Anthroposophische Medizin

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Die anthroposophische Medizin (auch: anthroposophisch erweiterte Medizin, von altgriechisch ἄνθρωπος ánthrōposMensch‘ und σοφία sophίaWeisheit‘) ist eine holistische[1] komplementärmedizinische Richtung, die die naturwissenschaftlich-akademische Medizin mit der Anthroposophie Rudolf Steiners verbinden will und heute in etwa 80 Ländern – mit Schwerpunkt in Zentraleuropa – praktiziert wird.[2][3]

Sie stützt sich zur Erforschung der „physischen, lebendigen, seelischen und der geistigen Phänomene“ nach eigenem Verständnis sowohl auf die Prinzipien der Naturwissenschaft als auch auf die anthroposophische Geisteswissenschaft, die eine Erweiterung der Erkenntnis durch Imagination, Inspiration und Intuition postuliert.[4] Auf diese Weise soll sich eine Erweiterung der ärztlichen Kunst ergeben, die das Verhältnis von „Leib, Seele und Geist“ des Menschen in seiner Beziehung zu den „Substanzen und Kräften in der Natur und im Kosmos“ – jeweils in seiner individuellen Schicksalssituation – diagnostisch verstehen und therapeutisch handhaben möchte. Anthroposophische Ärzte lehnen nach Angaben ihres Dachverbands medizinische Standard-Therapien nicht ab, sondern versuchen sie durch spezielle Methoden und durch Arzneimittel aus pflanzlichen, tierischen und mineralischen Substanzen zu ergänzen.[5] Im deutschsprachigen Raum gibt es derzeit neun anthroposophisch orientierte Krankenhäuser oder Kliniken. Aktuell werden in Deutschland ambulante Behandlungen der anthroposophischen Medizin von 52 Krankenkassen ganz oder teilweise erstattet.[6]

Die anthroposophische Medizin ordnet dem Menschen vier „Wesensglieder“ („physischer Leib“, „Ätherleib“, „Astralleib“ und „Ich-Organisation“) zu, durch deren Zusammenwirken drei Funktionssysteme entstehen: das „Nerven-Sinnes-System“ als „Träger des Denkens“, das „rhythmische System“ als „Träger des Fühlens“ und das „Stoffwechsel-Gliedmaßen-System“ als „Träger des Wollens“. Erkrankungen erklärt die anthroposophische Medizin mit einem Ungleichgewicht dieser Systeme. Anthroposophische Arzneimittel (Anthroposophika) werden mit dem Ziel eingesetzt, das Gleichgewicht wiederherzustellen und so die Krankheit zu überwinden.

Die theoretischen Grundlagen der anthroposophischen Medizin stehen im Widerspruch zu heutigen naturwissenschaftlichen Vorstellungen. Nach Einschätzung durch Autoren der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und verschiedene Reviewautoren liegen für die Anwendung anthroposophischer Heilmittel nur unzureichende Wirksamkeitsstudien vor. Zwar gibt es kontrollierte Versuche für die Behandlung von Tumorpatienten mit Mistelpräparaten, aber weder eine Wirkung auf die Tumorprogression noch auf die Überlebenszeit gelten als gesichert. Die deutsche Bundesärztekammer stellte 1993 in einem Memorandum fest, dass die Anthroposophische Medizin nicht zu den „objektiv wirksamen Behandlungsverfahren“ gehört.[7] Im Jahr 2003 forderten 3000 Ärzte und Professoren im Rahmen der Internet-Aktion „Konsequente Positivliste“, Homöopathika, Phytotherapeutika und Anthroposophika ohne wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis aus der damals geplanten Positivliste zu streichen. In einem zugehörigen „Manifest“ wurde die Weltanschauung Steiners als esoterisch-okkultistische Geheimwissenschaft mit Elementen aus Kosmologie, Alchemie und fernöstlichen Lehren charakterisiert.[8] Ferner sei sie den Pseudowissenschaften zugerechnet. Insbesondere kritisierten die Autoren die Lobbyarbeit „der Aussenseiter“ – „angeführt von den Anthroposophen“ – über die versucht wurde, Bestandteil der Kostenerstattung zu werden. Um eine Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit jeglicher Medizintheorie zu suggerieren, seien im Rahmen dieser Lobbyarbeit die Begriffe „Methodenpluralismus“ und „Wissenschaftspluralismus“ eingeführt worden.[9]

Im vom Jörg-Dietrich Hoppe mitbegründeten „Dialogforum Pluralismus in der Medizin“ findet seit dem Jahr 2000 ein Diskurs zwischen der akademischen Medizin und den alternativen Medizinschulen unter anthroposophischer Mitbeteiligung statt.[10] Dieser Diskurs soll an die Stelle „glaubenskriegsartiger innerärztlicher Auseinandersetzungen“ um komplementärmedizinische Richtungen ein unvoreingenommenes, kritisches aber ergebnisoffenes Gespräch setzen.[11][12] Hiermit soll dem Gedanken des Pluralismus in der Medizin gedient werden, der von der Mehrheit der Bevölkerung gewollt werde, ein Garant für die Entwicklungsfähigkeit der Medizin sei und daher in die deutsche Sozialgesetzgebung aufgenommen wurde.[11][12]

Mitbegründerin der anthroposophischen Medizin: Ita Wegman Ende des 19. Jahrhunderts

Anthroposophisch-medizinische Grundbegriffe[Bearbeiten]

Entwicklung bei Steiner[Bearbeiten]

Steiner legte theoretisch-methodische Grundlagen für die anthroposophische Medizin bereits in seinem philosophischen Frühwerk[13][14], wobei er an Goethes naturwissenschaftliche Forschungsart und die Philosophie des deutschen Idealismus anknüpfte. Schon erkenntnistheoretisch begründete er einen empirischen, ontologisch objektiven Idealismus mit einem Wirklichkeitsbegriff, der die Seinsbereiche Materie, Leben, Seele und Geist in Mensch und Natur einerseits voneinander unterscheidet, sie aber andererseits auch in einer Gesamtauffassung miteinander verbindet, ohne sie reduktionistisch aufeinander beziehen zu müssen[15]. Aufbauend auf diesem universalienrealistisch geprägten Wirklichkeitsverständnis entwickelte er die Anthroposophie[16][17] und zeigte dann gegen Ende seines Lebens, wie diese die Praxis der verschiedensten Lebensfelder beeinflussen kann. So wandte er die Anthroposophie in den Jahren 1920–1925 auch auf die Medizin an, hielt Vorträge für Ärzte und Medizinstudenten (Bände 312–319 der Gesamtausgabe[18]) und schrieb vor seinem Tode zusammen mit der Ärztin Ita Wegman (1876–1943) ein Buch zur anthroposophischen Medizin[19]. Grundsätzlich entwickelte Steiner die anthroposophische Medizin (mehr als andere praktische Anwendungen der Anthroposophie) in Zusammenarbeit mit den Fachleuten für ihr Gebiet, also mit Ärzten[20]. Es sollten nur nach den anerkannten wissenschaftlichen Methoden ausgebildete Ärzte das von ihm Gegebene für ihre ärztliche Kunst verwenden. Keinesfalls wollte er gegen die anerkannte Medizin opponieren, sondern er wollte sie durch die Anthroposophie erweitern, die zu der Erkenntnis des physischen Menschen die des geistigen Menschen hinzufüge[19].

Viergliederung der Seinsebenen[Bearbeiten]

Die Erkenntnis des Geistigen in Mensch und Welt gelinge nicht durch mehr oder weniger gut gedachte Hypothesen[19], sondern nur durch spezielle Erkenntnisformen,[21] die dadurch entwickelt werden könnten, dass man das Denken in sich durch meditative Übungen weiterentwickle („erkrafte“), zunächst hin zu einem vollinhaltlichen, bildhaften Denken, welches so zur imaginativen Anschauung werde, der als Imagination bezeichneten, ersten von drei postulierten Stufen der höheren Erkenntnis. Mit dieser erkenne man neben der Welt der Physik die Welt des Lebendigen und neben dem physischen Leib des Menschen seinen Lebensleib (auch Ätherleib), den der Mensch mit den Pflanzen gemeinsam habe. Durch weitere Übungen sollen die Imaginationen wieder unterdrückt werden, um einen Zustand eines völlig leeren Bewusstseins zu erlangen. Dieses erfülle sich auf der zweiten, als Inspiration bezeichneten Erkenntnisstufe mit Inspirationen, Inhalten, die aus einer realen geistigen Welt zuströmten, so wie den physischen Sinnen die Eindrücke aus der physischen Welt zuströmten; diese entsprächen der „astralischen Welt“, in deren Welt der Mensch seinen Seelenleib (auch Astralleib) trage, den er mit den Tieren gemeinsam habe. Das eigentlich Menschliche, seine „Ich-Organisation“ erkenne man durch die dritte Erkenntnisart Intuition, in der man mit den geistigen Wesenheiten, die sich einem durch die Inspiration offenbarten, näher lebe[19].

Alle vier geistigen Seinsebenen würden die sinnliche Welt in spezifischer Weise durchdringen und bildeten so die aufeinander aufbauenden Wirklichkeiten des Toten (Mineralwelt), Lebendigen (Pflanzenwelt), Beseelten (Tierwelt) und Individuellen (Menschenwelt). Sie bewirkten in allen vier Naturreichen die wissenschaftlich erforschbaren Phänomene. Mit den naturwissenschaftlichen Mitteln könne man direkt nur das Tote erforschen. Auch die geistigen Seinsebenen des Lebendige, Beseelten und Individuellen würden innerhalb der physischen Welt der Pflanzen, Tiere und Menschen wirken und dort deren Organe bilden. Die Auswirkungen dieser geistigen Seinsebenen liessen sich mit naturwissenschaftlichen Mitteln nur indirekt erforschen. Es sei insgesamt eine Fehldeutung, die Ursachen für die Phänomene des Lebendigen, Seelischen und Geistigen alleine in den Gesetzmäßigkeiten des physischen Leibes zu suchen (diese würden in Reinheit nur für einen gestorbenen, zerfallenden Leichnam gelten); dies führe zum materialistischen Reduktionismus mit seinen erkenntnistheoretischen Widersprüchen, zur Unlösbarkeit des Leib-Seele-Problems und damit einhergehend zu der Folge, dass eine einseitig naturwissenschaftliche ärztliche Ausbildung die praktische Medizinausübung unmenschlicher machen könne[15].

Funktionelle Dreigliederung der Organsysteme[Bearbeiten]

Als weiteren Zugang zur Wesenheit des Menschen entwickelte Steiner das Konzept der „Dreigliederung“ des Menschen[22] in einen Nerven-Sinnes-Pol, einen Stoffwechsel-Gliedmassen-Pol, sowie ein vermittelndes rhythmisches System mit den Zentralorganen Herz und Lunge. Dies machte unter anderem der Anatom Johannes Rohen für seine Anatomielehrbücher fruchtbar[23][24][25].

Weitere Konzepte[Bearbeiten]

Steiner entwarf ferner eine anthroposophische Sinneslehre mit phänomenologischem Ansatz[26]. Die anthroposophischen Medizin beinhaltet Konzepte von Reinkarnation und Karma.

Das Krankheitskonzept der Anthroposophischen Medizin sieht Krankheit unter anderem darin, dass die gesunde Wechselwirkung der Wesensglieder in irgendeiner Weise gestört sei, was vor allem eine Störung der Lebensorganisation (Ätherleib) zur Folge habe. In der näheren Bestimmung dieser Störung im vorliegenden Einzelfall besteht im Wesentlichen die anthroposophisch-menschenkundliche Diagnose, die als eine Erweiterung oder Ergänzung der konventionellen Diagnose angesehen wird. Diese Art der Menschen- und Naturbetrachtung, die im Sinnlichen ein Übersinnliches sucht, ist methodisch verschiedentlich im Werk Steiners, sowie anthroposophischer Naturforscher skizziert und noch am ehesten mit dem Begriff „Goetheanismus“ zu bezeichnen.

Die Therapie erfolgt mit Arzneimitteln, Heilmitteln und äußeren pflegerischen Anwendungen [27]. Ein Leitprinzip ist die Anerkennung der Autonomie und der Würde des Patienten und ihm zu helfen, sich selber zu helfen.[3] Ziel ist es, die gesunde Wechselwirkung der Wesensglieder durch eine Neuordnung wiederherzustellen; deshalb wird dem Krankheitsprozeß als solchem auch eine konstruktive Rolle zugesprochen und auf radikale Interventionen nach Möglichkeit verzichtet[21].

Die Auffassung vom Menschen, der nur unter Berücksichtigung der Wechselwirkungen zwischen der geistigen, seelischen und physischen Ebene in seiner Ganzheit verstanden werden kann, wird auch vom Medizinsoziologen Ronald Grossarth-Maticek geteilt, der in den Kreisen anthroposophischer Ärzte durch seine Schriften - besonders seine Studien über die Wirksamkeit von Iscador in Abhängigkeit von anderen Faktoren [28] - und durch seine Vorträge in der Ita Wegman Klinik bekannt wurde.

Arzneimittel[Bearbeiten]

Die Arzneimittel der Anthroposophischen Pharmazie sind mineralischen, pflanzlichen und tierischen Ursprungs. Sie werden oral, parenteral (subkutan, intramuskulär oder intravasal) oder äußerlich angewendet. Ihre Anwendung beruht unter anderem auf dem Postulat, dass sie in jeweils spezifischer Weise die Wechselwirkung der menschlichen Wesensglieder beeinflussen können. Vielfach werden diese Substanzen in potenzierter homöopathischer Form verabreicht, typischerweise als D-Potenzen, oft als Komplexpräparate. Eine besondere Bedeutung hat die Misteltherapie erlangt, der von Seiten der anthroposophischen Medizin eine krebshemmende Wirkung zugeschrieben wird.[21]

Während bei der klassischen Homöopathie Arzneimittel konzeptuell empirisch zugeordnet werden – eine Entsprechung des Bildes der vom Arzneimittel hervorgerufenen Symptome und derer der Krankheit gesucht wird – sind in der anthroposophischen Medizin primär systematische Gesichtspunkte leitend. So werden zum Beispiel in Bezug auf die Dreigliederung pflanzliche aus der Wurzel hergestellte Präparate für das Nerven-Sinnes-System, solche aus dem Blattbereich für Wirkungen auf das rhythmische System und aus dem Blütenbereich stammende für das Stoffwechsel-Gliedmaßen-System eingesetzt[29].

Heilmittel[Bearbeiten]

Es gibt eine Reihe von nicht-medikamentösen Therapieformen (Heilmittel) wie die Heil-Eurythmie, anthroposophische Psychotherapie, Biographiearbeit und anthroposophische Kunsttherapie (Musiktherapie, therapeutische Sprachgestaltung, Maltherapie und plastisch-therapeutisches Gestalten), sowie die anthroposophische Körpertherapie, die sich in unterschiedliche Methoden gliedert, wie z. B. Bothmer-Gymnastik, Spacial Dynamics, rhythmische Massage, Massage nach Simeon Pressel oder das Öldispersionsbad. Zudem hat sich eine anthroposophisch erweiterte Krankenpflege entwickelt. Therapeutisch werden oft mehrere der Ansätze als Komplexbehandlung parallel angewendet, unter anderem um Wirkungen auf den verschiedenen Ebenen (z. B. Wesensgliedern) zu erreichen. Im Krankheitsfalle sollen die künstlerisch-therapeutischen Methoden die Wiedererlangung der Selbstregulation unterstützen.[21]

Wissenschaftliche Einordnung und Kritik[Bearbeiten]

Anthroposophische Medizin wird wie die Anthroposophie selber zumeist als pseudowissenschaftlich angesehen. Sie erhebe für sich den Anspruch einer Wissenschaftlichkeit im „erweiterten Sinne“[30], der jedoch nicht eingelöst werde.[31][4] Nach Edzard Ernst seien die angenommenen Zuordnungen zwischen Planeten, Metallen und Organen (z. B. Merkur, Quecksilber, Lunge) und daraus abgeleiteten therapeutischen Regeln für den Nichtanthroposophen kaum nachvollziehbar.[4]

Barbara Burckhard schreibt in einer Artikelserie der Pharmazeutischen Zeitung zur Anthroposophischen Medizin: Steiner hätte über „nicht-Sinnliches in derselben Art sprechen [wollen] wie die Naturwissenschaft über Sinnliches spricht“ und die Naturwissenschaft auf seelischem und geistigem Gebiet anwenden. Ob dies grundsätzlich möglich sei dürfe man wohl bezweifeln. Eine Antwort auf diese Frage könne nur die Wissenschafts- und Erkenntnistheorie geben.[32] Auf eine exemplarische Aussage zu karmischen Beziehungen von Krankheit und Heilung[33] urteilt sie, dass „anthroposophische Vorstellungen über Einteilung, Entstehung und Verlauf von Krankheiten nicht mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen vereinbar sind.“[34]

Da anthroposophisch-medizinische Arzneimittel häufig in homöopathischer Dosierung, d. h. stark verdünnt, angewendet werden, betrifft sie auch ein Teil der Kritik, die gegen die Homöopathie vorgebracht wird. So konnte in mehr als 100 wissenschaftlichen Studien kein belastbarer Nachweis für eine Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel erbracht werden, die über den Placebo-Effekt hinausgeht.[35] Homöopathen wiederum kritisieren an anthroposophischen Ärzten, dass sie „ihre“ Mittel ohne eine ausreichende Kenntnis der homöopathischen Materia medica und dazu noch in „unübersichtlichen“ Komplexpräparaten, das heißt Mischungen verschiedener potenzierter Einzelsubstanzen, verabreichen.

Wissenschaftliche Vertreter der anthroposophischen Medizin haben sich lange aus methodologischen und ethischen Gründen dagegen gesperrt, Studien nach den Kriterien der Evidence Based Medicine durchzuführen. In den letzten Jahren ist jedoch ein verstärktes Bemühen erkennbar, Studienergebnisse – vorrangig zu Misteltherapie und Heileurythmie – zusammenzustellen.[21] Randomisierte und kontrollierte Studien konnten laut Edzard Ernst und weiterer Mediziner bisher keine über den Placebo-Effekt hinausgehende Wirkung der anthroposophisch begründeten Misteltherapie bestätigen.[36][34][37][38] 2013 wurde eine bewusst nicht verblindete wissenschaftliche Studie veröffentlicht, welche die Lebensqualität von Patienten mit fortgeschrittenem Pankreaskarzinom unter der Mitwirkung der anthroposophischen Misteltherapie untersuchte und zu dem Ergebnis kam, dass diese die Lebensqualität der Probanden signifikant verbesserte.[39] Diese Arbeit wurde vom Verein für Krebsforschung e. V. gefördert, welcher Einnahmen aus Lizenzgebühren für die Herstellung des Arzneimittelwirkstoffes für das kommerziell erhältliche Mistelpräparat Iscador vom Zulassungsinhaber (der Weleda AG) dieses Präparats erhält. Der Verein für Krebsforschung hat erklärt, dass er keinen Einfluss auf die Planung, den Verlauf oder die Auswertung und Publikation der Studie genommen hat. [40]

Rechtlicher Status[Bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten]

Anthroposophische Medizin ist in Deutschland eine besondere Therapierichtung im Sinne des Sozialgesetzbuches und des Arzneimittelgesetzes. Weitere besondere Therapierichtungen sind in diesem juristischen Sinn die Homöopathie und die Phytotherapie (Pflanzenheilkunde). Im Gegensatz zu anderen Arzneimitteln dürfen Präparate der besonderen Therapierichtungen zugelassen werden, auch ohne dass für sie Wirksamkeitsnachweise nach empirisch-wissenschaftlichen Kriterien erbracht wurden, sofern eine sogenannte Binnenanerkennung durch Experten der jeweiligen Therapierichtung vorliegt.

Das Arzneimittelgesetz definiert ein anthroposophisches Arzneimittel als „ein Arzneimittel, das nach der anthroposophischen Menschen- und Naturerkenntnis entwickelt wurde, nach einem im Europäischen Arzneibuch oder, in Ermangelung dessen, nach einem in den offiziell gebräuchlichen Pharmakopöen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union beschriebenen homöopathischen Zubereitungsverfahren oder nach einem besonderen anthroposophischen Zubereitungsverfahren hergestellt worden ist und das bestimmt ist, entsprechend den Grundsätzen der anthroposophischen Menschen- und Naturerkenntnis angewendet zu werden.“[41] vor dem Hintergrund, dass Regelungen für diese Therapierichtung im europäischen Recht angestrebt werden.

Für Ärzte gibt es nicht wie zum Beispiel in der Homöopathie eine Zusatzbezeichnung der Bundesärztekammer, sondern eine Binnenanerkennung Tätigkeitsschwerpunkt „Anthroposophische Medizin (GAÄD)“ durch die Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD).[42] Das fachliche Niveau ist dem der Zusatzbezeichnung Homöopathie vergleichbar.

Schweiz[Bearbeiten]

Am 17. Mai 2009 stimmte eine Mehrheit des Schweizer Stimmvolks dafür, dass die Berücksichtigung der Komplementärmedizin in der Bundesverfassung verankert wird. Die Verfassung enthält nun den Satz „Bund und Kantone sorgen im Rahmen ihrer Zuständigkeiten für die Berücksichtigung der Komplementärmedizin.“ Zur Umsetzung dieses Verfassungszusatzes wird ab 2012 die anthroposophische Medizin neben vier weiteren alternativmedizinischen Behandlungsmethoden unter bestimmten Voraussetzungen von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung bezahlt. Diese Regelung gilt provisorisch bis Ende 2017. In dieser Zeit gelten Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit der fünf komplementärmedizinischen Methoden als teilweise umstritten und werden hinsichtlich dieser Kriterien evaluiert.[43]

In der Schweiz können Träger eines Facharzttitels nach einer mindestens zweijährigen Zusatzausbildung den von der Schweizerischen Ärztegesellschaft FMH vergebenen Fähigkeitsausweis „Arzt/ Ärztin für anthroposophisch erweiterte Medizin“ erlangen.[44]

Klinische Einrichtungen[Bearbeiten]

Die Filderklinik bei Stuttgart

In Deutschland gibt es sechs anthroposophisch orientierte Krankenhäuser:

Daneben gibt es in Deutschland verschiedene anthroposophisch orientierte Krankenhausunterabteilungen, Fachkliniken und Sanatorien.

