Mittlerer Westen

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Dieser Artikel erläutert die Region der USA, andere Bedeutungen siehe Mittlerer Westen (Begriffsklärung).
Mittlerer Westen der USA
Chicago ist die größte Stadt im Mittleren Westen
Landschaft des trockeneren, höher gelegenen, weniger bevölkerten Teils des Mittleren Westens (Nebraska)

Der Mittlere Westen (engl.: the Midwest) ist eine Region der USA. Der Name entstand im 19. Jahrhundert aus dem Bedürfnis, sich von der Ostküste abzugrenzen, daher „Westen“ – aber eben nicht so weit im Westen wie die damalige Frontier (Wilder Westen).

Inhaltsverzeichnis

Sozialer und politischer Charakter [Bearbeiten]

Dem Mittleren Westen wird im Volksmund eine besondere Bodenständigkeit nachgesagt (beispielhaft hierfür die Frage „Will it play in Peoria?“). Es wäre jedoch falsch, sich hier einen einheitlichen Konservatismus vorzustellen. So gehören zum Mittleren Westen auch gewerkschaftliche Hochburgen wie die Industriestädte Detroit und Cleveland, liberale Universitätsstädte wie Ann Arbor, Urbana und Madison und weltoffene Metropolen wie Chicago. Aufgrund dieser Vielfalt waren die Staaten des Mittleren Westens seit dem frühen 19. Jahrhundert auch Ursprungsort sehr unterschiedlicher politischer Bewegungen, die in den gesamten Vereinigten Staaten Einfluss gewannen. Zu den ersten zählten die Abolitionisten, die Gegner der Sklaverei, aus diesem Milieu entstammte etwa Abraham Lincoln. Um 1900 blühte vor allem im agrarisch geprägten Teil der Region westlich von Chicago die populistische Bewegung um William Jennings Bryan. Wisconsin war ein Hort der progressiven Reformbewegung des frühen 20. Jahrhunderts, die vor allem von Robert M. La Follette sr. getragen wurde; zur gleichen Zeit gehörte der aus Indiana stammende Eugene V. Debs zu den prägenden Figuren der sozialistischen Arbeiterbewegung. In der Zwischenkriegszeit war der Mittlere Westen eine Hochburg der Bewegung des Isolationismus, einflussreich waren hier die zahlreichen deutsch- und schwedischstämmigen Amerikaner. Viele progressive Reformen nahmen ihren Ausgang im Mittleren Westen, so schaffte Michigan die Todesstrafe bereits im 19. Jahrhundert ab und Illinois schaffte als erster US-Bundesstaat die Sodomiegesetzgebung ab. In jüngster Zeit kamen Politiker wie Richard Gephardt, John Conyers, Dennis Kucinich und Barack Obama aus dem Mittleren Westen. Insgesamt ist die politische Prägung also bis heute sehr verschiedenartig. Traditionell wird vor allem Missouri und in jüngerer Zeit Ohio die Rolle eines wahlentscheidenden Swing State zugewiesen, denn deren Bevölkerungsstruktur repräsentiert recht gut die der gesamten Vereinigten Staaten und gibt daher politische Trends gut wieder. Bei der Präsidentschaftswahl 2004 stimmten 8 von 12 Staaten des Mittleren Westens mehrheitlich für den republikanischen Amtsinhaber George W. Bush, 2008 7 von 12 für den Demokraten Barack Obama.

Abgrenzung [Bearbeiten]

Die Abgrenzung des Mittleren Westens ist nicht genau festgelegt. Gemäß der Einteilung des U. S. Census Bureau gehören folgende Bundesstaaten dazu:

North Dakota, South Dakota, Nebraska und Kansas werden dann zum Mittleren Westen gerechnet, wenn die angewandte Kategorisierung keine „Great Plains“ Region konstruiert. Meistens werden Missouri sowie gelegentlich auch Kentucky oder West Virginia als Staaten des Mittleren Westens betrachtet, alternativ werden sie zu den Südstaaten gezählt. (Sie gehörten den Konföderierten Staaten von Amerika nicht an, ließen aber bis zum Sezessionskrieg die Sklaverei zu.) Ganz selten wird auch von Pennsylvania als Staat des Mittleren Westens gesprochen, weil der Staat keine Küste zum Atlantischen Ozean aufweist, und ein Teil auch westlich der Appalachen liegt. Für das Gebiet um Pittsburgh und Erie ist diese Klassifizierung halbwegs nachvollziehbar, nicht aber für den Staat als Ganzes, da die östliche Hälfte um Philadelphia geschichtlich und geografisch mit dem Mittleren Westen so gut wie nichts gemein hat.

