Horst Möller

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Horst Möller 2015
Möller (rechts) im Gespräch mit Wolfgang Krieger

Horst Möller (* 12. Januar 1943 in Breslau) ist ein deutscher Historiker. Von 1992 bis 2011 war er Direktor des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) in München.

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Horst Möller wurde als Sohn eines Bauunternehmers in Breslau geboren. Er machte 1963 sein Abitur an der Hoffmann-von-Fallersleben-Schule Braunschweig. Möller studierte Geschichte, Philosophie und Germanistik an den Universitäten Göttingen und Berlin, wo er 1969 das Staatsexamen ablegte und 1972 bei Thomas Nipperdey[1] in Geschichte promoviert wurde. Von 1969 bis 1977 war er wissenschaftlicher Assistent am Friedrich-Meinecke-Institut, 1978 habilitierte er sich dort. Gutachter der Arbeit waren Hans-Dietrich Loock und Ernst Nolte,[2] wobei sie Nolte federführend unterstützt haben soll.[3] Seine thematischen Schwerpunkte der 1970er Jahre waren die Geschichte Preußens und die Aufklärung in Europa. Als er 1979 seine Stelle im IfZ antrat, stellte ihn der Direktor Martin Broszat mit den Worten vor: „Horst Möller stammt aus dem 18. Jahrhundert.“[4]

Tätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1978 wechselte er in das Bundespräsidialamt unter Walter Scheel als Redenschreiber nach Bonn.[3] Von 1979 bis 1982 war er stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, von 1982 bis 1989 Ordinarius für Neuere Geschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg. Für drei Jahre (vom 1. April 1989 bis 31. März 1992) leitete er als Direktor das Deutsche Historische Institut in Paris.

Direktor des Instituts für Zeitgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1992 wurde er als Direktor an das Institut für Zeitgeschichte geholt und erhielt zugleich eine Professur an der Universität Regensburg. 1996 wechselte er nach München und wurde Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität. Beide Funktionen hatte er bis zu seiner Emeritierung 2011 inne. In dieser Zeit hatte sich sein thematischer Schwerpunkt auf das 20. Jahrhundert verschoben. Er schrieb über Preußen von 1918 bis 1947, über die Weimarer Republik und über Europa in der Zwischenkriegszeit und veröffentlichte über den Nationalsozialismus.[4]

Unter seiner Leitung verdoppelten sich Personal und Etat des IfZ. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands kamen auf die Zeithistoriker weitere Aufgaben zu, die Tätigkeit wurde auf die DDR-Geschichte ausgedehnt. Andererseits wurde mit dem Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam 1992 auch erstmals ein weiteres Institut vergleichbarer Art gegründet, so dass dem IfZ Konkurrenz erwuchs.[5]

Das Institut für Zeitgeschichte eröffnete eine Abteilung zunächst in Potsdam, dann in Berlin und übernahm die fachliche Betreuung der Ausstellung auf dem Obersalzberg. Die Zahl der Publikationen stieg erheblich an.[3] Zu den wichtigsten Projekten gehörten die Editionen der Tagebücher von Joseph Goebbels und die Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland. In Reaktion auf die Wehrmachtsausstellung entwickelte das IfZ unter Möller das Projekt "Wehrmacht in der NS-Diktatur", aus dem vier Bücher hervorgingen. Sie widerlegten zentrale Thesen der Wehrmachtsausstellung und der zugehörigen Publikationen und erlaubten einen direkten Blick in die Brutalität und Kriegsverbrechen.[6] Möllers persönliche Nähe zu Frankreich kam in dem Forschungsprojekt Demokratie in der Zwischenkriegszeit zum Ausdruck, das einen Ländervergleich zwischen Deutschland und Frankreich herstellte. Weitere Themen waren Gesellschaft und Politik in Bayern und der KSZE-Prozeß. Unter Möller wurde die Edition von Hitlers Reden und Schriften 1925 bis 1933 abgeschlossen und unter ihm begann noch das 2014 fertig gestellte Projekt zur Verfolgung von NS-Verbrechen in der deutschen Nachkriegsjustiz.[4]

In der Ära Möller wurde das IfZ zweimal evaluiert, 1996 durch den Wissenschaftsrat und 2003 durch die Leibniz-Gemeinschaft. In beiden Fällen kamen die Gutachter zum Schluss, dass ein längerfristiges Konzept fehle, und zu wenige innovative Forschung stattfinde. Es gäbe zu wenige international vergleichbare Ansätze und interdisziplinäre Zusammenarbeit.[5] [7]

Sein Nachfolger als Direktor des IfZ ist sein Schüler Andreas Wirsching. Darüber hinaus gehören zu seinen akademischen Schülern u.a. Magnus Brechtken, Stefan Grüner, Manfred Kittel, Hans-Christof Kraus, Peter Lieb und Dieter Pohl.

Nach seiner Emeritierung übernahm er Funktionen in zahlreichen Beiräten und verfasste er eine umfangreiche Biographie über Franz Josef Strauß, die 2015 zu dessen 100. Geburtsjahr erschien. Er hatte als erster Wissenschaftler den vollen Zugang zum Strauß'schen Nachlass, der sich im Besitz der Hanns-Seidel-Stiftung befindet.[8]

Kontroverse um Ernst Nolte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Möller hielt am 4. Juni 2000 die Laudatio auf den mit dem Konrad-Adenauer-Preis der Deutschland-Stiftung ausgezeichneten Ernst Nolte. Heinrich August Winkler hatte ihm im Vorfeld wegen Noltes Rolle im Historikerstreit 1986/87 abgeraten[5] und forderte daraufhin Möller zum Rücktritt von der Leitung des Instituts für Zeitgeschichte auf.[9] Dem schlossen sich Jürgen Kocka und Hans-Ulrich Wehler an.[10]

In seiner Festrede, die Möller ausdrücklich als Wissenschaftler, nicht als Direktor des IfZ halten wollte, distanzierte er sich zwar von den umstrittensten Thesen Noltes, bezeichnete ihn aber insgesamt als „Geschichtsdenker in der Tradition der dialektischen Geschichtsphilosophie Hegels und der begriffenen Geschichte Kants“ und lobte ausdrücklich dessen auch international anerkanntes „Lebenswerk von hohem Rang und unverwechselbarer Eigenart“.[11]

Einordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Festschrift zu seinem 65. Geburtstag hieß es: „Horst Möllers wissenschaftliche Wurzeln liegen in der Aufklärung – als Gegenstand wie als Methode.“[12] Möller wird als „bekennender Konservativer“ beschrieben, „der anders als sein Vorgänger, kein produktiver Unruhestifter, eher ein geschäftiger Wissenschaftsmanager [sei], der in unzähligen wissenschaftlichen Beiräten und Gremien vertreten ist.“[5]

Möller ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.[13]

Auswärtige Lehrtätigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weitere Funktionen und Ämter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Möller hat rund 200 Aufsätze und diverse Bücher veröffentlicht, die sich mit der deutschen, französischen und europäischen Geschichte vom 17. Jahrhundert bis zum Ende des 20. Jahrhunderts befassen. Mehrere wurden in verschiedene Sprachen übersetzt.

Monographien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Aufklärung in Preussen. Der Verleger, Publizist und Geschichtsschreiber Friedrich Nicolai. Colloquium-Verlag. Berlin 1974, ISBN 3-7678-0361-5 (zugleich Dissertation, FU Berlin, 1972).
  • Exodus der Kultur. Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler in der Emigration nach 1933. Beck, München 1984, ISBN 3-406-09293-4.
  • Parlamentarismus in Preußen 1919–1932. Droste, Düsseldorf 1985, ISBN 3-7700-5133-5.
  • Weimar. Die unvollendete Demokratie. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1985, ISBN 3-423-34059-2.
  • Vernunft und Kritik. Deutsche Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert. suhrkamp, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-518-11269-4.
  • Fürstenstaat oder Bürgernation? Deutschland 1763–1815. Siedler, Berlin 1989, ISBN 3-88680-054-7.
  • Theodor Heuss. Staatsmann und Schriftsteller. Bouvier, Bonn 1990, ISBN 3-416-02267-X.
  • Europa zwischen den Weltkriegen. Oldenbourg, München 1998, ISBN 3-486-52321-X.
  • Saint-Gobain in Deutschland. Von 1853 bis zur Gegenwart. Geschichte eines europäischen Unternehmens. Beck, München 2001, ISBN 3-406-46772-5 (Unter Mitwirkung von Hildegard Möller).
  • Franz Josef Strauß. Herrscher und Rebell. Piper, München 2015, ISBN 978-3-492-05640-3.

Herausgeberschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sammelbände

  • mit Martin Broszat: Das Dritte Reich. Herrschaftsstruktur und Geschichte. C.H. Beck Verlag, München 1983, ISBN 3-406-09280-2.
  • mit G. Raulet und A. Wirsching: Gefährdete Mitte. Mittelschichten und politische Kultur zwischen den Weltkriegen: Italien, Frankreich und Deutschland. Thorbecke, Sigmaringen 1993, ISBN 3-7995-7329-1.
  • mit J. Morizet: Allemagne – France. Lieux de mémoire d'une histoire commune. Paris 1995.
  • mit A. Wirsching und W. Ziegler: Nationalsozialismus in der Region. Institut für Zeitgeschichte, München 1996, ISBN 3-486-64500-5.
  • mit I. Mieck und J. Voss: Paris und Berlin in der Revolution 1848. 1995.
  • mit Rainer Eppelmann, Dorothee Wilms und Günter Nooke: Lexikon des DDR-Sozialismus. 1996.
  • mit K. Hildebrand: Die Bundesrepublik Deutschland und Frankreich. Dokumente 1949–1963. 1997/99 (4 Bde.).
  • mit Udo Wengst: 50 Jahre Institut für Zeitgeschichte: eine Bilanz. 1999.
  • mit L. Gall u. a.: Enzyklopädie deutscher Geschichte.
  • mit Eberhard Jäckel, Hermann Rudolph: Von Heuss bis Herzog. Die Bundespräsidenten im politischen System der Bundesrepublik. 1999.
  • mit Volker Dahm, Hartmut Mehringer: Die tödliche Utopie. Bilder, Texte, Dokumente, Daten zum Dritten Reich. 2002.
  • mit Manfred Kittel: Demokratie in Deutschland und Frankreich 1918–1933/40. Beiträge zu einem historischen Vergleich, 2002
  • mit Udo Wengst: Einführung in die Zeitgeschichte. Beck, München 2003, ISBN 3-406-50246-6.
  • mit Maurice Vaïsse: Willy Brandt und Frankreich. Oldenbourg, München 2005, ISBN 3-486-57649-6.
  • mit Manfred Kittel, Jirí Pešek, Oldrich Tuma: Deutschsprachige Minderheiten 1945. Ein europäischer Vergleich. 2006 (tschech. Ausgabe unter dem Titel: Nemecké menšiny v právnich normách 1938–1948. Ceskoslovensko ve srovnáni s vbybranými evropskými zememy)
  • Les relations franco-bavaroises. Textes réunis et publiés par Jacques Bariéty et Horst Möller, Revue d'Allemagne, tome 38 – no. 3, Juli – September 2006.
  • mit Jürgen John, Thomas Schaarschmidt: Die NS-Gaue. Regionale Mittelinstanzen im zentralisierten „Führerstaat“? Oldenbourg, München 2007, ISBN 3-486-58086-8.

Zeitschriften und Schriftenreihen

  • Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (gemeinsam mit K. D. Bracher und H.-P. Schwarz)
  • Schriftenreihe der VfZ (gemeinsam mit K. D. Bracher und H.-P. Schwarz)
  • Jahrbuch der historischen Forschung. 1982–2003.
  • Historische Bibliographie. 1987–2003.
  • mit K. Hildebrand und G. Schöllgen: Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Horst Möller: Aufklärung in Preussen. Berlin 1974, S. V.
  2. Horst Möller: Parlamentarismus in Preußen 1919–1932. Düsseldorf 1985, S. 6.
  3. a b c Rainer Blasius: Horst Möller. Kompetenz und Contenance. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Januar 2013, Nr. 5, S. 32.
  4. a b c Hans Maier: Amtswechsel im Institut für Zeitgeschichte. Nach 19 Jahren scheidet Horst Möller aus dem Amt. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, De Gruyter, Ausgabe 3/2011, S. 467–469
  5. a b c d Volker Ullrich: Ein Institut im Zwielicht. In: Die Zeit, 21. Juni 2000
  6. Roman Töppel: Wehrmacht in der NS-Diktatur, Rezension in Sehepunkte, Ausgabe 10, Heft 7/8 (2010)
  7. Leibniz-Gemeinschaft: Stellungnahme zum Institut für Zeitgeschichte (IfZ)
  8. Horst Möller: Franz Josef Strauß, Piper Verlag 2015, ISBN 978-3-492-05640-3
  9. Lieber Herr Möller!, in: Die Zeit Nr. 25 (2000) (online, Zugriff am 10. August 2007)
  10. Berthold Seewald, Wenn Moral zum Hebel der Macht wird, in: Die Welt vom 21. Juni 2000 (online, Zugriff am 10. August 2007)
  11. vgl. Richard Herzinger: Totalitäre Dynamik, in: Die Zeit Nr. 23 (2000) (online, Zugriff am 10. August 2007)
  12. Klaus Hildebrand, Udo Wengst, Andreas Wirsching (Hrsg.): Geschichtswissenschaft und Zeiterkenntnis. Oldenbourg Verlag 2008, ISBN 978-3-486-58507-0, Seite XI
  13. Horst Möller im Munzinger-Archiv, abgerufen am in Internationales Biographisches Archiv 38/2011 vom 20. September 2011 (cs) Ergänzt um Nachrichten durch MA-Journal bis KW 25/2015 (Artikelanfang frei abrufbar)