Taganrog
| Stadt
Taganrog
Таганрог
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Taganrog (russisch Таганро́г) ist eine Hafenstadt mit 257.681 Einwohnern (Stand 14. Oktober 2010)[1] in Südrussland an der Küste des Asowschen Meeres direkt an der Mündungsbucht des Don.
Inhaltsverzeichnis |
Geschichte [Bearbeiten]
Im 13. Jahrhundert war die Hafenstadt eine Kolonie der italienischen Seerepublik Pisa. Der Hartweizen aus der Region wurde über Jahrhunderte nach Italien für die Pastaherstellung exportiert.
Von Zar Peter dem Großen wurde Taganrog 1698 unter der Aufsicht des Engländers Andreas Krafft und der Leitung von Baron von Borgsdorf zur Festung und zum Kriegshafen ausgebaut. Von 1712–1769/74 war die Stadt türkisch besetzt. Der Aufschwung und die Entwicklung von Taganrog sind untrennbar mit der Geschichte des Russischen Reiches und seinem jahrhundertelangen Kampf um den Zugang zu den südlichen Meeren verknüpft.
Taganrog wurde am 17. Oktober 1941 von deutschen Truppen im Rahmen der Offensive der Heeresgruppen A und B besetzt. Im Herbst 1942 befand sich dort das Hauptquartier der VIII. Fliegerkorps der Luftwaffe unter General Wolfram von Richthofen. Dieser sollte den Nachschub für die ab November 1942 in Stalingrad eingekesselten deutschen Truppen steuern, was jedoch nur unzureichend gelang. Die versprochene Tonnagezahl wurde nie erreicht, statt der mindestens benötigten 300 Tonnen Nachschub pro Tag gelangten maximal 100 Tonnen pro Tag in die Stadt. Während der Sommeroffensive der Roten Armee 1943 und dem deutschen Rückzug aus dem Kaukasus in den Kuban-Brückenkopf wurde die Stadt am 31. August 1943 von sowjetischen Truppen befreit. Zuvor hatten SS-Einsatzgruppen die jüdische Bevölkerung Taganrogs ermordet[2] und viele Einwohner als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt. Die sowjetischen Truppen stießen nach der Eroberung auf eine verwüstete, menschenleere Stadt voller Leichen.[3]
In der Stadt wurde ab September 1943 das Kriegsgefangenenlager 356 für deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs eingerichtet.[4]
Bevölkerungsentwicklung [Bearbeiten]
| Jahr | Einwohner |
|---|---|
| 1897 | 51.437 |
| 1939 | 188.781 |
| 1959 | 202.062 |
| 1970 | 254.154 |
| 1979 | 276.444 |
| 1989 | 291.622 |
| 2002 | 281.947 |
| 2010 | 257.681 |
Anmerkung: Volkszählungsdaten
Kulturgeschichtliches Zentrum [Bearbeiten]
Heute ist Taganrog ein bedeutendes Forschungs-, Industrie- und Kulturzentrum Südrusslands. Die Stadt verfügt über ein umfangreiches System von Ausbildungsstätten – von der Rundfunkuniversität und der Pädagogischen Hochschule bis zu verschiedenen technischen- und Berufsschulen und Lyzeen. Daneben gilt die Stadt als Klimakurort mit ausgezeichneten Erholungsmöglichkeiten. Taganrog liegt am Ufer des Asowschen Meeres, etwa 80 Kilometer von der regionalen Hauptstadt Rostow entfernt im südwestlichen Teil des Gebiets Rostow.
Die Stadt besitzt ein Theater und zahlreiche Museen, darunter das Tschechow-Haus, das Literarische Museum, das Durow- sowie das restaurierte kunsthistorische Museum und das einzige Garibaldi-Denkmal in Russland. Hinzu kommt die Tschechow-Bibliothek des berühmten Architekten Fjodor Schechtel von 1876; Schechtel, ein Freund Tschechows, errichtete das Gebäude auf dessen Wunsch. Auch die Villa Scharonow, in der sich heute das Museum für Stadtentwicklung befindet, wurde 1912 von Schechtel gebaut. Mit Taganrog verbinden sich außerdem die Namen von Alexander I. (Russland), Alexander Puschkin, Pjotr Tschaikowski, Nestor Kukolnik, Konstantin Paustowski, Faina Ranewskaja, Iwan Wassilenko, Wiktor Bregeda, Konstantin Sawizki, David Rigert, Robert Ludwigowitsch Bartini u.v.a.
Zar Alexander I. starb in der Stadt im Jahr 1825.
Archäologie [Bearbeiten]
In jüngerer Zeit wurde in der Nähe eine antike griechische Siedlung entdeckt, die einen Zusammenhang mit dem Bosporanischen Reich vermuten lässt. Sie stellt eine Spur der ersten griechischen Kolonisation der nördlichen Schwarzmeerküste des späten 7. Jhs. bis frühes 5. Jahrhundert v. Chr. im Mündungsgebiet des Don dar. Eine große Zahl sehr qualitätvoller ostgriechischer Scherben von Amphoren und Feinkeramik wurden seit den dreißiger Jahren an der Küste bei Taganrog gefunden. Vermutlich liegt die Siedlung teilweise unter dem Grund des Asowschen Meeres. Seit 2004 werden Grabungen hier durchgeführt. Man nimmt heute an, dass sich dort ein bedeutender frühgriechischer Siedlungsplatz in Ufernähe befand. Der Fundplatz liegt etwa einen Kilometer von der ursprünglichen Mündung des Mius ins Asowsche Meer entfernt.[5]
Wirtschaft [Bearbeiten]
Taganrog ist das führende Industriezentrum in der Region Rostow. Zu den dort ansässigen Betrieben gehören Werke der Flugzeugindustrie (Beriev / Wasserflugzeuge), IT-Betriebe, Maschinenbau, Automobilbau (Daewoo bzw. Hyundai), Landmaschinen (Mähdrescher), Metallurgie, Stahl- und Eisenbetriebe, holzverarbeitende Betriebe, Papierfabriken, Lebensmittel-, chemische Industrie- und Baustoffwerke. Die beiden größten Exportbetriebe sind Tagmet (Eisen und Stahl) und Krasny Kotelshchik (Warmwasserbereiter).[6]
Militär [Bearbeiten]
Die russische Luftwaffe verfügt seit Sowjetzeiten in Taganrog über zwei wichtige Flugbasen, auf denen vierstrahlige Bomber und Aufklärungsflugzeuge stationiert sind. Diese wurden in den letzten Jahren teilweise für den zivilen Frachtverkehr geöffnet.
Söhne und Töchter der Stadt [Bearbeiten]
- Georgi Berijew, Flugzeugkonstrukteur
- Igor Bondarenko, Schriftsteller
- Adolph Brodsky, Geiger
- Pawel Derewjanko, Schauspieler
- Natalja Durizkaja, Malerin
- Iwan Golubez, Held der Sowjetunion
- Alexander Karatajew, Fußballspieler
- Alexandre Koyré, französischer Philosoph und Wissenschaftshistoriker
- Igor Kritschewer, Mathematiker
- Walerian Ossinski, Mitglied der Narodnaja Wolja
- Sofia Parnok, Schriftstellerin und Dichterin
- Boris Podolski, Physiker
- Wiktor Pugatschow, russischer Pilot
- Faina Ranewskaja, Schauspielerin
- Witold Rowicki, Dirigent
- Alexander Sawin, Volleyballspieler
- Konstantin Sawizki, Maler
- Dmitri Schewtschenko, Diskuswerfer
- Dmitri Sinodi-Popow, Maler
- Wassili Solotarjow, Komponist
- Anton Tschechow, Schriftsteller und Dramatiker
- Nikolai Pawlowitsch Tschechow, Künstler, Bruder von Anton Tschechow
- Iwan Wassilenko, Schriftsteller
Sonstige Persönlichkeiten [Bearbeiten]
- Giuseppe Garibaldi kam als Kapitän eines Weizenfrachters mehrfach nach Taganrog. Er wurde hier 1833 Mitglied des national-revolutionären Geheimbunds Giovine Italia. Ihm zu Ehren wurde in Taganrog 1960 ein Denkmal errichtet.
- Balthasar von Campenhausen wurde 1805 zum Gouverneur von Taganrog ernannt und entwickelte hier eine rege Tätigkeit: der Ausbau des Hafens, die Anlage neuer Warenspeicher, die Intensivierung der Küstenschifffahrt, die Gründung einer Seefahrtsschule, einer Handelskammer, einer Apotheke, sowie die Verbesserung der ärztlichen Versorgung sind ihm zuzuschreiben. Die Stadt wurde systematisch geplant ausgebaut, mit künstlicher Beleuchtung durch Öllampen, Anlage des Stadtparks (heute Gorki Park) und neuen Straßen. Mehrere Straßen in Taganrog tragen seinen Namen.
Städtepartnerschaften [Bearbeiten]
- Tscherwen Brjag, Bulgarien (seit 1963)
- Lüdenscheid, Deutschland (seit 1991)
- Mariupol, Ukraine (seit 1993)
- Badenweiler, Deutschland (seit 2002)
- Charzyssk, Ukraine (seit 2009)
- Jining, China (seit 2009)
- Pinsk, Weißrussland (seit 2009)
Taganrog in der Literatur [Bearbeiten]
Die Stadt ist Titelgeberin für die Erzählung Der Tote von Taganrog von Eberhard von Cranach-Sichart und die Novelle Taganrog von Reinhold Schneider, die sich mit dem Ende von Zar Alexander I. 1825 in Taganrog beschäftigt.
Quellenangaben [Bearbeiten]
- ↑ a b Itogi Vserossijskoj perepisi naselenija 2010 goda. Tom 1. Čislennostʹ i razmeščenie naselenija (Ergebnisse der allrussischen Volkszählung 2010. Band 1. Anzahl und Verteilung der Bevölkerung). Tabellen 5, S. 12–209; 11, S. 312–979 (Download von der Website des Föderalen Dienstes für staatliche Statistik der Russischen Föderation)
- ↑ Andrej Angrick: Besatzungspolitik und Massenmord – die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941-1943, Hamburg 2003, ISBN 3-930908-91-3, S. 315f.
- ↑ http://news.google.com/newspapers?nid=1300&dat=19430901&id=QO0TAAAAIBAJ&sjid=N5cDAAAAIBAJ&pg=4926,2233389
- ↑ Maschke, Erich (Hrsg.): Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des zweiten Weltkrieges. Verlag Ernst und Werner Gieseking, Bielefeld 1962-1977.
- ↑ O. Dally, V. Kopylov, P. Larenok: Eine frühgriechische Siedlung bei Taganrog. Fragen und Perspektiven eines neuen deutsch-russischen Forschungsunternehmens. in: Eurasia Antiqua. Bd 11. Deutsches Archäologisches Institut. Zabern, Mainz 2005, 37-49. ISSN 0949-0434
- ↑ http://www.taganrogcity.com/businesses.html
Literatur [Bearbeiten]
- O. Dally, P. A. Larenok: Taganrog. Eine griechische Siedlung im Dondelta. in: J. Fornasier, B. Böttger (Hrsg.): Das bosporanische Reich. von Zabern, Mainz 2002, 86-91. ISBN 3-8053-2895-8
Weblinks [Bearbeiten]
- Offizielle Website der Stadtverwaltung (russisch, inoffizielle englische Version)
- Mojgorod.ru: Taganrog
Verwaltungszentrum: Rostow am Don
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