Geographie und Wirtschaft [Bearbeiten]

Skyline von Detroit, der zweitgrößten Stadt der Region

Das Gebiet des Mittleren Westens ist größtenteils durch die Gletschervorstöße verschiedener Eiszeitalter geprägt (Laurentidischer Eisschild). Vor allem in Michigan, Wisconsin und Minnesota entstanden dadurch viele Seen und das Terrain ist sowohl in Illinois und dem nördlichen Indiana, als auch in Ohio überwiegend eben. Zum Süden und Westen hin, wo die Gletscherzeiten länger zurückliegen, wird die Landschaft durch Erosion leicht hügeliger bis in die Täler der Ohio und Mississippi Rivers sowie die Shawnee Hills, die Ozark Mountains und die Badlands von South Dakota. Aufgrund der Gletscherperioden sind die Böden in dieser Region sehr fruchtbar. Sofern das Klima ausreichende Wachstumszeit zulässt, wird in dieser Region sehr intensiv Landwirtschaft (Getreide, Mais, Viehwirtschaft) betrieben. Der Mittlere Westen gilt daher als „Brotkorb der Nation“. Der nördliche Bereich von Minnesota, Wisconsin und Michigan ist aufgrund der langen Winter eher von Waldwirtschaft geprägt.

Die Städte der Region sind industriell geprägt. Hier gilt es vor allem die noch zum Rust Belt, dem traditionellen Schwerpunkt der amerikanischen Schwerindustrie, gehörende Region um die „Autostadt“ Detroit sowie Zulieferindustrie (Stahl, Reifen) rund um Cleveland zu nennen. Diese Städte waren stark vom industriellen Strukturwandel betroffen und haben daher mit Arbeitslosigkeit und sozialen Problemen zu kämpfen. Die Metropolregion Chicago verfügt über eine breitere wirtschaftliche Basis – neben der Stahlindustrie im südlichen Teil der Stadt (um Lake Calumet) und entlang des Calumet River (z. B. Gary), haben viele große Unternehmen ihren Hauptsitz in der Stadt und mit dem Chicago Board of Trade existiert hier ein wichtiger Umsatzplatz der Finanzwirtschaft. Die Stadt ist zudem ein wichtiger Knotenpunkt für den Straßen-, Eisenbahn- und Luftverkehr. Weitere wichtige Großstädte der Region sind Minneapolis, Indianapolis, St. Louis, Kansas City, Milwaukee, Columbus und Cincinnati. Auch kleinere Städte, wie Decatur oder Battle Creek, tragen zum industriellen Charakter der Region bei.

Bevölkerung [Bearbeiten]

Indianapolis ist die drittgrößte Stadt der Region

Im 19. Jahrhundert wies der Mittlere Westen eine sehr hohe Dichte deutschsprachiger Einwohner auf, in vielen Regionen stellten sie die Mehrheit. Auch heute noch finden sich dort die meisten Deutschamerikaner, jedoch im Sinne der Abstammung, nicht der Sprache. Rund ein Viertel der Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten gab bei der letzten Volkszählung im Jahre 2000 an, Deutschamerikaner zu sein, die meisten davon im Mittleren Westen.

Zwischen 1910 und 1930 wanderten viele Afroamerikaner aus den Südstaaten in die industrielle Großstädte des Mittleren Westens ein; auf dem Land gibt es jedoch, anders als in den Südstaaten, kaum afroamerikanische Bewohner.

Chicago als Millionenstadt war und ist ein häufiges Ziel für Einwanderer aus dem Ausland in die USA. So wohnen auch heute mehr Polen in Chicago als in irgendeiner anderen Stadt der Welt außer Warschau. Eingebürgerte Einwanderer aus Lateinamerika stellen die Mehrheit des 4. Kongressbezirks im Südwesten der Stadt, im Bezirk Albany Park werden zwei koreanische Zeitungen herausgegeben und es gibt einen koreanischsprachigen Fernsehsender.

Literatur [Bearbeiten]

  • Jürgen Scheunemann: USA. Ostküste, Mittlerer Westen, Südstaaten. Ein aktuelles Reisehandbuch mit 146 Abb. und 24 Kartenausschnitten. Nelles, München 2001, 255 S.
  • J. R. Shortridge (1985): The Vernacular Middle West. In: Annals of the Association of American Geographers, 75, S. 48–57.
    • Ausführliche Darstellung der Shortridge-Studie zur Entwicklung räumlicher Imagestrukturen („Wo liegt eigentlich der Mittlere Westen?“) und Darstellung durch Mental Maps, in: Peter Weichhart: Entwicklungslinien der Sozialgeographie. Von Hans Bobek bis Benno Werlen. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2008, S. 198–202.
  • Manfred Zirkel: Mensch und Mythos. Der mittlere Westen im Romanwerk von Wright Morris. Bouvier, Bonn 1977, 309 S.