In der Schweiz gibt es zwei anthroposophische Krankenhäuser:

  • die Klinik-Arlesheim, 2014 fusioniert aus der
    • Ita-Wegman Klinik in Arlesheim, seit 1921 und der
    • Lukasklinik für Tumorerkrankungen in Arlesheim, seit 1963
  • das Paracelsus-Spital in Richterswil, seit 1994

In Schweden gibt es die Vidarkliniken in Järna[46], in Japan die Sumiregaoka Hidamari Clinic in Yokohama-City.[47]

In den Einrichtungen gab es auch Reformbemühungen in der sozialen Organisationsstruktur, wie beispielsweise im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke als „Klinik ohne Chefarzt“[48] oder allgemeiner eine Orientierung an Aspekten von Rudolf Steiners sozialer Dreigliederung.

Lehre an Hochschulen[Bearbeiten]

Es gibt weltweit wenige Lehrstühle, die sich explizit mit anthroposophischer Medizin beschäftigen:

  • Deutschland: Gerhard Kienle Lehrstuhl für Medizintheorie, Integrative und Anthroposophische Medizin – ein von der Software AG – Stiftung finanzierter Stiftungslehrstuhl an der Fakultät für Gesundheit der Universität Witten/Herdecke.[49]
  • Schweiz: Ausserordentliche Professur für Anthroposophisch erweiterte Medizin am Institut für Komplementärmedizin IKOM der Universität Bern.[50]
  • Niederlande: Professorship Anthroposophic Healthcare an der Hogeschool Leiden.[51]

Im Medizinstudium in Deutschland können Inhalte der anthroposophischen Medizin im 2003 eingeführten Querschnittsbereichs 12 (Rehabilitation, Physikalische Medizin und Naturheilverfahren) enthalten sein.[52][53] An der Universität Witten/Herdecke existiert ein dem Medizinstudium „integriertes Begleitstudium anthroposophische Medizin (IBAM)“.[54]

Organisation[Bearbeiten]

In der medizinischen Sektion der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum arbeiten 22 Koordinatoren in der internationaler Koordination anthroposophische Medizin (IKAM) zusammen, der die Gesamtleitung der anthroposophisch medizinischen Bewegung obliegt.[55] Es gibt Landesgesellschaften in verschiedenen Ländern, wie z. B. die Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD).

Internationale Kriterien für eine Zertifizierung zum Anthroposophischen Arzt wurden 2003 von der Internationalen Vereinigung Anthroposophischer Ärztegesellschaften (IVAA) beschlossen.[56]

Bekannte anthroposophische Ärzte[Bearbeiten]

Dietrich Boie, Walther Bühler, Volker Fintelmann, Wolfgang Garvelmann, Matthias Girke, Norbert Glas, Michaela Glöckler, Margarethe Hauschka, Herbert Hensel, Peter Heusser, Gunther Hildebrandt, Friedrich Husemann, Richard Karutz, Helmut Kiene, Gerhard Kienle, Gunver Kienle, Karl König, Eugen Kolisko, Bernard Lievegoed, Peter Matthiessen, Ludwig Noll, Johannes Rohen, Bernd Rosslenbroich, Peter Selg, Herbert Siewecke, Georg Soldner, Hilma Walter, Ita Wegman, Frederik Willem Zeylmans van Emmichoven.

Literatur[Bearbeiten]

Befürworter[Bearbeiten]

Rudolf Steiner

  •  Rudolf Steiner, Ita Wegman: Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1991 (Erstausgabe 1925).
  •  Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft und Medizin. 7. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1999 (Mitschriften eines Vortragszyklus von 1920).
  •  Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Gesichtspunkte zur Therapie. 5. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2001 (Mitschriften eines Vortragszyklus von 1921).
  •  Rudolf Steiner: Physiologisch-Therapeutisches auf Grundlage der Geisteswissenschaft. 3. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1989 (Mitschriften von Vorträgen 1920–1924).
  •  Rudolf Steiner: Anthroposophische Menschenerkenntnis und Medizin. 3. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1994 (Mitschriften von Vorträgen 1923–1924).

Andere Autoren

Periodika

  • Der Merkurstab. Berlin und Dornach, offizielles Organ der medizinischen Sektion der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum, Dornach/Schweiz, und der Gesellschaft anthroposophischer Ärzte in Deutschland, erscheint zweimonatlich.

Wissenschaftliche Beurteilung[Bearbeiten]

  •  S. Kienle, Gunver, Helmut Kiene und Hans-Ulrich Albonico: Anthroposophische Medizin in der klinischen Forschung. Wirksamkeit, Nutzen, Wirtschaftlichkeit, Sicherheit. Schattauer, Stuttgart 2006, ISBN 3-7945-2471-3.
  • Barbara Burkhard: Anthroposophische Arzneimittel. Eine kritische Betrachtung. GOVI, Eschborn 2000, ISBN 3-7741-0810-2.
  •  Edzard Ernst: Anthroposophische Medizin: Geheimwissenschaft oder Heilmethode?. In: Perfusion. Nr. 19, 2006, ISSN 0935-0020, S. 344–348, OCLC 231031021.
  •  Edzard Ernst: Anthroposophische Medizin: Eine kritische Analyse. In: MMW-Fortschritte der Medizin. 150, Nr. Suppl. 1, 10. April 2008, ISSN 1438-3276, S. 1-6, OCLC 60623169, PMID 18540325.
  • GS Kienle, H Kiene: Complementary cancer therapy: A systematic review of prospective clinical trials on anthroposophic mistletoe extracts. In: European journal of medical research. 12, Nr. 3, 2007, S. 103–19. PMID 17507307.

Weblinks[Bearbeiten]

Forschung

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Matthias Frank: Komplementärmedizin in der Arztpraxis. Schattauer, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-7945-3079-3, S. 47-55, OCLC 900679574.
  2. Michaela Glöckler, Matthias Girke, Harald Matthes: Anthroposophische Medizin und ihr integratives Paradigma. In: Rahel Uhlenhoff (Hrsg.): Anthroposophie in Geschichte und Gegenwart. Berlin 2011, ISBN 978-3-8305-1930-0, S. 517.
  3. a b Gunver S. Kienle et al: Anthroposophic Medicine: An Integrative Medical System Originating in Europe. In: Global Advances in Health and Medicine. Vol 2, Number 6, 11/2013, S. 20–31.(online)
  4. a b c  Edzard Ernst: Anthroposophische Medizin: Eine kritische Analyse. In: MMW-Fortschritte der Medizin. Ergänzungsband Nr. 1, Nr. 150, Urban & Vogel, April 2008, ISSN 1438-3276, S. 1-6, OCLC 890211612, ZDB-ID 1478211-x.
  5. Darstellung der Anthroposophischen Medizin des „Dachverbands Anthroposophische Medizin in Deutschland“, abgerufen am 28. Juli 2015
  6. Krankenkassen Deutschland, abgerufen am 4. Januar 2016
  7. Manfred Anlauf, Lutz Hein, Hans-Werner Hense, Johannes Köbberling, Rainer Lasek, Reiner Leidl, Bettina Schöne-Seifert: Komplementäre und alternative Arzneitherapie versus wissenschaftsorientierte Medizin In: GMS Ger Med Sci 2015;13:Doc05. doi:10.3205/000209.
  8. Michael Utsch: Magie als Kassenleistung In: Materialdienst der EZW, 5/2003; S. 187–188.
  9. Klaus-Dietrich Bock und Manfred Anlauf: Die Jünger Steiners in der Gesundheitspolitik. Am Ende des Weges: Magie als Kassenleistung? (Memento vom 15. April 2008 im Internet Archive)
  10. Dialogforum Pluralismus in der Medizin. Einen solchen Diskurs erachtet das Dialogforum als möglich, wenn 1. die betreffende komplementärmedizinische Richtung in ihrem theoretischen Ansatz intersubjektiv vermittelbar ist hinsichtlich des ihr zugrunde liegenden Menschenbildes sowie der Rolle ihres Krankheitsverständnisses für die therapierichtungsimmanente therapeutische Zielsetzung und sie 2. sich als diskursbereit und diskursfähig erweist, sich also in ein Verhältnis zu anderen medizinischen Systemen setzen lässt und nicht theoretisch isoliert ist sowie 3. sich der Frage einer Nutzendokumentation und Wirksamkeitsbeurteilung stellt.
  11. a b Matthias Girke, Jörg-Dietrich Hoppe, Peter Matthiessen, Stefan Willich (Hrsg.) (2005): Medizin und Menschenbild: Das Verständnis des Menschen in Schul- und Komplementärmedizin. Dargestellt vom Dialogforum Pluralismus in der Medizin. Köln, Deutscher Ärzte-Verlag, Dezember 2005. ISBN 978-3-7691-0514-8. Volltext
  12. a b Helmut Kiene und Hermann Heimpel (2010): Ärztliche Professionalität und Komplementärmedizin. Was ist seriöses Therapieren? Medizinpluralismus und die Verpflichtung zu Wissenschaftlichkeit erscheinen nur auf den ersten Blick als ein Widerspruch. Deutsches Ärzteblatt, Jg.107, Heft 12, 26. März 2010 Volltext
  13. Rudolf Steiner: Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung mit besonderer Berücksichtigung auf Schiller (1896). GA 2, 8. Auflage Dornach 2003, ISBN 978-3-7274-0020-9. Volltext
  14. Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit, Grundzüge einer modernen Weltanschauung, seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode. GA 4, 16. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1995, ISBN 3-7274-0040-4. (Taschenbuchausgabe TB 627, ISBN 3-7274-6271-X) Volltext
  15. a b Heusser P (2010): Anthroposophische Medizin und Wissenschaft. Beiträge zu einer integrativen medizinischen Anthropologie. Schattauer Verlag, Stuttgart. ISBN 978-3-7945-2807-3 (Habilitationsschrift). Buchbesprechung hier: Kiene H (2011): Anthroposophische Medizin – Blick über den Tellerrand. Dtsch Arztebl 2011; 108(48): A-2612 / B-2183 / C-2155 online
  16. Rudolf Steiner (1904): Theosophie. GA 9, Rudolf Steiner Verlag Dornach 15. Auflage 2014, ISBN 978-3-7274-6151-4. Volltext
  17. Rudolf Steiner (1910): Die Geheimwissenschaft im Umriss. GA 13. Rudolf Steiner Verlag, Dornach. 30. Auflage 1989. ISBN 978-3-7274-0130-5. Volltext
  18. Rudolf Steiner Gesamtausgabe Bände 312-319, Volltexte
  19. a b c d  Rudolf Steiner, Ita Wegman: Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1991 (Erstausgabe 1925). Volltext
  20. Christoph Lindenberg (2011): Rudolf Steiner, eine Biographie. Verlag freies Geistesleben, Stuttgart. 1. Auflage der Taschenbuchausgabe. ISBN 978-3-7725-0150-0
  21. a b c d e  Hans Wolfgang Hoefert, Bernhard Uehleke: Komplementäre Heilverfahren im Gesundheitswesen. Analyse und Bewertung. 1. Auflage. Huber, Bern 2009, ISBN 978-3-456-84700-9, S. 184-186, OCLC 320799907.
  22. Rudolf Steiner (1917): Von Seelenrätseln. Anthropologie und Anthroposophie, Max Dessoir über Anthroposophie, Franz Brentano (Ein Nachruf). Skizzenhafte Erweiterungen. GA 21, 5. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1983, ISBN 978-3-7274-0210-4. Volltext
  23. Johannes Rohen und Elke Lütjen-Drecoll (2000): Funktionelle Histologie: Kurzgefasstes Lehrbuch der Zytologie, Histologie und mikroskopischen Anatomie des Menschen nach funktionellen Gesichtspunkten. Schattauer, Stuttgart. ISBN 3-7945-2044-0
  24. Johannes Rohen und Elke Lütjen-Drecoll (2011): Funktionelle Embryologie: Die Entwicklung der Funktionssysteme des menschlichen Organismus. Schattauer, Stuttgart, 4. Auflage. ISBN 978-3-7945-2823-3
  25. Johannes Rohen (2006): Morphologie des menschlichen Organismus. Verlag freies Geistesleben, Stuttgart, 3. Auflage. ISBN 978-3-7725-1998-7.
  26. Rudolf Steiner (1910): Anthroposophie, Ein Fragment aus dem Jahre 1910. GA 45. Rudolf Steiner Verlag, Dornach, 5. Auflage 2009. ISBN 978-3-7274-0452-8 Volltext
  27. Siehe http://www.pflege-vademecum.de
  28. http://www.ifaemm.de/B13_isca.htm
  29. R. Steiner, Anthroposophische Menschenerkenntnis und Medizin, GA 319, Vortrag vom 28. August 1923, Rudolf Steiner Verlag 1994, Dornach/Schweiz, S. 25f.
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