Johannes Rau

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Johannes Rau (1986)
Unterschrift von Johannes Rau

Johannes Rau (* 16. Januar 1931 in Wuppertal; † 27. Januar 2006 in Berlin) war ein deutscher Politiker und von 1999 bis 2004 der achte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.

Zuvor war er Kommunal-, Landes- und Bundespolitiker der SPD. Von 1969 bis 1970 war er Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal, 1977 bis 1998 Landesvorsitzender der SPD in Nordrhein-Westfalen und 1978 bis 1998 Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen. Damit hatte er dieses Amt bis heute am längsten in NRW inne. Bei der Bundestagswahl 1987 war er Kanzlerkandidat der SPD. Im Jahre 1993 führte er nach dem Rücktritt von Björn Engholm kommissarisch den Vorsitz der SPD-Bundespartei.

Leben[Bearbeiten]

Jugend und Beruf[Bearbeiten]

Rau war Sohn des Kaufmanns und Blaukreuzpredigers Ewald Rau (* 1. April 1898; † 15. Dezember 1953) und Helene Rau geb. Hartmann (* 27. März 1901; † 1. August 1988). Von der Volksschule Schützenstraße in Wuppertal-Barmen aus trat er 1942 in das Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium in Elberfeld (heute zu Wuppertal) ein, das allerdings bereits Ende Juni 1943 bei dem Luftangriff auf Elberfeld zerstört wurde.[1] Später besuchte Rau das damalige Humanistische Gymnasium in Barmen, das heutige Ganztagsgymnasium Johannes Rau. Nachdem er zum Verdruss seines Vaters dem Unterricht mehrfach ferngeblieben war, musste er auf dessen Drängen im September 1948 die Schule nach der Obertertia abbrechen. Am 5. Oktober 1948 begann er eine Lehre als Verlagsbuchhändler beim Wuppertaler Verlagshaus Emil Müller. Nebenher war er ab 1949 freier Mitarbeiter der Westdeutschen Rundschau in Wuppertal.

Nach beendeter Lehre arbeitete er zunächst ab Juni 1952 als Verlagsgehilfe in Wuppertal und wurde dann 1953 Lektor bei einem kleineren Verlag in Witten. Ab 1954 arbeitete er als Geschäftsführer des Jugenddienst-Verlages; 1962 wurde er Mitglied des Vorstandes und 1965 Direktor dieses Verlages.

Privates[Bearbeiten]

Johannes Rau war seit dem 9. August 1982 mit Christina Delius (* 1956) verheiratet, einer Enkelin des früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor, Anna Christina (* 19. Dezember 1983), Philip Immanuel (* 28. Januar 1985) und Laura Helene (* 10. November 1986). Die standesamtliche Hochzeit fand in London statt, die kirchliche Feier hingegen am 22. August 1982 in der Neuen Evangelischen Inselkirche zu Spiekeroog. Auf der Insel wurden auch die Kinder der Familie getauft. Die Nordseeinsel Spiekeroog war jahrzehntelang das Urlaubsziel der Familie Rau, die dort ein Ferienhaus besitzt. Im Sommer 2000 wurde Rau hier Ehrenbürger.

Rau kam sein Leben lang mit drei Wohnsitzen aus: Er wuchs auf zwischen Barmer Nordpark und Klingelholl in der Wohnung seiner Eltern und blieb dort bis Ende der siebziger Jahre. Zu seiner Ministerpräsidenten-Zeit bewohnte er ein Eigenheim im Briller Viertel im Stadtteil Elberfeld. Erst mit dem Amtsantritt als Bundespräsident „verschlug“ es ihn nach Berlin ins Schloss Bellevue und wegen Umbaumaßnahmen dort in die „Dienstwohnung des Bundestagspräsidenten“, die dieser selbst nicht nutzte.

Seine Art, den protestantisch-christlichen Glauben öffentlich zu leben, trug Rau die Bezeichnung „Bruder Johannes“ ein, aber auch eine satirische Wertung als „gefürchteter Kirchentagsschwätzer“.[2]

Seit 1995 wusste Rau von seinem gefährlichen Aneurysma in der Bauchschlagader, lehnte aber aus Rücksicht auf seine Ämter und die bevorstehende Wahl zum Bundespräsidenten eine Operation immer ab, bis er sich am 23. Juli 2000 in der Universitätsklinik Essen operieren ließ. Am 18. August 2004 musste er sich einer schweren Herzoperation unterziehen, bei der ihm eine künstliche Herzklappe eingesetzt wurde. Nur zwei Monate später (19. Oktober 2004) musste ein Bluterguss im Bauchraum in der Universitätsklinik Essen operativ entfernt werden.

Die letzten öffentlichen Auftritte von Johannes Rau waren die Preisverleihung des deutsch-türkischen Freundschaftspreises in Solingen (29. Mai 2005) und die Einweihung der Frauenkirche in Dresden (30. Oktober 2005). An einem Empfang des Bundespräsidenten zu seinem 75. Geburtstag am 16. Januar 2006 im Schloss Bellevue in Berlin konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr teilnehmen.

Das Grab von Johannes Rau am Tag nach der Beisetzung

Johannes Rau verstarb am 27. Januar 2006 gegen 8.30 Uhr in Berlin im Kreis seiner Familie. Die Beisetzung erfolgte am 7. Februar im Anschluss eines Trauerstaatsaktes[3] auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof zu Berlin im engsten Familien- und Freundeskreis.[4]

Politische Karriere[Bearbeiten]

Gesamtdeutsche Volkspartei[Bearbeiten]

1950 trat der erste Bundesinnenminister Gustav Heinemann aus Protest gegen die geplante Wiederbewaffnung von seinem Amt zurück und zwei Jahre später auch aus der CDU aus, die er mitgegründet hatte. Heinemann gründete die Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP), Rau wurde Mitglied und sogleich deren Kreisvorsitzender in Wuppertal. Bereits fünf Jahre später, 1957, löste sich die GVP wieder auf und Rau wurde zusammen mit Heinemann und anderen Mitglied der SPD.

Oberbürgermeister in Wuppertal[Bearbeiten]

Von 1969 bis 1970 war Johannes Rau Oberbürgermeister in seiner Heimatstadt Wuppertal.

SPD-Parlamentarier[Bearbeiten]

Von 1958 bis 1962 war er Vorsitzender der Jungsozialisten in Wuppertal. 1958 wurde er erstmals in den Landtag Nordrhein-Westfalen gewählt, dem er bis 1999 angehörte.[5] 1962 wurde er Mitglied im Vorstand der SPD-Fraktion und 1967 deren Vorsitzender. Von 1964 bis 1978 gehörte er außerdem dem Stadtrat von Wuppertal an, wo er zwischen 1969 und 1970 auch Oberbürgermeister war.

1968 wurde Rau in den Bundesvorstand der SPD gewählt. Ab 1973 war er Mitglied des Landesvorstandes in Nordrhein-Westfalen, von 1977 bis 1998 auch deren Vorsitzender. Ab 1978 war er Mitglied des Präsidiums der SPD und ab 1982 Stellvertretender Bundesvorsitzender.

Minister in Nordrhein-Westfalen[Bearbeiten]

Der Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzende des Staatsrates der DDR, Erich Honecker, empfing den Ministerpräsidenten des BRD-Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, Johannes Rau, der sich zu einem Informationsbesuch in der DDR aufhält. (1985)

1970 berief Ministerpräsident Heinz Kühn Rau ins Kabinett und übertrug ihm das Ressort Wissenschaft und Forschung.

Während Raus Amtszeit als Wissenschaftsminister in NRW von 1970 bis 1978 wurden 1972 in Nordrhein-Westfalen fünf Gesamthochschulen in Duisburg, Essen, Paderborn, Siegen und Wuppertal gegründet, die später in Universitäten umbenannt wurden. Rau, der als Vater der hochschulpolitischen Regionalisierung in Nordrhein-Westfalen gilt, gründete außerdem 1974 die Fernuniversität in Hagen als erste Staatliche Fernhochschule und wandelte die früheren Ingenieurschulen in Fachhochschulen um.

Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen[Bearbeiten]

Johannes Rau (Bildmitte)

1978 wurde Rau Nachfolger von Heinz Kühn als Ministerpräsident. Unter seiner Führung konnte die SPD bei den Landtagswahlen 1980, 1985 und 1990 die absolute Mehrheit der Mandate erreichen beziehungsweise verteidigen. Dabei scheiterten mit den CDU-Herausforderern Kurt Biedenkopf 1980, Bernhard Worms 1985, Norbert Blüm 1990 und Helmut Linssen 1995 bekannte Vertreter der NRW-CDU, die in den gänzlich auf Raus Person zugeschnittenen Wahlkämpfen der SPD unterlegen waren. 1985 erzielte die SPD in NRW unter Rau mit 52,1 % das beste Ergebnis ihrer Geschichte, was auch auf die Kampagne „Wir in Nordrhein-Westfalen“ zurückgeht. 1995 verlor die SPD mit 46 % der Stimmen die absolute Mehrheit und bildete eine Koalition mit Bündnis 90/Die Grünen. Nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident wurde am 27. Mai 1998 Wolfgang Clement sein Nachfolger. Während seiner Amtszeit übte er 1980 kurzzeitig und 1990 bis 1995 auch das Amt des Minister für Bundesangelegenheiten aus. Vom 1. November 1982 bis zum 31. Oktober 1983 und vom 1. November 1994 bis zum 31. Oktober 1995 war Rau darüber hinaus Bundesratspräsident.

Stellvertretender SPD-Bundesvorsitzender[Bearbeiten]

Johannes Rau war unter den Parteichefs Willy Brandt, Hans-Jochen Vogel, Björn Engholm, Rudolf Scharping, Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder stellvertretender SPD-Bundesvorsitzender. Nach dem Rücktritt von Björn Engholm übernahm Johannes Rau von 5. Mai bis zur Wahl von Rudolf Scharping am 23. Juni 1993 kommissarisch den SPD-Bundesvorsitz.

Kanzlerkandidat[Bearbeiten]

Bei der Bundestagswahl 1987 war er Kanzlerkandidat der SPD, unterlag aber dem amtierenden Bundeskanzler Helmut Kohl. Die SPD erreichte 37 Prozent der Stimmen und verlor somit 1,2 Prozentpunkte gegenüber 1983.

Rücktritt[Bearbeiten]

Im Mai 1998 trat er als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen zurück. [6] 1998 trat er auch als Landesvorsitzender der SPD NRW zurück.

Sein Nachfolger im Parteiamt wurde am 24. Mai Franz Müntefering, zum Ministerpräsident wurde Wolfgang Clement gewählt (=> Kabinett Clement I). Clement war bis zu seiner Wahl Wirtschaftsminister im Kabinett Rau V. Müntefering war seit Dezember 1992 Arbeitsminister in den Kabinetten Rau IV und Rau V gewesen.

Bundespräsident[Bearbeiten]

Bundespräsident Rau am Tag der Deutschen Einheit 2002 in Berlin

1994 nominierte die SPD Johannes Rau erstmals als ihren Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten (siehe hier). Er unterlag aber im dritten Wahlgang dem Kandidaten der CDU Roman Herzog.

Seit der Bundestagswahl 1998 hatte rot-grün eine Mehrheit im Bundestag und Rau wurde bereits im November 1998 erneut von der SPD als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten nominiert.[7] Am 23. Mai 1999 wählte ihn die Bundesversammlung im zweiten Wahlgang zum Bundespräsidenten (siehe Wahl des deutschen Bundespräsidenten 1999). Die CDU hatte die spätere thüringische Wissenschaftsministerin Dagmar Schipanski nominiert; die PDS die parteilose Theologin Uta Ranke-Heinemann (eine Tante von Raus Ehefrau). Am 1. Juli 1999 wurde Rau als Bundespräsident vereidigt.

Die von seinem Amtsvorgänger Roman Herzog 1997 begonnene Reihe der Berliner Reden setzte Rau fort. Anders als unter Herzog hielt er die im jährlichen Turnus stattfindenden Reden alle selbst und begründete damit eine neue Tradition. In seiner 2000 gehaltenen ersten Rede „Ohne Angst und ohne Träumereien: Gemeinsam in Deutschland leben“[8] benannte er die mit der Zuwanderung nach Deutschland verbundenen Aufgaben. 2001 lautete seine Rede „Wird alles gut? Für einen Fortschritt nach menschlichem Maß“.[9] Er sprach darin die durch den Fortschritt, beispielsweise in der Fortpflanzungsmedizin, aufgeworfenen grundsätzlichen Fragen an. In der 2002 gehaltenen Rede „Chance, nicht Schicksal – die Globalisierung politisch gestalten“[10] sprach Johannes Rau darüber, wie sehr das Leben der Menschen durch internationale Entwicklungen beeinflusst wird und welche Chancen und Probleme das mit sich bringt. „Gemeinsam handeln – Deutschlands Verantwortung in der Welt“[11] war der Titel der Berliner Rede im Jahr 2003. Rau sprach darin an, dass seit dem Mauerfall 1989 und der darauffolgenden Deutschen Wiedervereinigung 1990 eine Vielzahl an internationalen Aufgaben auf Deutschland hinzukamen und mitgestaltet werden mussten. Seine letzte Berliner Rede hielt Johannes Rau im Mai 2004 zum Thema „Vertrauen in Deutschland – eine Ermutigung“.[12] Darin forderte er in für ihn ungewöhnlich direkter Weise Politiker und Unternehmer in Deutschland zu mehr Ehrlichkeit und Verantwortungsbewusstsein auf.

Insgesamt unternahm Rau 76 Auslandsreisen als Staatsoberhaupt. Bei seinem Staatsbesuch in Israel im Jahr 2000 war er der erste deutsche Politiker, der in dieser Eigenschaft vor der Knesset stand. Seine dort am 16. Februar gehaltene Rede war die erste, die auf Deutsch gehalten wurde. Er bat dort um Vergebung für die Verbrechen des Holocaust.

2001 sprach Johannes Rau anlässlich der Gedenkstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus vor dem Deutschen Bundestag.

Johannes Rau gab am 22. Juni 2002 eine in ihrer Schärfe ungewöhnliche Erklärung anlässlich des Parteienspektakels um das Zuwanderungsgesetz ab, in der er das von den Parteien veranstaltete Gezerre um die Bundesratsabstimmung zum genannten Gesetz als unwürdig bezeichnete. Die rechtliche Beurteilung der uneinheitlichen Stimmenabgabe des Landes Brandenburg, die durch den damaligen Bundesratspräsidenten Klaus Wowereit als Zustimmung gewertet wurde, war in der verfassungsrechtlichen Literatur umstritten. Rau fertigte das Gesetz trotzdem aus, um eine Überprüfung des Gesetzes durch das Bundesverfassungsgericht mittels einer Abstrakten Normenkontrolle zu ermöglichen.

Johannes Rau (2003)
Johannes Rau (2004)

Nach Raus Amtsverständnis sei der Bundespräsident nur dann berechtigt, die Ausfertigung eines Gesetzes zu verweigern, wenn es „offenkundig und unstrittig“ grundgesetzwidrig zustande gekommen sei. Da ein solcher Fall bis dato in der Praxis noch nicht vorgekommen war, lag noch keine vergleichbare Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts vor, so dass nur verschiedene Rechtskommentare vorlagen, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kamen. Die verfassungsrechtliche Beurteilung eines Gesetzes, über deren korrektes Zustandekommen es verschiedene rechtliche Meinungen gibt, obliege jedoch nicht dem Amt des Bundespräsidenten, sondern der Kompetenz des Bundesverfassungsgerichts. In dieser Ansicht berief sich Rau unter anderem auf vergleichbare Entscheidungen seiner Vorgänger Carstens und Herzog.[13]

Das Bundesverfassungsgericht erklärte das Zuwanderungsgesetz mit Urteil vom 18. Dezember 2002 für nichtig, weil der Bundesrat nicht zugestimmt habe: die uneinheitliche Stimmabgabe des Landes Brandenburg durfte nicht als Zustimmung gewertet werden.[14]

Am 4. September 2003 gab Rau bekannt, bei der nächsten Wahl am 23. Mai 2004 nicht mehr für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren.

Am 23. März 2004 brach Rau seine Afrika-Reise vor dem geplanten Truppenbesuch bei deutschen Marinesoldaten in Dschibuti ab. Laut Geheimdienstberichten sollte ein Mordanschlag auf einen hochrangigen europäischen Repräsentanten, möglicherweise auf Rau, verübt werden. Am 23. April 2004 kehrte er vom letzten Staatsbesuch seiner Amtszeit aus Polen zurück.

Am 29. Juni 2004 wurde er mit einem Großen Zapfenstreich von der Bundeswehr verabschiedet. Seine Amtszeit endete am 30. Juni 2004.

Bewertung seiner Politik durch andere[Bearbeiten]

Unterstützer lobten Johannes Rau als moralische Instanz, die stets auf gesellschaftlichen Ausgleich bedacht war, eines seiner bekanntesten Zitate lautete „Versöhnen statt spalten“. Vor evangelisch-freikirchlichem Hintergrund spielten auch religiöse Motive in seinem Wirken eine Rolle, etwa hinsichtlich seines Einsatzes für soziale Gerechtigkeit.

Kritiker halten Johannes Rau vor, das Bundesland Nordrhein-Westfalen sei unter seiner 20-jährigen Regierungsführung im innerdeutschen Vergleich wirtschaftlich, technologisch und sozial stark zurückgefallen. Rau habe zu lange an alten Industrien, insbesondere am defizitären Kohlebergbau festgehalten und neue Techniken zu wenig gefördert. Diesen Kritikern wird häufig entgegengehalten, der Strukturwandel in der Stahlindustrie und im Bergbau habe auf das Land überproportionale Auswirkungen gehabt und die Politik Raus habe dazu beigetragen, eine Massenverelendung infolge des Strukturwandels zu verhindern.

Politik-Affären[Bearbeiten]

In seiner Zeit als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war Rau in Affären der WestLB involviert. So berichtete Der Spiegel im Februar 2000 in einer durch massive Versuche der Verhinderung der Berichterstattung begleiteten Reportage, dass die WestLB zu einer geheimen Nebenkasse des Landes gemacht worden sei, wobei Reisen für Regierung und Reisen für den Wahlkampf nicht sauber getrennt und Regierungsarbeit aus Quellen finanziert worden seien, die das Parlament nicht kannte und nicht kontrollieren konnte. Neben dem im Spiegel-Bericht genannten Protagonisten Johannes Rau stand auch dessen Nachfolger Wolfgang Clement in der Kritik.[15]

Als Kanzlerkandidat ließ Rau sich im Wahlkampf 1986/87 von der DDR-Regierung unterstützen. Nachdem er die volle Anerkennung einer DDR-Staatsbürgerschaft in Aussicht gestellt hatte, machte die DDR-Führung Egon Bahr bei einem Besuch 1986 das Zugeständnis, die Einreise von rund einhunderttausend Tamilen und anderen Flüchtlingen pro Jahr über DDR-Flughäfen in die Bundesrepublik künftig zu unterbinden.[16][17]

Weiterhin war Rau in die Düsseldorfer Flugaffäre verstrickt. Dabei zahlte die WestLB führenden Politikern der SPD – aber auch der CDU – nicht nur deren private Flugkosten, sondern setzte die überhöhten Rechnungen auch von der Steuer ab.[18] Die WestLB übernahm auch die Kosten in Höhe von 150.000 DM für ein Fest, das Johannes Rau anlässlich seines 65. Geburtstages am 18. Januar 1996 mit 1.500 Gästen feierte.[19]

Sonstiges Engagement[Bearbeiten]

Ehrenämter[Bearbeiten]

Johannes Rau war Schirmherr der Initiative Schüler helfen Leben und Ehrenpate des weltweit millionsten Patenkindes des Kinderhilfswerks Plan International. Er hatte die Ehrenpatenschaft von seinem Amtsvorgänger Roman Herzog übernommen. Er war zudem Schirmherr der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sowie der Festspiele Balver Höhle. Johannes Rau engagierte sich für die Stiftung Museum Schloss Moyland, deren Vorsitzender des Kuratoriums er bis 1998 war. 2000 übernahm er auch die Schirmherrschaft der Bürgerinitiative Gesicht zeigen!, die in Deutschland gegen Ausländerhass und sogenannte No-Go-Areas kämpft.

Von 1965 bis 1999 gehörte Johannes Rau der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland an und war stellvertretendes Mitglied der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland; dem Deutschen Evangelischen Kirchentag war Rau eng verbunden; von 1966 bis 1974 war er Mitglied des Präsidiums und nahm auch danach regelmäßig am Kirchentag in offizieller Funktion und als Privatmann teil.

Johannes Rau war langjähriger stellvertretender Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung und Mitherausgeber der evangelischen Zeitschrift Zeitzeichen. Im Jahr 2000 gründete er seine eigene Stiftung, die „Johannes-Rau-Stiftung“.

Mitgliedschaften und Initiativen[Bearbeiten]

Gedenken und Auszeichnungen[Bearbeiten]

Sondermarke zum Tod von Johannes Rau
Denkmal vor der ehemaligen Staatskanzlei

Bundespräsident Horst Köhler ordnete zum Gedenken an den Alt-Bundespräsidenten Rau für den 7. Februar 2006, elf Tage nach dessen Tod, einen Staatsakt nach dem Gottesdienst im Berliner Dom an.

Die Deutsche Post gab am 2. März 2006 eine Sondermarke anlässlich des Todes von Johannes Rau heraus.

Vor der ehemaligen Staatskanzlei, der Villa Horion in Düsseldorf, wurde im Mai 2008 als Geschenk der Familie Rau eine Bronzestatue aufgestellt, welche von der britischen Bildhauerin Anne Lacey-Weers im Auftrag von Raus Witwe gestaltet worden war.

Johannes Rau gründete 2000 die Johannes-Rau-Stiftung, die vor allem Wuppertaler Projekte fördert. Von der Familie sitzen nach seinem Tod im Vorstand Christina und Anna Rau.[20]

Zum fünften Todestag wurde von der SPD die Johannes-Rau-Gesellschaft gegründet, die jährlich ein Forschungsstipendium von 15.000 Euro zu einem Thema von gesellschaftlicher Bedeutung vergibt. Die Stiftungsmittel von etwa 30.000 Euro werden von den SPD-eigenen Unternehmungen aufgebracht. Auch hier sitzt Christina Rau mit im Vorstand.[21]

Mittlerweile (2008) tragen fünf Schulen seinen Namen, darunter zwei in Wuppertal; in Düsseldorf ist ein Platz und in Wuppertal der Rathausvorplatz nach Rau benannt.[22]

Ehrendoktorwürden[Bearbeiten]

Johannes Rau wurde Ehrendoktor von:

Ehrenbürgerschaften[Bearbeiten]

Johannes Rau wurde Ehrenbürger von:

Grabstein von Johannes Rau

Sonstige Auszeichnungen[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Reden und Schriften[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Uwe Birnstein: Johannes Rau der Versöhner. Ein Porträt. Berlin 2006, ISBN 3-88981-203-1.
  •  Scott Gissendanner, Dirk Vogel: Johannes Rau. Moralisch einwandfreies Scheitern. In: Daniela Forkmann, Saskia Richter (Hrsg.): Gescheiterte Kanzlerkandidaten. Von Kurt Schumacher bis Edmund Stoiber. Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-531-15051-2.
  •  Christian G. Irrgang (Fotos), Martin E. Süskind (Text): Johannes Rau – Porträt eines Präsidenten. Foto-Dokumentation. Propyläen/Econ, München 2002, ISBN 3-549-07151-5.
  •  Jürgen Mittag, Klaus Tenfelde (Hrsg.): Versöhnen statt spalten. Johannes Rau. Oberhausen 2007, ISBN 978-3-938834-28-2.
  •  Martin Florack: Johannes Rau. In: Sven Gösmann (Hrsg.): Unsere Ministerpräsidenten in Nordrhein-Westfalen. Neun Porträts von Rudolf Amelunxen bis Jürgen Rüttgers. Düsseldorf 2008, ISBN 978-3-7700-1292-3, S. 154–181.
  •  Christoph Nonn, Wilfried Reininghaus, Wolf-Rüdiger Schleidgen (Hrsg.): Die Kabinettsprotokolle der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen 1966 bis 1970 (Sechste Wahlperiode). In: Veröffentlichungen des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen 8. eingel. u. bearb. von Andreas Pilger. Siegburg 2006, ISBN 3-87710-361-8.
  •  Frank Michael Bischoff, Christoph Nonn, Wilfried Reininghaus (Hrsg.): Die Kabinettsprotokolle der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen 1970 bis 1975 (Siebte Wahlperiode). In: Veröffentlichungen des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen 27. eingel. u. bearb. (Fotos) von Martin Schlemmer. Düsseldorf 2009, ISBN 978-3-9805419-7-8.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Johannes Rau – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Geschichte(n) aus dem WDG, 1579–2004, hrsg. von Elke Brychta zum 425-jährigen Jubiläum, Wuppertal 2004, Persönliches Grußwort des Altpräsidenten, Seite 6
  2. die tageszeitung: Patrioterrorismus von Wiglaf Droste, 26. März 2004
  3. Trauerstaatsakt für Rau Bundesministerium des Inneren
  4. knerger.de: Grab von Johannes Rau
  5. Johannes Rau beim Landtag Nordrhein-Westfalen
  6. spiegel.de: Ein Fahrplan der Konjunktive (17. November 1997), Termine
  7. SPD-Spitze legt sich fest: Rau soll Bundespräsident werden, Berliner Zeitung vom 1. November 1998
  8. Johannes Rau: Berliner Rede 2000.
  9. Johannes Rau: Berliner Rede 2001
  10. Johannes Rau: Berliner Rede 2002
  11. Johannes Rau: Berliner Rede 2003
  12. Johannes Rau: Berliner Rede 2004
  13. Erklärung von Bundespräsident Johannes Rau zur Ausfertigung des Zuwanderungsgesetzes am 20. Juni 2002
  14. http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/fs20021218_2bvf000102.html
  15.  Stefan Berg, Georg Bönisch, Thomas Darnstädt, Barbara Schmid: Die rote Kasse der Genossen. In: Der Spiegel. Nr. 7, 2000 (14. Februar 2000, online).
  16. Jochen Staadt: Die SED im Bundestagswahlkampf 1986/87. in: Klaus Schroeder (Hrsg.), „Geschichte und Transformation des SED-Staates – Beiträge und Analysen“, Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin, Akademie Verlag, 1994, S.286-308.
  17. Wahlkampfhilfe aus Ostberlin, Focus Nr. 41 (1994), 9. Oktober 1994
  18. Die Flugaffäre von Anfang an, SPIEGEL vom 26. Januar 2000
  19. Geburtstagsparty über Staatskanzlei abgerechnet, SPIEGEL vom 2. Februar 2000
  20. WZ-Interview mit Christina Rau vom 25. Januar 2008 (online Zugriff Jan. 2011)
  21. Johannes-Rau-Gesellschaft gegründet Vorwärts vom 25. Januar 2011 online (Zugriff Jan. 2011)
  22. WZ Interview 2008
  23. Aufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 (PDF; 6,9 MB)