Kontinuumsmechanik

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Die Kontinuumsmechanik ist ein Teilgebiet der Mechanik, der die Bewegung von deformierbaren Körpern als Antwort auf äußere Belastungen studiert. Der Begriff Deformation wird hier so weit gefasst, dass auch das Fließen einer Flüssigkeit oder das Strömen eines Gases darunter fällt. Entsprechend gehören Festkörper-Mechanik, Strömungslehre und Gastheorie zur Kontinuumsmechanik. In der Kontinuumsmechanik wird vom mikroskopischen Aufbau der Materie, also zum Beispiel der Gitterstruktur kristalliner Festkörper und der molekularen Struktur von Flüssigkeiten, abgesehen und der Untersuchungsgegenstand als ein Kontinuum genähert. Die Größen Dichte, Temperatur und die drei Komponenten der Geschwindigkeit liegen an jedem Raumpunkt innerhalb eines Körpers vor, was die Kontinuumsmechanik zu einer Feldtheorie macht. Zu den nicht klassischen Theorien der Kontinuumsmechanik gehören die relativistische Kontinuumsmechanik, das Cosserat-Kontinuum, in dem jeder materielle Punkt zusätzlich drei Rotationsfreiheitsgrade besitzt oder die nicht lokalen Materialien.

Der theoretische Hintergrund der Kontinuumsmechanik liegt in der Physik, die praktische Anwendung erfolgt in verschiedenen Bereichen des Maschinenbaus, des theoretischen Bauingenieurwesens, der Werkstoffkunde, der Medizinische Informatik sowie in der Geophysik und anderen Bereichen der Geowissenschaften.

Das im Bereich wissenschaftlich technischer Aufgabenstellungen der Festkörpermechanik bekannteste und am meisten angewandte numerische Berechnungsverfahren, die Finite-Elemente-Methode, löst die Gleichungen der Kontinuumsmechanik (näherungsweise) mit Methoden der Variationsrechnung. In der Strömungslehre kommt ein gleicher Rang dem Finite-Volumen-Verfahren zu.

Historischer Abriss[Bearbeiten]

Die Kontinuumsmechanik basiert auf der Mechanik, Physik, Differential- und Integralrechnung deren historischer Werdegang dort nachgeschlagen werden kann. An dieser Stelle soll die spezifisch kontinuumsmechanische Entwicklung skizziert werden.

Leonardo da Vinci (1452-1519) trug durch viele Skizzen von Strömungsvorgängen zur Entwicklung der Methodik der Strömungslehre bei. Galileo Galilei (1564-1642) begründete die Festigkeitslehre und beschäftigte sich mit Hydraulik, Torricelli (1608-1647) und Blaise Pascal (1623-1662) beschäftigten sich unter anderem mit der Hydrostatik und Hydrodynamik. Edme Mariotte (1620-1684) lieferte Beiträge zu Problemen der Flüssigkeiten und Gase und stellte dabei erste Konstitutivgesetze auf. Robert Hooke (1635-1703) formulierte 1676 das nach ihm benannte Hookesche Gesetz über das elastische Verhalten von Festkörpern. Pitot (1695-1771) untersuchte den Staudruck in Strömungen. Leonhard Euler (1707-1783) gab wesentliche Impulse zur Mechanik starrer und deformierbarer Körper sowie zur Hydromechanik. Die in der Kontinuumsmechanik fundamentalen Begriffe des Spannungs- und Verzerrungstensors wurden von Cauchy (1789-1857) eingeführt. Weitere Beiträge kamen unter anderem von Poisson (1781-1840), Navier (1785-1836), Stokes (1819-1903), Kirchhoff (1824-1887) und Piola (1794-1850). Impulse auf dem Gebiet der Grundlagenforschung in der Kontinuumsmechanik gaben Truesdell (1919-2000) und Noll (*1925).[1][2]

Aussagen der Kontinuumsmechanik[Bearbeiten]

Die Kontinuumsmechanik enthält zwei unterschiedliche Kategorien von Aussagen:

  1. allgemeine Aussagen, die für alle materiellen Körper gelten, und
  2. individuelle Aussagen, die Materialeigenschaften beschreiben.

Die allgemeinen Aussagen beschreiben

  1. die Naturgesetze, die das physikalische Verhalten der Materie bestimmen, und
  2. die Kinematik, hier die Geometrie der Deformation eines Körpers.

Die individuellen Aussagen über die Materialeigenschaften des Körpers werden in der #Materialtheorie getroffen. Sie schaffen die Verbindung zwischen den Naturgesetzen und den Deformationen von Körpern.

Die mathematische Beschreibung erlaubt die kompakte Formulierung der Naturgesetze in Bilanzgleichungen und der Materialeigenschaften in konstitutiven Gleichungen.

Das System aus

  1. Bilanzgleichungen,
  2. kinematischen Gleichungen und
  3. konstitutiven Gleichungen

ist abgeschlossen und führt zur prinzipiellen Vorhersagbarkeit der Reaktion von Körpern auf gegebene äußere Belastungen.

Kinematik[Bearbeiten]

Hier sollen nur die spezifisch kontinuumsmechanischen Aspekte beschrieben werden, mehr ist unter Kinematik nachzuschlagen. Die Kinematik gibt in der Kontinuumsmechanik Transformationsgleichungen für Größen in der Ausgangskonfiguration in die entsprechenden Größen in der Momentankonfiguration. Bei der Deformation werden Vektorfelder transformiert, was von Tensoren bewerkstelligt wird. Die in der Kontinuumsmechanik meist benutzten Tensoren sind Tensoren zweiter Stufe, die Vektoren aus dreidimensionalen Vektorräumen linear aufeinander abbilden. Für diese Tensoren gilt also die komponentenweise Darstellung

\textbf{T}=\sum_{i=1}^3 \sum_{j=1}^3 T_{ij} \vec{g}_i \otimes \vec{G}_j

worin \lbrace \vec{G}_1,\vec{G}_2,\vec{G}_3 \rbrace eine Basis des Urbildraumes, die \lbrace \vec{g}_1, \vec{g}_2, \vec{g}_3 \rbrace des Bildraumes und \otimes das dyadische Produkt ist, siehe Tensor#Basis. Mit dem Spur-Operator \operatorname{Sp} wird das Skalarprodukt (\;)\cdot(\;) zwischen Tensoren und der Betrag \parallel (\;)\parallel eines Tensors definiert. Die Abtrennung des hydrostatischen oder Kugelanteils \tfrac13\operatorname{Sp}\left(\textbf{T}\right)\textbf{I} liefert den Deviator

\textbf{T}^{\mathrm D} := \textbf{T}-\tfrac13\operatorname{Sp}\left(\textbf{T}\right)\textbf{I}\quad{\Rightarrow}\quad \textbf{T}^{\mathrm D}\cdot\tfrac13\operatorname{Sp}\left(\textbf{T}\right)\textbf{I}=0

\textbf I ist darin der Einheitstensor.

