Hannelore Kraft

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Hannelore Kraft

Hannelore Kraft, geb. Külzhammer (* 12. Juni 1961 in Mülheim an der Ruhr), ist eine Politikerin der SPD und seit dem 14. Juli 2010 die Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen. Seit 2007 ist Kraft die Landesvorsitzende der SPD Nordrhein-Westfalen und seit 2009 eine der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD.

Inhaltsverzeichnis

Beruflicher Werdegang und Privatleben [Bearbeiten]

Kraft ist die Tochter eines Straßenbahnfahrers und einer Schaffnerin. Nach ihrem Abitur am Gymnasium Broich in Mülheim an der Ruhr im Jahre 1980 absolvierte Hannelore Kraft zunächst eine Ausbildung zur Bankkauffrau bei der Dresdner Bank in Mönchengladbach. 1982 immatrikulierte sie sich an der Universität-Gesamthochschule Duisburg für ein Studium der Wirtschaftswissenschaften. Von 1986 bis 1987 studierte sie am King’s College London. 1989 schloss sie ihr Studium in Duisburg als Diplom-Ökonomin ab.[1]

Von 1989 bis 2001 war sie Beraterin und Projektleiterin beim Zentrum für Innovation und Technik Nordrhein-Westfalen (ZENIT GmbH)[2] und Leiterin des Euro Info Centre.

Hannelore Kraft ist seit 1992 verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.[3]

Politische Tätigkeit [Bearbeiten]

Bis zur Landtagswahl 2010 [Bearbeiten]

Seit 1994 ist Hannelore Kraft Mitglied der SPD und seit dem 2. Juni 2000 Abgeordnete im Landtag Nordrhein-Westfalen; sie vertrat dort von 2000 bis 2005 den Wahlkreis 74 (Mülheim an der Ruhr II – Essen VII), seit 2005 den Wahlkreis 64 (Mülheim I). Am 24. April 2001 wurde sie als Nachfolgerin von Detlev Samland zur Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten ernannt (Kabinett Clement II). Unter Ministerpräsident Steinbrück amtierte sie vom 12. November 2002 bis 24. Juni 2005 als Ministerin für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen.

Nach der Wahlniederlage der NRW-SPD am 22. Mai 2005 wurde Kraft am 31. Mai 2005 mit 95,7 % der abgegebenen Stimmen als Nachfolgerin von Edgar Moron zur Vorsitzenden der SPD-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag gewählt. Nach dem Rücktritt Jochen Dieckmanns als SPD-Landesvorsitzender am 11. Dezember 2006 wurde Kraft am 20. Januar 2007 auf einem Landesparteitag in Bochum zur neuen Landesvorsitzenden gewählt.

Der Journalist David Schraven wies in seinem Blog Ruhrbarone am 16. Juni 2009[4] darauf hin, dass ab dem Jahr 2006 in Krafts offiziellem Onlinelebenslauf eine Tätigkeit als Unternehmensberaterin für die Mülheimer Firma Zenit GmbH in den Jahren 1989 bis 2001 verschwiegen wurde. In diesem Zusammenhang erinnerte Schraven an einen NRW-Förderskandal im Jahr 2007, in den die Zenit GmbH verwickelt war. Kraft wird Manipulation des Lebenslaufs vorgeworfen. Sie sah sich dadurch „rechtswidrig“ in Verbindung mit dem Förderskandal gebracht. Am 29. Juni 2009 versuchte Kraft vergeblich, Schraven mittels Unterlassungserklärung zur Zurücknahme der Aussage zu bewegen.[5]

Am 13. November 2009 wurde Kraft auf dem Bundesparteitag der SPD zu einer der vier stellvertretenden Bundesvorsitzenden des neuen Parteichefs Sigmar Gabriel gewählt. Dabei erhielt sie mit 90 % das beste Ergebnis unter Gabriels Stellvertretern. Im Februar 2010 wurde sie auf einem Landesparteitag in ihrer Funktion als Landesvorsitzende bestätigt und nahezu einstimmig auf Platz eins der Landesliste für die Landtagswahl im Mai 2010 gewählt; damit war sie die Spitzenkandidatin der SPD für das Amt des Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen.[6]

Landtagswahl und Regierungsbildung 2010 [Bearbeiten]

Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 9. Mai 2010, zu der Kraft als SPD-Spitzenkandidatin und Herausforderin von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) antrat, erzielte die SPD 67 Mandate im neuen Landtag. Sie verlor weniger stark als die CDU, erreichte mit 34,5 % jedoch ebenfalls weniger Stimmen als bei den Wahlen zuvor. Die von Kraft favorisierte rot-grüne Koalition verfehlte mit insgesamt 90 Sitzen eine absolute Mehrheit im Landtag um ein Mandat. Daraufhin führte Hannelore Kraft Sondierungsgespräche mit allen im neugewählten Landtag vertretenen Parteien zur Bildung einer Regierung, die jedoch scheiterten.[7]

Kraft kündigte daraufhin an, einen Politikwechsel aus dem Parlament heraus betreiben zu wollen und die Regierung Rüttgers somit geschäftsführend im Amt zu belassen.[8] Einige Tage später erklärte sie dann doch, sich zur Ministerpräsidentin einer Rot-Grünen Minderheitsregierung wählen zu lassen.[9] Am 14. Juli 2010 wurde sie im zweiten Wahlgang mit 90 Stimmen, bei 80 Gegenstimmen und 11 Enthaltungen, ins Amt gewählt. Dies entspricht den Stimmen, die Rot-Grün, Schwarz-Gelb und die Linken im Landtag halten. Im zweiten Wahlgang reichte zur erfolgreichen Wahl eine einfache Mehrheit. Im ersten Wahlgang war sie mit 90 Stimmen, 80 Gegenstimmen und 10 Enthaltungen an der noch erforderlichen absoluten Mehrheit in Höhe von 91 Stimmen gescheitert.[10] Die Mitglieder des Kabinetts Kraft I wurden am 15. Juli 2010 ernannt und vereidigt. Damit war die Regierungsbildung 67 Tage nach der Landtagswahl abgeschlossen.

Vom 1. November 2010 bis zum 31. Oktober 2011 war sie turnusmäßig Bundesratspräsidentin. Sie hatte dieses Amt als erste Frau in der Geschichte des Bundesrates inne.[11]

Landtagswahl 2012 [Bearbeiten]

Nachdem der Landtag am 14. März 2012 einstimmig seine Selbstauflösung beschlossen hatte, fanden vorgezogene Neuwahlen statt.[12] Bei der Wahl am 13. Mai 2012 erzielte Hannelore Kraft mit der SPD mit 39,1 % die meisten Stimmen und verfügt gemeinsam mit den Grünen über eine absolute Mehrheit der Sitze im neuen Düsseldorfer Landtag. Am 20. Juni 2012 wurde Hannelore Kraft mit 137 Stimmen im ersten Wahlgang wieder zur Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen gewählt. Das sind neun Stimmen mehr, als die rot-grüne Koalition Abgeordnete stellt.[13] Beim Landesparteitag der SPD in Münster wurde Hannelore Kraft im September 2012 fast einstimmig als Parteivorsitzende in Nordrhein-Westfalen wiedergewählt.[14]

Politische Positionen [Bearbeiten]

Hannelore Kraft am 9. Mai 2012 in Hamm

Hannelore Kraft versteht sich als Vertreterin einer Politik auf Grundlage der sozialen Gerechtigkeit.[15]

Bildungspolitik [Bearbeiten]

Ihr Programm legt dabei insbesondere Wert auf eine umfassende Revision der Bildungspolitik; hier will sie das dreigliedrige Schulsystem abschaffen und durch eine längere gemeinsame Grundschulzeit und darauf aufbauend die Gemeinschaftsschule ersetzen. Die Entscheidung, ob das Abitur nach acht oder neun Jahren erreicht wird, soll den Schulen und Eltern überlassen werden. Studiengebühren sollen abgeschafft, Kindergartenplätze schrittweise gebührenbefreit werden. Kleinkinder unter drei Jahren sollen einen Rechtsanspruch auf Betreuungsplätze erhalten.

Arbeitsmarkt- und Finanzpolitik [Bearbeiten]

Es soll ein neues Landespersonalvertretungsgesetz beschlossen werden, das die Mitbestimmungsrechte in den Mittelpunkt stellt, die geplanten massiven Stellenstreichungen im öffentlichen Dienst sollen überprüft werden.

Das von CDU und FDP gekippte Tariftreuegesetz, das die Vergabe öffentlicher Aufträge an die Einhaltung von Tarifverträgen knüpft, soll wieder Anwendung finden.

Finanziell angeschlagene Kommunen sollen Hilfen vom Land erhalten und auch Gelder aus dem Programm „Aufbau Ost“ beantragen können, das in einen gesamtdeutschen Ausgleichsfonds umgewandelt werden soll. Einen kompletten Verkauf aller Landesbeteiligungen an der Westdeutschen Landesbank, die von der Finanzkrise 2007 angeschlagen ist und in ihrer Struktur von der Europäischen Union beanstandet wird, lehnte Hannelore Kraft zunächst ab.

Energiepolitik [Bearbeiten]

Hannelore Kraft gibt an, sich am Ziel einer vollständig aus regenerativen Energieformen gespeisten Energieversorgung zu orientieren und will diese dementsprechend fördern. Für die Übergangsphase soll der Abbau insbesondere von heimischer Kohle weiter gefördert werden und auch der Bau von Kohlekraftwerken auf der Grundlage geltender Gesetze weiterhin möglich sein. Aus der Energieversorgung mittels Kernkraftwerken soll ihrer Ansicht nach wie vorgesehen ausgestiegen werden.

Positionen zu bundespolitischen Themen [Bearbeiten]

Hannelore Kraft setzt sich unter anderem für die Einführung eines flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohns ein.[16] Über den Bundesrat wollte Hannelore Kraft zusammen mit anderen Landesregierungen die von der schwarz-gelben Bundesregierung beschlossene und im Herbst 2010 vom Bundestag verabschiedete Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken verhindern. Außerdem hält sie die angedachten Senkungen bei der Lohn- und Einkommensteuer aufgrund des Defizits im Bundeshaushalt für nicht finanzierbar.[17] Auch der im Rahmen der 2011 in Kraft getretenen Gesundheitsreform der schwarz-gelben Bundesregierung zum Teil erfolgten Einführung einer Kopfpauschale in der gesetzlichen Krankenversicherung wollte Hannelore Kraft nicht zustimmen. Stattdessen spricht sie sich für die Einführung einer Bürgerversicherung aus.[18][19]

Kraft forderte, ähnlich wie schon zuvor Guido Westerwelle,[20] „gemeinnützige Jobs“ für Arbeitslosengeld-II-Empfänger, damit ein „gemeinwohlorientierter Arbeitsmarkt“ entstehe. Dies würde keine Mehrkosten für den Staat erfordern und sei überdies notwendig, da eine strukturelle Arbeitslosigkeit vorherrsche.[21] Allerdings betonte Kraft, sie wolle im Unterschied zu Westerwelle keinen Arbeitszwang, sondern setze auf das freiwillige Engagement von Langzeitarbeitslosen.[22]

Auszeichnungen [Bearbeiten]

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. Hannelore Kraft, MdL. NRWSPD. Abgerufen am 1. Oktober 2012.
  2. ZUR PERSON: Hannelore Kraft, MdL. In: hannelore-kraft.de. 3. März 2006, archiviert vom Original am 3. März 2006, abgerufen am 30. Juni 2009.
  3. Hochzeit nach 20 Jahren Ehe. Rheinische Post. 10. Oktober 2012. Abgerufen am 15. Oktober 2012.
  4. Wie eine SPD-Spitze ihre Geschichte verändert
  5. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,633281,00.html
  6. SPD in NRW feiert ihre Spitzenkandidatin Kraft. Die Welt. 26. Februar 2010. Abgerufen am 1. Oktober 2012.
  7. Kraft lehnt Neuwahl in NRW ab. Spiegel Online. 12. Juni 2010. Abgerufen am 1. Oktober 2012.
  8. Kraft kündigt erste Gesetzesinitiativen in NRW an. Spiegel Online. 14. Juni 2010. Abgerufen am 1. Oktober 2012.
  9. Rot-Grün plant Minderheitsregierung in NRW. Spiegel Online. 17. Juni 2010. Abgerufen am 1. Oktober 2012.
  10. Kraft zur NRW-Ministerpräsidentin gewählt. Spiegel Online. 14. Juli 2010. Abgerufen am 1. Oktober 2010.
  11. Länderkammer: Kraft wird heute Präsidentin des Bundesrats. www.derwesten.de. 15. Oktober 2010. Abgerufen am 15. Oktober 2010.
  12. Landtag beschließt Neuwahlen in NRW. ZEIT Online. 14. März 2012. Abgerufen am 1. Oktober 2012.
  13. 137 Stimmen für Hannelore Kraft. Rheinische Post. 20. Juni 2012. Abgerufen am 1. Oktober 2012.
  14. Hannelore Kraft mit gut 99 Prozent als SPD-Chefin in NRW bestätigt. Zeit Online. 30. September 2012. Abgerufen am 1. Oktober 2012.
  15. Hannelor Kraft (SPD). abgeordnetenwatch.de. 2010. Abgerufen am 1. Oktober 2012.
  16. Politiker und Gewerkschafter wollen strengere Finanzaufsicht. Rheinische Post. 1. Mai 2010. Abgerufen am 29. Mai 2012.
  17. Gabriel bietet CDU Bündnis gegen FDP an. Rheinische Post. 19. März 2010. Abgerufen am 1. Oktober 2012.
  18. Reform-Kommission: Bürgerversicherung statt Kopfpauschale. Deutscher Gewerkschaftsbund. 13. Dezember 2010. Abgerufen am 29. Mai 2012.
  19. Bürgerversicherung - die “überlegene Alternative”. SPD. 13. Dezember 2010. Abgerufen am 1. Oktober 2012.
  20. Westerwelle will Hartz-IV-Empfänger Schnee schippen lassen. Zeit Online. 21. Februar 2010. Abgerufen am 4. Oktober 2012.
  21. SPD-Vize verlangt gemeinnützigen Einsatz von Hartz-IV-Empfängern. Financial Times Deutschland. 6. März 2010. Abgerufen am 4. Oktober 2012.
  22. "Freiwillige Arbeit": Kraft verteidigt Job-Plan. n-tv. 8. März 2010. Abgerufen am 4. Oktober 2012.
  23. Stefan Hoffmann: Marie-Juchacz-Plakette an Hannelore Kraft verliehen. AWO Informationsservice, 11. Juni 2012, abgerufen am 30. Juli 2012.

Weblinks [Bearbeiten]

 Commons: Hannelore Kraft – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien