Rudolf Schulten

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Rudolf Schulten

Rudolf Schulten (* 16. August 1923 in Oeding; † 27. April 1996 in Aachen) war ein deutscher Physiker und Nukleartechnologe,

Schulten war der Überzeugung, dass die Versorgung mit Elektrizität und Wärme langfristig nur unter Nutzung von Kernenergie und Sonnenenergie sicherzustellen ist.[1]

Schulten entwickelte das Kernkraftwerk mit Kugelhaufenreaktor, mit dem er eine effiziente und sichere Nutzung der Kernenergie glaubte möglich machen zu können, im Elektrizitäts- wie auch im Wärmemarkt.[2][3][4][5]

Inhaltsverzeichnis

Stationen [Bearbeiten]

Schulten studierte nach seiner Rückkehr aus dem Krieg, wo er verwundet wurde, von 1946 bis 1949 Mathematik und Physik an der Universität Bonn. Er wurde 1952 unter Werner Heisenberg und Richard Becker an der Universität Göttingen mit der Dissertation „Berechnungen der magnetischen Momente und Quadrupolmomente einiger leichter Kerne“ promoviert. [6] [7] Bis 1956 war er wissenschaftlicher Assistent bei Werner Heisenberg und Karl Wirtz am Max-Planck-Institut für Physik in Göttingen. Er gehörte der von Wirtz zusammengestellten Planungsgruppe für Reaktorkonstruktion an. 1953 hatte US-Präsident Dwight D. Eisenhower seine Rede Atoms for Peace gehalten.

Ab 1956 war Schulten in der Industrie bei Brown, Boveri & Cie (BBC) in Mannheim tätig, wo er Leiter der Abteilung Reaktorentwicklung wurde. 1957 bis 1961 war Schulten Geschäftsführer einer Arbeitsgemeinschaft von Brown, Boveri & Cie (BBC) und Fried. Krupp AG zur Planung eines Kernkraftwerks. Von 1961 bis 1964 war Schulten Geschäftsführer der Brown Boveri/Krupp Reaktorbau GmbH (BBK) in Mannheim. 1961 wurde Schulten Lehrbeauftragter für Reaktorphysik und Honorarprofessor an der Technischen Hochschule Karlsruhe.

Ab 1964 bis zu seiner Emeritierung 1989 war Schulten Ordinarius des Lehrstuhls für Reaktortechnik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und zugleich Direktor am Institut für Reaktorentwicklung der vormaligen KFA Kernforschungsanlage Jülich. Von 1973 bis 1974 war Schulten Dekan der Fakultät für Maschinenwesen und von 1983 bis 1985 Prorektor für Forschung und Technik, beides an der RWTH Aachen. Von 1969 bis 1985 war Schulten mit Unterbrechungen insgesamt acht Jahre Vorsitzender des Wissenschaftlich-Technischen Rates der KFA Jülich.

Von 1981 bis 1984 war Schulten Mitglied der Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) der deutschen Bundesregierung und der RSK-Ausschüsse „Leichtwasserreaktoren“ und „Hochtemperaturreaktoren“. Von 1958 bis 1995 war Schulten Mitglied des Herausgeberbeirats der „atw atomwirtschaft-atomtechnik, Internationale Zeitschrift für Kernenergie“.

Wirken [Bearbeiten]

Ab 1955 war Schulten mit der Planung des ersten deutschen Kernreaktors, des Forschungsreaktor 2, befasst, der bei der 1956 gegründeten Reaktorbau- und -betriebsgesellschaft mbH in Karlsruhe gebaut wurde. Deshalb hielt sich Schulten verschiedentlich in den USA auf, vor allem beim Oak Ridge National Laboratory. Dies geschah auch schon vor dem Deutschlandvertrag 1955, durch den der Bundesrepublik Deutschland Forschung und Entwicklung der friedlichen Nutzung der Kernenergie erlaubt wurde.

Rudolf Schulten (li) und Dr.-Ing. E.h. Werner Cautius im AVR-Leitstand

1956 stellte sich Schulten die Aufgabe, ein Kernkraftwerk der Leistungsgröße unter 100 MW für den kommunalen Energieversorger Stadtwerke Düsseldorf zu entwickeln. Sein Gegenüber dort war Werner Cautius, technischer Leiter der Elektrizitätswerke der Stadtwerke Düsseldorf. Cautius wünschte ein Kernkraftwerk mit Wirkungsgrad und Verfügbarkeit, wie sie bei fossilen Kraftwerken üblich sind. Für Schulten war die Lösung das Kernkraftwerk mit Hochtemperaturreaktor (HTR) in der Bauform des kontinuierlich betriebenen Kugelhaufenreaktors[8] mit Graphitkugeln, die zugleich Brennelementmatrix und Moderator sind, und mit Helium als Kühlmittel. Der Reaktorkern des Hochtemperaturreaktors sieht nur keramische Baumaterialien vor mit dem Potential, die Kernschmelze auszuschließen. Die Idee des Kugelhaufenreaktors hatte Farrington Daniels [9] in den 1940er-Jahren vorgestellt.[10][11] Schulten – noch nicht Mittdreißiger – hatte diese Idee bei seinen Besuchen in USA aufgegriffen. 1957 entschied sich Cautius auf Vorschlag von Schulten für ein Kernkraftwerk mit Kugelhaufenreaktor. Schulten war ab 1957 für die Planung und ab 1959 bis 1964 für den Bau des Kugelhaufenreaktor-Kernkraftwerks Versuchskernkraftwerk AVR [12] der Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH in Jülich in direkter Nähe der KFA Kernforschungsanlage Jülich verantwortlich. Gesellschafter der Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH waren 15 kommunale Elektrizitätsversorger [13] unter Führung der Stadtwerke Düsseldorf. Das Versuchskernkraftwerk AVR ging 1967 mit 15 MWel installierter Leistung in Betrieb. Bis zu seiner Außerbetriebnahme 1988 nahm Schulten wissenschaftlichen Einfluss auf den Betrieb, vor allem auf die Experimente an dem Versuchskernkraftwerk. So wurde auf Veranlassung von Schulten der AVR über zehn Jahre mit einer Austrittstemperatur des erhitzten Heliums von 950 °C betrieben.

Um der befürchteten Verknappung des natürlichen Kernbrennstoffs Uran-235 zu begegnen, verfolgte Schulten ab Anfang der 1960er-Jahre die Idee, den Kugelhaufenreaktor mit Thorium-232 als Brutreaktor zur Erzeugung des synthetischen Spaltstoffs Uran-233, einen Thorium-Hochtemperaturreaktor THTR, zu entwickeln.[14] Von 1965 bis 1970 war er für die THTR-Assoziation (EURATOM, BBK, KFA) der Leiter des Projektes Prototypreaktor THTR-300 [15], einem Kernkraftwerk mit Kugelhaufenreaktor mit 308 MWel installierter Leistung, gebaut in Hamm-Uentrop.[16] Eigentümer und Betreiber des THTR 300 war die Hochtemperatur-Kernkraftwerk GmbH (HKG) Gemeinsames Europäisches Unternehmen, ein Zusammenschluss der Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen AG (VEW) unter Klaus Knizia mit der Gemeinschaftskraftwerk Weser, ELEKTROMARK Kommunales Elektrizitätswerk Mark AG, Gemeinschaftswerk Hattingen, Stadtwerke Bremen AG und Stadtwerke Aachen AG. Der THTR diente vor allem der Erprobung von Großkomponenten für den Kugelhaufenreaktor. Schulten war mit seinem Institut bei der KFA Jülich maßgeblich an der physikalischen und technischen Auslegung des THTR beteiligt, auch an der Entscheidung, erstmalig einen Reaktordruckbehälter aus Spannbeton vorzusehen, bei dem ein Bersten ausgeschlossen ist. Schulten hatte keinen Einfluss auf die Termine der zögerlichen Bauphase des THTR, der erst 1985 Strom ins Verbundnetz lieferte, und er konnte die Außerbetriebnahme dieses Prototypkraftwerks in 1989 nach nur etwa drei Jahren Betrieb nicht verhindern.

In den 1970er Jahren untersuchte Schulten zum Erreichen hohen Abbrands, d. h. langer Verweildauer der Kugelbrennelemente im Kernreaktor, viele Varianten der Beschickung und der Brennstoffanreicherung des Kugelhaufenreaktors bis hin zur einmaligen Beschickung mit niedriger Anreicherung (OTTO-Prinzip, "Once-Through-Then-Out").[17] Schulten entwickelte Vorstellungen, wie ein Kernkraftwerk mit Kugelhaufenreaktor unterirdisch gebaut und betrieben werden kann, und er projektierte Kraft-Wärme-Kopplungs-Kraftwerke mit Kugelhaufenreaktor zur Erreichung sehr hohen Wirkungsgrads für die Versorgung mit Fernwärme in Ballungsräumen, für die Dampfversorgung der chemischen Großindustrie, für die Förderung von Erdöl und für die Meerwasserentsalzung. Während dieser Zeit war Schulten in die Entwicklung des HTR-Kernkraftwerks mit Heliumturbine (HHT-Projekt) im geschlossenen Gaskreislauf (Einkreisanlage) eingebunden.[18]

Beginnend in den 1960er-Jahren bis in die 1980er-Jahre entwickelte Schulten - bestärkt durch die Ölpreiskrisen 1973 und 1979/80 und die Feststellungen des Club of Rome zur Verknappung der Rohstoffe - Konzepte, wie die hochtemperaturige [19] Wärme aus dem Kugelhaufenreaktor als Prozesswärme zur Vergasung von Braunkohle und Steinkohle, auch von Biomasse, zum Einsatz kommen kann, um Synthesegas zu gewinnen für die Herstellung von Erdgas oder Methanol und für die Direktreduktion von Eisenerz [20][21]. Zudem entwickelte Schulten eine Technologie, die Kernenergie im Kugelhaufenreaktor in Chemische Energie von Gas umzuwandeln, um die Kernenergie mittels Gas zu transportieren und zu lagern und um damit das Problem der großtechnischen Speicherung von Elektrizität zu umgehen zu helfen (Projekt Nukleare Fernenergie: ADAM-EVA-Kreislaufprozess unter Zuhilfenahme der endothermen Methanspaltung einerseits und der exothermen Methanisierung andererseits mit dem Transport- und Speichermedium Synthesegas) [22]. Bis 1989 war Schulten aktives Mitglied des Lenkungsausschusses dieser Projekte. Schulten veranlasste zwei Versuchsanlagen zur Kohlevergasung, zwei Versuchsanlagen zum Kreislaufprozess des Energietransports mittels Gas (Methanspaltung und Methanisierung) und eine Versuchsanlage zur Herstellung von Treibstoff aus Erdgas [23]. Darüber hinaus leitete er an der RWTH Aachen den von ihm angeregten Sonderforschungsbereich „Nutzung der Prozesswärme aus Hochtemperaturreaktoren“ zur Erzeugung von Wasserstoff der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Bei diesen „Projekten der nuklearen Prozesswärme“ arbeiteten Schulten und seine Mitarbeiter bei der KFA Jülich und bei der RWTH Aachen mit allen namhaften deutschen Unternehmen der Kohle- und Gaswirtschaft sowie der Lieferindustrie von energetischer Großtechnik über viele Jahre zusammen [24].

Seit Ende der 1960er Jahre, angestoßen durch die Diskussion über ein Kernkraftwerk auf dem Gelände der BASF, und verstärkt 1979 nach dem Unfall des Kernkraftwerks Three Mile Island betonte Schulten, dass das Kernkraftwerk mit Kugelhaufenreaktor besonders gute Sicherheitsmerkmale habe. Diese waren für ihn vor allem begründet in der durch die Entwicklung der keramisch umhüllten Brennstoffpartikel (coated particals) erreichten, thermischen Unempfindlichkeit der Brennelemente des Kugelhaufenreaktors [25][26][27][28]. Schulten verstand die coated particles als robuste Mini-Containments, in denen das radioaktive Material – zergliedert in Mini-Mengen, somit in Mini-Risiken – "verpackt" ist. Schulten schlug vor, die Abfuhr der Nachzerfallswärme aus den Kugelbrennelementen durch Strahlung und Leitung zu erreichen, nicht durch aktive Kühlung, um eine Kernschmelze der Brennelemente durch Ausfall der aktiven Kühlung auszuschließen. Er konzipierte dafür eine entsprechend dimensionierte Anordnung der Brennelemente. Diese Erkenntnisse wurden in der Projektierung des Kernkraftwerks mit Kugelhaufenreaktor in der 200-MWel-Klasse (Modul) als Kraftwerk für dicht besiedelte Ballungsräume, im Sinne einer Weiterentwicklung des AVR, verwirklicht, die Schulten unterstützte wie auch die Übertragung der Sicherheitseigenschaften des Moduls auf Großkraftwerke [29]. Als weiteren Fortschritt in der Sicherheit von Kernkraftwerken führte Schulten beim THTR den Reaktordruckbehälter aus Spannbeton ein, der nicht bersten kann.

Bedeutung [Bearbeiten]

Rudolf Schulten eröffnete der Nutzung der Kernenergie neue Dimensionen. Er vertrat den Standpunkt, dass die Nutzung der Kernenergie in der Energiewirtschaft insgesamt erforderlich ist, somit nicht nur im Elektrizitätsmarkt, sondern auch im sehr viel größeren Wärmemarkt der Heiz- und Treibstoffe. Außerdem verwies er darauf, dass der Transport von Elektrizität (mit ihren Problemen bei der Speicherung) durch den Transport von Energie mittels Wasserstoff, auch Synthesegas (beide erzeugt unter Verwendung von Kernenergie) ersetzt werden sollte. Dabei galt für ihn das Postulat des sparsamen Umgangs mit Energieträgern auch für Kernbrennstoff. Schulten erkannte beim Kugelhaufenreaktor mit seinem hohen Wirkungsgrad und der Bereitstellung vom Hochtemperaturwärme ein technisches Potential, um den genannten Herausforderungen nachkommen zu können.

Durch Schultens Forschung und Entwicklung wurde bedeutsames Wissen zur Physik und Technik von Kernreaktoren sowie zur Werkstoffkunde und Verfahrenstechnik von Hochtemperaturprozessen erarbeitet.

Schulten hat einen Beitrag geleistet zum Verständnis, dass Forschung und Entwicklung von Großtechnologie eine gesamteuropäische Aufgabe ist. An der Entwicklung des Kugelhaufenreaktors, vor allem der Brennelemente, waren unter seiner geistigen Führung staatliche Institutionen und Unternehmen aus Groß-Britannien, Schweden, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Italien, der Schweiz und Deutschland beteiligt, wesentlich gefördert durch EURATOM.

Schulten hat mit seiner Vorgabe, die Sicherheit eines Kernkraftwerks soweit wie irgend möglich durch eine naturgesetzlich geprägte Auslegung, d.h. möglichst ohne technisch-aktive Einrichtungen zu gewährleisten, Maßstäbe für die Diskussion zur Sicherheit der Nutzung der Kernenergie gesetzt [30]. Schulten entwickelte und förderte Kernkraftwerke, bei denen eine Kernschmelze der Brennelemente und das Bersten des Reaktordruckbehälters unmöglich sind, auch unter Hinnahme von höheren Anlagekosten.

Schulten konnte bei der Entwicklung eines Kernkraftwerks mit Kugelhaufenreaktor das Versuchskernkraftwerk AVR und dem Prototypkernkraftwerk THTR, die beide seine Handschrift tragen, realisieren. Nicht möglich war es ihm, das Kernkraftwerk mit Kugelhaufenreaktor bis zur Marktreife zu entwickeln. Die überregionalen Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EVU) in Deutschland, allen voran die RWE AG (ehedem Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG) unter Heinrich Mandel, hatten sich zu Anfang der 1960er Jahre mit dem Leichtwasserreaktor angefreundet: nach der kommerziellen Inbetriebnahme des 24-MW-Kerkraftwerks Vallecitos mit Siedewasserreaktor, dessen Lieferant, Eigentümer und Betreiber General Electric war, und des 68-MW-Kernkraftwerks Shippingport mit Druckwasserreaktor, dessen Lieferant Westinghouse Electric war und dessen Eigner und Betreiber das Department of Energy und Duquense Light Pittsburgh waren, beides Anlagen in USA [31]. 1962 ging in Deutschland das 16-MW-Versuchskernkraftwerk in Kahl mit Siedewasserreaktor in Betrieb, dessen Lieferant Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) mit dem Lizenzgeber General Electric war und dessen Eigner und Betreiber RWE AG und Bayernwerk AG waren. Spätestens 1969 nach der Inbetriebnahme des 652-MWel-Kernkraftwerks Oyster Creek mit Siedewasserreaktor, USA, legten sich die überregionalen EVU endgültig auf Kernkraftwerke mit Leichtwasserreaktor fest, vor allem wegen seiner damals vergleichsweise günstigen Anlagekosten. Eine weitere, europäische Großtechnologie der Erzeugung von Elektrizität aus Kernenergie war bei den überregionalen EVU nicht erwünscht und bei den regionalen EVU nicht darstellbar, erst recht nicht eine solche mit damals höheren Anlagekosten, wie es beim Kernkraftwerk mit Kugelhaufenreaktor der Fall war. Obendrein kamen AVR [32] und THTR [33] mit ihren Inbetriebnahmen in 1967 und 1985 zu spät. Ein kommerzielles Demonstrationskernkraftwerk mit Kugelhaufenreaktor mit Thorium-Uran-Zyklus, das die beim Versuchskernkraftwerk AVR und beim Prototypkernkraftwerk THTR gesammelten Erfahrungen [34] [35] [36] [37] [38] [39] hätte berücksichtigen können, kam nicht zustande [40]. Dieser Entscheidung für den Leichtwasserreaktor folgte mehrheitlich auch die deutsche Lieferindustrie für Kraftwerke.

Schulten konnte die Machbarkeit der Einspeisung von Hochtemperaturwärme und Elektrizität aus dem Kugelhaufenreaktor in die technischen Prozesses der Vergasung von Kohle und der Spaltung von Methan und für den Transport und die Speicherung von Kernenergie mittels Synthesegas statt mit Elektrizität nachweisen. Prototypanlagen, gar Demonstrationsanlagen konnte Schulten nicht verwirklichen. Die Kohle- und Gaswirtschaft war nicht bereit, in solche Anlagen zu investieren [41]. Einer der Gründe war, dass während der Entwicklungen deutlich wurde, dass in Deutschland mehr Erdgas und Erdöl zu wirtschaftlich vertretbaren Preisen verfügbar sein würde, als ursprünglich angenommen.

Bis zu seinem Tod 1996 unterstützte Schulten das Engagement für den Kugelhaufenreaktor außerhalb Deutschlands, vor allem in der Volksrepublik China, wo seinerzeit die ersten Entscheidungen über den Ausbau der Versorgung mit Elektrizität und Erdgas getroffen wurden [42] .

Schon sehr früh wies Schulten daraufhin, dass der hochradioaktive Abfall der Kernkraftwerke kein Problem der Quantität, sondern ein Problem der Qualität ist. Deshalb hielt er eine oberirdische Zwischenlagerung bis zur endgültigen Erarbeitung von Methoden der Entsorgung für vertretbar. Er regte an, die Techniken Spallation und Transmutation zur Behandlung der hochaktiven Abfälle zusammen mit der Wiederaufarbeitung zu verfolgen und für die kommerzielle Nutzung zu entwickeln. Um allerdings die Risiken der erwähnten Prozesse zu vermeiden, auch das Risiko der Herstellung von Nuklearwaffen, sah Schulten für den Kugelhaufenreaktor ab Mitte der 1980er Jahre die direkte Endlagerung der kernenergetisch abgebrannten Kugelbrennelemente vor. Er wies nach, dass im Kugelhaufenreaktor bei langen Standzeiten der Brennelemente ein vertretbarer Brutfaktor erreicht werden kann und dass somit eine Wiederaufarbeitung zur Gewinnung des synthetischen Brennstoffs Uran-233, d.h. eine Weiterentwicklung des Thorex-Prozesses für Hochtemperaturrektoren, ähnlich dem PUREX-Prozess für Leichtwasserreaktoren, nicht erforderlich ist. Schulten vertrat die Ansicht, dass die Graphitkugeln mit ihren keramisch umhüllten Brennstoffpartikeln wegen deren Festigkeit und Dichtigkeit eine Endlagerung in geologischen Tiefen ohne Konditionierung zulassen.

Als Hochschullehrer betreute Schulten etwa 400 Diplomarbeiten und etwa 300 Dissertationen, letztere zum Teil von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seines Instituts bei der KFA Jülich oder der Industrie. Alle Arbeiten behandelten technische, physikalische oder wirtschaftliche Aufgabenstellungen im Zusammenhang mit einer effizienten und sicheren Nutzung der Kernenergie im Elektrizitäts- wie auch im Wärmemarkt.

Auszeichnungen [Bearbeiten]

Weblinks [Bearbeiten]

 Commons: Rudolf Schulten – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. Schulten, Rudolf: Energieversorgung der Welt - Die Fakten, in Heintzeler, Wolfgang; Werhahn, Hermann-Josef: "Energie und Gewissen", Seewald, 1981
  2. Cleve, Urban: Technik der Hochtemperaturreaktoren, 21. Tagung der KTG-Fachgruppe „Nutzen der Kerntechnik“ im KKW Biblis der RWE AG, 5. April 2009: http://buerger-fuer-technik.de/technik_der_hochtemperaturreak1.html
  3. Kirchner, Ulrich: Der Hochtemperaturreaktor - Konflikte, Interessen, Entscheidungen, Campus Verlag, Frankfurt/New York, Campus Forschung Band 667, 1991
  4. Kugeler, Kurt; Schulten, Rudolf: Hochtemperaturreaktortechnik, Heidelberg, Springer, 1989
  5. Kugeler, Kurt; Neis, Helmut; Ballensiefen, Günter: Fortschritte in der Energietechnik - Prof. Dr. Rudolf Schulten zum 70. Geburtstag, Monographien des Forschungszentrums Jülich, Band 8, 1993
  6. DISSERTATION zur Erlangung der Doktorwürde, der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Georg-August Universität in Göttingen vorgelegt von Rudolf Schulten (Referent Prof. Werner Heisenberg, Korreferent Prof. Richard Becker), Göttingen 1952, mündliche Prüfung 14. November 1952
  7. Zeitschrift Naturforschung, 1953, Vol. 8, Seite 759
  8. Pebble bed reactor
  9. Farrington Daniels
  10. Kirchner, Ulrich: Der Hochtemperaturreaktor - Konflikte, Interessen, Entscheidungen, Campus Verlag, Frankfurt/New York, Campus Forschung Band 667, 1991
  11. Daniels, Farrington: Neutronic reactor system, Patent US2809931, angemeldet 1945, erteilt 1957, http://www.freepatentsonline.com/2809931.pdf
  12. AVR reactor
  13. Stadtwerke Aachen AG, Stadt Bonn, Stadtwerke Bremen AG, Stadtwerke Düsseldorf AG, Stadtwerke Duisburg AG, Oberhessische Versorgungsbetriebe AG Friedberg, ELEKTROMARK Kommunales Elektrizitätswerk Mark AG Hagen, Elektrizitätswerk Wesertal GmbH Hameln, Stadtwerke Hannover AG, Elektrizitätswerk Minden-Ravensberg GmbH Herford, Städtische Werke Krefeld AG, Stadtwerke Mannheim AG, Landeshauptstadt München, Stadtwerke Würzburg AG, Wuppertaler Stadtwerke AG
  14. Schulten, Rudolf: Der Hochtemperaturreaktor als Brüter, atw atomwirtschaft-atomtechnik (Handelsblatt), 23 (1978), Seite 408
  15. THTR-300
  16. Knizia, Klaus: Der THTR-300 – Eine vertane Chance?, atw atomwirtschaft, Internationale Zeitschrift für Kernenergie, Jahrgang XLVII, 2002, Heft 2
  17. Maly, Vladimir; Schulten, Rudolf; Teuchert, Eberhard: Einweg-Kugelhaufenreaktor als Hochkonverter im Thoriumzyklus, atw Atomwirtschaft 19, 1974, Seite 601
  18. Krämer, Hermann; Harder, H.; Hennies, Hans-Henning: HTR-Weiterentwicklung zu Einkreisanlagen und für die Nutzung von Prozesswärme, atw Atomwirtschaft 19, 1974, Seite 390
  19. Ab 1975 war beim AVR die Austrittstemperatur des Kühlmittels Helium im Dauerbetrieb 950 °C (atw Atomwirtschaft 20, 1975, Seite 525)
  20. Schulten, Rudolf: Über die Anwendung von Hochtemperaturreaktoren zur Kohlevergasung, Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Heft 185, 1968
  21. Maly, Vladimir; Schulten, Rudolf; Teuchert, Eberhard: 500 MW(th)-Kugelhaufenreaktor für Prozeßwärme in Einwegbeschickung, atw Atomwirtschaft 17, 1972, Seite 216
  22. KFA Jülich; RBW Köln: Nukleare Fernenergie, zusammenfassender Bericht zum Projekt Nukleare Fernenergie (NFE), Jül-Spez-303, März 1985
  23. Verfondern, Karl (Editor): Nuclear Energy for Hydrogen Production, Schriften des Forschungszentrums Jülich, Band 58, 2007
  24. Fröhling, W.; Ballensiefen, G.: Special Issue on THE HIGH-TEMPERETURE REAKTOR AND NUCLEAR PROCESS HEAT APPLICATIONS", Nuclear Engineering and Design, Volume 78, No. 2, 1984, page 87 - 300
  25. Schulten, Rudolf; Bonnenberg, Heinrich: Brennelement und Schutzziele, VDI-Gesellschaft Energietechnik, Jahrbuch 91, 1991, Seite 175
  26. Nickel, Hubertus; Nabielek, Heinz; Pott, Günther; Mehner, Alfred Wilhelm: Long time experience with the development of HTR fuel elements in Germany, Nuclear Engineering and Design, Volume 217, Number 1, August 2002, pp141-151
  27. Nabielek, Heinz and Mitchell, Mark: Graphite and Ceramic Coated Particles for the HTR, in Advanced Materials for Sustainable Development, Ceramic Engineering and Science Proceedings, 2010, Volume 31 (eds H.-T. Lin, A. Gyekenyesi, L. An, S. Mathur and T. Ohji), John Wiley & Sons, Inc., Hoboken, NJ, USA. doi: 10.1002/9780470944080.ch7
  28. Fabrice Guittonneau: Développement de stratégies de gestion du combustibles HTR, Thèse de Doctorat Université de Nantes UFR Sciences et Techniques, Oktober 28, 2009
  29. Sun, Yuliang: Untersuchungen zur Uebertragung der Sicherheitseigenschaften des Modulreaktors auf einen großen Leistungsreaktor, Bericht der Kernforschungsanlage Jülich Juel-2585, Februar 1992
  30. Nachruf auf Rudolf Schulten, atw Atomwirtschaft 41, 1996, Seite 439
  31. OWT User's Home Pages, The History of Nuclear Power Safety, http://users.owt.com/smsrpm/nksafe/fifties.html
  32. AVR reactor
  33. THTR-300
  34. Moormann, Rainer: A safety re-evaluation of the AVR prototype pebble bed reactor operation and consequences for future reactors, Forschungszentrum Jülich, Jül-4275, 2008, http://juwel.fz-juelich.de:8080/dspace/bitstream/2128/3136/1/Juel_4275_Moormann.pdf
  35. Moormann, Rainer: ’’ AVR prototype pebble bed reactor: a safety re-evaluation of its operation and consequences for future reactors’’ , Kerntechnik, 74, 2009, Seite 1 – 2, http://juwel.fz-juelich.de:8080/dspace/bitstream/2128/3585/1/Moormann-Juwel.pdf
  36. Moormann, Rainer: PBR safety revisited, Nuclear Engineering International, April 1st, 2009, http://www.neimagazine.com/story.asp?storyCode=2052589
  37. Koster, Albert: Pebble Bed Reactor - Safety in perspective, Nuclear Engineering International, May 29th, 2009, http://www.neimagazine.com/story.asp?sectioncode=76&storyCode=2053102
  38. Bäumer, Rüdiger: THTR-300 - Erfahrungen mit einer fortschrittlichen Technologie, atomwirtschaft, Mai 1989, Seite 222-228
  39. Knizia, Klaus: Der THTR-300 - Eine vertane Chance?, atw, Jg. (2002) Heft 2 - Februar, Seite 1-8
  40. Kirchner, Ulrich: Der Hochtemperaturreaktor - Konflikte, Interessen, Entscheidungen, Campus Verlag, Frankfurt/New York, Campus Forschung Band 667, 1991
  41. Kirchner, Ulrich: Der Hochtemperaturreaktor - Konflikte, Interessen, Entscheidungen, Campus Verlag, Frankfurt/New York, Campus Forschung Band 667, 1991
  42. Baubeginn für Hochtemperatur-Demonstrationsreaktor in China, Nuklear Forum Schweiz, 2012: http://www.nuklearforum.ch/de/aktuell/e-bulletin/baubeginn-fuer-hochtemperatur-demonstrationsreaktor-china
  43. Kurzbiographie bei der Stiftung Werner-von-Siemens-Ring. Hier haben sich Druckfehler bei den Daten eingeschlichen, vor allem bei den Lebensdaten