St. Kunibert (Köln)

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Köln, St. Kunibert (Chor und Osttürme)
obere Chorfenster
Blick in die untere Ebene der Apsis mit den Fensterbildern von St. Ursula und von St. Cordula aus der Zeit um 1230

St. Kunibert ist eine der zwölf romanischen Basiliken Kölns. Sie liegt nahe dem Rhein in der nördlichen Altstadt.

Bau und Ausstattung[Bearbeiten]

Der dreischiffige Kirchenbau ist Kölns jüngste unter den großen romanischen Kirchen und bildet seit 1993 wieder die markanteste Silhouette im Stadtpanorama nördlich des gotischen Kölner Domes. Der späte Zeitpunkt ihrer Errichtung dürfte ursächlich für ihre in sich sehr geschlossene und formenreiche Gestaltung sein. Filigran erheben sich die Außenmauern der Apsis zweigeschossig unter der die Fassade abschließenden Zwerchgalerie. Der zwischen den Osttürmen aufragende Giebel des Langhausdaches weist drei strukturierende Nischen auf.

Innen zeichnet sich die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder hergestellte Basilika in ihren östlichen Teilen durch einen lichtdurchfluteten, differenziert gestalteten Hallenbau mit Apsis aus. In dieser befinden sich, im Unterschied zu den anderen romanischen Kirchen Kölns, auf zwei Ebenen säulengetragene Laufgänge im „doppelschaligen“ Mauerwerk. Herausragend sind die während des Krieges eingelagerten und deshalb erhalten gebliebenen Originalfenster aus dem frühen 13. Jahrhundert (um 1230). In der oberen Zone ist rechts außen die Legende des Heiligen Kunibert dargestellt, zur Linken die des Heiligen Clemens, während im Mittelfenster das Leben Christi in Form einer "Wurzel Jesse" dominiert. In den kleineren Fenstern der unteren Zone finden sich die Heilige Ursula (rechts) und die Heilige Kordula (links). Das mittlere Symbol-Fenster ist eine Neuschöpfung aus den 1950er Jahren.

Das Langhaus mit der dreigeschossigen Wandgliederung und dem Rippengewölbe im "gebundenen System" ruht auf rechteckigen Pfeilern alternierender Dimensionen, deren letztes Paar vor dem östlichen Vierungsbereich durch eine spätgotische (1439 gestiftet vom Stiftsherrn von St. Kunibert, Hermanus de Arcka) Verkündigungsgruppe aus farbig gefasstem Stein ausgezeichnet ist (wahrscheinlich aus der Dombauhütte unter Konrad Kuene van der Hallen). Unter dem Chor liegt die von einer Zentralsäule gestützte Krypta mit dem Kunibertspütz, einem Brunnen wohl aus vorchristlicher Zeit, dessen Wasser Kindersegen versprechen soll. In der im südlichen Querarm eingebauten Taufkapelle finden sich ebenso wie in den beiden Nischen am Beginn der Apsis Reste der ursprünglich reichen Wandmalereien.

Weitere Höhepunkte der Ausstattung sind Skulpturen der Madonna sowie des Heiligen Quirinus.

Seit 1998 beherbergt St. Kunibert auch wieder das als Folge der Säkularisation veräußerte Triptychon mit einer Kreuzigungsdarstellung des Meisters der Georgslegende. Erhalten blieben ein zwischen Langhaus und Westquerschiff stehender fünfarmiger Bronzeleuchter mit Kruzifixus aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert. Weiter zu erwähnen sind zwei Tafelbilder: Eine Gregorsmesse aus gleicher Zeit in der äußersten Chorkapelle sowie ein Flügelaltar mit einer Auferstehungsszene von Bartholomäus Bruyn dem Älteren. Die in der Apsis ausgestellten Schreine für die Reliquien des Heiligen Kunibert und der heiligen Brüder Ewaldi sind Werke des 19. Jahrhunderts.