Der materielle Körper[Bearbeiten]

Der materielle Körper als Träger der physikalischen Prozesse erfüllt gleichmäßig Teile des Raumes unserer Anschauung. In der Kontinuumsmechanik wird der Körper mittels Konfigurationen bijektiv in einen euklidischen Vektorraum \mathbb{V}^3 abgebildet, wobei die Eigenschaften des Körpers kontinuierlich über den Raum verschmiert werden. Mit Hilfe dieser Idealisierung wird der Körper als Punkt-Menge beschrieben, in der Gradienten und Integrale gebildet werden können.

Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen:

  1. Es gibt eine Größenskala, unterhalb derer die Aussagen der Kontinuumsmechanik ihre Gültigkeit verlieren. Diese Größenskala liegt oberhalb der Abmessungen des Referenz-Volumen-Elementes (RVE), aus identischen Kopien von welchem der materielle Körper aufgebaut gedacht wird. Das RVE eines Kristalls kann beispielsweise eine Elementarzelle sein.
  2. Ein innerer Punkt des Körpers bleibt immer ein innerer Punkt, weswegen die Beschreibung der Ausbreitung von Rissen mit Aussagen der klassischen Kontinuumsmechanik nicht möglich ist. Mit der Reaktion von Körpern auf Risse und der Rissausbreitung beschäftigt sich die Bruchmechanik, die ihrerseits auf das Vorhandensein eines Risses angewiesen ist.

Für einen Körper werden folgende Konfigurationen benutzt:

  1. Die Referenz- oder Bezugskonfiguration {\chi}_{R}\left(P\right) , die der Identifikation der materiellen Punkte P dient. Die Ausgangskonfiguration \vec{X} = {\chi}_{0}\left(P\right) des undeformierten Körpers zu einem Zeitpunkt {t}_{0} ist zeitlich fixiert und kann als Referenzkonfiguration dienen.
  2. Die Momentankonfiguration \vec{x} = {\chi}_{t}\left(P\right) des deformierten Körpers zur Zeit t.

Die Verknüpfung dieser Konfigurationen

\begin{array}{lll}
\chi_t \circ \chi_0^{-1}:&
V\subset\mathbb{V}^3 &\rightarrow v\subset\mathbb{V}^3\\
& \vec{X}&\mapsto \vec{x}\end{array}

soll so oft stetig differenzierbar sein, wie es im jeweiligen Kontext notwendig ist. Der Urbildraum V wird mit dem vom Körper in der Referenzkonfiguration eingenommenen Volumen identifiziert und der Bildraum v mit dem vom Körper in der Momentankonfiguration eingenommenen Volumen.

Materielle und räumliche Koordinaten[Bearbeiten]

Die materiellen Koordinaten \vec{X} eines materiellen Punktes P sind mit der Referenzkonfiguration \chi_{0}\left(P\right) gegeben:

\vec{X}=\chi_{0}\left(P \right)\in V \subset \mathbb{V}^3

Die Momentankonfiguration gibt die räumlichen Koordinaten \vec{x} des materiellen Punktes P im Raum:

\vec{x}=\chi_{t}\left(P\right)=\chi_{t}\left(\chi_{0}^{-1}\left( \vec{X}\right)\right) =: \vec{\chi}\left(\vec{X},t\right) \in v \subset \mathbb{V}^3 .

Die Bewegungsfunktion \vec{\chi}\left(\vec{X},t\right) beschreibt bei festgehaltenem \vec{X} die Bahnlinie eines materiellen Punktes durch den Raum.

Wegen der Eineindeutigkeit der Konfigurationen bei der Beschreibung des materiellen Körpers können alle einem materiellen Punkt zugeordneten Größen (z. B. Dichte, Temperatur und Geschwindigkeit) in Abhängigkeit seiner materiellen oder räumlichen Koordinaten beschrieben werden. Im ersteren Fall wird die Bewegung eines materiellen Punktes durch den Raum beobachtet was die materielle oder Lagrange'sche Beschreibungsweise ist (nach Joseph-Louis Lagrange) und die in der Festkörpermechanik bevorzugt wird. Im zweiten Fall wird beobachtet, welche materiellen Punkte einen gegebenen Raumpunkt passieren und welche physikalischen Größen dort vorliegen was die räumliche oder Euler'sche Beschreibungsweise bezeichnet und die in der Strömungslehre benutzt wird. Wenn nicht anders angegeben, werden Größen in der Lagrange'schen Beschreibungsweise mit Großbuchstaben oder dem Index {(\;)}_{0} und solche der Euler'schen mit Kleinbuchstaben bezeichnet.

Differentialoperatoren[Bearbeiten]

In der Kontinuumsmechanik werden für die materielle und die räumliche Betrachtungsweise vor allem zwei Differentialoperatoren, Gradient und Divergenz, gebraucht:

Feldvariable Divergenz \operatorname{DIV} Gradient \operatorname{GRAD}
Skalarfeld q \frac{\partial q}{\partial \vec{X}}=\sum_{i=1}^3\frac{\partial q}{\partial X_i}\vec{e}_i
Vektorfeld \vec{q}=\sum_{i=1}^3 q_i \vec{e}_i \sum_{i=1}^3\frac{\partial \vec{q}}{\partial X_i}\vec{e}_i=\sum_{i=1}^3\frac{\partial q_i}{\partial X_i} \frac{\partial \vec{q}}{\partial \vec{X}}=\sum_{i=1}^3\sum_{j=1}^3\frac{\partial q_i}{\partial X_j}\vec{e}_i \otimes\vec{e}_j
Tensorfeld \textbf{q}=\sum_{i=1}^3 \sum_{j=1}^3 q_{ij} \vec{e}_i\otimes  \vec{e}_j \sum_{i=1}^3\frac{\partial \textbf{q}}{\partial X_i}\vec e_i=\sum_{i=1}^3\sum_{j=1}^3\frac{\partial q_{ij}}{\partial X_j}\vec{e}_i

Darin sind \operatorname{DIV} und \operatorname{GRAD} die materiellen Operatoren. Entsprechende Definitionen gelten für die räumlichen Operatoren \operatorname{div} und \operatorname{grad} in der räumlichen Formulierung.

Lokale und materielle Zeitableitung[Bearbeiten]

Die Zeitableitung einer einem materiellen Punkt zugeordneten Größe, z. B. der Temperatur T, kann bei festgehaltenem Raumpunkt \vec{x} oder festgehaltenem materiellen Punkt \vec{X} ausgewertet werden. Ersteres ist die lokale Zeitableitung letzteres die materielle oder Substantielle Ableitung.

Die Partielle Ableitung \frac{\partial}{\partial t}T\left(\vec{x},t\right) bei festgehaltenem Raumpunkt \vec{x} ist die lokale Zeitableitung, d. h. die Änderungsrate die man an einem festen Raumpunkt beobachtet.

Die materielle Zeitableitung ist in der Lagrange'schen Beschreibung

\frac{\mathrm d}{\mathrm dt} T_{0} \left(\vec{X},t\right)=\dot{T}_{0}\left(\vec{X},t\right) .

In der Euler'schen Beschreibung setzt sich die materielle Zeitableitung aus dem lokalen und einem zusätzlichen konvektiven Anteil zusammen:

\frac{\mathrm d}{\mathrm dt}T\left(\vec{x},t\right)=\frac{\partial}{\partial\vec{x}}T\left(\vec{x},t\right) \cdot\frac{\partial}{\partial t}\vec{\chi}\left(\vec{X},t\right) + \frac{\partial}{\partial t}T\left(\vec{x},t\right)=\operatorname{grad}\;T\left(\vec{x},t\right) \cdot\vec{v}\left(\vec{x},t\right) + \frac{\partial}{\partial t}T\left(\vec{x},t\right)

Darin ist \vec{X}=\vec{\chi}^{-1}\left(\vec{x},t\right) die materielle Koordinate des Partikels, der sich zur Zeit t am Ort \vec{x} befindet, \vec{v}\left(\vec{x},t\right)=\dot{\vec{\chi}}\left(\vec{X},t\right) die Geschwindigkeit dieses Partikels am Ort \vec{x} und \operatorname{grad}\;T \cdot\vec{v} stellt den konvektiven Anteil dar.

Der Deformationsgradient[Bearbeiten]

Deformationsgradient

Der Deformationsgradient bildet die Vektoren des Tangentialraumes \textrm{T}_{\vec{X}}V in einem Punkt \vec{X} der Ausgangskonfiguration in den Tangentialraum \textrm{T}_{\vec{x}}v in \vec{x}=\vec{\chi}\left(\vec{X},t\right) der Momentankonfiguration ab

\begin{array}{llll}
\textbf{F}:& \textrm{T}_{\vec{X}}V& \rightarrow & \textrm{T}_{\vec{x}}v\\
& \mathrm d\vec{X}& \mapsto & \mathrm d\vec{x}=\textbf{F}\left(\vec{X},t\right)\mathrm d\vec{X}\end{array} .

Er ist die Ableitung der Bewegungsfunktion nach den materiellen Koordinaten

\textbf{F}\left(\vec{X},t\right)=\frac{\mathrm d\vec{\chi}\left(\vec{X},t\right)}{\mathrm d\vec{X}}=\frac{\mathrm d\vec{x}}{\mathrm d\vec{X}}=\operatorname{GRAD}\left(\vec{\chi}\left(\vec{X},t\right)\right)

und wird mit der Richtungsableitung

\textbf{F}\left(\vec{X},t\right)\mathrm d\vec{X}=\left.\frac{\mathrm d}{\mathrm ds}\vec{\chi}{\left(\vec{X}+s\;\mathrm d\vec{X},t\right)}\right|_{s=0}=\mathrm d\vec{x} \quad \forall\;\mathrm d\vec{X} \in \textrm{T}_{\vec{X}}V

berechnet, was seine Transformationseigenschaften der Linienelemente \mathrm d\vec{X} verdeutlicht.

Er transformiert auch das Oberflächenelement \vec{N}\mathrm dA , der mit dem Flächenstück \mathrm d A multiplizierten Normalen \vec{N} des Flächenstücks, und das Volumenelement \mathrm d V von der Ausgangskonfiguration in die Momentankonfiguration:

\begin{array}{lcl}\vec{n}\mathrm da&=&\det\left(\textbf{F}\right){\textbf{F}}^{-\mathrm{T}}\vec{N}\mathrm dA\\
\mathrm dv&=&\det\left(\textbf{F}\right)\mathrm dV\end{array} .

Darin ist \det(\;) die Determinante und (\;)^{-\mathrm{T}} die transponiert Inverse. Mit diesen Elementen können Integrale in der Ausgangs- und der Momentankonfiguration (gleichbedeutend: in der materiellen und räumlichen Formulierung) ineinander umgerechnet werden.

Verzerrungstensoren[Bearbeiten]

Vergleich verschiedener Dehnungsmasse bei der homogenen Streckung eines geraden Stabes der Länge L auf die Länge u+L

Mithilfe des Deformationsgradienten werden die Verzerrungsmasse definiert. Die Polarzerlegung des Deformationsgradienten \textbf{F}=\textbf{R U}=\textbf{V R} spaltet die Verformung lokal in eine reine Drehung, vermittelt durch den Rotationstensor \mathbf R, und eine reine Streckung, vermittelt durch die symmetrischen positiv definiten rechten bzw. linken Strecktensor \mathbf U bzw. \mathbf V.

Letztere dienen der Definition einer Vielzahl von Verzerrungstensoren, z. B. der Nominaldehnungen

\textbf{E}_{N}=\textbf{U}-\textbf{I}

der Hencky Dehnungen

\textbf{E}_{H}=\ln\left(\textbf{U}\right)

(berechnet mittels Hauptachsentransformation von \textbf U, Ziehung der Logarithmen der Diagonalelemente und Rücktransformation) der Green-Lagrange'schen Dehnungen

\textbf{E}=\tfrac12\left(\textbf{U}^\mathrm{T} \textbf{U}-\textbf{I}\right)=\tfrac12\left({\textbf{F}}^\mathrm{T} \textbf{F}-\textbf{I}\right)

und Euler-Almansi-Dehnungen

\textbf{e}=\tfrac12\left(\textbf{I}-\textbf{V}^{-\mathrm T}\textbf{V}^{-1}\right)=\tfrac12\left(\textbf{I}-{\textbf{F}}^{-\mathrm T}{\textbf{F}}^{-1}\right) .

\textbf I ist darin der Einheitstensor. Letztere Dehnungstensoren sind aus dem Vergleich zweier materieller Linienelemente \mathrm d\vec{X} und \mathrm d\vec{Y} im Punkt \vec{X} motiviert:

\begin{array}{cc}
\mathrm d\vec{x}\cdot\mathrm d\vec{y}-\mathrm d\vec{X}\cdot\mathrm d\vec{Y}& =\textbf{F}\mathrm d\vec{X}\cdot\textbf{F}\mathrm d\vec{Y}-\mathrm d\vec{X}\cdot\mathrm d\vec{Y}=2\mathrm d\vec{X}\cdot\textbf{E}\mathrm d\vec{Y}\\
& =\mathrm d\vec{x}\cdot\mathrm d\vec{y}-\textbf{F}^{-1}\mathrm d\vec{x}\cdot \textbf{F}^{-1}\mathrm d\vec{y}=2\mathrm d\vec{x}\cdot\textbf{e}\mathrm d\vec{y}\end{array}
\quad\forall\;\mathrm d\vec{X},\mathrm d\vec{Y} \in \textrm{T}_{\vec{X}}V

Verzerrungsgeschwindigkeiten[Bearbeiten]

Aus der Zeitableitung

\begin{array}{lclcl}\frac{\mathrm d}{\mathrm dt}
\left(
\mathrm d\vec{x}\cdot\mathrm d\vec{y}
\right)
=
\frac{\mathrm d}{\mathrm dt}
\left(\textbf{F}\mathrm d\vec{X}\cdot\textbf{F}\mathrm d\vec{Y}\right)
&=&
\dot{\textbf{F}}\mathrm d\vec{X}\cdot\textbf{F}\mathrm d\vec{Y}
+\textbf{F}\mathrm d\vec{X}\cdot\dot{\textbf{F}}\mathrm d\vec{Y}
=:
2\mathrm d\vec{X}\cdot\dot{\textbf{E}}\mathrm d\vec{Y}
&\Rightarrow&
\dot{\textbf{E}}
=\frac12\left(\dot{\textbf{F}}^\mathrm{T} \textbf{F}
+\textbf{F}^\mathrm{T}\dot{\textbf{F}}
\right)
\\
&=&
\dot{\textbf{F}} \textbf{F}^{-1}\mathrm d\vec{x}\cdot\mathrm d\vec{y}
+\mathrm d\vec{x}\cdot\dot{\textbf{F}}\textbf{F}^{-1}\mathrm d\vec{y}
=:
2\mathrm d\vec{x}\cdot\textbf{D}\mathrm d\vec{y}
&\Rightarrow& 
\textbf{D}
=
\tfrac12\left(\dot{\textbf{F}} \textbf{F}^{-1}
+\textbf{F}^{-\mathrm{T}}\dot{\textbf{F}}^\mathrm{T}
\right)\end{array}

leiten sich der materielle Verzerrungsgeschwindigkeitstensor \dot{\textbf{E}} und der räumliche \textbf{D} ab, die genau dann verschwinden, wenn Starrkörperbewegungen vorliegen.

Geometrische Linearisierung[Bearbeiten]

Die Gleichungen der Kontinuumsmechanik für Festkörper erfahren eine erhebliche Vereinfachung wenn kleine Verschiebungen angenommen werden können. Verschiebungen sind die Differenz

\vec{u}=\vec{\chi}\left(\vec{X},t\right)-\vec{X}

und der Verschiebungsgradient ist der Tensor

\textbf{H}=\operatorname{GRAD}\;\vec{u}=\textbf{F}-\textbf{I} .

Wenn L_0 eine charakteristische Abmessung des Körpers ist, dann wird bei kleinen Verschiebungen sowohl \left|\vec{u}\right| \ll L_0 als auch \| \textbf{H} \| \ll 1 gefordert, so dass alle Terme, die höhere Potenzen von \vec{u} oder \textbf{H} beinhalten, vernachlässigt werden können. Dies führt zu

\textbf{F} = \textbf{I}+\textbf{H},\quad 
\textbf{F}^{-1} \approx \textbf{I}-\textbf{H},\quad
\det\left(\textbf{F}\right) \approx 1+\operatorname{Sp}\left(\textbf{H}\right),\quad
\textbf{E} \approx -\textbf{e} \approx \textbf{E}_N \approx \textbf{E}_H \approx \textbf{E}_L := \tfrac12\left(\textbf{H}+\textbf{H}^\mathrm{T}\right) .

Das bedeutet, dass alle Verzerrungsmaße bei kleinen Verschiebungen in den linearisierten Verzerrungstensor \textbf{E}_L übergehehen. Eine Unterscheidung der Lagrange'schen und Euler'schen Beschreibung ist nicht mehr nötig. Diese geometrisch lineare Betrachtung ist für Werte \| \textbf{H} \| bis 3-8% zulässig. Liegen keine kleinen Verschiebungen vor, wird von finiten oder großen Verschiebungen gesprochen.

Naturgesetze[Bearbeiten]

Die in der Mechanik für ausgedehnte Körper formulierten Naturgesetze werden in der Kontinuumsmechanik als globale Integralgleichungen ausgedrückt aus denen sich mit geeigneten Stetigkeitsannahmen lokale (Differential-) Gleichungen ableiten lassen, die an jedem materiellen Punkt erfüllt sein müssen. Diese Gleichungen werden zusammenfassend auch als Materialtheorie bezeichnet.[3] Mittels Äquivalenz-Umformungen der lokalen Gleichungen können anschließend weitere Prinzipien motiviert werden. Die globalen und lokalen Gleichungen können des Weiteren auf die Momentan- bzw. die Ausgangskonfiguration bezogen sein, so dass es für jedes Gesetz vier äquivalente Formulierungen gibt.

Grundlegend für die Formulierung der Bilanzgleichungen ist der Begriff des Spannungstensors, der die Spannungen in Körpern auf Grund äußerer Belastungen darstellt. Das zweite Newtonsche Gesetz beschreibt die Reaktion eines Körpers auf eine äußere Kraft. In der Realität und der Kontinuumsmechanik werden solche Kräfte immer flächig eingeleitet, d. h. auf einem Teil der Oberfläche des Körpers wirken Spannungsvektoren \vec{t} (Vektoren mit der Einheit Kraft pro Fläche) ein die sich in den Körper als Spannungen fortpflanzen. Des Weiteren können volumenverteilte Kräfte wie die Schwerkraft auf jeden Partikel des Körpers einwirken. Nun kann man den Körper gedanklich zerschneiden, so dass sich an den Schnittflächen Schnittspannungen ausbilden, die jedoch von der Orientierung der Schnittflächen, d. h. ihren Normalen, abhängen. Die Transformation der Normalen in Spannungsvektoren vollbringen die Spannungstensoren, was der Inhalt des Cauchy'schen Fundamentaltheorems ist:

\vec{t}=\textbf{T}\vec{n}

Darin ist \textbf T der Cauchy'sche Spannungstensor. Bei der Betrachtung desselben Zusammenhangs in der Ausgangskonfiguration muss noch die Veränderung der Flächenelemente berücksichtigt werden:

\vec{t}\mathrm da=\textbf{T}\vec{n}\mathrm da=\textbf{T}\det\left(\textbf{F}\right)\textbf{F}^{-\mathrm T}\vec{N}\mathrm dA=\textbf{T}_0 \vec{N}\mathrm dA \Leftrightarrow \textbf{T}_0=\det\left(\textbf{F}\right)\textbf{T F}^{-\mathrm T}

Der Spannungstensor \textbf{T}_0 heißt erster Piola-Kirchoff'scher Spannungstensor. Er repräsentiert die Spannungen bezogen auf die Ausgangsfläche. Die transponierte \textbf{T}_0^\mathrm{T} wird Nominalspannungen genannt. Bei kleinen Verzerrungen stimmen diese Spannungstensoren überein.

Die Bilanzgleichungen der Mechanik beschreiben die Wirkung der Außenwelt auf einen Körper und die daraus resultierende Änderung physikalischer Größen. Diese Größen sind die Masse, der Impuls, der Drehimpuls und die Energie. In abgeschlossenen Systemen, wo per Definition eine Wechselwirkung mit der Außenwelt ausgeschlossen wird, werden aus den Bilanzgleichungen Erhaltungssätze. Neben den in der Mechanik bekannten äußeren Einflüssen gibt es im Kontinuum auch innere Quellen und Senken, z. B. ist die Schwerkraft eine innere Quelle für Spannungen. Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik wird in Form der Clausius-Duhem-Ungleichung berücksichtigt.

Massenbilanz[Bearbeiten]

Sei \rho \left(\vec{x},t\right) die Dichte in der räumlichen und \rho_0\left(\vec{X},t\right) die in der materiellen Beschreibung. Unter der Annahme, dass es keine Massenquellen irgendeiner Form gibt, bedeutet die Massenbilanz, dass die Masse m eines Körpers

m=\int_v \rho \,\mathrm d v=\int_V \rho_0 \,\mathrm d V

zeitlich konstant ist:

Lagrange'sche Beschreibung Euler'sche Beschreibung
globale Form \frac{\mathrm d}{\mathrm dt}m=\frac{\mathrm d}{\mathrm dt} \int_V \rho_0 \,\mathrm d V=0 \frac{\mathrm d}{\mathrm dt}m=\frac{\mathrm d}{\mathrm dt} \int_v \rho \,\mathrm d v=0
lokale Form {\dot{\rho}}_{0}=0 \frac{\partial}{\partial t}\rho +\operatorname{div}\left(\rho \vec{v}\right)=0

Die lokalen Formen werden Kontinuitätsgleichung genannt.

Impulsbilanz[Bearbeiten]

Der Impulssatz besagt, dass die Änderung des Impulses gleich der von außen angreifenden Kräfte (volumenverteilt oder oberflächlich) ist:

Lagrange'sche Beschreibung Euler'sche Beschreibung
globale Form \frac{\mathrm d}{\mathrm dt} \int_V \rho_0 \ddot{\vec{\chi}}\,\mathrm{d}V=\int_V \rho_0 \vec{k}_0 \,\mathrm{d}V+\int_A\vec{t}_0\,\mathrm{d}A \frac{\mathrm d}{\mathrm dt} \int_v \rho \dot{\vec{v}}\,\mathrm{d}v=\int_v \rho \vec{k}\,\mathrm{d}v+\int_a \vec{t}\,\mathrm{d}a
lokale Form \rho_0 \ddot{\vec{\chi}}=\rho_0\vec{k}_0+\operatorname{DIV}\;\textbf{T}_0 \rho \dot{\vec{v}}=\rho \vec{k}+\operatorname{div}\;\textbf{T}

worin \vec{k} eine Schwerebeschleunigung, \vec{t} Oberflächenspannungen und A bzw. a die Oberfläche des Körpers zur Zeit t ist und \dot{\vec{v}}\left(\vec{x},t\right)=\tfrac{\partial}{\partial t}\vec{v}\left(\vec{x},t\right)+\operatorname{grad}\;\vec{v}\left(\vec{x},t\right)\vec{v}\left(\vec{x},t\right) zu beachten ist.

Drehimpulsbilanz[Bearbeiten]

Der Drehimpulssatz besagt, dass die Änderung des Drehimpulses gleich der von außen angreifenden Drehmomente (volumenverteilt oder oberflächlich) ist:

Lagrange'sche Beschreibung Euler'sche Beschreibung
Globale Form in der Euler'scher Beschreibung \frac{\mathrm d}{\mathrm dt} \int_v \left(\vec{x}-\vec{x}_0\right){\times}\rho \vec{v}\,\mathrm{d}v=\int_v\left(\vec{x}-\vec{x}_0\right) \times \rho \vec{k}\,\mathrm{d}v+\int_a \left(\vec{x}-\vec{x}_0 \right) \times \vec{t}\,\mathrm{d}a
lokale Form \tilde{\textbf{T}}=\tilde{\textbf{T}}^\mathrm{T} \textbf{T}=\textbf{T}^\mathrm{T}

Worin \times das Kreuzprodukt ist, \vec{x}_0 ein beliebiger, zeitlich fixierter Ortsvektor ist und \tilde{\textbf{T}}=\det\left(\textbf{F}\right) \textbf{F}^{-1}\textbf{T F}^{-\mathrm T}=\textbf{F}^{-1}\textbf{T}_0 der zweite Piola-Kirchhoff'sche Spannungstensor ist.

Energiebilanz[Bearbeiten]

Die thermomechanische Energiebilanz besagt, dass die Änderung der Gesamtenergie eines Körpers gleich der Summe aus Wärmezufuhr und Leistung aller äußeren Kräfte ist. Die Gesamtenergie setzt sich in der Lagrange'schen Beschreibung aus der inneren Energie \int_V \rho_0 u_0\,\mathrm{d}V mit der spezifischen inneren Energie u_0 und der kinetischen Energie \int_V\frac{\rho_0}2\dot{\vec{\chi}}\cdot\dot{\vec{\chi}}\,\mathrm{d}V zusammen:

\frac{\mathrm d}{\mathrm dt} \int_V \rho_0 u_0 \,\mathrm{d}V+\frac{\mathrm d}{\mathrm dt} \int_V \frac{\rho_0}2\dot{\vec{\chi}}\cdot\dot{\vec{\chi}}\,\mathrm{d}V=\int_V \rho_0 \vec{k}_0 \cdot\dot{\vec{\chi}}\,\mathrm{d}V+\int_A \vec{t}_0 \cdot \dot{\vec{\chi}}\,\mathrm{d}A+\int_V \rho_0 r_0 \,\mathrm{d}V-\int_A \vec{N}\cdot \vec{q}_0 \,\mathrm{d}A .

Darin sind r_0 innere Wärmequellen des Körpers, \vec{q}_0 der Wärmestrom pro Fläche und \vec{N} die auf dem Oberflächenelement \mathrm d A des Körpers nach außen gerichtete Normale. Das negative Vorzeichen des letztens Terms liefert eine Energiezufuhr, wenn der Wärmestrom in den Körper gerichtet ist.

In der Euler'schen Beschreibung heißt die globale Energiebilanz:

\frac{\mathrm d}{\mathrm dt} \int_v \rho u\,\mathrm{d}v+\frac{\mathrm d}{\mathrm dt} \int_v \frac{\rho}2\vec{v} \cdot\vec{v}\,\mathrm{d}v=\int_v \rho \vec{k}\cdot\vec{v}\,\mathrm{d}v+\int_a \vec{t}\cdot\vec{v}\,\mathrm{d}a+\int_v \rho r \,\mathrm{d}v-\int_a \vec{n}\cdot\vec{q}\,\mathrm{d}a .

Die lokalen Formen lauten:

Lagrange'sche Beschreibung: \dot{u}_0=\frac1{\rho_0}\tilde{\textbf{T}}\cdot\dot{\textbf{E}}-\frac1{\rho_0}\operatorname{DIV}\;\vec{q}_0+r_0

Euler'sche Beschreibung: \dot{u}=\frac1{\rho}\textbf{T}\cdot\textbf{D}-\frac1{\rho}\operatorname{div}\;\vec{q}+r

Clausius Duhem Ungleichung[Bearbeiten]

Die Clausius-Duhem-Ungleichung folgt aus der Anwendung des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik auf Festkörper. Mit der spezifischen Entropie s und dem Entropie-Fluss r lautet die Clausius-Duhem-Ungleichung:

Lagrange'sche Beschreibung Euler'sche Beschreibung
globale Form \frac{\mathrm d}{\mathrm dt}\int_V s_0 \rho_0\,\mathrm{d}V+\int_V\frac1{T}\vec{q}_0 \cdot\vec{N}\,\mathrm{d}V-\int_V \frac1{T}{r}_0 \rho_0\,\mathrm{d}V\ge 0 \frac{\mathrm d}{\mathrm dt} \int_v s\rho \,\mathrm{d}V+\int_v \frac1{T}\vec{q} \cdot\vec{n}\,\mathrm{d}v-\int_v \frac1{T}r\rho \,\mathrm{d}v\ge 0
lokale Form -\dot{u}_0+T_0\dot{s}_0+\frac1{\rho_0}\tilde{\textbf{T}}\cdot\dot{\textbf{E}}-\frac1{\rho_0 T_0}\vec{q}_0\cdot\operatorname{GRAD}\;T_0\ge 0 -\dot{u}+T\dot{s}+\frac1{\rho}\textbf{T}\cdot\textbf{D}-\frac1{\rho T}\vec{q}\cdot\operatorname{grad}\;T\ge 0

Bei der Formulierung von Matrialgleichungen, die die Spannungen in Relation zu den Verzerrungen angeben, muss sichergestellt sein, dass die lokalen Formen der Clausius-Duhem-Ungleichung für beliebige Prozesse erfüllt ist.

Materialtheorie[Bearbeiten]

Die Materialtheorie beschäftigt sich mit dem individuellen Merkmalen von Materialien. Ziel eines Materialmodells ist es die wesentlichen Aspekte des Materialverhaltens zu beschreiben, wobei das was wesentlich ist, vom Beobachter festgelegt wird. Stoff- oder Materialgesetze, wie Materialmodelle manchmal genannt werden, haben nicht die allgemeine Gültigkeit physikalischer Gesetze. Zentral in der Materialmodellierung ist die Abhängigkeit der Spannungen von den Dehnungen (oder umgekehrt) in Form von Gleichungen zu beschreiben, so dass die Deformation von Körpern aus diesem Material berechnet werden kann. Die klassische Kontinuumsmechanik betrachtet einfache Materialien, deren Eigenschaften mit materiellen Zwangsbedingungen, materiellen Symmetrien und konstitutiven Gleichungen wiedergegeben werden.

Einfache Materialien[Bearbeiten]

Die Materialtheorie der klassischen Kontinuumsmechanik setzt Determinismus, Lokalität und Objektivität des Materials voraus. Determinismus bedeutet, dass der aktuelle Zustand eines Körpers in einem seiner materiellen Punkte vollständig und eindeutig durch die vergangene Bewegung des Körpers bestimmt wird. Lokalität schränkt die Einflusssphäre der Außenwelt auf den aktuellen Spannungszustand in einem materiellen Punkt auf seine nahe Umgebung ein, Wirkungen pflanzen sich von einem materiellen Punkt zu seinen nächsten fort. Materielle Objektivität bedeutet, dass sich die Spannungen nicht ändern, wenn der Bewegung beliebige Starrkörperbewegungen überlagert werden. Materialien, die diese drei Voraussetzungen erfüllen, heißen einfach. Bei einfachen Materialien vom Grad eins ergeben sich die Spannungen in einem materiellen Punkt aus den vergangenen Werten und dem aktuellen Wert des Green'schen Verzerrungstensors oder daraus ableitbaren Größen in diesem Punkt. Materialien höheren Grades benutzen auch höhere Ableitungen nach den materiellen Koordinaten als die ersten, die den Deformationsgradienten ausmachen.

Materielle Zwangsbedingungen[Bearbeiten]

Materielle Zwangsbedingungen stellen kinematische Nebenbedingungen dar, die die Deformation eines Materials einschränken. Die bekannteste dieser Bedingungen ist die Inkompressibilität, die dem Material nur volumenerhaltende Verformungen erlauben, wie sie einige Flüssigkeiten oder gummielastische Materialien zeigen. Die kinematische Nebenbedingung lautet hier \det\left(\textbf{F}\right)\equiv 1. Die Reaktionsspannungen im Material ergeben sich dann aus den Bilanzgleichungen und Randbedingungen. Bei Inkompressibilität z. B. ist die Reaktionsspannung der Druck im Material. Die stärkste Nebenbedingung ist die, die den starren Körper auszeichnet. Hier sind die Spannungen vollständig durch die Naturgesetze und Nebenbedingungen bestimmt.

Materielle Symmetrien[Bearbeiten]

Materielle Symmetrien beschreiben welche Transformationen des Deformationsgradienten erlaubt sind, ohne dass sich die Spannungen ändern. Diese Transformationen bilden die Symmetriegruppe des Materials. Sind alle volumenerhaltenden Transformationen erlaubt, liegt eine Flüssigkeit oder ein Gas vor. Bei Feststoffen sind nur Drehungen erlaubt: Bei isotropen Feststoffen sind alle Drehungen, bei transversal isotropen beliebige Drehungen um eine Achse, bei orthotropen nur 180° Drehungen um drei zueinander orthogonale Achsen und bei vollständig anisotropen sind nur "Drehungen" um 0° erlaubt.

Konstitutive Gleichungen[Bearbeiten]

Die konstitutiven Gleichungen geben eine Relation zwischen den Dehnungen und den Spannungen in Form von Integral-, Differential- oder algebraischen Gleichungen. Diese dürfen den materiellen Zwangsbedingungen nicht widersprechen. Die folgenden Materialmodelle geben Beispiele für konstitutive Gleichungen.

  1. Ideales Gas: Beim idealen Gas ist der Druck p proportional zur Dichte \rho und Temperatur T: \textbf{T}=-p\textbf{I}=-RT\rho \textbf{I} worin R ein Materialparameter ist.
  2. Linear viskoses oder Newtonsches Fluid: \textbf{T}=-p(\rho )\textbf{I}+2\mu \textbf{D}+\lambda \operatorname{Sp}\left(\textbf{D}\right)\textbf{I} worin die Materialparameter \lambda und \mu die ersten und zweiten Lamé Konstanten sind. Dieses Materialmodell liefert in Verbindung mit der Kontinuitätsgleichung und der Impulsbilanz die Navier-Stokes-Gleichungen.
  3. Hooke'sche Elastizität: \textbf{T}=2G\left(\textbf{E}_L+\frac{\nu}{1-2\nu}\operatorname{Sp}\left(\textbf{E}_L \right)\textbf{I}\right) . Darin ist G der Schubmodul, \nu die Querkontraktionszahl, \operatorname{Sp} die Spur und \textbf{E}_L der Green'sche Verzerrungstensor bei kleinen Deformationen.
  4. Viskoelastizität: \textbf{T}=2\int_0^t \gamma \left(t-\tau \right)\textbf{E}_L(\tau )\text{'}^\mathrm{D}\,\mathrm{d}\tau +\int_0^t \kappa \left(t-\tau \right)\operatorname{Sp}\lbrack \textbf{E}_L(\tau )\text{'}\rbrack \,\mathrm{d}\tau \textbf I. Darin bedeutet (\;)\text{'} die Ableitung nach \tau , (\;)^\mathrm{D} den Deviator und \gamma \left(t\right) und \kappa \left(t\right) sind Relaxationsfunktionen für den Schub- bzw. den volumetrischen Anteil der Deformation.
  5. Plastizität: Bei der geschwindigkeitsunabhängigen Plastizität wird das Material mit algebraischen und Differentialgleichungen formuliert. Mit Differentialgleichungen wird die Entwicklung der inneren Variablen, z. B. die plastischen Dehnungen (Fließregel), die isotrope und kinematische Verfestigung beschrieben. Die algebraischen Gleichungen legen die additive Aufspaltung der Dehnungen in einen elastischen und einen plastischen Anteil, die Beziehung zwischen den Spannungen und den elastischen Dehnungen und die Fließfläche, die im Spannungsraum den elastischen Bereich vom plastischen Bereich trennt, fest. In der klassischen Plastizität verbleiben die Spannungen beim Fließen auf der Fließfläche.
  6. Viskoplastizität: Bei der geschwindigkeitsabhängigen Plastizität wird das Material auch mit algebraischen und Differentialgleichungen formuliert. Hier können die Spannungen jedoch zeitweilig außerhalb der Fließfläche liegen, kehren aber bei einer Relaxation auf diese zurück.

Die Feststoffmodelle drei bis sechs sind Repräsentanten der vier Gruppen von Modellen der klassischen Materialtheorie, die geschwindigkeitsabhängiges oder unabhängiges Verhalten mit oder ohne (Gleichgewichts-) Hysterese beschreiben.

Beispiel[Bearbeiten]

Drehung mit uniaxialer Verformung. Die Ausgangaskonfiguration ist in grau, die Momentankonfiguration in grün dargestellt.

Anhand der Dehnung eines verdrehten Klotzes unter reinem Zug (siehe Bild) sollen die Gleichungen der Kontinuumsmechanik angewendet werden. Er habe in der Ausgangskonfiguration im globalen kartesischen Koordinatensystem die Länge L in x-Richtung, die Breite B in y-Richtung und Höhe H in z-Richtung und sei im Ursprung parallel zu den Koordinatenachsen ausgerichtet. Dieser Klotz werde langgezogen, wobei sich Streckungen \lambda ,\beta ,\eta in materieller X-, Y- bzw. Z-Richtung einstellen, und anschließend um 90° um die z-Achse gedreht.

In der Momentankonfiguration haben die materiellen Punkte \vec{X} dann die räumlichen Koordinaten \left(x,y,z\right)=\left(-\beta Y,\lambda X,\eta Z\right) . Die materiellen Linien X \in [0,L] und  Y,Z=\textrm{const.} sind in der Momentankonfiguration also parallel zur y-Achse ausgerichtet.

Der Deformations- und Verschiebungsgradient berechnen sich aus der Ableitung

\textbf{F}=\sum_{i,j=1}^3\frac{\mathrm d\vec{\chi}_i}{\mathrm d X_j} \vec{e}_i \otimes \vec{e}_j=\left(\begin{array}{ccc}0& -\beta & 0\\
\lambda & 0& 0\\
0& 0& \eta \end{array}\right)\Rightarrow \textbf{H}=\left(\begin{array}{ccc}-1& -\beta & 0\\
\lambda & -1& 0\\
0& 0& \eta -1\end{array}\right) .

Wegen der Drehung um 90° ergibt sich die polare Zerlegung

\begin{array}{l}\textbf{F}=\left(\begin{array}{ccc}0& -\beta & 0\\
\lambda & 0& 0\\
0& 0& \eta \end{array}\right)=\left(\begin{array}{ccc}0& -1& 0\\
1& 0& 0\\
0& 0& 1\end{array}\right)\left(\begin{array}{ccc}\lambda & 0& 0\\
0& \beta & 0\\
0& 0& \eta \end{array}\right)=\left(\begin{array}{ccc}\beta & 0& 0\\
0& \lambda & 0\\
0& 0& \eta \end{array}\right)\left(\begin{array}{ccc}0& -1& 0\\
1& 0& 0\\
0& 0& 1\end{array}\right)\\
\Rightarrow \textbf{R}=\left(\begin{array}{ccc}0& -1& 0\\
1& 0& 0\\
0& 0& 1\end{array}\right),\textbf{U}=\left(\begin{array}{ccc}\lambda & 0& 0\\
0& \beta & 0\\
0& 0& \eta \end{array}\right),\textbf{V}=\left(\begin{array}{ccc}\beta & 0& 0\\
0& \lambda & 0\\
0& 0& \eta \end{array}\right)\end{array} .

Daraus bekommt man die Verzerrungstensoren:

\begin{array}{l}\textbf{E}=\frac12\left(\begin{array}{ccc}{\lambda}^2-1& 0& 0\\
0& {\beta}^2-1& 0\\
0& 0& {\eta}^2-1\end{array}\right),
\textbf{e}=\frac12\left(\begin{array}{ccc}1-{\beta}^{-2}& 0& 0\\
0& 1-{\lambda}^{-2}& 0\\
0& 0& 1-{\eta}^{-2}\end{array}\right),
{\textbf{E}}_{L}=\frac12\left(\begin{array}{ccc}-2& \lambda -\beta & 0\\
\lambda -\beta & -2& 0\\
0& 0& 2\eta -2\end{array}\right)\\
{\textbf{E}}_{N}=\left(\begin{array}{ccc}\lambda -1& 0& 0\\
0& \beta -1& 0\\
0& 0& \eta -1\end{array}\right),\textbf{E}_H=\left(\begin{array}{ccc}\ln (\lambda )& 0& 0\\
0& \ln (\beta )& 0\\
0& 0& \ln (\eta )\end{array}\right)\end{array}

woran man sieht, dass bei großen Drehungen die geometrisch linearen Drehungen \textbf{E}_L nicht benutzbar sind.

Unter Verwendung des Hooke'schen Gesetzes bei großen Deformationen ergeben sich die zweiten Piola Kirchhoff Spannungen im Lagrange'schen Bild:

\tilde{\textbf{T}}=2G\left[\frac12\left(\begin{array}{ccc}\lambda^2-1& 0& 0\\
0& {\beta}^2-1& 0\\
0& 0& {\eta}^2-1\end{array}\right)+\frac{\nu \left(\lambda^2+\beta^2+\eta^2-3\right)}{2\left(1-2\nu \right)}\textbf{I}\right]

Bei reinem Zug \tilde{\textbf{T}}=\tilde{\sigma}_{xx} \vec{e}_x\otimes\vec{e}_x erkennt man \beta =\eta und daher

\frac12\left(\beta^2-1\right)+\frac{\nu \left(\lambda^2+2\beta^2-3\right)}{2\left(1-2\nu \right)}=0\Rightarrow \frac{\beta^2-1}2=\frac{\eta^2-1}2=-\nu \frac{\lambda^2-1}2\Rightarrow \tilde{\sigma}_{xx}=\textrm{E}\frac{\lambda^2-1}2 ,

worin \textrm{E}=2G\left(1+\nu \right) der Elastizitätsmodul ist. Der erste Piola-Kirchhoff-Tensor lautet

\textbf{T}_0=\textbf{F}\tilde{\textbf{T}}=\sigma_{0yx}\vec{e}_y \otimes\vec{e}_x mit \sigma_{0yx}=\textrm{E}\lambda \frac{{\lambda}^2-1}2 .

In der hier betrachteten Statik besagt der Impulssatz

\vec{0}=\operatorname{DIV}\;\textbf{T}_{0}=\frac{\partial}{\partial X} \sigma_{0yx}\vec{e}_y ,

was wegen \lambda=\textrm{const.} gegeben ist. Der Cauchy'sche Spannungstensor bekommt die Form:

\textbf{T}=\frac{\textbf{F}\tilde{\textbf{T}} \textbf{F}^\textrm{T}}{\det\left(\textbf{F}\right)}=\textrm{E}\frac{\lambda \left(\lambda^2-1\right)}{2\left(1+\nu -\nu \lambda^2\right)}\vec{e}_y\otimes\vec{e}_y

Als Referenzkonfiguration \vec{\Theta}=\chi_R \left(P\right) eignet sich der Einheitswürfel \left(\Theta_1,\Theta_2,\Theta_3\right)\in {\lbrack -1,1\rbrack}^3\subset\mathbb{V}^3. So bekommen die materiellen Punkte in der Ausgangskonfiguration \vec{X}=\chi_0\left(\chi_{R}^{-1}\left(P\right)\right)=\chi_{0}\left(\vec{\Theta}\right) die Koordinaten

X=\tfrac12 L\left(\Theta_1+1\right),\quad Y=\tfrac12 B\left(\Theta_2+1\right),\quad Z=\tfrac12 H\left(\Theta_3+1\right) .

Der zwischen der Referenz- und der Ausgangskonfiguration operierende "Deformationsgradient" wird auch als Jacobi-Matrix bezeichnet:

\textbf{J}\left(\vec{\Theta}\right)=\sum_{i=1}^3 \sum_{j=1}^3\frac{\mathrm d \chi_{0i}}{\mathrm d \Theta_j} \vec{e}_i \otimes \vec{e}_j=\frac12\left(\begin{array}{ccc}L& 0& 0\\
0& B& 0\\
0& 0& H\end{array}\right) .

Das Volumenintegral einer Feldgröße q lautet dann

\begin{array}{lcl}
\int_{V}\textrm{q}\left(\vec{X},t\right)\mathrm dV& =& \int_{-1}^1 \int_{-1}^1 \int_{-1}^1\textrm{q}\left(\chi_0 \left(\vec{\Theta}\right),t\right)\det\left(\textbf{J}\left(\vec{\Theta}\right)\right)\mathrm d \Theta_1\mathrm d \Theta_2\mathrm d \Theta_3\\
& =& \frac{LBH}{8} \int_{-1}^1 \int_{-1}^1 \int_{-1}^1\textrm{q}\left(\chi_0 \left(\vec{\Theta}\right),t\right)\mathrm d \Theta_1\mathrm d \Theta_2 \mathrm d \Theta_3\end{array}

und kann in dieser Form numerisch mit der Gauß-Quadratur berechnet werden.

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. H. Altenbach, S 3 ff
  2. F. Durst, S 10 ff
  3. Ralf Greve: Kontinuumsmechanik, S. 179

Literatur[Bearbeiten]

  • H. Altenbach: Kontinuumsmechanik. Springer Verlag, 2012, ISBN 978-3-642-24118-5.
  • H. Parisch: Festkörper Kontinuumsmechanik. Teubner, 2003, ISBN 3-519-00434-8.
  • H. Bertram: Axiomatische Einführung in die Kontinuumsmechanik. Wissenschaftsverlag, 1989, ISBN 3-411-14031-3.
  • P. Haupt: Continuum Mechanics and Theory of Materials. Springer Verlag, 2000, ISBN 3-540-66114-X.
  • C. Truesdell, W. Noll: The non-linear field theories of mechanics. Springer Verlag, 1992, ISBN 3-540-55098-4.
  • F. Durst: Grundlagen der Strömungsmechanik. Springer Verlag, 2006, ISBN 3-540-31323-0.
  • Ernst Becker & Wolfgang Bürger: Kontinuumsmechanik. Teubner, 1975, 228 S., ISBN 3-519-02319-9.
  • Ralf Greve: Kontinuumsmechanik. Springer Verlag, 2003, ISBN 3-540-00760-1.
  • Valentin L. Popov: Kontaktmechanik und Reibung. Ein Lehr- und Anwendungsbuch von der Nanotribologie bis zur numerischen Simulation. Springer Verlag, 2009, ISBN 978-3-540-88836-9.
  • Arnold Sommerfeld: Mechanik der deformierbaren Medien. (= Vorlesungen über theoretische Physik, Band 2). Becker & Erler, Leipzig 1945. (6. Auflage, Harri Deutsch, Thun 1992, ISBN 3-87144-375-1.)

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Kontinuumsmechanik – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen