Marina Abramović

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Marina Abramović (Wien 2012)

Marina Abramović Hon. RA (* 30. November 1946 in Belgrad) ist eine in Jugoslawien geborene Performance-Künstlerin mit internationalem Renommee.

Leben[Bearbeiten]

Marina Abramovićs Eltern waren Partisanen; ihre Mutter war Majorin der Armee, ihr Vater ein Nationalheld. Ihr Großvater Varnava Rosić war von 1930 bis 1937 Patriarch der Serbisch-Orthodoxen Kirche.[1]

Abramović studierte von 1965 bis 1970 Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Belgrad. Ab 1968 veröffentlichte sie Texte, Zeichnungen und konzeptuelle Arbeiten, ab 1973 zeigte sie künstlerische Performances.

Während der 1970er-Jahre lehrte sie an der Akademie der Bildenden Künste in Novi Sad, 1975 wirkte sie in einer Aufführung von Hermann Nitsch mit. Ab 1976 arbeitete sie mit ihrem Lebensgefährten Ulay zusammen, von dem sie sich 1989 trennte.

1990–1991 hatte Marina Abramović eine Gastprofessur an der Académie des Beaux-Arts in Paris und an der Hochschule der Künste in Berlin. Von 1992 bis 1996 war sie Professorin an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, von 1997 bis 2004 Professorin für Performance an der Hochschule für bildende Künste Braunschweig.[2][3]

In New York gründete sie die Independent Performance Group (IPG), ein Forum für aktuelle Performance-Kunst, um mit begabten jungen Künstlern und Künstlerinnen zusammenzuarbeiten.

Abramović lebte seit 1975 in Amsterdam, wo sie 1987 ein Haus kaufte, verbrachte aber mehr Zeit auf Reisen und Ausstellungen. Im Herbst 2005 zog sie von Amsterdam nach New York. Von 2005 bis zu 2009 war sie mit dem italienischen Bildhauer Paolo Canevari verheiratet.[4]

2007 wurde die Independent Performance Group aufgelöst und Abramović gründete die Marina Abramovic Foundation for Preservation of Performance Art.

2012 wurde sie in die Wettbewerbsjury der 69. Internationalen Filmfestspiele von Venedig berufen.

Werk[Bearbeiten]

Nach frühen existenziellen Performances zu Grenzbereichen des Körpers, die immer wieder mit Risiken operierten, begannen die Zusammenarbeit und die gemeinsamen Performances mit Ulay, mit dem sie nomadisch lebte. Zeitweise lebten sie bei Aborigines und bei Tibetern. Sie trennten sich in einer dreimonatigen Performance auf der chinesischen Mauer. Seitdem arbeitet Marina Abramović verstärkt objektbezogen.

1984 nahm sie an der Gruppenausstellung Von hier aus – Zwei Monate neue deutsche Kunst in Düsseldorf teil.

1997 erhielt sie den Goldenen Löwen der Biennale in Venedig für ihre Videoperformance-Installation Balkan Baroque, die im jugoslawischen Pavillon der Biennale stattfand und auf die serbisch-montenegrinische Abstammung der Künstlerin und den Balkankonflikt Bezug nimmt. Neben einem Triptychon aus Videoprojektionen war Abramović dort jeden Tag stundenlang damit beschäftigt, einen Berg frischer Rinderknochen mit einer Bürste zu reinigen, während sie Totenlieder aus ihrer Heimat sang.

Für die Arbeit Human Nests (2001) schlug sie sieben künstliche kleine Höhlen in die Wand eines Steinbruchs.[5] Von jeder Höhle hängt eine Strickleiter herab, so dass man sie zur Kontemplation nutzen kann. Gleichzeitig muss man jedoch darauf achten, nicht herunterzufallen, da die Aushöhlungen recht klein sind. So fühlt man sich in einer dieser Höhlen gleichzeitig geschützt und verunsichert.

In ihrer Arbeit The House with the Ocean View (2002) hatte die Künstlerin zwölf Tage und Nächte in der New Yorker Sean Kelly Gallery in drei nach vorne offenen, vom Publikum einsehbaren Räumen verbracht, wobei sie nur Mineralwasser zu sich nahm, aber nicht aß, sprach, schrieb oder las und nicht länger als sieben Stunden täglich schlief und dreimal täglich duschte.[6]

2003 wurde Abramović mit dem Bessie Award für The House with the Ocean View ausgezeichnet, und 2004 wurde ihr die Ehrendoktorwürde der School of the Art Institute of Chicago verliehen.[7]

Marina Abramović: Seven Easy Pieces (New York 2005)

2005 inszenierte sie Seven Easy Pieces im Solomon R. Guggenheim Museum, New York, und stieß damit eine Diskussion um die Wiederaufführbarkeit, den Erhalt kulturellen Wissens und den Schutz der Rechte der Performer als Produzenten an: Entgegen der Grundregel, eine Performance sei an den Körper des Performers gebunden und nicht wiederholbar, müssten sich die Performer mit der Wiederholbarkeit und Wiederaufführbarkeit auseinandersetzen, denn Performance sei ein ephemeres Medium der Produktion und des Austausches von kulturellem Wissen, dessen kulturelle und historische Bedeutung sonst verloren ginge. Eine Stabilisierung der Kunstform sei nötig, um in einer Welt der zunehmenden Digitalisierung und Austauschbarkeit kulturellen Wissens die Rechte der Künstler an ihren Leistungen gegen kommerzielle Ausbeutung und Entstellung durchzusetzen.[8] Seven Easy Pieces untersucht mit den Fragen der Wiederaufführung auch die des Schutzes der ephemeren Kunstform Performance. Die Arbeit ist eine siebentägige Aufführung sechs historischer, in den 1960er und 1970er Jahren wegweisender Performances und einer eigenen neuen Arbeit:

  • Wiederholungen von Performances anderer Künstler
Vito Acconci: Seed bed, 1972
Joseph Beuys: wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt, 1965
Valie Export: Aktionshose, Genitalpanik, 1969
Bruce Nauman: Body Pressure, 1974
Gina Pane: The Conditioning, 1973
  • Wiederholung einer eigenen Performance
Marina Abramović: Lips of Thomas, 1975
  • Neue eigene Performance
Marina Abramović: Entering the Other Side, 2005
Marina Abramović: The Artist is Present (MoMA 2010)

Im gleichen Jahr produzierte sie den Kunstfilm Balkan Erotic Epic, der sich mit Sexual- und Fruchtbarkeitsriten auf dem Balkan auseinandersetzt. In verschiedenen Einzelszenen erklärt Abramović verschiedene Riten, abwechselnd mit Szenen, bei denen beispielsweise Frauen ihre Brüste in die Sonne oder ihre Vulva in den Regen halten oder Männer im Freien masturbieren oder den Boden penetrieren.

2008 erhielt sie vom österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst.

Vom 14. März bis 31. Mai 2010 wurde im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) eine Retrospektive ihrer Arbeiten gezeigt. Gleichzeitig fand eine weitere Performance von ihr unter dem Titel The Artist is Present statt. Während der Öffnungszeiten der Ausstellung saß Abramović im Atrium des Museums an einem Tisch und schwieg, ihr gegenüber ein Stuhl, auf dem Besucher Platz nahmen. Nach 721 Stunden endete die Performance, nachdem 1565 Besucher, unter anderem Sharon Stone, Tilda Swinton, Björk, Lady Gaga, ihr früherer Partner Ulay[9] und andere ihr gegenüber gesessen hatten.[10] Die Vorbereitungen zu der Retrospektive und der Performance und die Geschehnisse im MoMA zeigt der 2012 erschienene Dokumentarfilm Marina Abramović: The Artist Is Present von Matthew Akers und Jeff Dupre.[11] Zu sehen sind Ausschnitte aus der Performance auch in dem Dokumentarfilm The Future of Art (2010).

Im Jahre 2013 entwarf Abramović das Bühnenbild für eine Neuproduktion des Boléro von Maurice Ravel. Die Inszenierung an der Pariser Garnier-Oper erfolgte durch Sidi Larbi Cherkaoui und Damien Jalet. Die Kostüme der Tänzer entwarf der italienische Modedesigner Riccardo Tisci vom Pariser Modehaus Givenchy.[12]

Im Jahr 2012 wurde sie als Ehrenmitglied der Royal Academy of Arts (Hon. RA) gewählt.[13]

Weitere Auszeichnungen[Bearbeiten]

Zitat[Bearbeiten]

„Art can only be done in destructive societies that have to be rebuilt.“

Marina Abramović: Janet A. Kaplan: Deeper and deeper – interview with Marina Abramovic[14]

Blu-ray-Veröffentlichung[Bearbeiten]

  • NFP Marketing & Distribution GmbH (Hrsg.): Marina Abramović. The Artist Is Present. Berlin 2013. (Laufzeit: 106 Minuten Sprache: Englisch mit deutschen Untertiteln Bonus: Deleted Scenes und 44-seitiges Booklet)

Literatur[Bearbeiten]

  • Marina Abramović. Kristine Stiles, Klaus Biesenbach, Chrissie Iles. London; New York, NY: Phaidon 2008, ISBN 978-0-7148-4802-0 (englisch)
  • Marina Abramovic, Student Body, Workshops 1979–2003, Performances 1993–2003, Edizioni Charta, Milano 2003, ISBN 88-8158-449-2.
  • Angeli Janhsen: Marina Abramović, in: Neue Kunst als Katalysator, Reimer Verlag, Berlin 2012, S. 49–57, ISBN 978-3-496-01459-1.
  • Mechtild Widrich, “Process and Authority. Marina Abramović’s 'Freeing the Horizon' and Documentarity,” Grey Room 47, May 2012: 80–97.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Marina Abramović – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Marina Abramović: The Biography of Biographies. Edizioni Charta, Milano 2004.
  2. kunstwissen.de Marina Abramovic (1946-)
  3. Gudrun Sachse: Die Mutter aller Schmerzen. In: NZZ Folio 1/2007
  4.  Jason Edward Kaufman: Warhol’s Factory without the drugs. In: The Art Newspaper. Jg. 2008, Nr. 186, 2008 (Online).
  5. Marina Abramović, Human Nests – 2001. Fundación Montenmedio Arte Contemporáneo (NMAC)
  6.  Marina Abramović: The Biography of Biographies. Edizioni Charta, Milano 2004, S. 97.
  7.  Marina Abramović: The Biography of Biographies. Edizioni Charta, Milano 2004, S. 123.
  8. Frieze Foundation Vortrag zur Wiederholbarkeit von Performances
  9. Marina Abramovic Meet Ulay auf Youtube, abgerufen am 7. März 2013
  10. >n.php?tab=2&source=/kulturzeit/tips/142840/index.html Schweigen für die Kunst. Marina Abramovic im New Yorker MoMA. 3sat-kulturzeit, 16. März 2010
  11. Website zum Film Marina Abramović: erfolgte durch The Artist Is Present (2012)
  12. Knochenmänner bezirzen dich zart in FAZ vom 7.Mai 2013, Seite 29
  13. Presseerklärung der Royal Academy of Arts zur Verleihung der Ehrenmitgliedschaft (PDF; 109 kB), abgerufen am 9. April 2013
  14. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatJanet A. Kaplan: Deeper and deeper: interview with Marina Abramovic. In: Art Journal, Summer 1999. BNET, Seite 5,2, abgerufen am 16.10.08 (englisch).