Chicagoer Schule (Soziologie)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Chicagoer Schule der Soziologie wird eine Forschungsrichtung aus dem frühen 20. Jahrhundert bezeichnet, die ihr institutionelles Zentrum im Institut für Anthropologie und Soziologie der Universiät Chicago hatte. Forschungsfelder waren hauptsächlich Stadtsoziologie und Kriminalsoziologie. Als Begründer der Chicagoer Schule gelten Albion Woodbury Small, Robert E. Park und Ernest W. Burgess. Weitere bekannte Vertreter sind William I. Thomas, George Herbert Mead und Louis Wirth. Trotz der Vielfalt der Ansätze steht „Chicago“ gemeinhin für ein definitives (positivistisches) Programm. Die Chicagoer Schule war in den USA bis etwa 1930 die dominierende Schule der Soziologie.

In ihren Anfängen war sie hauptsächlich sozialreformerisch orientiert, daher werden auch Edith Abbott und Jane Adams zur Chicago-Schule gezählt. Diese Konzentration auf social problems hat sich in vielen US-amerikanischen Soziologie-Studienplänen erhalten, viele Soziologen mit Bachelor-Abschluss sind in der Sozialen Arbeit tätig.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand die sogenannte „Zweite Chicagoer Schule“, die ihre Basis im Symbolischen Interaktionismus hatte. Bekannteste Vertreter dieser Forschungsrichtung, die erheblichen Einfluss auf die neuere Kriminalsoziologie hatte, sind Herbert Blumer und Howard S. Becker.

Sozialökologie[Bearbeiten]

Innerhalb der Chicagoer Schule wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter dem Etikett der „Sozialökologie“ zunächst Prozesse der wechselseitigen Anpassung zwischen menschlichen Gemeinschaften und ihrer physisch-räumlichen Umwelt untersucht. Typisch sind zunächst qualitativ-empirische, ethnographische Studien, die oft um soziale Desintegration kreisten (z.B. festgemacht an Scheidungen, Selbstmord, Jugendbanden, Obdachlosen, Prostitution). Park rief seine Studenten auf, sich die Stadt Chicago zu erwandern. Eine Stärke dieser Feldforschungen war, dass deren Vertreter den direkten Kontakt zu den Menschen suchten.

Vor dem Hintergrund der schnellen Verstädterung und der damit zusammenhängenden sozialen Probleme war von besonderem Interesse, wie unter den Bedingungen unterschiedlicher städtischer Lebensräume, Subkulturen und Milieus abweichende Handlungen und soziale Desintegration zustande kommen. Dabei ging es vor allem um die Entstehung (groß-)städtischer Siedlungssysteme, um deren Wachstum und innere Differenzierung. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Desintegration und abweichendes Verhalten in bestimmten Gegenden besonders gehäuft auftraten. Als „natural areas“ wurden solche Gegenden bezeichnet, in denen abweichendes Handeln besonders leicht zu „gedeihen“ schien.

Sozialökologisch war der Ansatz, weil Relationen zwischen Stadtraum, Nachbarschaften und den dort lebenden Menschen hergestellt wurden. Besonders prominent ist die „concentric zone theory“. Sie beschreibt das Modell einer Stadt, deren Geschäftszentrum der Kern ist, umgeben von weiteren Stadtgebieten in konzentrischen Kreisen. Das Geschäftszentrum dehnt sich aus und die direkt umgebende Zone, in der sich die Wandlungsprozesse unmittelbar auswirken, ist die so genannte „transition zone“. Empirisch ist hier eine besonders heterogene Bevölkerungsstruktur festzustellen, die zumeist in qualitativ schlechten Wohnungen, instabilen Familienverhältnissen und mit niedrigem sozioökonomischem Status leben. Erhöhte Kriminalitätsraten in den Übergangszonen wurden damit erklärt, dass durch die stadträumlichen Wandlungsprozesse das soziale Gefüge desorganisiert werde und der Norm- und Wertekonsens, auf dem das alltägliche Miteinander aufbaut, fehle. Traditionelle Institutionen wie Nachbarschaft, Schule und Familie würden keine tragenden Rollen mehr spielen. Umso leichter würden kriminelle Einstellungen und Verhaltensweisen von jenen, die sie bereits praktizieren, übernommen und erlernt. In den Wohngebieten, welche wiederum die Übergangszone umgeben, waren dagegen niedrigere Kriminalitätsraten festzustellen. Im Zonenmodell wird das Desintegrationsproblem im Wesentlichen einerseits auf ein Versagen herkömmlicher Mechanismen sozialer Kontrolle und andererseits die Wirkung sozialer Lernprozesse zurückgeführt. – Allerdings kann dieser Ansatz nicht ohne Weiteres erklären, wieso manche Menschen aus dem kriminalitätsaffinen Milieu, den gleichen sozialen Umweltbedingungen ausgesetzt, dennoch nicht kriminell werden. Der Sozialdarwinismus der Chicagoer Schule galt dabei nicht als zynische Gesellschaftsideologie zur Rechtfertigung des Kapitalismus, sondern wurde als Realität der amerikanischen Stadt erkannt.[1]

Symbolischer Interaktionismus[Bearbeiten]

Die soziologische Chicagoer Schule begründete auch den Theorieansatz des symbolischen Interaktionismus, aus dem später auch die für die Kriminologie bedeutsame Etikettierungstheorie hervorging. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte die sog. zweite Chicagoer Schule unter Herbert Blumer insbesondere Meads symbolischen Interaktionismus weiter. Berühmte Studien sind etwa „Becoming a Marihuana User“ (1953) von Howard S. Becker und „The Moral Career of the Mental Patient“ (1959) von Erving Goffman.

Literatur[Bearbeiten]

  • Martin Bulmer: The Chicago School of Sociology. UP of Chicago, London 1984
  • Lee Harvey: Myths of the Chicago School of Sociology. Avebury. Hants (UK), Vermont (US) 1987
  • Horst Kern: Empirische Sozialforschung. Ursprünge, Ansätze, Entwicklungslinien, München 1982
  • Hans-Joachim Schubert: The Chicago School of Sociology. Theorie, Empirie und Methode. in Jahrbuch für Soziologiegeschichte 2007 VS Verlag 2007 ISBN 3531152734 S. 119 - 166

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Thomas Krämer-Badoni: Die Stadt als sozialwissenschaftlichter Gegenstand. S. 27