Lutz Eigendorf

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Lutz Eigendorf

Eigendorf (r.) 1975 im Trikot des BFC Dynamo

Spielerinformationen
Geburtstag 16. Juli 1956
Geburtsort Brandenburg an der HavelDDR
Sterbedatum 7. März 1983
Sterbeort BraunschweigBRD
Größe 182 cm
Position Mittelfeld
Vereine in der Jugend
bis 1970
1970–1974
Motor Süd Brandenburg
Berliner FC Dynamo
Vereine als Aktiver
Jahre Verein Spiele (Tore)1
1974–1979
1980–1982
1982–1983
Berliner FC Dynamo
1. FC Kaiserslautern
Eintracht Braunschweig
100 (7)
53 (7)
8 (2)
Nationalmannschaft
1978–1979 DDR 6 (3)
1 Angegeben sind nur Liga-Spiele.

Lutz Eigendorf (* 16. Juli 1956 in Brandenburg an der Havel; † 7. März 1983 in Braunschweig) war ein deutscher Fußballspieler. Der Defensivspieler, der gelegentlich auch als der „Beckenbauer der DDR“ bezeichnet wurde und sechs Länderspiele für die DDR-Nationalmannschaft bestritt, setzte sich im Frühjahr 1979 in die Bundesrepublik ab. Vier Jahre später kam Eigendorf bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Die nicht restlos geklärten Umstände des Unfalls nährten den Verdacht, Eigendorf sei vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) ermordet worden.[1] Von der Staatsanwaltschaft konnten jedoch keine objektiven Hinweise auf ein Fremdverschulden gefunden werden.

Inhaltsverzeichnis

Karriere im DDR-Fußball [Bearbeiten]

Eigendorf begann mit dem Fußballspielen bei Motor Süd Brandenburg. Von 1967 bis 1973 besuchte Lutz Eigendorf die Kinder- und Jugendsportschule „Werner Seelenbinder“ in Berlin und wechselte 1970 in die Jugend des DDR-Vorzeigeklub BFC Dynamo. Eine 1973 begonnene Ausbildung zum Elektromonteur brach er zugunsten seiner sportlichen Karriere ab. So bestritt er ab 1974 für den Berliner Fußballclub 100 Oberliga-Spiele, in denen er sieben Tore erzielte. 1974 wurde er für die UEFA-Auswahl nominiert. Der zuvor bereits in der Juniorenauswahl der DDR aktive Eigendorf debütierte am 30. August 1978 beim 2:2-Unentschieden gegen Bulgarien in der DDR-Nationalmannschaft, wobei er für beide Tore der DDR-Auswahl verantwortlich zeichnete.

Flucht und Karriere in der Bundesrepublik [Bearbeiten]

Am 20. März 1979 nutzte Eigendorf nach einem Freundschaftsspiel des BFC Dynamo beim 1. FC Kaiserslautern einen Stadtbummel in Gießen (damals die erste Anlaufstelle für DDR-Flüchtlinge in der Bundesrepublik), um sich von der Mannschaft abzusetzen. Er kehrte nach Kaiserslautern zurück, wo er sich als Spieler anwerben lassen wollte. Wegen des Vereinswechsels wurde Eigendorf von der UEFA für ein Jahr gesperrt, in dieser Zeit arbeitete er als Jugendtrainer beim 1. FC Kaiserslautern. Sein erstes Bundesligaspiel absolvierte er am 11. April 1980. In Folge seiner Flucht geriet Eigendorf ins Visier der Stasi und wurde im Rahmen der Operativen Vorgänge „Rose“ und „Verräter“ von bis zu 50 Hauptamtlichen und 20 Inoffizellen Mitarbeitern des MfS bearbeitet.[2][3]Auch seine in Berlin verbliebene Ehefrau Gabriele wurde zusammen mit der gemeinsamen Tochter unter ständige Beobachtung des Ministeriums für Staatssicherheit gestellt. Anwälte, die ebenfalls für das MfS arbeiteten, leiteten ein schnelles Scheidungsverfahren ein. Gabriele Eigendorf heiratete wieder. Wie sich später herausstellte, war der Mann ein „Romeo“, ein Agent des MfS, der Liebesverhältnisse zu verdächtigen Personen aufbauen und sie auf diese Weise bespitzeln sollte. Auch Eigendorf heiratete 1982 erneut; aus der Ehe ging ein Sohn hervor.

Im Juni 1982 wechselte er für die Ablösesumme von 400.000 D-Mark zu Eintracht Braunschweig, für die er am 20. November 1982 erstmalig auflief. Am 21. Februar 1983 veröffentlichte das ARD-Magazin Kontraste ein kritisches Interview Eigendorfs zur Lage des DDR-Fußballs.

Tod [Bearbeiten]

In der Nacht des 5. März 1983 wurde Eigendorf bei einem nicht restlos geklärten Verkehrsunfall im Braunschweiger Stadtteil Querum schwer verletzt und starb zwei Tage später. Entgegen den Zeugenaussagen von Vereinskollegen, nach denen Eigendorf am besagten Abend nur wenig Bier getrunken hatte, ergab die Analyse einer Blutprobe einen Blutalkoholgehalt von 2,2 Promille.[4] Der tatsächliche Wert dürfte noch höher gewesen sein, da Eigendorf auf Grund seines enormen Blutverlustes noch auf dem Weg ins Krankenhaus Infusionen erhielt.[5]

Bereits kurz nach dem Unfall gab der Spielerberater Holger Klemme damals anonym die Vermutung weiter, es sei auf den rechten Vorderreifen geschossen worden.[6] Andere anonyme Hinweise sprachen von einem Schuss durch die Windschutzscheibe. In einem anonymen Brief wurde behauptet, dass die Bremsen des Wagens von der Stasi manipuliert worden seien. Bei den daraufhin durchgeführten Untersuchungen des Unfallwagens konnten keine entsprechenden Anhaltspunkte gefunden werden.[6] 1990 wurde die Meldung bekannt, dass Eigendorf durch ein von der Stasi auf die Türklinke des Autos aufgetragenes „Kontaktgift“ innerhalb zehn Minuten fahruntüchtig gemacht worden wäre. Toxikologen ist allerdings kein derartig wirkendes Gift bekannt.[6] Eine Obduktion des Leichnams oder eine spätere Exhumierung zwecks Untersuchung auf eventuelle Giftstoffe wurde nicht vorgenommen.[7]

Einer anderen Theorie zufolge soll Eigendorf mit Alkoholspritzen behandelt und anschließend auf kurvenreicher Strecke geblendet worden sein.[2] In Unterlagen der MfS-Hauptabteilung XXII fand sich eine Notiz zu „Personengefährdungen“, in denen Eigendorf im Zusammenhang mit „Verblitzen“, „Unfallstatistiken“, „Ohnmacht“ und „Narkosemitteln“ erwähnt wird.[8]

Am 9. Februar 2010 sagte der ehemalige IM „Klaus Schlosser“ alias Karl-Heinz Felgner vor dem Düsseldorfer Landgericht in einem Prozess, in dem er wegen schweren Raubes zu sechseinhalb Jahren Haftstrafe verurteilt wurde, aus, dass er von der Stasi einen offiziellen Mordauftrag für Eigendorf erhalten, aber nicht ausgeführt habe.[9][4] Vermehrte Treffen mit seinem Führungsoffizier kurz vor dem Unfall sowie die Zahlung von Geldprämien sind dokumentiert,[10] die MfS-Akten der Jahre 1980 bis 1983 zu seiner Person gelten jedoch als verschwunden.[11] Der MfS-Mitarbeiter Oberstleutnant Heinz Heß, Abteilungsleiter für Sonderaufgaben der „Zentralen Koordinierungsgruppe“ (ZKG) und mit der Observation Eigendorfs befasst, wurde nie vernommen, obwohl dieser – ebenso wie Felgner[11] – am Todestag Eigendorfs eine Sonderprämie erhielt.[12]

Das Ermittlungsverfahren zum möglichen Mord an Lutz Eigendorf wurde von der Staatsanwaltschaft Berlin 2004 eingestellt.[7] Die Wiederaufnahme des Verfahrens lehnte die Staatsanwaltschaft Anfang 2011 ab, da sie keine objektiven Hinweise auf ein Fremdverschulden sah und Hinweise auf einen möglichen Auftragsmord nicht konkretisiert werden konnten.[9]

Literatur [Bearbeiten]

  • Heribert Schwan: Tod dem Verräter: Der lange Arm der Stasi und der Fall Lutz Eigendorf. Droemer Knaur Verlag, München 2000, ISBN 3-426-77516-6.
  • Jutta Braun, Rene Wiese: Der mysteriöse Tod des Lutz Eigendorf. In: Diethelm Blecking, Lorenz Peiffer (Hg.): Sportler im „Jahrhundert der Lager“. Profiteure, Widerständler und Opfer, Göttingen 2012, S. 299–304.
  • Ingolf Pleil: Mielke, Macht und Meisterschaft – Die ‚Bearbeitung‘ der Sportgemeinschaft Dynamo Dresden durch das MfS 1978–1989, Ch. Links Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-86153-235-2.

Film [Bearbeiten]

  • „Tod dem Verräter“, WDR-Dokumentation von Heribert Schwan, März 2000.[13]
  • „Im Netz der Stasi - Sonderauftrag Mord“, ZDF-Dokumentation von Heribert Schwan, September 2010

Weblinks [Bearbeiten]

 Commons: Lutz Eigendorf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. Vgl. Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur: Historischer Kalender, 7. März, zuletzt eingesehen am 29. April 2013.
  2. a b Vgl. Mitteldeutscher Rundfunk: DDR-Fußballer - Flucht als „Verrat“, eingesehen am 4. Juli 2011.
  3. Vgl. Braunschweiger Zeitung vom 20. Februar 2008: IM „Kroll“ kundschaftet Braunschweig aus, zuletzt eingesehen am 29. April 2013.
  4. a b Vgl. Deutschlandfunk vom 14. Februar 2010: Sportlermord im Auftrag der Stasi?, zuletzt eingesehen am 29. April 2013.
  5. Vgl. 11Freunde: „Eventuell vergiftet“ – Heute vor 30 Jahren: Warum starb Lutz Eigendorf?, zuletzt eingesehen am 29. April 2013.
  6. a b c Vgl. Der Spiegel 34/1990: Wir finden dich überall, S. 64–68.
  7. a b Vgl. Deutschlandfunk vom 3. März 2013: Die politische Brisanz falsch eingeschätzt – Zum 30. Todestag des Fußballers Lutz Eigendorf, zuletzt eingesehen am 29. April 2013.
  8. Vgl. MfS, HA XXII: Handschriftliches Dokument vom 19. September 1983, S. 22, dok. in: Heribert Schwan: Tod dem Verräter! Der lange Arm der Stasi und der Fall Lutz Eigendorf, München 2000, S. 263.
  9. a b Vgl. Braunschweiger Zeitung vom 8. Januar 2011: Eigendorfs Todesakte bleibt geschlossen, zuletzt eingesehen am 29. April 2013.
  10. Vgl. Kölner Stadtanzeiger vom 7. März 2013: Fall Lutz Eigendorf – Ungeklärter Tod eines DDR-Fußballers, zuletzt eingesehen am 29. April 2013.
  11. a b Vgl. Braunschweiger Zeitung vom 27. Februar 2008: Beweist dieses Dokument, dass Lutz Eigendorf ermordet wurde?, zuletzt eingesehen am 29. April 2013.
  12. Vgl. Frankfurter Rundschau vom 5. März 2013: DDR-Fußballstar Eigendorf – Gestorben für die Freiheit?, zuletzt eingesehen am 29. April 2013.
  13. Inhalt des Films beiddr-diktatur.de