Chicagoer Schule (Soziologie)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Chicagoer Schule der Soziologie wird eine Forschungsrichtung aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bezeichnet, die ihr institutionelles Zentrum im Institut für Anthropologie und Soziologie der Universität Chicago hatte. Zentrales Forschungsfeld war die Stadt Chicago, Forschungsmethode die Empirische Sozialforschung. Die Chicago-Schule lieferte wegweisende Vorarbeiten für Stadtsoziologie und Devianzsoziologie und wichtige Beiträge zur Humanökologie und Kriminalgeographie. Als ihr Begründer gilt Robert E. Park, weitere hervorragende Vertreter sind William I. Thomas und Ernest W. Burgess sowie der Park-Schüler Louis Wirth.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand die sogenannte Zweite Chicagoer Schule, die ihre Basis im Symbolischen Interaktionismus hatte und auf Vorarbeiten von George Herbert Mead aufbaute. Bekannteste Vertreter dieser Forschungsrichtung, die die neuere Kriminalsoziologie prägte, sind Herbert Blumer und Howard S. Becker.

Vorgeschichte und Periodisierung[Bearbeiten]

1892 wurde an der Universität Chicago auf Initiative von Albion Woodbury Small das weltweit erste Hochschulinstitut für Soziologie gegründet, dessen Direktor er bis 1925 blieb. Bis zum Ersten Weltkrieg war die Chicagoer Soziologie, wie das Fach insgesamt in den USA, sozialreformerisch und evangelikal motiviert. Das änderte sich, nachdem Robert E. Park 1913 von William I. Thomas an das Institut geholt worden war. Parks Credo lautete: „A moral man cannot be a sociologist.“[1] Er wies die Selbstgerechtigkeit, die der Perspektive des Helfens und Besserns innewohnte, scharf zurück und setzte ein empirisch „verstehendes“ Forschungskonzept durch, das für die erste Chicagoer Schule der Soziologie charakteristisch wurde.[2] Der sozialreformerische Ansatz wurde an der Universität Chicago von der School of Social Service Administration (Gründung 1908) beibehalten, wo die Park-Zeitgenossinnen Sophonisba Breckinridge und Edith Abbott als Professorinnen lehrten. Trotz der methodologischen Konflikte inspirierten sich beide Institute durch die Ergebnisse ihrer Feldforschungen. Auch die Sozialreformerin Jane Addams hatte gute Kontakte zur Chicago-Schule und wird ihr rückblickend zugerechnet.[3]

In den disziplinären Gründungs- und Abwehrkämpfen zwischen Universitäts-Soziologie und der, wegen ihrer Nähe zur sozialreformerischen Settlement-Bewegung so genannten „Settlement-Soziologie“ wurde die akademische Soziologie zur „Männerwissenschaft“ während sich die Fraunen der vermeintlich „niederen“ Disziplin der Sozialarbeit widmeten. Laut Reiner Keller „spielte sich auch hier die klassische Form der Gechlechterhomogenisierung ab.“[4]

In der Fachgeschichtsschreibung wird die historische Phase der Chicago-Schule unterschiedlich dargestellt. In der großzügisten Interpretation wird ihr Beginn mit dem Jahr der Institutsgründug 1892 gleichgesetzt.[5] Hans Joachim Schubert schreibt (in Anlehnung an Jonathan H. Turner [6]): „Die ‚Chicago School of Sociology‘ dominierte zwischen 1895 und 1940 die Soziologie in den USA (...).“[7] Das soziologische Institut der Universität von Chicago legt sich in seiner Geschichtsdarstellung auf kein Anfangsdatum der später so genannten Schule fest, schreibt jedoch Park und Burgess die Erneuerung soziologischen Denkens zu.[8] In Martin Bulmers Standardwerk zur Geschichte der Chicago-Schule wird als deren Hauptwirkungszeit die Zeit von 1915 bis 1935 genannt[9] Im Vorwort schreibt Bulmer etwas großzügiger: „Between about 1915 and 1940 it dominated sociology an political science in the United States.“[10] Rolf Lindner sieht den Beginn der Chicago-Schule mit der Publikation des programmatischen Aufsatzes von Robert E. Park[11] im Jahre 1915[12] und datiert ihre klassische Phase auf die Jahre zwischen 1920 und 1935.[13] Everett C. Hughes, der letzte Park-Schüler, der als Professor an der Universität von Chicago lehrte, publizierte noch bis in die 1960er Jahre Studien, die in der Tradition des klassischen Arbeitsprogramms standen.[14][15]

Sozialökologie[Bearbeiten]

Innerhalb der Chicagoer Schule wurden unter dem Etikett der „Sozialökologie“ zunächst Prozesse der wechselseitigen Anpassung zwischen menschlichen Gemeinschaften und ihrer physisch-räumlichen Umwelt untersucht. Typisch sind zunächst qualitativ-empirische, ethnographische Studien, die oft um soziale Desintegration kreisten (z.B. festgemacht an Scheidungen, Selbstmord, Jugendbanden, Obdachlosen, Prostitution). Park rief seine Studenten auf, sich die Stadt Chicago zu erwandern und im direkten Kontakt mit den Bewohnern Feldforschung zu treiben.

Vor dem Hintergrund der schnellen Verstädterung und der damit zusammenhängenden sozialen Probleme war von besonderem Interesse, wie unter den Bedingungen unterschiedlicher städtischer Lebensräume, Subkulturen und Milieus abweichende Handlungen und soziale Desintegration zustande kommen. Dabei ging es vor allem um die Entstehung (groß-)städtischer Siedlungssysteme, um deren Wachstum und innere Differenzierung. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Desintegration und abweichendes Verhalten in bestimmten Gegenden besonders gehäuft auftraten. Als „natural areas“ wurden solche Gegenden bezeichnet, in denen abweichendes Handeln besonders leicht zu „gedeihen“ schien.

Sozialökologisch war der Ansatz, weil Relationen zwischen Stadtraum, Nachbarschaften und den dort lebenden Menschen hergestellt wurden. Besonders prominent ist die „concentric zone theory“. Sie beschreibt das Modell einer Stadt, deren Geschäftszentrum der Kern ist, umgeben von weiteren Stadtgebieten in konzentrischen Kreisen. Das Geschäftszentrum dehnt sich aus und die direkt umgebende Zone, in der sich die Wandlungsprozesse unmittelbar auswirken, ist die so genannte „transition zone“. Empirisch ist hier eine besonders heterogene Bevölkerungsstruktur festzustellen, die zumeist in qualitativ schlechten Wohnungen, instabilen Familienverhältnissen und mit niedrigem sozioökonomischem Status leben. Erhöhte Kriminalitätsraten in den Übergangszonen wurden damit erklärt, dass durch die stadträumlichen Wandlungsprozesse das soziale Gefüge desorganisiert werde und der Norm- und Wertekonsens, auf dem das alltägliche Miteinander aufbaut, fehle. Traditionelle Institutionen wie Nachbarschaft, Schule und Familie würden keine tragenden Rollen mehr spielen. Umso leichter würden kriminelle Einstellungen und Verhaltensweisen von jenen, die sie bereits praktizieren, übernommen und erlernt. In den Wohngebieten, welche wiederum die Übergangszone umgeben, waren dagegen niedrigere Kriminalitätsraten festzustellen. Im Zonenmodell wird das Desintegrationsproblem im Wesentlichen einerseits auf ein Versagen herkömmlicher Mechanismen sozialer Kontrolle und andererseits die Wirkung sozialer Lernprozesse zurückgeführt.

Symbolischer Interaktionismus[Bearbeiten]

Die soziologische Chicagoer Schule begründete auch den Theorieansatz des symbolischen Interaktionismus, aus dem später auch die für die Kriminologie bedeutsame Etikettierungstheorie hervorging. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte die sog. zweite Chicagoer Schule unter Herbert Blumer insbesondere Meads symbolischen Interaktionismus weiter.

Publikationen der Chicago-Schule[Bearbeiten]

Nach dem programmatischen Aufsatz Robert E. Parks folgten die beispielhafte Untersuchung über die polnischen Bauern in Europa und Amerika von William Isaac Thomas und Florian Znaniecki[16] und die Einführung in die Soziologie von Park und Burgess. Als schon die ersten Einzelstudien veröffentlicht waren, publizierten Park, Burgess und Roderick McKenzie einen Sammelband zur Stadtsoziologie, der als ein „Gründungstext der empririschen Soziologie“ und als „Manifest der zukünftigen Chicago School“ gilt.[17]

Unter den vielen folgenden Schriften wurden sechs nachträglich zu „Klassikern der Chicagoer Soziologie“[18][19]. Im Gegensatz zu den diversen anderen Arbeiten wenden sich diese Studien nicht partikularen Problemen (wie Ehescheidung[20] oder Selbstmord[21]), einer besonderen Berufsgruppe[22][23], spezifischen Einrichtungen (wie etwa dem Hotel[24]), der Presse, den Problemen der afro-amerikanischen Stadtbewohner und wiederholt der Kriminalätiologie zu. Mit den „Klassikern“ wurde versucht, den Zusammenhang von Stadtraum und Verhaltensmustern ganzheitlich zu erschließen. Es wird menschliches Verhalten in einer sich wandelnden großstädtischen Umwelt analysiert. [25]

Street Corner Society“ von William Foote Whyte beruht beispielhaft auf teilnehmender Beobachtung und wird nur deshalb nicht zu den „klassischen Studien“ gezählt, weil das Buch erst publiziert wurde, als der Einfluss der Chicago-Schule bereits gesunken war.

Weitere Studien wenden sich einzelnen Problembereichen zu, ihr Forschungsfeld ist nicht ausschließlich die Stadt Chicago. Das gilt besonders für Howard S. Beckers „Oustsiders“, die herausragende Schrift der zweiten Chicago-Schule.

Wegweisende Schriften[Bearbeiten]

  • Robert E. Park: The City. Suggestions for the Investigation of Behavior in the City Environment, American Journal of Sociology 20:579-83, 1915.
  • William Isaac Thomas/ Florian Znaniecki: The Polish Peasant in Europe and America. Monograph of an Immigrant Group. Boston: Gorham Press, 1918–1920.
  • Robert E. Park/ Ernest Burgess: Introduction to the Science of Sociology, Chicago: University of Chicago Press, 1921.
  • Robert E. Park, Ernest Burgess, Roderick McKenzie: The City, Chicago: University of Chicago Press, 1925.

Sechs klassische Studien[Bearbeiten]

  • Nels Anderson: The Hobo. The Sociology of the Homeless Man, Chicago: University of Chicago Press, 1923
  • Frederic Milton Thrasher (mit George W. Knox): The Gang. A Study of 1.313 Gangs in Chicago, Chicago: University of Chicago Press, 1927
  • Louis Wirth: The Ghetto, Chicago: University of Chicago Press, 1928
  • Clifford R. Shaw. The Jack-Roller. A Delinquent Boy's Own Story, University of Chicago Press, 1930
  • Paul Goalby Cressey: The Taxi-Dance Hall. A sociological study in commercialized recreation and city life, Chicago: University of Chicago Press, 1932
  • Harvey Warren Zorbaugh: The Gold Coast and Slum. A Sociological Study of Chicago’s Near North Side Chicago, Chicago: University of Chicago Press, 1929

Weitere Studien (Auswahl)[Bearbeiten]

  • William Foote Whyte: Street Corner Society. The Social Structure of an Italian Slum, Chicago: University of Chicago Press, 1943
    • Deutsche Übersetzung: Die Street Corner Society. Die Sozialstruktur eines Italienerviertels, Berlin; New York: de Gruyter, 1996, ISBN 3-11-012259-6
  • Howard S. Becker: Outsiders. Studies in the Sociology of Deviance, New York: The Free Press, 1963

Literatur[Bearbeiten]

  • Martin Bulmer: The Chicago school of sociology. Institutionalization, diversity, and the rise of sociological research, Chicago: University of Chicago Press, 1984, ISBN 0-226-08004-8.
  • Lee Harvey: Myths of the Chicago school of sociology, Aldershot; Brookfield: Avebury, 1987, ISBN 0-566-05398-5.
  • Rolf Lindner: Die Entdeckung der Stadtkultur. Soziologie aus der Erfahrung der Reportage, Neuauflage, Frankfurt am Main: Campus, 2007, ISBN 978-3-593-38482-5 (Erstauflage 1990), ins Englische übersetzt von Adrian Morris mit Jeremy Gaines und Martin Chalmers: The reportage of urban culture. Robert Park and the Chicago School, Cambridge; New York, NY; Oakleigh, Victoria: Cambridge University Press, 1996, ISBN 0-521-44052-1.
  • Hans-Joachim Schubert: The Chicago School of Sociology. Theorie, Empirie und Methode. in: Carsten Klingemann (Hg.), Jahrbuch für Soziologiegeschichte 2007 Wiesbaden: VS Verlag, 2007, ISBN 3-531-15273-4, S. 119 - 166.
  • Reiner Keller: Das interpretative Paradigma. Eine Einführung, Wiesbaden: Springer VS, 2012, ISBN 978-3-531-15546-3.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zitiert nach Rolf Lindner, Robert E. Park (1864–1944), in: Dirk Kaesler (Hg.), Klassiker der Soziologie, Band I: Von Auguste Comte bis Alfred Schütz. 4. Auflage, München 2003, S. 213–229, hier S. 217.
  2. Rolf Lindner, Robert E. Park (1864–1944), in: Dirk Kaesler (Hg.), Klassiker der Soziologie, Band I: Von Auguste Comte bis Alfred Schütz. 4. Auflage, München 2003, S. 213–229, hier S. 218.
  3. Beitrag Chicago-Schule im KrimLEX
  4. Reiner Keller: Das interpretative Paradigma. Eine Einführung, Wiesbaden 2012, S. 31.
  5. Beitrag Chicago-Schule im KrimLEX
  6. Jonathan H. Turner: The Mixed Legacy of the Chicago School of Sociology,in: Sociological Perspectives, 31, 1988, S. 325–338.
  7. Hans-Joachim Schubert: The Chicago School of Sociology. Theorie, Empirie und Methode. in Jahrbuch für Soziologiegeschichte 2007, Wiesbaden 2007, S. 119 - 166, hier S. 120.
  8. Geschichte der Chicagoer Soziologie, University of Chicago Department of Sociology
  9. Martin Bulmer: The Chicago school of sociology. Institutionalization, diversity, and the rise of sociological research, Chicago 1984, S. 1.
  10. Martin Bulmer: The Chicago school of sociology. Institutionalization, diversity, and the rise of sociological research, Chicago 1984, Preface, S. xiii.
  11. Robert E. Park: The City. Suggestions for the Investigation of Behavior in the City Environment, American Journal of Sociology 20:579-83, 1915
  12. Rolf Lindner: Die Entdeckung der Stadtkultur. Soziologie aus der Erfahrung der Reportage, Neuauflage, Frankfurt am Main 2007, S. 12.
  13. Rolf Lindner: Die Entdeckung der Stadtkultur. Soziologie aus der Erfahrung der Reportage, Neuauflage, Frankfurt am Main 2007, S. 50.
  14. Everett C. Hughes (Mit Howard S. Becker, Blanche Geer, Anselm Leonard Strauss): Boys in white. Student culture in medical school. Chicago: The University of Chicago Press 1961.
  15. Everett C. Hughes (mit Howard S. Becker und Blanche Geer): Making the grade. The academic side of college life. New York: Wiley 1968.
  16. Der Bourdieu-Schüler Marco d’Eramo nennt sie eine „epochale Studie“, die als „Fundament der Schule von Chicago betrachtet wird“, vgl. ders.: Das Schwein und der Wolkenkratzer. Chicago: Eine Geschichte unserer Zukunft. Deutsch von Friederike Hausmann und Rita Seuss. Kunstmann, München 1996, S. 258.
  17. Rolf Lindner, The City, in: Dirk Kaesler, Ludgera Vogt, Hauptwerke der Soziologie, Stuttgart 2000, S. 337– 343, hier S. 340 f.
  18. Rolf Lindner: Die Entdeckung der Stadtkultur. Soziologie aus der Erfahrung der Reportage, Frankfurt am Main: Campus, 2007, S. 104.
  19. Hans-Joachim Schubert: The Chicago School of Sociology. Theorie, Empirie und Methode. in: Carsten Klingemann (Hg.), Jahrbuch für Soziologiegeschichte, Wiesbaden 2007, S. 119– 166, hier S. 142.
  20. Ernest R. Mowrer: Family Disorganization. An Introduction to Sociological Analysis, Chicago: University of Chicago Press, 1927
  21. Ruth Shonle Cavan: Suicide, Chicago: University of Chicago Press, 1928
  22. Ruth Shonle Cavan: Business Girls. A Study of Their Interests and Problems, Chicago: Religious Education Association, 1929.
  23. Frances R. Donovan: The Saleslady, Chicago: University of Chicago Press, 1929.
  24. Norman Sylvester Hayner: Hotel Life, Chapel Hill: University of North Carolina Press, 1936.
  25. Rolf Lindner: Die Entdeckung der Stadtkultur. Soziologie aus der Erfahrung der Reportage, Frankfurt am Main: Campus, 2007, S. 104.