Henry Kissinger

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Henry Kissinger, US-Außenminister 1973-1977
Henry Kissinger (2008)

Henry Alfred Kissinger [ˈkɪsɪndʒɚ] (* 27. Mai 1923 in Fürth als Heinz Alfred Kissinger) ist ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler und ehemaliger Politiker (Republikanische Partei) jüdischer deutscher Herkunft. Der Deutschamerikaner Kissinger spielte in der Außenpolitik der Vereinigten Staaten zwischen 1969 und 1977 eine zentrale Rolle; er war Vertreter einer harten Realpolitik wie auch einer der Architekten der Entspannung im Kalten Krieg. Von 1969 bis 1973 war Kissinger Nationaler Sicherheitsberater, von 1973 bis 1977 US-Außenminister. 1973 erhielt er gemeinsam mit Lê Đức Thọ den Friedensnobelpreis für das Friedensabkommen in Vietnam. Von 1977 bis 1981 war Kissinger Direktor der einflussreichen privaten US-Denkfabrik Council on Foreign Relations.[1]

Inhaltsverzeichnis

Leben [Bearbeiten]

Kindheit und Jugend [Bearbeiten]

Henry Kissinger wurde als Heinz Alfred Kissinger im mittelfränkischen Fürth geboren. Sein Vater Louis Kissinger unterrichtete am Fürther Mädchenlyzeum Geschichte und Geografie, seine Mutter Paula Kissinger (geb. Stern) war die Tochter eines wohlhabenden jüdischen Viehhändlers aus Leutershausen nahe Ansbach. Der Nachname wurde von seinem Ur-Ur-Großvater Meyer Löb 1817 angenommen und bezieht sich auf die Stadt Bad Kissingen.[2]

Seine Kindheit verbrachte Henry Kissinger mit seinem um ein Jahr jüngeren Bruder Walter in Fürth. Die Familie emigrierte 1938 aus dem nationalsozialistischen Deutschen Reich in die USA. Mehrere Verwandte der Familie Kissingers wurden später von den Nationalsozialisten ermordet. Kissinger ging mit seinem Bruder Walter in New York City im damals deutsch-jüdisch geprägten Ortsteil Washington Heights von Manhattan auf die George Washington High School. Seinen ausgeprägten deutschen Akzent hat er nie verloren.[3]

Am 19. Juni 1943 erhielt Kissinger die Staatsbürgerschaft der USA, nachdem er im selben Jahr zum Militärdienst bei den Landstreitkräften eingezogen worden war. Im Jahre 1944 lernte Kissinger im Ausbildungslager Camp Claiborne (Louisiana) den damals 36-jährigen Juristen und Politologen Fritz G. A. Kraemer kennen, der wie er in der 84. US-Infanteriedivision diente.

Die Begegnung mit dem ebenfalls aus Deutschland emigrierten Kraemer wurde prägend für Kissingers weiteren Weg. "Während der folgenden Jahrzehnte beeinflusste Kraemer meine Lektüre und mein Denken, beeinflusste die Wahl meiner Universität, weckte mein Interesse für politische Philosophie und Geschichte, inspirierte meine akademischen Abschlussarbeiten ("both my undergraduate and my graduate theses") und wurde überhaupt zu einem integralen und unverzichtbaren Teil meines Lebens. (...) Seine Inspiration blieb mir sogar in den zurückliegenden 30 Jahren erhalten, als er nicht mehr mit mir reden wollte.", erklärte Kissinger nach Kraemers Tod im Jahre 2003[4].

Der Zweite Weltkrieg brachte beide zurück nach Deutschland. Kissinger wurde als Übersetzer beim 970th Counter Intelligence Corps eingesetzt und zum Unteroffizier befördert.

Nachkriegszeit in Deutschland [Bearbeiten]

Nach Kriegsende blieb er in Deutschland und arbeitete von Mitte 1945 bis April 1946 in der amerikanischen Besatzungszone beim Counter Intelligence Corps (CIC) in Bensheim (Hessen). Dieser Nachrichtendienst hatte die Aufgabe, Kriegsverbrechen aufzuklären und die Entnazifizierung in Deutschland voranzutreiben. Von Bensheim aus ging Kissinger zur European Command Intelligence School im Camp King in Oberursel (Taunus), wo er bis zu seiner Rückkehr in die USA im Jahre 1947 unterrichtete.

Wissenschaftliche Karriere [Bearbeiten]

Im Jahr 1947 kehrte Henry Kissinger in die USA zurück und studierte am Harvard College Politikwissenschaften, wo er 1950 seinen Bachelor erhielt. 1952 schloss er seinen Master ab und zwei Jahre später seine Promotion, jeweils an der Harvard University. Seine Promotionsschrift wurde später unter dem Titel „A World Restored: Metternich, Castlereagh and the Problems of Peace 1812–1822“ veröffentlicht und wurde ein erfolgreiches Standardwerk der Geschichtsschreibung. Von 1954 bis 1971 war er Mitglied des Lehrkörpers in Harvard sowie Mitarbeiter im Department of Government. Kissingers politische Karriere profitierte sehr von den Kontakten, die er als Leiter des Harvard International Seminar knüpfte, einer Summer School für Nachwuchsführungskräfte aus aller Welt.[5] 1954 bearbeitete er die Frage nach der militärischen Herausforderung der USA durch die Sowjetunion für sein Werk „Nuclear Weapons and Foreign Policy“. Von 1957 bis 1960 war Kissinger Direktor des Harvard Center for International Affairs und von 1958 bis 1969 Direktor des Harvard Defense Studies Program. Von 1950 bis 1960 war er außerdem Berater der Behörde für Waffenentwicklung beim Vereinigten Generalstab und von 1961 bis 1968 Berater der US-Agentur für Waffenkontrolle und Abrüstungsfragen. Im Jahr 1977, nach seinem Ausscheiden aus der Politik, nahm er eine Professur für Internationale Diplomatie an der Georgetown University in Washington, D.C. an.

Politische Laufbahn [Bearbeiten]

Kissinger mit Präsident Ford vor dem Weißen Haus, August 1974
Henry Kissinger im Weißen Haus, April 1975

Erste politische Erfahrung sammelte Henry Kissinger als Berater des New Yorker Gouverneurs Nelson Rockefeller ab 1957. In der Folge wurde er auch von den US-Präsidenten John F. Kennedy, Lyndon B. Johnson und Richard Nixon geschätzt. Mit der Wahl des Republikaners Nixon zum Präsidenten 1968 wurde Kissinger offizieller Berater für Außen- und Sicherheitspolitik (National Security Advisor)[6]. Die USA hatten zu dem Zeitpunkt vor allem aufgrund des Vietnamkrieges im außenpolitischen Bereich deutliche Probleme; zugleich hatte die Sowjetunion im Nahen Osten die politische Oberhand gewonnen.

Im Juli und Oktober 1971 unternahm er zwei geheime Reisen in die Volksrepublik China, um in Gesprächen mit dem damaligen Premierminister Zhou Enlai den Weg für Nixons Besuch und eine Normalisierung der Beziehungen zwischen China und den USA zu bereiten. Diese Verhandlungen führten dazu, dass Kissinger heutzutage von chinesischen Politikern häufig als „der alte Freund des chinesischen Volkes“ bezeichnet wird.

Im selben Jahr bereiste er auch die Sowjetunion, wo er in Moskau das erste Abkommen zur Rüstungsbegrenzung zwischen den USA und der Sowjetunion vorbereitete. Er etablierte eine Politik der Entspannung zwischen beiden Staaten und war der amerikanische Unterhändler in den Strategischen Rüstungsbegrenzungsgesprächen, die im SALT-I-Vertrag gipfelten, sowie für den ABM-Vertrag zur Begrenzung strategischer Raketen (Anti Ballistic Missiles).

Auch mit dem Nordvietnamesen Lê Đức Thọ traf er sich im Geheimen und bereitete mit ihm Friedensgespräche vor, die 1973 zu einem Friedensvertrag im Vietnamkrieg führten. Der Krieg ging jedoch noch bis 1975, da Lê Đức Thọ die weitere Einmischung und Waffenlieferung der USA an die südvietnamesischen Truppen mit weiteren Kriegshandlungen beantwortete. Trotzdem erhielten beide Politiker 1973 für den Vertrag den Friedensnobelpreis, den Lê Đức Thọ im Gegensatz zu Kissinger jedoch ablehnte, da der Krieg zu dieser Zeit noch andauerte.

Im September 1973 übernahm er unter Richard Nixon als Nachfolger von William P. Rogers das Amt des Außenministers, das er auch im Kabinett von Gerald Ford bis Januar 1977 innehatte. Während der Ford-Jahre arbeitete er sehr eng und vertrauensvoll mit der deutschen Regierung Schmidt/Genscher zusammen. Nicht zuletzt seiner Rückendeckung war es zu verdanken, dass Bonns Interesse an „unverletzlichen“ aber nicht „unveränderlichen“ Grenzen in Europa Eingang in die KSZE-Schlussakte fand. Durch die ausdrückliche Anerkennung der Möglichkeit friedlichen Wandels blieb somit die Option auf eine Wiedervereinigung Deutschlands gewahrt.

Von 1973 bis 1974 spielte Kissinger eine große Rolle in den Friedensbemühungen zwischen Israel und den arabischen Ländern, vor allem Syrien. Er handelte das Ende des Jom-Kippur-Krieges aus, der mit Ägyptens und Syriens Versuch der Rückeroberung des im Sechstagekrieg an Israel verlorenen Sinai bzw. der Golanhöhen begonnen hatte. Kissingers intensive Reisetätigkeit zwischen den Konfliktparteien führte zur Entstehung des damals viel gebrauchten Begriffes Pendeldiplomatie (Shuttle Diplomacy).

Kissinger ist einer der geistigen Väter der Roadmap, der Übereinkunft zwischen dem Präsidenten der palästinensischen Autonomiegebiete Arafat und Ministerpräsident Rabin im palästinensisch-israelischen Konflikt. Er war es auch, der Mubarak zu der entscheidenden Vermittlerrolle zwischen Israel und der palästinensischen Autonomiebehörde drängte. Hierbei verstand es Kissinger auch, die Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland zur Vermittlung im Nahostkonflikt zu bewegen. Mit der Hilfe der Außenminister Klaus Kinkel und Joschka Fischer gelang es bis zum Beginn der zweiten Intifada die Friedensverhandlungen zwischen Israel und Palästina fast zum Erfolg zu führen.

Mit der Amtsübernahme des US-Präsidenten Jimmy Carter im Jahre 1977 schied Henry Kissinger aus der Regierung aus und zog sich weitestgehend aus dem politischen Leben zurück. Die Globalisierung kennzeichnete er wie folgt: „Globalisierung ist nur ein anderes Wort für US-Herrschaft.“[7] Er unterstützte die Präsidentschaftskandidatur Ronald Reagans 1980 und wurde nach dessen Wahl auch in dessen Beraterstab aufgenommen. In der Folgezeit blieb er jedoch politisch weitgehend einflusslos. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2000 trat er als Unterstützer von John McCain auf. Später beriet er George W. Bush.[8]

Kissinger ist Mitglied im Council on Foreign Relations und regelmäßiger Teilnehmer der Bilderberg-Konferenzen. Seit 1996 gehört er dem wissenschaftlichen Beirat der bundesunmittelbaren Otto-von-Bismarck-Stiftung an.

Rolle als politischer Medienstar [Bearbeiten]

Kissinger als Mann des Jahres auf dem Time-Titel, 1972

Kissinger schaffte es wie kein US-Außenminister vor ihm oder nach ihm, Star-Status zu erlangen. Man sah ihn auf vielen gesellschaftlichen Ereignissen mit Showstars wie Frank Sinatra, außerdem wurde ihm zwischen 1964 und 1974 eine Vielzahl von Beziehungen mit prominenten Frauen nachgesagt, von Barbara Walters, Gina Lollobrigida, Joanna Barnes, Marlo Thomas, Persis Khambatta, Zsa Zsa Gabor, Candice Bergen, Samantha Eggar bis zu der Schauspielerin Jill St. John. Kissinger avancierte zum Medienstar, indem er geschickten Umgang mit Journalisten pflegte. Als Nixon durch die Watergate-Affäre unter Druck geriet und sich stärker aus der Öffentlichkeit zurückzog, besetzte Kissinger den freigewordenen Leerraum und avancierte zum „Ersatzpräsidenten“. Der für seine Bescheidenheit bekannte Ford wiederum gestattete es dem – nicht zuletzt durch den Nobelpreis – prominent gewordenen Kissinger, seine Starrolle weiterzuspielen, auch wenn er ihn schließlich vom Posten des Sicherheitsberaters entband.

Neben Herman Kahn, John von Neumann, Wernher von Braun, Edward Teller und dem damaligen US-Verteidigungsminister Robert Strange McNamara gilt Kissinger als eines der Vorbilder für die deutschstämmige Titelfigur des satirischen Films Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben.

Ruhestand [Bearbeiten]

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Kissinger an der linken Seite von Präsident Obama, 2010, bei Vorgesprächen über ein neues START-Abkommen

Kissinger gründete 1982 die Beratungsfirma Kissinger Associates, deren Präsident er ist. Er ist Mitglied im Aufsichtsrat des Flugzeugherstellers Gulfstream Aerospace und der Chicagoer Zeitungsgruppe Sun-Times Media Group. Im Jahr 2000 ernannte ihn der damalige indonesische Präsident Abdurrahman Wahid zum politischen Berater. Nach dem Ende seiner Amtszeit veröffentlichte er seine Memoiren "Years of Upheaval" und zahlreiche Opposite Editorials in verschiedenen Zeitungen, unter anderem der New York Times.

Kritik und Versuch von Strafverfolgung [Bearbeiten]

Kissingers langjährige Tätigkeit an zentralen Schaltstellen der US-amerikanischen Außenpolitik wurde wie diese auch intensiv kritisiert. Insbesondere Kissingers Rolle beim Putsch in Chile 1973 sowie seine Rolle bei der Operation Condor führten bis heute zu mehreren gerichtlichen Vorladungen in verschiedenen Ländern, denen Kissinger allerdings nie nachgekommen ist.[9] Im Jahr 2001 veröffentlichte der britisch-amerikanische Journalist Christopher Hitchens sein Buch Die Akte Kissinger (orig. The Trial of Henry Kissinger), in dem er zahlreiche Vorwürfe gegen Kissinger erhob. Das Buch ist die Grundlage des Dokumentarfilms Angeklagt: Henry Kissinger.

Rolle im argentinischen „schmutzigen Krieg“ [Bearbeiten]

Die argentinische Militärjunta glaubte 1976, sie hätte die Billigung der USA, im Namen einer nationalen Sicherheitsdoktrin massiv Gewalt gegen politische Gegner anzuwenden, um deren „Terrorismus“ zu bekämpfen. Dies beruhte unter anderem auf mehreren Treffen des argentinischen Außenministers Admiral Guzzetti mit Kissinger ab Juni 1976, wobei dieser gegen die anfängliche Erwartung[10] des Argentiniers zustimmende Signale zu einem harten Vorgehen zur Lösung des „Terrorismus-Problems“ gegeben hatte.[11] Robert Hill, der damalige Botschafter der USA in Argentinien, beschwerte sich in Washington über die „euphorische Reaktion“[11] von Guzzetti nach dem Treffen mit Kissinger. Guzzetti hatte danach den anderen Regierungsmitgliedern berichtet, nach seinem Eindruck würde es den USA nicht um Menschenrechte gehen, sondern darum, dass die ganze Sache „schnell gelöst“ würde. Die Militärjunta lehnte in der Folge Ermahnungen der US-Botschaft bezüglich der Einhaltung der Menschenrechte ab und verwies zur Begründung auf Kissingers „Verständnis“ für die argentinische Situation. Hill schrieb nach einem weiteren Treffen der beiden:

„[Der argentinische Außenminister] Guzzetti wandte sich an die USA in der vollen Erwartung, starke, deutliche und direkte Warnungen zur Menschenrechtspraxis seiner Regierung zu hören; stattdessen kam er in einem jubilierenden Zustand (engl. „state of jubilation“) nach Hause, überzeugt von der Tatsache, dass es mit der US-Regierung kein echtes Problem in dieser Sache gäbe.[11]

In den nächsten sieben Jahren ermordeten die Militärs bis zu 30.000 Menschen, die sie überwiegend spurlos verschwinden ließen. Diese Zeit wurde als „Schmutziger Krieg“ bekannt.[12]

Vermutete Rolle beim Putsch in Chile 1973 [Bearbeiten]

Hauptartikel: CIA-Aktivitäten in Chile
Der zum später gestürzten Präsidenten Allende loyale chilenische Generalstabschef René Schneider wurde von einem durch die CIA ausgerüsteten Kommando ermordet.

Bereits seit 1963 hatte die CIA in Chile eine Reihe verdeckter Operationen mit dem Ziel durchgeführt, die Wahl des Sozialisten Salvador Allende zum Staatspräsidenten zu verhindern. Nachdem diese Aktionen erfolglos geblieben waren und Allende 1970 Präsident wurde, waren die USA zu massiven Geheimdienstoperationen übergegangen, mit dem Ziel, die chilenische Regierung zu destabilisieren und die Voraussetzungen für den Militärputsch vom 11. September 1973 zu schaffen. Im Zuge der CIA-Operationen kam es zur Ermordung des verfassungstreuen und zu Allende loyalen Generalstabschefs René Schneider. Die Verschwörergruppe war zuvor von der CIA mit Maschinengewehren und Tränengasgranaten ausgestattet worden.[13][14]

Am 28. Jahrestag des Putsches in Chile, dem 11. September 2001, reichten Anwälte einer chilenischen Menschenrechtsorganisation deswegen Klagen gegen Kissinger, Augusto Pinochet, Hugo Banzer, Jorge Rafael Videla und Alfredo Stroessner ein. Gleichzeitig erfolgte beim Bundesgerichtshof in Washington, D.C. eine Zivilklage gegen Kissinger und den damaligen CIA-Chef Richard Helms von Angehörigen General Schneiders, Hintergrund waren die CIA-Aktivitäten im Vorfeld des Putsches.[13][15]

Ost-Timor [Bearbeiten]

Das East Timor Action Network, die International Campaign against Impunity und das Instituto Cono Sur betreiben seit 2002 das Projekt Kissinger Watch, das Informationen über die Strafverfolgung Kissingers veröffentlicht.[16]

Vorwurf der „Weichheit gegenüber dem Kommunismus“ [Bearbeiten]

Umgekehrt werteten einige Hardliner (Falken) Kissingers Beitrag zur Entspannungspolitik und zu besseren Beziehungen mit der Volksrepublik China als Appeasement gegenüber dem Kommunismus. Kissingers Verhalten hätte so indirekt zu Massakern in Indochina (Laos, Kambodscha-Genozid, der Tragödie der Boatpeople) und später (unter Carter) zur sowjetischen Invasion in Afghanistan geführt.

Äußerungen über sowjetische Juden [Bearbeiten]

Im Jahre 2010 bekannt gewordene bzw. zur Veröffentlichung freigegebene Tonbandmitschnitte von Gesprächen des US-Präsidenten Nixon, Außenminister Kissinger und anderen offenbarten unsensible Äußerungen Kissingers, der z. B. nach einem Treffen mit der israelischen Premierministerin Golda Meir, in denen sie dringend um amerikanischen Druck bat, um mehr sowjetische Juden freizubekommen, zu Nixon gewandt am 1. März 1973 gesagt hatte: "Die Auswanderung von Juden aus der Sowjetunion ist kein Ziel der amerikanischen Außenpolitik. Und wenn sie die Juden in der Sowjetunion in die Gaskammern schicken, ist das auch kein amerikanisches Problem. Es ist vielleicht ein humanitäres Problem".[17]

Der Schah von Persien und das Geiseldrama von Teheran [Bearbeiten]

Der Schah & US-Präsident Carter

Im Spätherbst 1979 waren der damals amtierende Council on Foreign Relations-Präsident David Rockefeller, der damals amtierende CFR-Director Henry Kissinger und der ehemalige CFR-Präsident John J. McCloy Auslöser und Hauptdarsteller einer internationalen, weltweit berühmten Affäre. Sie hatten gemeinsam mit Rockefellers Beratern US-Präsident Jimmy Carter überredet, den schwer krebskranken Schah von Persien ins Land zu lassen, damit er sich in einem US-Hospital behandeln lassen konnte. Der Schah kam im Oktober 1979 in New York an, und wurde umgehend ins Cornell Medical Center des NewYork-Presbyterian Hospital transportiert. Als dies im Iran bekannt wurde, kam es daraufhin am 4. November 1979 zur Erstürmung der US-amerikanischen Botschaft in Teheran durch iranische Studenten und zur 444 Tage andauernden Geiselnahme der Botschaftsangehörigen, der sogenannten "Geiselnahme von Teheran". Zum ersten Male in seinem Leben stand daraufhin Rockefeller unter intensiver Beobachtung und auf dem Prüfstand US-amerikanischer Medien, insbesondere der New York Times.[18]

Familiäres und Privates [Bearbeiten]

Von 1949 bis 1964 war Kissinger mit Ann Fleischer verheiratet. Aus der 1964 geschiedenen Ehe stammen die Kinder Elizabeth und David. Seit 1974 ist er in zweiter Ehe mit Nancy Maginnes verheiratet. 1982 hatte er mehrere Bypassoperationen.

Kissinger ist seit 1998 Ehrenbürger seiner Heimatstadt Fürth und Gründungsstifter der Bürgerstiftung Fürth, die im Juli 2007 gegründet wurde.[19] Anfang Mai 2010 kam er nach Fürth, wo er unter anderem sein Geburtshaus und seine ehemalige Schule besuchte. Ferner wohnte er der Enthüllung seines ihm zu Ehren angefertigten Portraits im Fürther Rathaus bei.

Seit seiner Jugend ist Kissinger treuer Anhänger des Fußballclubs SpVgg Fürth, der heutigen SpVgg Greuther Fürth. Während er die Spielergebnisse der SpVgg Fürth und die der 1. und 2. Fußball-Bundesliga heutzutage per Internet verfolgt, ließ er sie sich früher von der deutschen Botschaft in den USA mitteilen. Nachdem der Verein am 20. April 2012 den Aufstieg in die 1. Bundesliga geschafft hatte, löste Kissinger ein früheres Versprechen ein und saß beim zweiten Heimspiel gegen den FC Schalke 04 am 15. September 2012 auf der Tribüne.[20]

Auszeichnungen und Ehrungen (Auswahl) [Bearbeiten]

sowie

Schriften [Bearbeiten]

  • Kernwaffen und auswärtige Politik. Oldenbourg, München 1959.
  • Die Entscheidung drängt. Grundfragen westlicher Außenpolitik. Econ, Düsseldorf 1961.
  • Großmachtdiplomatie. Von der Staatskunst Castlereaghs und Metternichs. Econ, Düsseldorf 1962.
  • Amerikanische Außenpolitik. Econ, Düsseldorf 1962.
  • Was wird aus der westlichen Allianz? Econ, Düsseldorf 1965.
  • Die Notwendigkeit der Wahl. Buch ist im regulären Buchhandel nicht mehr erhältlich.
  • Memoiren 1968–1973. C. Bertelsmann, München 1979, ISBN 3-570-03138-1.
  • Memoiren 1973–1974. C. Bertelsmann, München 1982, ISBN 3-570-00710-3.
  • Die weltpolitische Lage. Reden und Aufsätze. C. Bertelsmann, München 1983, ISBN 3-570-06890-0.
  • Weltpolitik für Morgen. Reden und Aufsätze 1982–1985. C. Bertelsmann, München 1985, ISBN 3-570-06694-0.
  • Das Gleichgewicht der Großmächte. Manesse, Zürich 1986, ISBN 3-7175-8062-0.
  • Die sechs Säulen der Weltordnung. Siedler, Berlin 1992, ISBN 3-88680-358-9.
  • Die Vernunft der Nationen. Über das Wesen der Außenpolitik. Siedler, Berlin 1994, ISBN 3-88680-486-0.
  • Jahre der Erneuerung. Erinnerungen. C. Bertelsmann, München 1999, ISBN 3-570-00291-8.
  • Die Herausforderung Amerikas. Weltpolitik im 21. Jahrhundert. Propyläen, München 2002, ISBN 3-549-07152-3.
  • China – Zwischen Tradition und Herausforderung. C. Bertelsmann, München 2011, ISBN 978-3-570-10056-1.

Literatur [Bearbeiten]

  • Edith J. Fresco-Kautsky: Henry A. Kissinger. Historiker und Staatsmann. Böhlau, Köln u. a. 1983 (= Dissertationen zur neueren Geschichte; 13), ISBN 3-412-02183-0.
  • Larry Berman: No peace, no honor. Nixon, Kissinger, and Betrayal in Vietnam. Free Press, New York, NY u. a. 2001, ISBN 0-684-84968-2.
  • Stephan Fuchs: „Dreiecksverhältnisse sind immer kompliziert“. Kissinger, Bahr und die Ostpolitik. Europäische Verl.-Anst., Hamburg 1999, ISBN 3-434-52007-4.
  • Jussi Hanhimäki: The flawed architect. Henry Kissinger and American foreign policy. Oxford University Press, Oxford u. a. 2004, ISBN 0-19-517221-3.
  • Ralph Berger: Die Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und der VR China, 1969–1979. Die geheimen Verhandlungen von Henry A. Kissinger mit Mao Zedong, Zhou Enlai und Deng Xiaoping. Lang, Frankfurt am Main u. a. 2003 (= Studien zur internationalen Politik; 4), ISBN 3-631-50283-4.
  • Seymour Hersh: The Price of Power: Kissinger in the Nixon White House. 1983.
  • Christopher Hitchens: Die Akte Kissinger. Dt. Verl.-Anst., Stuttgart u. a. 2001, ISBN 3-421-05177-1. Original: The Trial of Henry Kissinger. Verso, 2001, ISBN 1-85984-398-0.
  • Walter Isaacson: Kissinger. Eine Biographie. Ed. q, Berlin 1993, ISBN 3-86124-144-7.
  • Eugene Jarecki: The Trials of Henry Kissinger. DVD, 2002.
  • Holger Klitzing: The Nemesis of Stability. Henry A. Kissinger’s Ambivalent Relationship with Germany. WVT, Trier 2007 (= MOSAIC – Studien und Texte zur amerikanischen Kultur und Geschichte, Band 30), ISBN 978-3-88476-942-3.
  • Robert D. Schulzinger: Henry Kissinger. Doctor of diplomacy. Columbia Univ. Pr., New York 1989, ISBN 0-231-06952-9.
  • William Shawcross: Schattenkrieg. Kissinger, Nixon und die Zerstörung Kambodschas. Ullstein, Berlin u. a. 1980, ISBN 3-550-07912-5.
  • Ismerök Az Igazságot: Kissinger – Person, Politik, Hintermänner. VZD Köln, 1974.
  • Evi Kurz: Die Kissinger-Saga. Edition TimeLineFilm, Fürth 2007, ISBN 978-3-940405-70-8.
  • Evi Kurz: The Kissinger-Saga – Walter and Henry Kissinger. Two Brothers from Fuerth, Germany. Weidenfeld & Nicolson. The Orion Publishing Group, London 2009, ISBN 978-0-297-85675-7.
  • Tim Weiner: CIA: Die ganze Geschichte. Fischer Taschenbuch Verlag, 2009, ISBN 978-3-596-17865-0.
  • Gary Allen: Kissinger. Amerik. Originaltitel: 'Kissinger »The Secret Side of the Secretary of State«'. VAP Verlag für Angewandte Philosophie, Wiesbaden 1976, ISBN 3-88027-702-8

Film [Bearbeiten]

  • Angeklagt: Henry Kissinger. Dokumentation, Frankreich 2002, 80 Min., Buch und Regie: Alex Gibney, Eugene Jarecki, Produktion: BBC, arte u. a., Erstausstrahlung: 9. April 2003, Inhaltsangabe von arte, online-Video
  • Die Kissinger-Saga. Henry und Walter: zwei Brüder aus Fürth. Dokumentation, 45 Min., Buch und Regie: Evi Kurz, Produktion: BR, Deutschland, USA 2006, Erstsendung: ARD, 18. Oktober 2006, Inhaltsangabe der ARD
    ungekürzte Version, 90 Min., Erstsendung: BR, 21. Januar 2007, Inhaltsangabe des BR
  • Henry Kissinger – Geheimnisse einer Supermacht. Stephan Lamby (Regie) führt mit Kissinger ein ausführliches Gespräch, darum Dokumentation der wichtigsten Konflikte seiner Zeit als Außenminister, unter anderem mit ehemaligen Regierungsmitarbeitern und George W. Bush, Alexander Haig und Helmut Schmidt. Deutschland, USA, 2008, 90 Min.
  • Die Brückenbauer Henry Kissinger, Fritz Stern und Lord George Weidenfeld. Jüdische Emigranten und die Wiedervereinigung. Dokumentation, 43 Minuten, Deutschland, USA, Israel, England, Österreich, Schweiz, 2010. Buch und Regie: Evi Kurz, Produktion: TLF-Timelinefilm GmbH Fürth, Erstsendung: ARD, 29. September 2010. In Interviews äußern sich neben Kissinger, Stern und Weidenfeld u.a. Helmut Schmidt, Angela Merkel, Hans-Dietrich Genscher, Richard von Weizsäcker, Timothy Garton Ash und Niall Ferguson. Inhaltsangabe/Exposé (PDF; 76 kB) der TLF-Timelinefilm GmbH

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. offizielle Liste der Direktoren des CFR ab 1921
  2. Die Kissingers in Bad Kissingen Bayerischer Rundfunk 2. Juni 2005
  3. Bygone Days: Complex Jew. Inside Kissinger's soul Jerusalem Post, 26. Dezember 2007, von YEHUDA AVNER
  4. Henry A. Kissinger: The Prophet and the Policymaker, S. 15f., in: Hubertus Hoffmann: True Keeper of the Holy Flame - The Legacy of Pentagon Strategist and Mentor Dr Fritz Kraemer, Verlag Inspiration Un Limited, London/München 2012, ISBN 978-3-9812110-5-4
  5. Klitzing: The Nemesis of Stability. Henry A. Kissinger’s Ambivalent Relationship with Germany, WVT: Trier 2007.
  6. „On Tuesday, the National Security Archive, a nonprofit research group at George Washington University, published an online edition of transcripts of 15,000 Kissinger phone calls from 1969 to 1977, fully indexed and searchable for the first time. A selection was posted on the archive's Web site, nsarchive.org, and the full collection is available to subscribers, which include many university libraries.“ Scott Shane: Indexed trove of Kissinger phone transcripts is completed. International Herald Tribune 24. Dezember 2008
  7. zitiert in: Werner Biermann / Arno Klönne: Globale Spiele. Imperialismus heute – Das letzte Stadium des Kapitalismus? PapyRossa-Verlag, Köln 2001, ISBN 3-89438-227-9
  8. „Bilanz eines Beraters“, Die Zeit, 28. Juni 2007, Nr. 27, Interview
  9. 2001 machte die brasilianische Regierung die Einladung für eine Rede in São Paulo rückgängig, weil sie die Immunität Kissingers nicht garantieren konnte.
  10. Argentine Military believed U.S. gave go-agead for Dirty War. National Security Archive Electronic Briefing Book, 73 – Teil II, vertrauliche CIA-Dokumente, veröffentlicht 2002. Der damalige US-Botschafter Robert Hill schrieb nach einem weiteren Treffen von Kissinger mit Außenminister Guzzetti: "Guzzetti went to U.S. fully expecting to hear some strong, firm, direct warnings on his government's human rights practices, rather than that, he has returned in a state of jubilation, convinced that there is no real problem with the USG[overnment] over that issue".
  11. a b c Argentine Military believed U.S. gave go-agead for Dirty War. National Security Archive Electronic Briefing Book, 73 – Teil II, vertrauliche CIA-Dokumente, veröffentlicht 2002
  12. amnesty international: Rechte in Gefahr. In: Jahrbuch Menschenrechte 2003. Abgerufen am 17. Dezember 2008.
  13. a b „The murder of General Rene Schneider / Lawsuit against Kissinger in the US“, International Campaign against Impunity (ICAI)
  14. Auszug aus Christopher Hitchens' Buch The Trial of Henry Kissinger, erschienen im Guardian
  15. Why the law wants a word with Kissinger The Sun-Herald, 30. April 2002
  16. Kissinger Watch – International Campaign against Impunity (ICAI)
  17. Mehrfach zitiert, z. B. Jüdische Allgemeine, 23. Dezember 2010, Seite 7 (Ignoranz trifft Selbsthass. Warum den früheren Aussenminister Henry Kissinger die Lage der sowjetischen Juden kaltliess) oder Die Jüdische Zeitung, Nr. 51, Zürich, 24. Dezember 2010, Seite 4
  18. David Rockefeller: "Memoirs", S. 356-375, Random House Trade Paperbacks, ISBN 0-8129-6973-1
  19. Fürther Nachrichten: „Bürgerstiftung gegründet“ 30. Juli 2007
  20. Henry Kissinger drückt «seinen» Fürthern die Daumen, Süddeutsche vom 15. September 2012.
  21. Ein 2005 in Aachen gestellter Bürgerantrag, Kissinger den Karlspreis abzuerkennen, wurde bislang nicht beschieden
  22. Friends of Dresden – Honory Directors

Weblinks [Bearbeiten]

 Commons: Henry Kissinger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien