Tupolew Tu-124

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Tupolew Tu-124
Tupolew Tu-124 der Aeroflot
Tupolew Tu-124 der Aeroflot
Typ: Passagierflugzeug
Entwurfsland: Sowjetunion 1955Sowjetunion Sowjetunion
Hersteller: OKB Tupolew
Erstflug: 29. März 1960
Indienststellung: 2. Oktober 1962
Stückzahl: 165

Bei der Tupolew Tu-124 (russisch Туполев Ту-124, NATO-CodenameCookpot“) handelt es sich um ein zweistrahliges Passagierflugzeug des sowjetischen Konstruktionsbüros Tupolew.

Geschichte[Bearbeiten]

Trotz der äußerlichen Ähnlichkeit mit der Tu-104 handelt es sich bei der Tupolew Tu-124 um ein wesentlich kleineres Flugzeug, das in erster Linie entworfen wurde, um die veralteten IL-14 auf innersowjetischen Strecken abzulösen. Die Abmessungen der Tu-124 betragen rund ¾ derjenigen der Tu-104, von der sich die Tu-124 auch durch das viel niedrigere einziehbare Bugradfahrwerk unterscheidet. Die Maschine ist komplett aus Metall gefertigt und besitzt eine klimatisierte Druckkabine.

Die Standardbestuhlung der Grundversion betrug 44 Plätze. Der erste von zwei Prototypen, CCCP-45000 (C/N 0 35 01 01), der unter Leitung von Alexander Alexandrowitsch Archangelski entworfenen Tu-124 startete am 24. März 1960 zum Erstflug. Der zweite Prototyp, CCCP-45001 (C/N 0 35 01 02), folgte im Juni 1960.

Zwei weitere Flugzeuge erhielten zwar zivile Kennungen, wurden aber nie geflogen und dienten als statische Testzellen.

Konstruktion[Bearbeiten]

Die Tu-124 ist ein als Tiefdecker ausgelegtes Ganzmetallflugzeug. Der Rumpf weist einen kreisförmigen Querschnitt auf und verfügt über eine Druckkabine. In der verglasten Rumpfspitze befindet sich der Arbeitsplatz des Navigators. Das Radargerät ist in einer Wanne unter dem Rumpf untergebracht.
Die Tragflächen sind für einen Flug im hohen Unterschallbereich stark gepfeilt und haben einen negativen V-Winkel, um die unerwünscht hohe Richtungsstabilität des Pfeilflügels herabzusetzen. Dies führt jedoch zu einer relativ geringen Bodenfreiheit und schränkt Starts und Landungen bei starkem Seitenwind ein. Da die Tragflächen aus Materialgründen im Verhältnis zur Flügelstreckung sehr dick sind, besteht die Gefahr des Abwanderns der Strömung zu den Flächenspitzen und damit einer Verringerung des Auftriebes. Um dem zu begegnen, sind an der Tragflächenoberseite jeweils zwei Grenzschichtzäune angeordnet. Die Triebwerke sind in die Tragflächen integriert. Die durch diese Konstruktion bedingte komplizierte Einleitung der Kräfte führt zu einer durch den Rumpf durchgehenden Holmkonstruktion, was sich wiederum in einem im Mittelteil angehobenen Kabinenboden führt.
Die Tragflächen weisen an den Enden Querruder in Normalbauart auf. Die geteilten Landeklappen sind außen als Doppelspaltklappen ausgeführt. Zur Erhöhung des Widerstandes im Landeanflug verfügt die Tu-124 über eine Rumpfklappe. Die keulenförmigen Verkleidungen zur Aufnahme des Hauptfahrwerkes wirken im Sinne der Flächenregel.
Das Seitenleitwerk ist in Normalbauweise konstruiert.
Das Fahrwerk ist als klassisches Dreipunktfahrwerk ausgelegt. Das doppelt bereifte Bugrad zieht nach hinten in den Rumpf ein. Das Hauptfahrwerk weist jeweils vier Räder auf an einem Schlitten befestigte Räder auf und zieht nach hinten in die keulenförmigen Verkleidungen an den Tragflächen ein. Die Auslegung des Fahrwerkes, insbesondere die Mehrfachbereifung und die breite Spur des Hauptfahrwerkes gestatten die Benutzung unbefestigter Start- und Landebahnen. Das Flugzeug verfügt als erstes sowjetisches Flugzeug über Zweikreistriebwerke (ZTL). Die Tu-124 ist für hohe Fluggeschwindigkeiten ausgelegt. Die Ableitung aus der Tu-104 und letztendlich aus der Tu-16 führt wegen der nicht optimalen Unterbringung der Triebwerke zu verstärkten Vibrationen, was den Komfort in der Passagierkabine, aber auch die Lebensdauer der Baugruppen des Flugzeuges negativ beeinflusst.

Nutzung[Bearbeiten]

Am 2. Oktober 1962 wurde das neue Muster von Aeroflot auf der Route Moskau-Tallinn in Dienst gestellt und überzeugte durch seine sehr guten operativen Flugleistungen. Die Tu-124W, die über eine Inneneinrichtung für 56 Passagiere verfügte, war das Exportmodell und erschien im Jahre 1964. Die tschechoslowakische ČSA kaufte im gleichen Jahr zwei solcher Maschinen, die 1965 um ein weiteres Exemplar ergänzt wurden. Die Tu-124W stand bei der ČSA bis 1972 im Einsatz und wurde danach an Iraqi Airways verkauft, welche die Maschinen im Luftwaffen-Auftrag für VIP-Flüge bis 1975 einsetzte.

Die Luftstreitkräfte der NVA nutzten drei Tu-124, von denen zwei mit Interflug-Lackierung und -Kennzeichen versehen waren. Stationierungsort war das TG-44 am Flugplatz Neuhardenberg. Nachdem die IL-62-Maschinen der Interflug nach dem Absturz einer Maschine dieses Typs zeitweilig Startverbot hatten, traten bei der Interflug Kapazitätsengpässe auf. Daher wurden die Tu-124-Flugzeuge der NVA ersatzweise auf regulären Interflug-Strecken eingesetzt.[1] Alle drei Maschinen wurden 1975 außer Dienst gestellt und in die Sowjetunion verkauft. Unter der Typenbezeichnung Tu-124K wurden 1966 noch drei Maschinen (K1, K2 und K3) mit VIP-Ausstattung für 22 bis 36 Passagiere gebaut, von Aeroflot jedoch nicht übernommen. Sie wurden im Oktober desselben Jahres von der indischen Luftwaffe erworben und dort bis 1978 verwendet. Bei Aeroflot stand die Tu-124 bis zum 21. Januar 1980 im Einsatz, als die letzten zwölf Maschinen außer Dienst gestellt wurden. Die sowjetische Luftwaffe verwendete das Flugzeugmuster noch bis 1981.

Insgesamt wurden von der Tu-124 112 Serienmaschinen gebaut.

Mit der Tu-124 gelang eine der wenigen Notwasserungen ohne Personenschäden. 1963 konnte eine Tu-124 der Aeroflot nach dem Start in Tallinn ihr Fahrwerk nicht vollständig einfahren. Der Flughafen war jedoch bereits wegen Nebel geschlossen, daher wollten die Piloten die Maschine in Leningrad auf einer Schotterpiste landen. Der Pilot wurde von der Bodenkontrolle angewiesen, durch Kreisen in der Nähe Leningrads Treibstoff zu verbrauchen, um das Landegewicht des Flugzeuges zu senken. Wegen einer defekten Treibstoffanzeige flog die Maschine acht Kreise, bevor die Besatzung bemerkte, dass auf den Anzeigen der Treibstoff nicht weniger wurde. Gleichzeitig setzte eines der Triebwerke aus. Die Crew erhielt die Erlaubnis die Stadt zu überfliegen, um den Flughafen Pulkowo zu erreichen. Nach Aussetzen des zweiten Triebwerks entschloss sich der Pilot zu einer Notwasserung auf der Newa, die durch die in relativ dichtem Abstand stehenden Brücken erschwert wurde. Die 52 Passagiere kamen alle mit dem Schrecken davon. Die Crew wurde für unschuldig erklärt und die Schuld wurde der Flughafenleitung zugesprochen, weil diese einem Flugzeug ohne Treibstoff eine Flugerlaubnis über der Stadt erteilt hatte. Pilot und Besatzung wurden mit Auszeichnungen geehrt.[2][3]

Mehrere Maschinen dieses Typs befinden sich in verschiedenen Sammlungen, so im chinesischen Luftfahrtmuseum in Datangshan, in Luftwaffenmuseum Simbirsk und im Zentralen Museum der Luftstreitkräfte der Russischen Föderation in Monino. In Neu-Delhi ist am Flugplatz ebenfalls eine Tu-124K ausgestellt.

Technische Daten[Bearbeiten]

Kenngröße Tu-124W
Länge 30,58 m
Flügelspannweite 25,55 m
Höhe 8,08 m
Flügelfläche 119,37 m²
Antrieb 2 Solowjow D-20P Strahltriebwerke
Leistung je 5.400 KP (52,92 kN) Schub
Höchstgeschwindigkeit 970 km/h in 8.000 m Höhe
ökon. Reisegeschwindigkeit 870 km/h
Reichweite 1.250 km mit maximalem Nutzgewicht
2.100 km mit maximalem Kraftstoffvorrat und 3.000 kg Nutzgewicht
Gipfelhöhe 11.700m
Leergewicht 22.900 kg
Maximales Startgewicht 37.500 kg
Passagiere 56
Besatzung 3-4

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Detlef Billig, Manfred Meyer: Flugzeuge der DDR - II. Band bis 1972. Motorbuch, Friedland 2002, ISBN 3-613-02241-9, S. 121.
  2. Flugunfalldaten und -bericht im Aviation Safety Network
  3. Berichte über den Unfall (ru) bei http://www.nevariver.ru/airplane.php , abgerufen am 3. August 2009

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Tupolew Tu-124 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien