Rudolf Schulten

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Rudolf Schulten (1993)

Rudolf Schulten (* 16. August 1923 in Oeding; † 27. April 1996 in Aachen)[1][2] war ein deutscher Physiker und Nukleartechnologe.

Schulten war der Überzeugung, dass die Versorgung mit Elektrizität und Wärme langfristig nur unter Nutzung von Kernenergie und Sonnenenergie sicherzustellen ist.[3] Dabei galt für ihn auch für Kernbrennstoff das Postulat des sparsamen Umgangs mit Energieträgern.

Schulten entwickelte das Kernkraftwerk mit Kugelhaufenreaktor, mit dem er eine effiziente und sichere Nutzung der Kernenergie im Elektrizitäts- wie auch im Wärmemarkt möglich machen wollte.[4][5][6][7]

Schulten schlug vor, den Transport von Elektrizität (mit ihren Problemen bei der Speicherung) durch den Transport von Energie mittels Wasserstoff, auch Synthesegas (beide erzeugt unter Verwendung von Kernenergie) zu ersetzen.

Stationen[Bearbeiten]

Schulten studierte nach seiner Rückkehr aus dem Krieg, wo er verwundet wurde, von 1946 bis 1949 Mathematik und Physik an der Universität Bonn. Er wurde 1952 unter Werner Heisenberg und Richard Becker an der Universität Göttingen mit der Dissertation „Berechnungen der magnetischen Momente und Quadrupolmomente einiger leichter Kerne“ promoviert.[8][9] Bis 1956 war er wissenschaftlicher Assistent bei Werner Heisenberg und Karl Wirtz am Max-Planck-Institut für Physik in Göttingen. Er gehörte der von Wirtz zusammengestellten Planungsgruppe für Reaktorkonstruktion an.

Ab 1956 war Schulten in der Industrie bei Brown, Boveri & Cie (BBC) in Mannheim tätig, wo er Leiter der Abteilung Reaktorentwicklung wurde. 1957 bis 1961 war Schulten Geschäftsführer einer Arbeitsgemeinschaft von Brown, Boveri & Cie (BBC) und Friedrich Krupp AG zur Planung eines Kernkraftwerks. Von 1961 bis 1964 war Schulten Geschäftsführer der Brown Boveri/Krupp Reaktorbau GmbH (BBK) in Mannheim. 1961 wurde Schulten Lehrbeauftragter für Reaktorphysik und Honorarprofessor an der Technischen Hochschule Karlsruhe.

Ab 1964 bis zu seiner Emeritierung 1989 war Schulten Ordinarius des Lehrstuhls für Reaktortechnik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und zugleich Direktor am Institut für Reaktorentwicklung der vormaligen KFA Kernforschungsanlage Jülich. Von 1973 bis 1974 war Schulten Dekan der Fakultät für Maschinenwesen und von 1983 bis 1985 Prorektor für Forschung und Technik, beides an der RWTH Aachen. Von 1969 bis 1985 war Schulten mit Unterbrechungen insgesamt acht Jahre Vorsitzender des Wissenschaftlich-Technischen Rates der KFA Jülich.

Von 1981 bis 1984 war Schulten Mitglied der Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) der deutschen Bundesregierung und der RSK-Ausschüsse „Leichtwasserreaktoren“ und „Hochtemperaturreaktoren“. Von 1958 bis 1995 war Schulten Mitglied des Herausgeberbeirats der „atw atomwirtschaft-atomtechnik, Internationale Zeitschrift für Kernenergie“.

Wirken[Bearbeiten]

Ab 1955 war Schulten mit der Planung des ersten deutschen Kernreaktors, des Forschungsreaktor 2, befasst, der bei der 1956 gegründeten Reaktorbau- und -betriebsgesellschaft mbH in Karlsruhe gebaut wurde. Deshalb hielt sich Schulten verschiedentlich in den USA auf, vor allem beim Oak Ridge National Laboratory. Dies geschah auch schon vor dem Deutschlandvertrag 1955, durch den der Bundesrepublik Deutschland Forschung und Entwicklung der friedlichen Nutzung der Kernenergie erlaubt wurde.

Rudolf Schulten (li) und Dr.-Ing. E.h. Werner Cautius im AVR-Leitstand

1956 stellte sich Schulten die Aufgabe, ein Kernkraftwerk der Leistungsgröße unter 100 MW für den kommunalen Energieversorger Stadtwerke Düsseldorf zu entwickeln. Sein Gegenüber dort war Werner Cautius, technischer Leiter der Elektrizitätswerke der Stadtwerke Düsseldorf. Cautius wünschte ein Kernkraftwerk mit Wirkungsgrad und Verfügbarkeit, wie sie bei fossilen Kraftwerken üblich sind. Für Schulten war die Lösung das Kernkraftwerk mit Hochtemperaturreaktor (HTR) in der Bauform des kontinuierlich betriebenen Kugelhaufenreaktors mit Graphitkugeln, die zugleich Brennelementmatrix und Moderator sind, und mit Helium als Kühlmittel. Der Reaktorkern des Hochtemperaturreaktors sieht nur keramische Baumaterialien vor, um eine Kernschmelze auszuschließen. Die Idee des Kugelhaufenreaktors hatte Farrington Daniels in den 1940er-Jahren vorgestellt.[10][11] Schulten hatte diese Idee bei seinen Besuchen bei Alvin Weinberg im Oak Ridge National Laboratory in USA aufgegriffen. 1957 entschied sich Cautius auf Vorschlag von Schulten für ein Kernkraftwerk mit Kugelhaufenreaktor. Schulten war ab 1957 für die Planung und ab 1959 bis 1964 für den Bau des Kugelhaufenreaktor-Kernkraftwerks Versuchskernkraftwerk AVR der Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH in Jülich in direkter Nähe der KFA Kernforschungsanlage Jülich verantwortlich. Gesellschafter der Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH waren 15 kommunale Elektrizitätsversorger[12] unter Führung der Stadtwerke Düsseldorf. Das Versuchskernkraftwerk AVR ging 1967 mit einer installierten elektrischen Leistung von 15 MW in Betrieb. Bis zu seiner Außerbetriebnahme 1988 nahm Schulten wissenschaftlichen Einfluss auf den Betrieb, vor allem auf die Experimente an dem Versuchskernkraftwerk. So wurde auf Veranlassung von Schulten der AVR über zehn Jahre mit einer Austrittstemperatur des erhitzten Heliums von 950 °C betrieben.

Um der befürchteten Verknappung des natürlichen Kernbrennstoffs Uran-235 zu begegnen, verfolgte Schulten ab Anfang der 1960er-Jahre die Idee des Thorium-Hochtemperaturreaktors THTR. Der Kugelhaufenreaktor sollte mit Thorium-232 als Brutreaktor zur Erzeugung des Spaltstoffs Uran-233 betrieben werden.[13] Von 1965 bis 1970 war er für die THTR-Assoziation (EURATOM, BBK, KFA) der Leiter des Projektes Prototypreaktor THTR-300, einem Kernkraftwerk mit Kugelhaufenreaktor mit einer elektrischen Leistung von 308 MW, gebaut in Hamm-Uentrop.[14] Eigentümer und Betreiber des THTR 300 war die Hochtemperatur-Kernkraftwerk GmbH (HKG) Gemeinsames Europäisches Unternehmen, ein Zusammenschluss der Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen AG (VEW) unter Klaus Knizia mit der Gemeinschaftskraftwerk Weser, ELEKTROMARK Kommunales Elektrizitätswerk Mark AG, Gemeinschaftswerk Hattingen, Stadtwerke Bremen AG und Stadtwerke Aachen AG. Der THTR diente vor allem der Erprobung von Großkomponenten für den Kugelhaufenreaktor; der THTR war somit im Grunde auch ein Versuchskernkraftwerk. Schulten war mit seinem Institut bei der KFA Jülich maßgeblich an der physikalischen und technischen Auslegung des THTR beteiligt, auch an der Entscheidung, erstmals einen Reaktordruckbehälter aus Spannbeton vorzusehen, um ein Bersten auszuschließen. Schulten hatte keinen Einfluss auf die Termine der zögerlichen Bauphase des THTR, der erst 1985 Strom ins Verbundnetz lieferte, und er konnte die Außerbetriebnahme dieses Prototypkraftwerks 1989 nach nur etwa drei Jahren Betrieb nicht verhindern.

In den 1970er Jahren untersuchte Schulten zum Erreichen hohen Abbrands, d. h. langer Verweildauer der Kugelbrennelemente im Kernreaktor, viele Varianten der Beschickung und der Brennstoffanreicherung des Kugelhaufenreaktors bis hin zur einmaligen Beschickung mit niedriger Anreicherung (OTTO-Prinzip, „Once-Through-Then-Out“).[15] Schulten entwickelte Vorstellungen, wie ein Kernkraftwerk mit Kugelhaufenreaktor unterirdisch gebaut und betrieben werden kann, und er projektierte Kraft-Wärme-Kopplungs-Kraftwerke mit Kugelhaufenreaktor zur Erreichung sehr hoher Wirkungsgrade für die Versorgung mit Fernwärme in Ballungsräumen, für die Dampfversorgung der chemischen Großindustrie, für die Förderung von Erdöl und für die Meerwasserentsalzung. Während dieser Zeit war Schulten in die Entwicklung des HTR-Kernkraftwerks mit Heliumturbine (HHT-Projekt) im geschlossenen Gaskreislauf (Einkreisanlage) trotz seiner Vorbehalte bezüglich der technischen Machbarkeit eingebunden.[16]

Beginnend in den 1960er-Jahren bis in die 1980er-Jahre entwickelte Schulten – bestärkt durch die Ölpreiskrisen 1973 und 1979/80 und die Feststellungen des Club of Rome zur Verknappung der Rohstoffe – Konzepte, wie die hochtemperaturige[17] Wärme aus dem Kugelhaufenreaktor als Prozesswärme zur Vergasung von Braunkohle und Steinkohle, auch von Biomasse, zum Einsatz kommen kann. Ziel war die Gewinnung von Synthesegas für die Herstellung von Erdgas oder Methanol und für die Direktreduktion von Eisenerz.[18][19] Zudem entwickelte Schulten eine Technologie, die Kernenergie im Kugelhaufenreaktor in Chemische Energie von Gas umzuwandeln, um die Kernenergie mittels Gas zu transportieren und zu lagern und um damit das Problem der großtechnischen Speicherung von Elektrizität zu umgehen zu helfen (Projekt Nukleare Fernenergie: ADAM-EVA-Kreislaufprozess unter Zuhilfenahme der endothermen Methanspaltung einerseits und der exothermen Methanisierung andererseits mit dem Transport- und Speichermedium Synthesegas).[20] Bis 1989 war Schulten aktives Mitglied des Lenkungsausschusses dieser Projekte. Schulten veranlasste zwei Versuchsanlagen zur Kohlevergasung, zwei Versuchsanlagen zum Kreislaufprozess des Energietransports mittels Gas (Methanspaltung und Methanisierung) und eine Versuchsanlage zur Herstellung von Treibstoff aus Erdgas.[21] Darüber hinaus leitete er an der RWTH Aachen den von ihm angeregten Sonderforschungsbereich „Nutzung der Prozesswärme aus Hochtemperaturreaktoren“ zur Erzeugung von Wasserstoff der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Bei diesen „Projekten der nuklearen Prozesswärme“ arbeiteten Schulten und seine Mitarbeiter bei der KFA Jülich und bei der RWTH Aachen mit allen namhaften deutschen Unternehmen der Kohle- und Gaswirtschaft sowie der Lieferindustrie von energetischer Großtechnik über viele Jahre zusammen.[22]

Seit Ende der 1960er Jahre, angestoßen durch die Diskussion über ein Kernkraftwerk auf dem Gelände der BASF, und verstärkt 1979 nach dem Unfall des Kernkraftwerks Three Mile Island betonte Schulten, dass das Kernkraftwerk mit Kugelhaufenreaktor besonders gute Sicherheitsmerkmale habe. Diese waren für ihn vor allem begründet in der thermischen Unempfindlichkeit der Brennelemente des Kugelhaufenreaktors durch die keramisch umhüllten Brennstoffpartikel (englisch coated particles).[23][24][25][26] Schulten verstand die coated particles als robuste Mini-Containments, in denen das radioaktive Material – zergliedert in Mini-Mengen, somit in Mini-Risiken – „verpackt“ ist. Schulten schlug vor, die Abfuhr der Nachzerfallswärme aus den Kugelbrennelementen durch Strahlung und Leitung zu erreichen, nicht durch aktive Kühlung, um eine Kernschmelze der Brennelemente durch Ausfall der aktiven Kühlung auszuschließen. Er konzipierte dafür eine entsprechend dimensionierte Anordnung der Brennelemente. Diese Erkenntnisse wurden in der Projektierung des Kernkraftwerks mit Kugelhaufenreaktor in der 200-MW-Klasse als HTR-Modul für dicht besiedelte Ballungsräume verwirklicht. Schulten unterstützte das wie auch die Übertragung der Sicherheitseigenschaften des Moduls auf Großkraftwerke.[27]

Bedeutung[Bearbeiten]

Rudolf Schulten

Durch Schultens Forschung und Entwicklung wurde bedeutsames Wissen zur Physik und Technik von Kernreaktoren sowie zur Werkstoffkunde und Verfahrenstechnik von Hochtemperaturprozessen erarbeitet. An der Entwicklung des Kugelhaufenreaktors, vor allem der Brennelemente, waren unter seiner geistigen Führung staatliche Institutionen und Unternehmen aus Vereinigtem Königreich, Schweden, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Italien, der Schweiz und Deutschland beteiligt, wesentlich gefördert durch EURATOM.

Schulten hat mit seiner Vorgabe, die Sicherheit eines Kernkraftwerks so weit wie irgend möglich durch eine naturgesetzlich geprägte Auslegung zu gewährleisten, d. h. möglichst ohne technisch-aktive Einrichtungen, Maßstäbe für die Diskussion zur Sicherheit der Nutzung der Kernenergie gesetzt.[28] Er forderte Kernkraftwerke, bei denen eine Freisetzung ihres radioaktiven Inventars aus welchen Gründen auch immer nicht nur unwahrscheinlich, sondern auch unmöglich ist und ein Bersten des Reaktordruckbehälters ausgeschlossen werden kann. Schulten glaubte, diese Forderungen mit dem Kugelhaufenreaktor erfüllen zu können.

Schulten konnte bei der Entwicklung eines Kernkraftwerks mit Kugelhaufenreaktor das Versuchskernkraftwerk AVR und dem Prototypkernkraftwerk THTR, die beide seine Handschrift tragen, realisieren. Nicht möglich war es ihm, das Kernkraftwerk mit Kugelhaufenreaktor bis zur Marktreife zu entwickeln. Die überregionalen Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EVU) in Deutschland, allen voran die RWE AG (ehedem Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG) unter Heinrich Mandel, hatten sich zu Anfang der 1960er Jahre mit dem Leichtwasserreaktor angefreundet. Spätestens 1969 nach der Inbetriebnahme des 652-MWel-Kernkraftwerks Oyster Creek mit Siedewasserreaktor, USA, legten sich die überregionalen EVU endgültig auf Kernkraftwerke mit Leichtwasserreaktor fest, vor allem wegen seiner damals vergleichsweise günstigen Anlagekosten. Nach Einschätzung von HTR-Befürwortern war eine weitere, europäische Großtechnologie der Erzeugung von Elektrizität aus Kernenergie bei den überregionalen EVU nicht erwünscht und bei den regionalen EVU nicht darstellbar, erst recht nicht eine solche mit damals höheren Anlagekosten, wie es beim Kernkraftwerk mit Kugelhaufenreaktor der Fall war. Eine Ausnahme bildete das EVU Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen AG (VEW), für das „die erfolgreiche Inbetriebnahme und der erfolgreiche Betrieb des THTR-300“ eine Voraussetzung für seine „positive Entscheidung“ zum HTR seien.[29] Die schlechten Betriebserfahrungen mit dem THTR-300 und seine dadurch bedingt frühe Stilllegung haben zusätzlich bewirkt, dass das Interesse am HTR schwand. Obendrein kamen AVR und THTR mit ihren Inbetriebnahmen in den Jahren 1967 und 1985 zu spät. Ein kommerzielles Demonstrationskernkraftwerk mit Kugelhaufenreaktor mit Thorium-Uran-Zyklus, das die beim Versuchskernkraftwerk AVR und beim Prototypkernkraftwerk THTR gesammelten Erfahrungen[30] [31] [32][33][34][35] hätte berücksichtigen können, kam nicht zustande.[36].

Schulten konnte die Machbarkeit der Einspeisung von Hochtemperaturwärme und Elektrizität aus dem Kugelhaufenreaktor in die technischen Prozesses der Vergasung von Kohle und der Spaltung von Methan und für den Transport und die Speicherung von Kernenergie mittels Synthesegas statt mit Elektrizität nachweisen. Prototypanlagen, gar Demonstrationsanlagen konnte Schulten nicht verwirklichen. Die Kohle- und Gaswirtschaft war nicht bereit, in solche Anlagen zu investieren.[37]

Nachdem die Kraftwerke mit Kugelhaufenreaktor AVR und THTR Ende der 1980er-Jahre abgestellt wurden, war Schulten international beratend und publizistisch tätig. Bis zu seinem Tod 1996 unterstützte Schulten das Engagement für den Kugelhaufenreaktor außerhalb Deutschlands, vor allem in der Volksrepublik China, wo seinerzeit die ersten Entscheidungen über den Ausbau der Versorgung mit Elektrizität und Erdgas getroffen wurden.[38] Diese Aktivität wurde nicht durch die "Erklärung zu China" des Europäischen Rats vom Juni 1989 mit seinem Militär-Embargo eingeschränkt.[39] An der Tsinghua Universität in Beijing wurde Ende der 1990er-Jahre der Testreaktor HTR-10 mit 10 MW thermischer Leistung nach der bei Siemens entwickelten Konzeption des HTR-Modul gebaut; er diente vor allem umfangreichen Sicherheitstests.[40] Seit 2012 befindet sich eine Doppelblockanlage mit zwei Kugelhaufenreaktoren (auch HTR-Modul) mit je 250 MW thermischer Leistung auf einen gemeinsamen Turbosatz mit 211 MW installierter elektrischer Leistung am Standort Shidaowan, nahe der Küstenstadt Rongcheng in der ostchinesischen Provinz Shandong, im Bau. Sie soll 2016 in Betrieb gehen.[41][42][43] Seit 1982 informierte Schulten Südafrika unter der Apartheid-Regierung über den Kugelhaufenreaktor. Lieferanten von kerntechnischen Anlagen waren während des internationalen Waffen-Embargos von 1963 und des internationalen Öl-Embargos von 1987 gegenüber Südafrika nicht bereit zu einer Zusammenarbeit.[44] 1990 kam eine Studie der südafrikanischen Regierung zur Frage, ob der Kugelhaufenreaktor wegen seines geräuscharmen Betriebs als Antrieb für U-Boote, auch zur Unterstützung der damals vorhandenen atomaren Bewaffnung des Landes, in Frage kommt, zu dem Ergebnis, dass wegen der niedrigen Leistungsdichte und des damit verbundenen großen Bauvolumens dieser Reaktor dafür nicht geeignet ist.[45][46] Das bestätigte die Entwicklung in anderen Ländern, nämlich dass sich vor allem der kompakte Leichtwasserreaktor als Energiequelle für U-Boote anbietet, allerdings unter Hinnahme seines Sicherheitsdefizits [47]. Mit Ende des Apartheid-Regimes 1993/94 entstand in Südafrika das zivile Reaktorprojekt PBMR eines Kugelhaufenreaktors mit Heliumturbine im Direktkreislauf. Das Projekt wurde 2010 wegen seiner angezweifelten Machbarkeit und einer nicht darstellbaren Finanzierung beendet. Schulten veröffentlichte u.a. in den Druckschriften der umstrittenen LaRouche-Bewegung. [48] Diese betreibt seitdem wiederholt Werbung für den Kugelhaufenreaktor.

Schon sehr früh wies Schulten daraufhin, dass der hochradioaktive Abfall der Kernkraftwerke kein Problem der Quantität, sondern ein Problem der Qualität ist. Deshalb hielt er eine oberirdische Zwischenlagerung bis zur endgültigen Erarbeitung von Methoden der Entsorgung sicherheitstechnisch für lösbar und wirtschaftlich für vertretbar. Er regte an, für Leichtwassereaktoren die physikalischen Prozesse Spallation und Transmutation zur Behandlung der hochaktiven Abfälle in Kombination mit der chemischen Wiederaufarbeitung zur Gewinnung des erbrüteten Plutoniums zu verfolgen und für die kommerzielle Nutzung zu entwickeln, unter Hinnahme der betrieblichen und sicherheitstechnischen Risiken solcher Anlagen, die hochradioaktives Material in physikalischen und chemischen Prozessen verarbeiten. Im Sinne eines übergeordneten Sicherheitskonzepts des gesamten Brennstoffkreislaufs von der Anreicherung über den Kernreaktor bis zur Entsorgung der nuklearen Abfälle, aber auch um die Gewinnung von Material für Nuklearwaffen aus den kernenergetisch abgebrannten Brennelementen unmöglich zu machen, verwies Schulten ab Mitte der 1980er-Jahre auf das Potenzial des Kugelhaufenreaktors, die kernenergetisch abgebrannten Kugelbrennelemente ohne Zerlegung, d.h. in Gänze endzulagern. Er wies nach, dass im Kugelhaufenreaktor bei langen Standzeiten der Brennelemente eine Wiederaufarbeitung zur Gewinnung des Brennstoffs Uran-233, d.h. eine Weiterentwicklung des Thorex-Prozesses für Hochtemperaturrektoren, ähnlich dem PUREX-Prozess für Leichtwasserreaktoren, nicht erforderlich ist. Schulten vertrat die Ansicht, dass die Graphitkugeln mit ihren keramisch umhüllten Brennstoffpartikeln wegen deren Festigkeit und Dichtigkeit eine Endlagerung in großen, geologischen Tiefen von etlichen 1000 Metern, somit weit entfernt von der Biosphäre, ohne Behandlung zulassen. Ein Vergleich der Kosten der direkten Endlagerung der Graphitkugeln mit dem kerntechnisch abgebrannten Brennstoff beim HTR einerseits und der Endlagerung des kerntechnisch abgebrannten Brennstoffs nach physikalisch-chemischer Behandlung beim LWR andererseits, jeweils unter Berücksichtigung der Risiken, fand nicht statt.

Als Hochschullehrer betreute Schulten etwa 400 Diplomarbeiten und etwa 300 Dissertationen, letztere zum Teil von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seines Instituts bei der KFA Jülich oder der Industrie. Alle Arbeiten behandelten technische, physikalische oder wirtschaftliche Aufgabenstellungen im Zusammenhang mit einer effizienten und sicheren Nutzung der Kernenergie im Elektrizitäts- wie auch im Wärmemarkt.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten]

  • mit Kurt Kugeler: Hochtemperaturreaktortechnik, Springer Verlag 1989
  • mit Wernfried Güth: Reaktorphysik, 2 Bände, Bibliographisches Institut Mannheim, BI Hochschultaschenbücher 1960, 1962 (Band 1: Der Reaktor im stationären Betrieb, Band 2: Der Reaktor im nichtstationären Betrieb)

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rudolf Schulten – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lebensdaten im Munzinger
  2. Kurzvita der Stiftung Werner-von-Siemens-Ring
  3. Schulten, Rudolf: Energieversorgung der Welt – Die Fakten, in Heintzeler, Wolfgang; Werhahn, Hermann-Josef: „Energie und Gewissen“, Seewald, 1981
  4. Cleve, Urban: Technik der Hochtemperaturreaktoren, 21. Tagung der KTG-Fachgruppe „Nutzen der Kerntechnik“ im KKW Biblis der RWE AG, 5. April 2009.
  5. Kirchner, Ulrich: Der Hochtemperaturreaktor – Konflikte, Interessen, Entscheidungen, Campus Verlag, Frankfurt/New York, Campus Forschung Band 667, 1991
  6. Kugeler, Kurt; Schulten, Rudolf: Hochtemperaturreaktortechnik, Heidelberg, Springer, 1989
  7. Kugeler, Kurt; Neis, Helmut; Ballensiefen, Günter: Fortschritte in der Energietechnik – Prof. Dr. Rudolf Schulten zum 70. Geburtstag, Monographien des Forschungszentrums Jülich, Band 8, 1993
  8. DISSERTATION zur Erlangung der Doktorwürde, der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Georg-August Universität in Göttingen vorgelegt von Rudolf Schulten (Referent Prof. Werner Heisenberg, Korreferent Prof. Richard Becker), Göttingen 1952, mündliche Prüfung 14. November 1952
  9. Zeitschrift Naturforschung, 1953, Vol. 8, Seite 759
  10. Kirchner, Ulrich: Der Hochtemperaturreaktor – Konflikte, Interessen, Entscheidungen, Campus Verlag, Frankfurt/New York, Campus Forschung Band 667, 1991
  11. Daniels, Farrington: Neutronic reactor system, Patent US2809931, angemeldet 1945, erteilt 1957.
  12. Stadtwerke Aachen AG, Stadt Bonn, Stadtwerke Bremen AG, Stadtwerke Düsseldorf AG, Stadtwerke Duisburg AG, Oberhessische Versorgungsbetriebe AG Friedberg, ELEKTROMARK Kommunales Elektrizitätswerk Mark AG Hagen, Elektrizitätswerk Wesertal GmbH Hameln, Stadtwerke Hannover AG, Elektrizitätswerk Minden-Ravensberg GmbH Herford, Städtische Werke Krefeld AG, Stadtwerke Mannheim AG, Landeshauptstadt München, Stadtwerke Würzburg AG, Wuppertaler Stadtwerke AG
  13. Schulten, Rudolf: Der Hochtemperaturreaktor als Brüter, atw atomwirtschaft-atomtechnik (Handelsblatt), 23 (1978), Seite 408
  14. Knizia, Klaus: Der THTR-300 – Eine vertane Chance?, atw atomwirtschaft, Internationale Zeitschrift für Kernenergie, Jahrgang XLVII, 2002, Heft 2
  15. Maly, Vladimir; Schulten, Rudolf; Teuchert, Eberhard: Einweg-Kugelhaufenreaktor als Hochkonverter im Thoriumzyklus, atw Atomwirtschaft 19, 1974, Seite 601
  16. Krämer, Hermann; Harder, H.; Hennies, Hans-Henning: HTR-Weiterentwicklung zu Einkreisanlagen und für die Nutzung von Prozesswärme, atw Atomwirtschaft 19, 1974, Seite 390
  17. Ab 1975 war beim AVR die Austrittstemperatur des Kühlmittels Helium im Dauerbetrieb 950 °C (atw Atomwirtschaft 20, 1975, Seite 525)
  18. Schulten, Rudolf: Über die Anwendung von Hochtemperaturreaktoren zur Kohlevergasung, Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Heft 185, 1968
  19. Maly, Vladimir; Schulten, Rudolf; Teuchert, Eberhard: 500 MW(th)-Kugelhaufenreaktor für Prozeßwärme in Einwegbeschickung, atw Atomwirtschaft 17, 1972, Seite 216
  20. KFA Jülich; RBW Köln: Nukleare Fernenergie, zusammenfassender Bericht zum Projekt Nukleare Fernenergie (NFE), Jül-Spez-303, März 1985
  21. Verfondern, Karl (Editor): Nuclear Energy for Hydrogen Production, Schriften des Forschungszentrums Jülich, Band 58, 2007
  22. Fröhling, W.; Ballensiefen, G.: Special Issue on THE HIGH-TEMPERETURE REAKTOR AND NUCLEAR PROCESS HEAT APPLICATIONS, Nuclear Engineering and Design, Volume 78, No. 2, 1984, page 87 – 300
  23. Schulten, Rudolf; Bonnenberg, Heinrich: Brennelement und Schutzziele, VDI-Gesellschaft Energietechnik, Jahrbuch 91, 1991, Seite 175
  24. Nickel, Hubertus; Nabielek, Heinz; Pott, Günther; Mehner, Alfred Wilhelm: Long time experience with the development of HTR fuel elements in Germany, Nuclear Engineering and Design, Volume 217, Number 1, August 2002, pp141-151
  25. Nabielek, Heinz and Mitchell, Mark: Graphite and Ceramic Coated Particles for the HTR, in Advanced Materials for Sustainable Development, Ceramic Engineering and Science Proceedings, 2010, Volume 31 (eds H.-T. Lin, A. Gyekenyesi, L. An, S. Mathur and T. Ohji), John Wiley & Sons, Inc., Hoboken, NJ, USA. doi: 10.1002/9780470944080.ch7
  26. Fabrice Guittonneau: Développement de stratégies de gestion du combustibles HTR, Thèse de Doctorat Université de Nantes UFR Sciences et Techniques, Oktober 28, 2009
  27. Sun, Yuliang: Untersuchungen zur Uebertragung der Sicherheitseigenschaften des Modulreaktors auf einen großen Leistungsreaktor, Bericht der Kernforschungsanlage Jülich Juel-2585, Februar 1992
  28. Nachruf auf Rudolf Schulten. atw Atomwirtschaft 41, 1996, S. 439.
  29. D.Schwarz: Einsatzpotential, Kosten und Sicherheitsaspekte des HTR aus Sicht der EVU. Tagungsbericht „Sicherheit von HTR“, 19.-20. März 1985, Bericht KFA Jülich
  30. Moormann, Rainer: A safety re-evaluation of the AVR prototype pebble bed reactor operation and consequences for future reactors, Forschungszentrum Jülich, Jül-4275, 2008, Online
  31. Moormann, Rainer: ’’ AVR prototype pebble bed reactor: a safety re-evaluation of its operation and consequences for future reactors’’ , Kerntechnik, 74, 2009, Seite 1 – 2, Online (PDF)
  32. Moormann, Rainer: PBR safety revisited, Nuclear Engineering International, April 1st, 2009, PBR safety revisited - Nuclear Engineering International
  33. Koster, Albert: Pebble Bed Reactor – Safety in perspective, Nuclear Engineering International, May 29th, 2009, Pebble bed reactor – safety in perspective - Nuclear Engineering International
  34. Bäumer, Rüdiger: THTR-300 – Erfahrungen mit einer fortschrittlichen Technologie, atomwirtschaft, Mai 1989, Seite 222-228
  35. Knizia, Klaus: Der THTR-300 – Eine vertane Chance?, atw, Jg. (2002) Heft 2 – Februar, Seite 1-8
  36. Kirchner, Ulrich: Der Hochtemperaturreaktor – Konflikte, Interessen, Entscheidungen, Campus Verlag, Frankfurt/New York, Campus Forschung Band 667, 1991
  37. Kirchner, Ulrich: Der Hochtemperaturreaktor – Konflikte, Interessen, Entscheidungen, Campus Verlag, Frankfurt/New York, Campus Forschung Band 667, 1991
  38. Nuklear Forum Schweiz, 2012: Baubeginn für Hochtemperatur-Demonstrationsreaktor in China
  39. zoll.de: Embargomaßnahmen China
  40. Tsinghua University, Institute of Nuclear and New Energy Technology: HTR-10
  41. Yuliang Sun: HTR Development Status in China
  42. world-nuclear.org: Nuclear Power in China
  43. nucnet.org: China Begins Construction Of First Generation IV HTR-PM Unit
  44. Literaturstelle wird nachgereicht
  45. PBMR: Chonology
  46. issafrica.org: ISS Subscription Form 2010 for grayscale
  47. https://de.wikipedia.org/wiki/Kernkraftwerk_Shippingport
  48. Rudolf Schulten: Alte und neue Wege der Kerntechnik. Fusion 1/1990, nochmals veröffentlicht in Heft 1/2010 S. 20ff.
  49. Kurzbiographie bei der Stiftung Werner-von-Siemens-Ring.