung des Knochengewebes zu Elastizitätsverlust und erhöhter Knochenbrüchigkeit (Osteosklerose) bis hin zum völligen Versteifen von Gelenken oder gar der Wirbelsäule.[38]

Durch Immissionen wurden Umweltschäden an Nutzpflanzen und Tierbeständen ausgelöst, die zu hohen Schadenersatzforderungen führten.[39][40][41]

In vielen Regionen (Deutschland: Eifel) kennt man die Dentalfluorose, die bei der Bevölkerung aufgrund erhöhter Fluoridaufnahme mit dem Trinkwasser (≥ 1 mg/l) endemisch auftritt.

leichte Formen der Zahnfluorose

Auf der anderen Seite muss die Giftwirkung von Fluoriden in Lebensmitteln im Hinblick auf die verwendeten Dosen entsprechend berücksichtigt werden.

Die Frage nach der optimalen Fluorid-Dosis ist nicht abschließend beantwortet. Schließlich stellt man durch Fluoridierung eine bestimmte Konzentration z. B. im Leitungswasser (oder Kochsalz) ein, wobei die individuelle Dosis von der verbrauchten Wasser- oder Salzmenge und zusätzlicher Fluorid-Zufuhr aus anderen Quellen bestimmt wird. Der oft überhöhte Fluoridgehalt von Trinkwasser macht nach Ansicht des U. S. National Research Council eine striktere Regulierung der Fluoridzufuhr erforderlich.[42]

Es gibt Vermutungen, dass die Anwendung auch niedrig konzentrierter Fluorsalze und -verbindungen Krebs verursachen sowie das Nervensystem und weitere Organe dauerhaft schädigen können.[43][44] Die Internationale Agentur für Krebsforschung IARC war in ihrer Bewertung 1982 jedoch noch zu dem Ergebnis gekommen, dass es keine Anzeichen einer krebserzeugenden Wirkung von anorganischen Fluoriden gibt, die zur Fluoridierung des Trinkwassers eingesetzt werden bzw. wurden.[45] Aktuell konzentriert sich diese Diskussion auf Osteosarkome.[46] Die Autoren einer Metaanalyse von Studien, die überwiegend in China durchgeführt wurden, folgern, dass in Gegenden mit Fluoridkonzentrationen des Trinkwassers zwischen ca. 0,9 und 11 mg/l die kognitive Entwicklung von Kindern beeinflusst werde.[47] So sollen die IQ der Kinder um etwa 7 Punkte niedriger liegen als bei Kindern, die in Gegenden mit geringerer Fluoridkonzentration (< 0,9 mg/L) leben.

Kontroversen gibt es auch zwischen Befürwortern (beispielsweise Detailfragen zwischen Kinder- und Zahnärzten[48]) und innerhalb einer Behörde, z. B. beim Bundesgesundheitsamt: 1982 noch dagegen,[49] nach dem Wechsel eines Abteilungsleiters dafür.[50] Die Salzfluoridierung wurde im Oktober 1983 vom damaligen Gesundheitsministerium noch abgelehnt,[51] 1991 wurde sie eingeführt. Gelegentlich ändert sich auch die persönliche Überzeugung, wenn man sich intensiver mit dem Thema befasst: Der vormals prominenteste kanadische Verfechter der Fluoridierung, der Zahnarzt Hardy Limeback, Universität Toronto, spricht sich inzwischen ausdrücklich gegen die Trinkwasserfluoridierung aus.[52] Zusammen mit über 1.700 Experten unterzeichnete er im August 2007 eine Petition, in der der Stopp der Trinkwasserfluoridierung und eine Untersuchung durch den US-Kongress gefordert werden.[53]

Ideologische Auseinandersetzungen[Bearbeiten]

In den USA hatte die Fluoridproblematik bereits bei mancherlei Gelegenheiten für politischen Zündstoff gesorgt[54][55][56], als sie sich auch im „Kalten Krieg“ als probates Mittel erwies, um politischen Druck zu erzeugen. In seinem 1952 veröffentlichten Werk The truth about water fluoridation behauptete Charles Eliot Perkins, die Wasserfluoridierung sei durch den in England geborenen russischen Kommunisten Kreminoff 1935 nach England gebracht worden. Kurz darauf hätten englische Sozialisten die Fluoridierung in den USA eingeführt, wo sie viele Anhänger in höchsten Positionen gehabt hätten.[57]

Oliver Kenneth Goff erklärte 1957, er sei in den späten dreißiger Jahren in einem Kommunisten-Camp ausgebildet worden, wo man ihn lehrte, mit einem Sack Natriumfluorid im Wasserwerk den kompletten Wasservorrat einer Stadt zu vergiften und unter der US-Bevölkerung Lethargie zu erzeugen. Es sei während seiner Ausbildung auch darüber diskutiert worden, wie die Wasserfluoridierung in Russland zur Ruhigstellung in Gefangenen-Lagern eingesetzt worden sei.[58]

Somit war „klar“, dass ein echter Kommunist niemals fluoridiertes Wasser trinken würde. Umgekehrt konnte jemand, der fluoridiertes Wasser trank, nach dieser Logik unmöglich Kommunist sein. Wann immer also wieder einmal behauptet wurde, eine Regierung sei bis in höchste Positionen von Kommunisten durchsetzt, gehörte zur „Widerlegung“ die öffentliche Erklärung, man trinke selbst fluoridiertes Wasser. Dazu sahen sich gelegentlich sogar amerikanische Präsidenten genötigt: Dwight D. Eisenhower wusch sich auf diese Weise rein, und sein Nachfolger John F. Kennedy sah sich ebenfalls zu einer entsprechenden Erklärung genötigt.[59] Kennedy ließ in seiner Verteidigungsrede kein gutes Haar an der John Birch Society, die ihn durch ihren wachsenden politischen Einfluss zum Handeln gezwungen hatte.

Dieser amerikanischen anti-kommunistischen Logik nimmt sich ein Film von Stanley Kubrick an: Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben. In diesem 1964 gedrehten Film erklärt der durchgedrehte General Jack D. Ripper seinem Assistenten Captain Mandrake: „Auf keinen Fall wird ein Kommunist je ein Glas Wasser trinken, denn er weiß genau, aus welchem Grund... Fluoridation des Wassers – der grauenhafteste kommunistische Anschlag, dem wir ausgeliefert sind.“ Ripper selbst trinkt sinnigerweise nur „destilliertes Wasser“ (Regenwasser) und „reinen medizinischen Alkohol“ (Scotch). In Anspielung auf eine kommunistische Durchsetzung der Regierung versuchen der amerikanische und der russische Präsident als gute Freunde die von Ripper geschaffene Kriegsgefahr gemeinsam zu bannen. Mit dem aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat zur Fluoridierung wird das Werk heute noch gerne zur Polemik gegen Fluoridgegner missbraucht.[60]

Während so die Auswüchse der McCarthy-Ära Fluoridgegner wirksam in Schach hielten, schlug die Amerikanische Zahnärztekammer (American Dental Association) mit ihren Dossiers über Fluoridierungsgegner in die gleiche Kerbe: Ärzte und Wissenschaftler, die sich gegen die Maßnahme aussprachen, wurden in einem Atemzug mit Perkins, Goff, der Birch Society und dem Ku-Klux-Klan vorgeführt.[61]

Wirtschaftliche Interessen[Bearbeiten]

Auf anderer Ebene konnten sich westliche Nationen durchaus auch mit den Kommunisten einigen: Am 6. Mai 1937 schlossen in London Regierungsvertreter verschiedener Staaten (einschließlich USA und Sowjetunion) ein internationales Zuckerabkommen ab, in dem erstmals auf Regierungsebene für eine Preisstabilisierung Export- und Import-Quoten festgelegt, eine Reduzierung von Steuerlasten und eine Steigerung des Pro-Kopf-Zuckerverbrauchs angestrebt werden.[62][63] Als zentrale Anlaufstelle für alle Vertragsangelegenheiten wurde ein “International Sugar Council” mit Sitz in London (“Sugar Bureau”) eingerichtet.

Forscher der Universität Michigan, wo Forschungen über die Rolle von Zucker und Bakterien für die Kariesentstehung eine lange Tradition hatten[64], reagierten darauf prompt: “Trotz des enormen Werbeaufwands der Zuckerindustrie konzentriert sich die Aufmerksamkeit immer stärker auf die Rolle des Zuckers bei der Entstehung der Zahnkaries. Sollte diese Information sich so weit verbreiten, dass der Zuckerhandel ernsthaft beeinträchtigt wird, könnten Zähne nur noch auf Kosten unseres wirtschaftlichen Wohlstands erhalten werden. Ein zu großer Teil der Weltbevölkerung hängt direkt von der Zuckerindustrie ab, als dass die resultierende Notlage nicht letztlich jeden erfasste. ... Es hängt weitgehend von der Einstellung der Zahnärzteschaft ab, ob die Bevölkerung den gegenwärtigen Überlegungen hinsichtlich des Fluors in der Kariesforschung ablehnend oder positiv gegenübersteht.” [Orig. in Engl.][65]

In Deutschland gab es 1967 ein Abkommen zwischen dem Bundesverband Deutscher Zahnärzte und der Zuckerindustrie (siehe Chronik). Auch dieses Abkommen wird als einer der Belege dafür angeführt, dass mächtige wirtschaftliche Interessengruppen bei den Auseinandersetzungen um die Fluoridierung eine Rolle spielen. Dabei wird behauptet, dass die Fluoridierung ein Vorwand sei, um von den Ursachen der Zahnkaries abzulenken. Es liege insbesondere im Interesse der Zuckerindustrie, die Fluoridierung zu propagieren. In diesem Zusammenhang sind die Auseinandersetzungen um den Zahnarzt Johann Georg Schnitzer zu betrachten, der sich in seinen Veröffentlichungen hierzu äußerte[66]. Auch die unten genannte „weiterführende Literatur“ enthält Beispiele für Zucker-Interessen.

Chronik[Bearbeiten]

  • 19. Jahrhundert: Auf erste Nachweise von Fluorid in fossilen und rezenten Knochen und Zähnen folgt die Spekulation, diesem Mineral verdanke der Zahnschmelz seinen Glanz und seine Härte. Empfehlungen, Fluorid für eine ausreichende Schmelzbildung einzunehmen, widersprechen Zahnärzte, die im Fluoridgehalt gesunder und kariöser Zähne keinen Unterschied finden können.[67]
  • 1916: Die Zahnärzte Greene Vardiman Black & Frederick Sumner McKay berichten in einer Artikelserie über das endemische Auftreten gefleckter Zähne (“mottled teeth”) in einigen Regionen der USA. McKay vermutet eine besondere Eigenschaft des lokalen Trinkwassers als Ursache. In den touristisch attraktiven Städten ist dieser negative Aspekt nicht sehr willkommen.[68]
  • 1931: Auf den Verdacht, die Zahnfleckung könne auf Aluminium zurückgeführt werden, reagiert ALCOA mit einer Untersuchung von Trinkwasserproben. Zur Überraschung findet man darin aber Fluorid, das in Tierversuchen als Auslöser entsprechender Zahnschäden überführt wird.[69] Im Öffentlichen Gesundheitsdienst der USA (“United States Public Health Service”, USPHS) wird eine zahnärztliche Forschungsstation eingerichtet und mit dem Zahnarzt Henry Trendley Dean besetzt, dem künftigen „Vater der Fluoridierung“[70]. Ihm wird ein Beraterteam zur Seite gestellt, dem auch Weston Price und Russel Bunting angehören. Bunting, der einstige designierte Assistent Willoughby D. Miller´s, hatte inzwischen an der Uni Michigan Millers Arbeiten nach dessen Tod fortgeführt, dabei Zucker und bestimmte Bakterien (Lactobacillen) als Kariesursache herausgestellt.
  • 1937: erstes internationales Zuckerabkommen auf Regierungsebene (s. o.); die zahnärztliche Forschung im USPHS wird ausgebaut, der Fluorideinfluss auf die Häufigkeit von Zahnkaries wird in den Vordergrund gestellt. Ein Team besucht die texanischen Städte Amarillo (ca. 4 ppm) und Wichita Falls (0.4 ppm F-) für statistische Übungen.[71] Bunting wird als neuer Dekan der zahnmedizinischen Fakultät der Uni Michigan zur Schreibtischarbeit verbannt, sein Assistenzprofessor Philip Jay übernimmt die Forschung und fungiert als Berater des USPHS.[72]
  • 1940: Auf die Einsicht, dass eine kausale Kariesprävention durch Reduktion des Zuckerkonsums aus wirtschaftlichen Gründen ausgeschlossen ist (Jay, s.o.), folgen erste Fluoridierungsversuche: In Escanaba (Michigan) und Garretsville (Ohio) werden Wasserquellen mit erhöhtem Fluoridgehalt (1,7 ppm) erschlossen und deren Wasser mit Wasser aus bestehenden Quellen gemischt, um einen Fluoridgehalt von 0,7 ppm zu erreichen. Nach zwei Jahren ist noch kein Einfluss auf die Karieshäufigkeit unter den Bewohnern nachzuweisen[73], trotzdem laufen bald Vorbereitungen für die ersten Versuche mit künstlichem Fluoridzusatz an.
  • 1942: Trendley Dean und Philip Jay stellen ihre statistischen Untersuchungen in 21 Städten vor, wonach der Kariesbefall bei Kindern mit zunehmender Fluoridkonzentration des Wassers sinken soll. Diese Arbeiten werden später heftig kritisiert.[74]
  • 1945: Beginn der ersten Fluoridierungsversuche in den US-Städten Grand Rapids (Michigan) und Newburgh (New York) sowie in Brantford (Ontario, Canada). Nach Ende des Krieges besucht Trendley Dean mehrere deutsche Städte für zahnmedizinische Untersuchungen.
  • 1948: David B. Ast, Initiator des Newburgh-Versuchs, und Henry Klein (USPHS) besuchen europäische Städte, um dem American Jewish Joint Distribution Committee ein Bild von der zahnärztlichen Versorgung zu vermitteln. Beide versorgen ihre europäischen Kollegen mit Fluorid-Literatur.[75]
  • 1949: In Deutschland wird der Deutsche Ausschuss für Jugendzahnpflege gegründet, innerhalb dessen ein Jahr später sich eine „Deutsche Fluorkommission“ bildet (mit dem späteren ORCA Mitgründer H. J. Schmidt).
  • 1950: Unter dem Druck durch Agitatoren aus Wisconsin spricht der USPHS vorzeitig eine offizielle Empfehlung der Trinkwasserfluoridierung aus und begünstigt so deren rasche Verbreitung in den USA.[76]
  • 1951: „Fluor-Großaktion im Land Hessen“ durch Verteilung von Fluorid-Pillen an Schulkinder. „Die Gesamtkosten ... werden teilweise von amerikanischer Seite getragen“.[77] Auf der Jahresversammlung der State Dental Directors gibt der Vertreter aus Wisconsin seinen Kollegen Ratschläge, wie man autoritär, ohne lange Diskussion, die Fluoridierung an den Mann bringt.[78]
  • 1952: Zwischen Deutschland und den USA erfolgt ein reger Austausch von Zahnärzten für Studienbesuche. Am 2. Dezember 1952 beginnt in Kassel-Wahlershausen der erste deutsche Trinkwasserfluoridierungsversuch, auf Betreiben von Heinrich Hornung.[79] Schon nach kurzer Zeit erfordert die Apparatur eine Instandsetzung.[80][81]
  • 1953: Zucker-, Getränke- und Fluorindustrie gründen die Arbeitsgemeinschaft für Fluorforschung und Kariesprophylaxe ORCA.[82]
  • 1962: Beginn der Trinkwasserfluoridierung in Basel
  • 1967: Der Bundesverband Deutscher Zahnärzte schließt mit der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker ein Abkommen auf gegenseitige Unterstützung, bekannt als „Süßes Gespräch“.[83]
  • 1971: Die Fluoridierungsanlage in Kassel wird auf Beschluss des verantwortlichen Ministeriums endgültig abgestellt als Ergebnis „gesetzlicher und gesundheitlicher Erwägungen“.[84]
  • 1976: Der Deutsche Bundesverband der Zuckerindustrie, die Centrale Marketinggesellschaft der deutschen Agrarindustrie CMA und die Arbeitsgemeinschaft Zucker der Verbände zuckerverarbeitender Betriebe zur Absatzförderung gründen den Informationskreis Mundhygiene und Ernährungsverhalten IME. Er soll die Mundhygiene und Fluoridierung in der Kariesvorbeugung fördern.[82]
  • 1984: In Berlin wird versucht, die Trinkwasserfluoridierung einzuführen.[85] Der Versuch scheitert am Widerstand der Bevölkerung, unterstützt von kritischen Ärzten und Zahnärzten.[86] Doch Senator Ulf Fink setzt sich nun für eine Gesetzesänderung über den Bundesrat ein, um die Fluoridierung von Kochsalz zu ermöglichen[87].
  • 1991: In Deutschland ist fluoridiertes Kochsalz erhältlich und beginnt den Markt zu erobern.
  • 1992: In einem Dorf in Alaska kommt es aufgrund eines Defekts in der Trinkwasseraufbereitungs-Anlage in der Bevölkerung zu Fluorid-Vergiftungen und einem Todesfall.[88]
  • 2003: In Basel wird die Trinkwasserfluoridierung eingestellt.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Fluor – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Fluor – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

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    Moore WJ, W.J. Moore: 1. Sugar and the antiquity of dental caries. In: J Dent. 11, Nr. 3, September 1983, S. 189–90. doi:10.1016/0300-5712(83)90182-3. PMID 6358295.
    Rugg-Gunn AJ, Murray JJ: 2. The epidemiological evidence. In: J Dent. 11, Nr. 3, September 1983, S. 190–9. doi:10.1016/0300-5712(83)90183-5. PMID 6358296.
    Edgar WM: 3. The physiochemical evidence. In: J Dent. 11, Nr. 3, September 1983, S. 199–205. doi:10.1016/0300-5712(83)90184-7. PMID 6358297.
    Drucker DB: 4. The microbiological evidence. In: J Dent. 11, Nr. 3, September 1983, S. 205–7. doi:10.1016/0300-5712(83)90185-9. PMID 6358298.
    Ryan LA: 5. Confectionery and dental caries. In: J Dent. 11, Nr. 3, September 1983, S. 207–9. doi:10.1016/0300-5712(83)90186-0. PMID 6358299.
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  15. DGZMK: Empfehlungen zur Kariesprophylaxe mit Fluoriden, Stand 06/02, 2002 (PDF; 185 kB)
  16. Verwendung fluoridhaltiger Zahnpasta ist sicher und schützt wirksam vor Karies Bundeszahnärztekammer, 16. Januar 2014.
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  30. Ilka Lehnen-Beyel: Warum Fluorid in die Zahnpasta und nicht ins Salz gehört
  31. Fluoride & Tooth Decay: Topical Vs. Systemic Effects (Englisch), siehe auch Literaturliste dort
  32. Meiers P.: J. Orthomolecular Med. 16:2 (2001) 73-82 (PDF; 392 kB)
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  50. Bergmann K. E. (BGA): „Zahnkariesprophylaxe – Anwendung von Fluoriden“ Stellungnahme zur GGB vom 29. November 1983; und: Deutscher Bundestag, 10. Wahlperiode, Drucksache 10/2403 v. 20. November 1984, Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Ehmke (Ettlingen), Frau Schoppe und der Fraktion DIE GRÜNEN, „Trinkwasserfluoridierung“
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  52. Hardy Limeback „Why I am now officially opposed to adding fluoride to drinking water“
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  76. McNeil DR: “The fight for fluoridation”, New York, 1957
  77. Zahnärztl. Welt 6 (1951) 235
  78. Konferenz der zahnärztlichen Direktoren der Staatl. Gesundheitsämter der USA (PDF; 186 kB)
  79. Zahnärztl. Praxis 4:Nr.5 (1953) S.6; Zahnärztl. Praxis Nr. 24 (1954) S.6; Zahnärztl. Praxis Nr. 10 (1955) S.5
  80. Zahnärztl. Mitteil. Nr.2 (1954) S.60
  81. Kommt jetzt Gift aus der Leitung? In: Die Zeit Nr. 32, vom 2. August 1974
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  85. Idris E.: „Mehr Schaden als Nutzen durch Fluorid?“, Selecta Nr. 2, v. 9. Januar 1984, S.70
  86. Müller,Klaus: Kommentar zu "Mehr Schaden als Nutzen durch Fluorid?", Selecta Nr. 8, v. 20. Februar 1984, S. 564+565
  87. „Fink geht auf Abstand zu Fluor-Plänen für das Wasser. Mehrheit der Befragten dagegen - Jetzt Hinweis auf Kochsalz“, Der Tagesspiegel, 25. August 1984
  88. Gessner BD, Beller M, Middaugh JP, Whitford GM: Acute fluoride poisoning from a public water system. In: N Engl J Med. 330, Nr. 2, 1994, S. 95–9. PMID 8259189.