1993 wurde die neue Orgel mit 41 Registern eingeweiht. Erbauer ist die schweizerische Orgelbaufirma Theodor Kuhn. Um den optischen Eindruck des Baus so wenig wie möglich zu beeinflussen, wurde der etwas ungewöhnliche Standort zwischen und vor den Pfeilern, die das Langhaus vom rechten Seitenschiff trennen, gewählt.

1998 wurde eine neue Schatzkammer im Nordarm des wieder aufgebauten Westquerhauses nach dem Entwurf von Ingrid Bussenius eröffnet, die Einblick in weitere Teile des Kirchenschatzes gibt. Zu den modernen Kunstwerken gehören neben den nördlichen Holztüren und dem Kreuzweg von Elmar Hillebrand von 1955 Hanns Rheindorfs Silberkreuz und Tabernakeltür.

Sankt Kunibert
St. Kunibert, Ausschnitt Anton Woensamvon 1531

Geschichte[Bearbeiten]

St. Kunibert, ein um 600 geborener späterer Bischof von Köln und Berater von König Dagobert I., stiftete der Legende nach an der Stelle der heutigen Basilika eine St. Clemens gewidmete Kirche. Nach seinem Tod wurde er hier seinem Wunsch entsprechend bestattet.

Vor 1210 wird dann auf Betreiben des Propstes des St. Kunibertstifts, des späteren Erzbischofs von Trier, Theoderich von Wied, mit dem Neubau einer Kirche begonnen. Zum Ausgleich des Geländegefälles zum Rhein hin entsteht als Unterbau eine Krypta. 1226 ist der Chor fertiggestellt, und ein Jahr vor dem Baubeginn des gotischen Doms wird St. Kunibert 1247 als Stiftskirche geweiht. Der Kölner Erzbischof Konrad von Hochstaden richtet aus diesem Anlass ein großes Fest für Hochadel und hohe Geistlichkeit aus.

Der erste Westturm über dem Westquerschiff wurde 1376 ein Raub der Flammen. Er wurde in gotischen Formen erneuert und erhielt einen "Knickhelm". Ursprünglich war kein Westturm vorgesehen, so war die Statik des Turms prekär, 1830 brach er infolge eines Orkans ein, wurde bis 1860 neu errichtet und sank schließlich im Zweiten Weltkrieg erneut in Trümmer. Am 29. Juni 1944 gingen die Dächer in Flammen auf, 1944 wurde der Westturm von einer Bombe getroffen und stürzte mit Teilen des Querhauses ein. 1945 entstanden weitere Schäden. Nachdem das südliche Seitenschiff notdürftig für Gottesdienste hergerichtet worden war, wurden unter der Leitung von Karl Band der Chor und das Langhaus bis 1955 wieder errichtet; das östliche Turmpaar erhielt jetzt niedrige Pyramidendächer. Die Westteile wurden gesichert, verblieben aber ruinös und wurden vom Langhaus abgetrennt. Erst zum Ende der 1970er Jahre wurde die Initiative zum Wiederaufbau des Westbaus (Querhaus und Turm) ergriffen. 1993 war der Neuaufbau nach Plänen des Statikers Otmar Schwab und des Architekten Leo Hugot fertiggestellt. Die Kosten trugen das Erzbistum Köln, das Land Nordrhein-Westfalen und der Förderverein Romanische Kirchen Köln, der letztlich als "Motivationshilfe" für den Wiederaufbau des Westbaus von St. Kunibert auf Initiative vor allem von Hiltrud Kier gegründet worden war und der seitdem alle romanischen Kirchen Kölns unterstützt.

St. Kuniberts heutige Gestalt orientiert sich weder vollständig am Vorkriegszustand, noch ist sie einem Rückgriff auf das spätstaufische Original zu verdanken. Vielmehr wurden vor dem Hintergrund sehr kontrovers geführter Diskussionen Kompromisse eingegangen, die sich auf unterschiedliche Bauzustände in der Geschichte der Basilika beziehen (vgl. die Literatur-Angaben).

Der Kunibertspütz[Bearbeiten]

Hauptartikel: Kölner Brunnenheiligtum

Im Chorraum ist eine 1955 von Elmar Hillebrand gestaltete Bodenplatte eingelassen, die auf die Krypta und den Kunibertspütz (Brunnenschacht) verweist. Der Legende nach befinde sich auf seinem Grund eine Art Paradies, in dem Kinder spielten und von der Jungfrau Maria mit Brei gefüttert wurden. Nach Ansicht der Kölner wurden die Kinder also nicht vom Storch gebracht, sondern entsprangen dem Kunibertspütz. Bis ins 19. Jahrhundert hielt sich der Brauch, dass Frauen mit nicht erfülltem Kinderwunsch Wasser aus diesem Brunnen tranken.[1]

Kuhn-Orgel[Bearbeiten]

Blick in das Langhaus, rechts die Orgel

Die Orgel von St. Kunibert wurde 1993 durch den Schweizer Orgelbauer Kuhn erbaut.

Anders, als dies bei einer großen romanischen Kirche mit Blick auf eine ideale klangliche Beherrschung des Kirchenraumes zu erwarten wäre, steht die Orgel nicht auf einer Empore im Westwerk der Kirche, sondern in den beiden letzten südlichen Langhausarkaden. An dieser Stelle hatte sich, wenn auch erhöht, an der Wand des Langhauses, bereits eine spätmittelalterliche Schwalbennestorgel befunden. Der (Neu)Bau einer Empore im Westwerk von St. Kunibert als Standort für die neue Orgel kam 1993 deshalb nicht in Betracht, weil das erst in jenem Jahr vollständig wieder hergestellte Westwerk andernfalls an Wirkung eingebüßt hätte.

Das Orgelwerk steht weitgehend in der Arkadenflucht; allein das vergleichsweise kleine Positiv ragt aus der Arkadenflucht heraus. Durch diese Positionierung ist die Sicht durch das Langhaus der Kirche weitgehend frei und offen.

Das Klangbild der Orgel lehnt sich an den romantisch-sinfonischen Stil französischer Prägung an. Ihre Klangsprache steht damit in bewusstem Gegensatz zum Klangbild vieler neuerer Orgeln im Kölner Raum, die durch die Orgelbewegung geprägt erscheinen.

I Grand-Orgue C–a3
Montre 16′
Montre 8′
Flûte Harmon. 8′
Gambe 8′
Bourdon 8′
Prestant 4′
Doublette 2′
Cornet V
Fourniture V 2′
Trompette 8′
Clairon 4′
II Positif C–a3
Bourdon 16′
Montre 8′
Salicional 8′
Bourdon 8′
Prestant 4′
Flûte Douce 4′
Nazard 22/3
Quarte de Nazard 2′
Tierce 13/5
Plein-Jeu IV 11/3
Cromorne 8′
Tremblant
III Récit Expressif C–a3
Flûte Travers. 8′
Cor de Nuit 8′
Viole de Gambe 8′
Voix Céleste 8′
Flûte Octav 4′
Viole 4′
Quinte 22/3
Octavin 2′
Basson 16′
Trompette Harmon. 8′
Hautbois 8′
Voix Humaine 8′
Clairon Harmon. 4′
Tremblant
Pédale C–f1
Soubasse 32′
Montre 16′
Soubasse 16′
Flûte 8′
Violoncelle 8′
Flûte 4′
Bombarde 16′
Trompette 8′
  • Koppeln:
    • Normalkoppeln: II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P.
    • Suboktavkoppel: III/I.

Glocken[Bearbeiten]

Bourdon
Clemensglocke von 1773

Der mächtige Westturm beherbergt ein großes achtstimmiges Geläut, das neben dem des Domes das größte in Köln ist; der Bourdon ist die drittgrößte Glocke Kölns. Das ursprüngliche (Vorkriegs-)Geläut bestand aus den beiden noch vorhandenen Legros-Glocken und einer weiteren Glocke, die der heutigen Ewaldiglocke nahe kommt; sie ist ein Nachguss. Die beiden großen Glocken (f0 und b0) sind ebenfalls in speziellen historischen Rippen nachgegossen worden. Das gewünschte Klangspektrum wurde unter anderem durch Nachschleifen im Inneren der Glocken erzielt. Die beiden kleinen Glocken hängen im Dachreiter neben dem Hauptturm und zählen nicht zum Hauptgeläut. Zudem verfügt St. Kunibert über ein Glockenspiel.

Täglich um 7:00, 12:00 und 19:00 Uhr läutet der Engel des Herrn mit der Aveglocke. Jeweils zuvor ertönen drei mal drei Schläge auf der Marienglocke. Sonn- und Festtage werden am Vorabend nach dem Angelusläuten eingeläutet. Die Läuteordnung sieht verschiedene Glockenkombinationen (Motive) für den einzelnen Zeiten und Anlässe im Kirchenjahr vor. Der große Bourdon läutet nur an den höchsten Festtagen und zu besonderen Anlässen (Weihnachten, Erscheinung des Herrn, Gründonnerstag, Ostersonntag, Pfingstsonntag, Fronleichnam, Kirmes-Sonntag, Ewalditag, Kirchweih, Allerheiligen, Kunibertstag, Klemenstag und zum Jahreswechsel) sowie beim Tod des Papstes, des Kölner Erzbischofes oder eines Pfarrgeistlichen.

Nr.
 
Name
 
Gussjahr
 
Gießer, Gussort
 
Durchmesser
(mm)
Masse
(kg)
Schlagton
(HT-1/16)
1 Bourdon (Engelglocke) 1990 Koninklijke Eijsbouts, Asten 2.470 9.380 f0 –4
2 Maria (Trösterin) 1990 Koninklijke Eijsbouts, Asten 1.840 3.880 b0 –2
3 Kunibert 1773 Martin Legros, Köln 1.540 ≈2.290 des1 –3
4 Clemens 1773 Martin Legros, Köln 1.210 ≈1.130 f1 –6
5 Ewald 1990 Koninklijke Eijsbouts, Asten 1.000 660 as1 –5
6 Bruno (Aveglocke) 1990 Koninklijke Eijsbouts, Asten 890 440 b1 –4
7 Jakobus 1958 Petit & Gebr. Edelbrock, Gescher 770 ≈280 c2 –6
8 Cordula 1958 Petit & Gebr. Edelbrock, Gescher 675 ≈180 d2 –6
9 Kirspel 1453 Sifart Duisterwald, Köln 682 ≈230 e2 –7
10 Zimbel 1422 Christian Duisterwald, Köln 546 ≈100 g2 –5

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: St. Kunibert – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kunibertspütz auf der Website des Fördervereins Romanische Kirchen Köln e.V.

50.946756.9625555555556Koordinaten: 50° 56′ 48″ N, 6° 57′ 45″ O

Literatur[Bearbeiten]

  • Christoph Machat: "St. Kunibert. Das Bauwerk von den Anfängen bis zum Zweiten Weltkrieg". In: Hiltrud Kier und Ulrich Krings (Hrsg.): "Köln: Die Romanischen Kirchen. Von den Anfängen bis zum Zweiten Weltkrieg". Köln 1984, S. 306-330. Reihe "Stadtspuren - Denkmäler in Köln", Bd. 1. J.P. Bachem, ISBN 3-7616-0761-X.
  • Christoph Machat: "St. Kunibert. Baugeschichte und Wiederaufbau". In: Hiltrud Kier und Ulrich Krings (Hrsg.): "Köln: Die Romanischen Kirchen in der Diskussion 1946/47 und 1985". Köln 1986, S. 280-286. Reihe "Stadtspuren - Denkmäler in Köln", Bd. 4. J.P. Bachem, ISBN 3-7616-0822-5.
  • Ulrich Krings und Otmar Schwab: "Köln: Die Romanischen Kirchen. Zerstörung und Wiederherstellung" Köln 2007. Reihe "Stadtspuren - Denkmäler in Köln", Bd. 2. J.P. Bachem, ISBN 978-3-7616-1964-3.
  • Jürgen Kaiser (Text) und Florian Monheim (Fotos): Die großen romanischen Kirchen in Köln, Greven Verlag, Köln 2013, ISBN 978-3-7743-0615-8, S. 88–99.