Elwetritsch

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Elwetritschenbrunnen von Gernot Rumpf am Klemmhof in Neustadt an der Weinstraße

Die Elwetritsch (auch Elwedritsch, Ilwedritsch und ähnlich, Mehrzahl Elwetritsche(n) usw., in pseudowissenschaftlichem Latein bestia palatinensis) ist ein vogelähnliches Fabelwesen, von dem in Südwestdeutschland und dort vor allem in der Pfalz berichtet wird. Man kann die Elwetritsch als lokale Entsprechung zu Fabelwesen anderer Regionen ansehen, zum Beispiel dem bayerischen Wolpertinger oder dem Thüringer Rasselbock.

Aussehen, Abstammung und Nachkommen[Bearbeiten]

Steinskulptur einer männlichen Elwetritsch
Aus dem Ei schlüpfende Elwetritsch

Elwetritschen werden als im weitesten Sinne hühnerähnlich beschrieben. Allerdings heißt es, sie könnten ihre Flügel kaum gebrauchen, weshalb sie sich überwiegend im Unterholz oder unter den Rebstöcken aufhalten müssten. Manchmal werden Elwetritschen auch mit einem Hirschgeweih abgebildet, ihr Schnabel wird oft als sehr lang dargestellt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gingen Künstler vermehrt dazu über, Elwetritschen teilweise auch als weiblich zu kennzeichnen, indem sie die Wesen mit Brüsten abbildeten.

Elwetritschen sollen aus Kreuzungen von Hühnern, Enten und Gänsen mit im Wald lebenden Kobolden und Elfen stammen. Als Geflügelabkömmlinge legen sie selbstverständlich Eier, die allerdings wegen der Waldgeisterherkunft während der Brutzeit wachsen. Eier in verschiedenen Größen und Reifestadien sind am Elwetritschenbrunnen in Neustadt an der Weinstraße künstlerisch dargestellt.

Geographische Verbreitung[Bearbeiten]

Skulptur einer Elwetritsch im Kurpark von Dahn

Der Verbreitungsraum der Erzählungen von der Elwetritsch erstreckt sich vom Pfälzerwald im Westen nach Osten über die Rheinebene hinweg bis in den südhessischen Odenwald und weiter nach Nordbaden und Nordwürttemberg (Bauland, Madonnenländchen). Im Main-Tauber-Kreis wird den Kindern erzählt, die „Ilwedridsche“ würden in den Kronen der Weiden an der Tauber nächtigen. Am bayerischen Untermain war das „Elfetritschle“ oder „Ilwetritschje“ genannte Fabelwesen ebenfalls bekannt. In Großheubach wurde ihm sogar ein Denkmal gesetzt mit Erklärungen zu Art und Wesen, wie man es fängt und wie man sich bei einer spontanen Begegnung mit ihm verhalten soll. Auch in der heute bayerischen Oberpfalz kommt das Fabelwesen unter dem Namen „Elbatrietscherl“ vereinzelt vor; vermutlich wurde es im Spätmittelalter von den Söhnen der Pfälzer Kurfürsten eingeführt, als sie damals in Amberg das Regieren lernen sollten. Darüber hinaus sind „Elvertritschla“ auch im oberfränkischen Fichtelgebirge bekannt.

Es fällt auf, dass das Verbreitungsgebiet nahezu deckungsgleich ist mit der historischen Kurpfalz und einigen ihrer dynastischen Exklaven. Als heimliche Hauptstadt der Elwetritschen gilt denn auch die ehemalige Residenz der Pfalzgrafen bei Rhein, Neustadt an der Weinstraße; hier steht ein Elwetritschen-Brunnen, den der Bildhauer Gernot Rumpf geschaffen hat. Im Gegensatz dazu verlegen andere Quellen den Ursprung nach Dahn in der Südwestpfalz, das gleichfalls über einen Elwetritschen-Brunnen verfügt, nach Erfweiler oder in andere Gemeinden der Gegend.

Für die Herkunft zumindest aus der Pfalz spricht zudem, dass Pennsylvaniadeutsche die Meinung vertreten, nach Amerika ausgewanderte Pfälzer – von denen diese Volksgruppe vorwiegend abstammt – hätten einige „Elbedritschlicher“ mitgenommen, „so ass sie kenn Heemweh grigge deede“ (hochdeutsch wörtlich: damit sie kein Heimweh bekämen).[1] Geschichten von der Elwetritsch sind auch bei den Amischen belegt.[2] Eine (englischsprachige) Zeitung der Pennsylvaniadeutschen Gesellschaft in Kutztown trägt den Titel Es Elbedritsch.[3]

Schreibweise und Wortherkunft[Bearbeiten]

Die überregional gebräuchlichste Schreibweise[4] ist Elwetritsch. In der Pfalz halten sich Elwetritsch und Elwedritsch in etwa die Waage. Elbe(n)-, Elfe(n)-, Elwen-, Ilbe(n)- und Ilwe(n)-(t/d)ritsch sowie Elwetrittche werden erheblich seltener und nur regional begrenzt gebraucht.

Zur Wortherkunft existieren mehrere Theorien, die hier wertfrei aufgezählt werden:

  • Die älteste Deutung geht davon aus, die Herkunft des zweiten Wortteils sei unklar und strittig, während der erste Bezug nehme auf die Elfen beziehungsweise Elben als weibliche Waldgeister aus der germanischen Mythologie. Diese Etymologie wird durch die Verbindung der Ilwedridsche mit den Weidenbäumen als Wohnort oder Schlafplatz gestützt, die sich zum Beispiel im mittleren Main-Tauber-Kreis findet.
  • Vermutet wird eine Wurzel im Französischen; danach handelte es sich eigentlich um einen „triche des élèves“ beziehungsweise elsässisch um einen „Eleventriche“, auf Deutsch also um einen Handwerksgesellen-Schwindel oder -Ulk. Auch eine Herleitung aus „Elbentriche“ (etwa Waldgeister-Schwindelmärchen) wäre nach dieser Deutung plausibel.
  • Einen neueren Ansatz zur Erklärung des Wortteils -drit, -trit oder -tritt bietet der Neustadter Diplom-Agrarbiologe Stephan Dreyer:[5] Bekanntermaßen ist der Hahnentritt eine ältere beziehungsweise volkstümliche Bezeichnung für den beginnend wachsenden Keimling (Keimfleck, Keimscheibe) im befruchteten Hühnerei. In der Geflügelwirtschaft sagt man zu dem dieser Erscheinung vorausgehenden Begattungsgeschehen auch: „Der Hahn tritt die Henne.“ Dieser „Tretakt“ führt zur Besamung im Eileiter und damit zur Befruchtung vorhandener reifer Eizellen. Nachdem Elwetritschen einer Kreuzung von Hausgeflügel mit Waldgeistern entstammen sollen, wäre hier ein „Elbentritt“ analog zum Hahnentritt als Ursprung zu vermuten. Gleiches steckt sinngemäß und sprachlich beziehungsweise von den Folgen her auch im Fehltritt einer Elfe. Zudem ist damit die vorgenannte französische Deutung keinesfalls widerlegt, wenn man nämlich bedenkt, dass das französische „triche“ auch Beschummeln oder Betrug heißen kann, der unzweifelhaft vorliegt, wenn eine Elfe ihren Elferich mit männlichem Hausgeflügel betrügt. Bemerkenswerterweise ist auch die Endung „-che“ beziehungsweise „-sche“ als Verkleinerungsform, unter Umständen auch als Verharmlosung bekannt.

Brauchtumspflege[Bearbeiten]

Jagd[Bearbeiten]

Beleuchtete Falle zur nächtlichen Jagd auf Elwetritschen
Künstlerische Darstellung: Sack zum Fangen von Elwetritschen

In etlichen pfälzischen Gemeinden wird Touristen als launiger Zeitvertreib der Erwerb eines Elwetritschen-Jagdscheins angeboten; Einheimischen ist die Jagderlaubnis dagegen selbstverständlich „in die Wiege gelegt“ worden. Die Elwetritschenjagd wird als eine hohe Kunst ausgegeben, da die Wesen als sehr scheu gelten. Die günstigste Jagdzeit sind dunkle Neumondnächte.

Bei einer Variante der Jagd benötigt der Fänger einen Sack, eine Öllampe und einen Knüppel. Treiber versuchen, durch lautes „Tritsch, tritsch“-Rufen und durch Stockschläge gegen Bäume oder Weinbergspfähle die Elwetritschen aufzuscheuchen, damit sie in den Sack des Fängers flüchten.

Bei einer anderen Variante der Jagd nimmt man einen Sack, der an beiden Enden eine Öffnung hat. Man stellt den Sack mit Hilfe eines Astes zu einer Art Schlauch auf. An die hintere Öffnung des Sackes stellt man die Lampe. Nun wartet man, bis eine Elwetritsche, durch das Licht angezogen, den Sack durch die vordere Öffnung betritt; dann schließt man den Sack. Allerdings entkommt die Elwetritsche dabei meist durch die zweite Öffnung.

Um sich vor Angriffen der Elwetritschen zu schützen, trinken die Jäger vor und während der Jagd reichlich Alkohol, dessen Geruch angeblich die Elwetritschen auf Distanz hält. Der häufig ahnungslose Fänger und Jagdscheinaspirant wird gelegentlich heimlich im Freien zurückgelassen, bis er endlich durchgefroren – und ohne Jagdbeute – heimfindet. Dann gibt es den obligatorischen Festschmaus und dazu passende Getränke zum Aufwärmen, zum Beispiel Wein oder Obstbrände. In einem Weingut im pfälzischen Bissersheim wird sogar ein spezieller „Elwedritsche-Drobbe“ (-Tropfen) hergestellt.

Sonstiges Brauchtum[Bearbeiten]

In mehreren pfälzischen Städten gibt es Vereine, die sich der Brauchtumspflege der Elwetritschen annehmen. Der älteste ist der Elwetrittche-Verein von 1982 in Landau. Ein ebenfalls in dieser Stadt ansässiger Square Dance-Verein nennt sein einmal jährlich stattfindendes Dance-Special die „Landauer Elwetrittche-Jagd“. In Pirmasens gibt es eine „Elwetritsche-Akademie“, in Dahn eine „Fachhochschule für Tritschologie“ (siehe Lehrpfad), im Landauer Zoo befindet sich ein Gehege mit Figuren der Fabelwesen, ebenso wie im Zoo Kaiserslautern Elwetritschen ihren Platz gefunden haben. In der Antoniengasse in Speyer liegt das Elwedritsche-Museum.[6]

Im Frankenthaler Stadtteil Flomersheim wird alljährlich im August ein Fußballturnier um einen Wanderpokal ausgetragen, der „Elwedritsche-Pokal“ heißt und den der örtliche Keramikkünstler und Pfälzer Mundartdichter Walter Rupp[7] gefertigt hat.

Die Elwetritsch ist inoffizielles Markenzeichen der Privatbrauerei Bischoff aus Winnweiler; auf das Fabelwesen spielt die Sorte Black Elwis an, ein Mischgetränk aus Bier und Cola.[8]

Bei der badischen Fastnacht greifen die Narren ebenfalls auf das Fabeltier zurück: In Bad Peterstal wirkt seit 1975 die Gruppe „Ilwedritsche“ der Narrenzunft Peterstal mit.[9] In Bühl-Vimbuch wurde 2010 ein Fastnachtsverein gegründet, bei dem das Fabelwesen unter dem Namen „Hilwedritsche“ läuft.[10]

Forschung[Bearbeiten]

Im Verbreitungsgebiet der Fabelwesen wird die Elwetritsch nicht nur im Rahmen der Erzählforschung oder Volkskunde, sondern auch als wissenschaftlicher Witz zoologisch und damit vorgeblich naturwissenschaftlich untersucht. So ist ein pfälzisches „Forscherteam“ unter Leitung des schon erwähnten Stephan Dreyer bestrebt, in Zusammenarbeit mit noch nicht ganz namhaften „Tritschologen“ die Existenz von Elwetritschen auch in anderen Wirbeltiergruppen zu belegen. In den bisher publizierten Forschungsergebnissen der Gruppe wird auch die Ernährungsweise (ursprünglich angeblich nur von Trauben der Rebstöcke) als vielmehr sehr mannigfaltig dargestellt.[5]

Zur Weiterpflege und Modernisierung der Systematik werden gar Fisch-, Lurch-, Kriechtier- und Säugetiertritschen diskutiert. Gehandelt hat bereits die pfälzische Gemeinde Otterstadt bei Speyer. Sie ließ 2004 durch Gernot Rumpf den Otterdritschenbrunnen errichten, der eine Verbindung zwischen Elwetritschen und Fischottern herstellt. Die Dokufiktion „Das Elwedritsch Projekt“ – eine beabsichtigte Analogie zum Blair Witch Project – der Ludwigshafener Medienwerkstatt CUT e. V. (2001) geht gar von der Existenz von Raubdritschen aus und gewährt darüber hinaus noch andere spannende Einblicke in das sagenumwobene Leben dieser Kreaturen. Auch die Methode der historischen Jagd mit Sack und Laterne wird im Film vom Pfälzer Mundartdichter und Elwedritsche-Experten Paul Tremmel ausführlich erläutert. Die Jagd ist aber in ihrer Umsetzung durch Laien mit unvorhersehbaren Risiken verbunden, wobei sich letztlich die Geister scheiden, ob die Elwedritschen dem Menschen freundlich gesinnt sind oder nicht oder ob sie geschlachtet und gegessen werden dürfen oder unter Artenschutz zu stellen sind.

Historisch und fabel-„naturwissenschaftlich“ erwiesen scheinen die verwandtschaftlichen Beziehungen zum bayerischen Wolpertinger (Hirschgeweih, Säugetierbezug) zu sein. Auch deswegen ist die überwiegende Definition und biologische Klassifizierung der Tritschen – ob Elwe-, Ilwe- oder sonstige – als Vögel oder vogelartige Fabelwesen in Frage zu stellen. Womöglich gibt es auch sekundäre Kreuzungen dieser beiden Fabelwesengruppen, die dann wohl aus der Zeit stammen müssen, als die Pfalz noch bayerisch war. Allerdings müsste es in diesem Fall auch im räumlich dazwischengelegenen badisch-schwäbischen Korridor zu Bayerisch-Schwaben hin ähnliche Wesen geben, und auch entlang der recht kurzen Verbindung zwischen Odenwald und Franken sollten Elwetinger oder Wolperdritschen vorkommen. Über entsprechende Forschungen ist bisher jedoch nichts bekannt.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Stephan Dreyer: Beiträge zur Elwedritschologie. Schlaraffia Perla Palatina, Neustadt/Weinstr. 2003–2008.
  •  Stephan Dreyer: Vortrag in der Kulturscheune. Queichhambach, 21. Mai 2011.
  •  Michael Konrad: Von wegen Vogel. In: Die Rheinpfalz am Sonntag. Ludwigshafen, 8. Februar 2009 (Beiträge zum Darwin-Jahr, mit Anregungen von Stephan Dreyer).
  •  Michael Landgraf und Wulf Werbelow, Illustrationen von Steffen Boiselle: Elwetritsche. Agiro Verlag, Neustadt/Weinstr. 2013, ISBN 978-3-939233-15-2.
  •  Rudolf Mulch: Elbentritschen und Verwandtes. In: Hessische Blätter für Volkskunde. Band 49/50, 1958, S. 176–194.
  •  Wulf Werbelow, Fotos von Helmut Vieser: Die Sage von den Elwedritschen. Ein pfälzisches Fabeltier. Hermann G. Klein Verlag, Speyer 1994, ISBN 3-921797-33-0.
  • Gedichte und Texte über die Elwetritschen haben die pfälzischen Autoren Albert H. Keil, Walter Rupp,[7] Hans Jürgen Schweizer und Paul Tremmel – teils in Standarddeutsch, teils in Pfälzer Mundart – geschrieben.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Elwetritsch – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Elwedritsch in der Pennsylvaniadeutschen Wikipedia.
  2. University of Kansas: Projekt Linguistic Atlas of Kansas German Dialects. Hier: Interviews in einer Amisch-Gemeinde in Kansas. Abgerufen am 18. November 2010.
  3. Es Elbedritsch in der Pennsylvaniadeutschen Wikipedia.
  4. Suchmaschinenabfragen (2010).
  5. a b  Stephan Dreyer: Beiträge zur Elwedritschologie.
  6. Stadt Speyer: Elwedritsche-Museum Speyer. Abgerufen am 11. September 2012.
  7. a b Walter Rupp: Pfälzer Elwedritschen. Abgerufen am 11. September 2012.
  8. Brauerei Bischoff: Black Elwis. Abgerufen am 11. September 2012.
  9. Ilwedritsche Bad Peterstal e. V. Abgerufen am 21. Februar 2014.
  10. Hilwedritsche. Fasnachtsgesellschaft Feurio Vimbi, abgerufen am 8. Januar 2011.