Hans Zehetmair

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Hans Zehetmair (Jan. 2010)

Johann Baptist (genannt Hans) Zehetmair (* 23. Oktober 1936 in Langengeisling bei Erding) ist ein deutscher Politiker der CSU. Er war von 1993 bis 1998 Stellvertretender Ministerpräsident des Freistaates Bayern. Seit 2004 ist er Vorsitzender des Rates für deutsche Rechtschreibung.

Im Februar 2014 erklärte er, nicht mehr für den Vorsitz der Hanns-Seidel-Stiftung zu kandidieren, den er seit 2004 innehatte.[1]

Leben[Bearbeiten]

Ausbildung und Lehrtätigkeit[Bearbeiten]

Der als Sohn eines Bauern und Wagnermeisters geborene Zehetmair besuchte das humanistische Dom-Gymnasium in Freising.[2] Nach dem Abitur 1957 studierte Hans Zehetmair bis 1962 klassische Philologie, Germanistik, Geschichte und Sozialkunde an der Ludwig-Maximilians-Universität München und kehrte nach der Ablegung des zweiten Staatsexamens 1964 zunächst bis 1974 als Gymnasiallehrer an das Dom-Gymnasium in Freising zurück.

Politischer Werdegang[Bearbeiten]

Zehetmair begann seine Karriere 1966 als Stadtrat in Erding und war dort von 1976 bis 1978 zweiter Bürgermeister. 1972 wurde er zum stellvertretenden Landrat gewählt und gewann 1974 den Landtagsstimmkreis Erding.[3]

1978 gewann Zehetmair gegen den Amtsinhaber Simon Weinhuber von der Bayernpartei das Amt des Landrats des Landkreises Erding und war dies bis zu seiner Ernennung zum Staatsminister für Unterricht und Kultus im Jahre 1986 durch Franz Josef Strauß.

Im Juni 1989 ernannte ihn Max Streibl auch zum Staatsminister für Wissenschaft und Kunst und legte im Oktober 1990 die beiden Ministerien wieder zum Staatsministerium für Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst zusammen. Edmund Stoiber ernannte ihn 1993 zum stellvertretenden Ministerpräsidenten. Nach den Landtagswahlen 1998 wurde Zehetmairs Haus von Stoiber geteilt; die bisherige Staatssekretärin Monika Hohlmeier bekam die Zuständigkeit für Unterricht und Kultus, Zehetmair übernahm das Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst.

Zehetmair war von 1972 bis 2001 CSU-Kreisvorsitzender von Erding, 15 Jahre lang Vertreter der Länder der Bundesrepublik Deutschland im Europäischen Kulturministerrat und von 1989 bis 2003 Senator der Max-Planck-Gesellschaft.

2003 zog sich Zehetmair aus Kabinett und Landtag zurück.

Seit Juli 2003 engagiert sich Zehetmair als Sachverständiger in der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestags.

Seit 2004 leitet er den von der Kultusministerkonferenz eingesetzten Rechtschreibrat.

Sonstiges Engagement[Bearbeiten]

Seit der Gründung des Vereins, bis 2010 hatte er den Vorstandsvorsitz des Vereins der Freunde und Förderer des Zentrums für Umwelt und Kultur in Benediktbeuern inne, den er an Georg Fahrenschon übergab. Von 11. Februar 2004 bis Mai 2014[4] war Zehetmair Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung. Zudem ist er von Dezember 2004 bis Dezember 2016[5] Vorsitzender des von der Kultusministerkonferenz eingesetzten Rates für deutsche Rechtschreibung.[6]

Er ist Mitglied im Programmbeirat des Fernsehsenders ARTE, Ehrenvorsitzender des Katholischen Männervereins Tuntenhausen und war Verwaltungsratsvorsitzender des Germanischen Nationalmuseums. Des Weiteren betätigte sich Zehetmair ehrenamtlich im Verwaltungsrat des TSV 1860 München und als Kurator der Bayerische Akademie für Werbung und Marketing[7].

Familie[Bearbeiten]

Zehetmair ist verheiratet und hat drei Kinder.

Politische Positionen[Bearbeiten]

Schulpolitik[Bearbeiten]

Ein Hauptanliegen Zehetmairs war der Ausbau der Fachhochschulen in Bayern. Seinen Nachfolger Thomas Goppel mahnte er in Anspielung auf dessen massive Kürzungen seit 2003 zur Kontinuität.

Anfang 1988 verordnete Zehetmair, dass zukünftig alle Unterrichtsfächer „die religiöse Dimension der Gegenstände einbeziehen“ sollten.[8] Unter seiner Verantwortung erhielten bayerische Grundschüler je eine Wochenstunde Musik- und Kunstunterricht, während pro Woche drei Stunden Religionsunterricht vorgesehen war. Der Umfang des Religionsunterrichts für Gymnasiasten und Hauptschüler belief sich auf zwei Wochenstunden, während diesen gleichzeitig nur eine Stunde für Geschichte und Sozialkunde zur Verfügung stand.[8]

Zehetmair führte das abgeschaffte Schulgebet wieder ein, woraufhin der Bayerische Elternverband diesen Schritt mit einem „Trip in das Biedermeier“ verglich.[8]

Zehetmair stellte in seiner Amtszeit sicher, dass die bayerischen Richtlinien zur Sexualkunde nicht verändert wurden. Ihnen zur Folge zeigten bayerische Schulbücher statt nackter Menschen lediglich mit Strichmännchen stilisierte Symbolbilder. Unter Zehetmairs Ägide wurde in den Biologiebüchern des Freistaats unter der Thematik „Entstehung menschlichen Lebens“ der Aspekt „Zeugung“ ersatzlos gestrichen.[8]

Während seiner Amtszeit erklärte Zehetmair in den 1980er Jahren, dass zum Frauenbild, das Bayerns Schulbücher vermitteln sollen, die moderne Frau gehört, die im Gebet Halt findet.[9]

Nachdem der religiöse „Freundeskreis Maria Goretti“ gefordert hatte, den Kinderbuch-Klassiker „Der Krieg der Knöpfe“ von Louis Pergaud aus dem Kanon bayerischen Schulliteratur zu entfernen, weil in ihm die Kopulation zweier Hunde beschrieben wird, kam Zehetmair den Forderungen nach.[8]

Zehetmair artikulierte klar seine Anspruchshaltung gegenüber Lehrern. Er wandte sich ausdrücklich gegen Lehrer „die unsere Jugend gegen den demokratischen Staat und seine gewählten Institutionen verhetzen“. Er bezeichnete ideologisch ausgerichtete Pädagogen als „Krebsübel in der Gesellschaft“. Seine Grundauffassung in dieser Frage war „Wer den Staat nicht aktiv vertritt, soll gehen…“ Aufgrund der ihn täglich erreichenden vielen Bewerbungen könne er „jederzeit jede Stelle zehnfach“ besetzen.[10] Als Landrat hatte Zehetmair einen Gitarrenlehrer an seiner Kreismusikschule beinahe entlassen, nachdem dieser ein Notenbuch aus der DDR verwendet hatte. Zehetmair kommentierte den Vorgang später mit den Worten „Wehret den Anfängen!“.[11]

Politischer Katholizismus[Bearbeiten]

Nachdem Max Streibl nach dem Tod von Franz Josef Strauß 1988 das Amt des Bayerischen Ministerpräsidenten übernommen hatte, folgte ihm Zehetmair als Vorsitzender des in Bayern einflussreichen Katholischen Männervereins Tuntenhausen. Der Verein gilt als Herz des politischen Katholizismus im Freistaat Bayern.[12] In den 1990er Jahren war insbesondere die Verhinderung der Reform des Paragraphen 218 das zentrale Hauptthema der Mitglieder des Vereins.[12]

Homosexualität[Bearbeiten]

Zehetmair vertrat als Staatsminister für Wissenschaft und Kunst politisch konservative Thesen: Homosexualität bezeichnete er 1987 im Bayerischen Fernsehen als „contra naturam“ (wider die Natur) „und im Grunde […] krankhaftes Verhalten“ und ergänzte, dass „dieser Rand […] ausgedünnt werden [muß].“[8]

Zehetmair hatte im selben Jahr bereits zuvor den Aids-Erreger als „Symptom einer maroden Gesellschaft“ bezeichnet und Homosexualität im „Randbereich der Entartung“ verortet. Er empfahl auch in diesem Zusammenhang erneut: „Das Umfeld der ethischen Werte muß wiederentdeckt werden, um diese Entartung auszudünnen“.[10]

Forschungs-Neutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz[Bearbeiten]

Zehetmair setzte sich in seiner Amtszeit intensiv für den Forschungsreaktor FRM-II, die spätere Forschungs-Neutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz ein.[13] Dieser wird mit hochangereichertem und damit, wenn es aus der vorliegenden U3Si2-Verbindung isoliert werden kann, atomwaffentauglichem Uran betrieben. Der Bau der Anlage war lange Zeit aufgrund erheblicher Sicherheitsbedenken und Kritik an der Kostenentwicklung hochumstritten.

Pinakothek der Moderne[Bearbeiten]

In den 1990er Jahren gelang es Zehetmair, das 130-Millionen-Euro-Projekt Projekt Pinakothek der Moderne zu retten. Nachdem er sich 1991 gegen eine praktisch schon beschlossene teure Planung durchgesetzt hatte, verhinderte er 1994 den von Staatskanzlei und Finanzministerium gewollten Verzicht auf das Projekt, indem er versicherte, zehn Prozent der Bausumme privat einwerben zu können. Er setzte sein Versprechen in den Folgejahren erfolgreich um.[14]

Auszeichnungen und Ehrungen[Bearbeiten]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Krieger: Zehetmairs Mut und Chance. Der Ex-Kultusminister soll den Rechtschreib-Frieden stiften. In: Bayerische Staatszeitung Ausgabe 50 vom Freitag, 10. Dezember 2004

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hans Zehetmair – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. br.de: Ursula Männle wird Chefin
  2. Martin Gleixner: 175 Jahre Dom-Gymnasium Freising. Freunde des Dom-Gymnasiums Freising e.V., 2003, abgerufen am 24. Juni 2013.
  3. Biografie von Hans Zehetmair. Deutscher Bundestag, archiviert vom Original am 25. September 2007, abgerufen am 24. Juni 2013.
  4. DIE WELT vom 12. Mai 2014
  5. DIE WELT vom 23. Mai 2014
  6. Hossa, die Rehform is da!, spiegel.de, 1. August 2006.
  7. Kuratorium und Präsidium der Bayerischen Akademie für Werbung und Marketing e.V.
  8. a b c d e f  Zeugung hamma net - Bayerns Kultusminister Zehetmair, klerikaler Fundi der CSU, gerät in der eigenen Partei zum Gespött. In: Der Spiegel. Nr. 43, 1991, S. 72-75 (21. Oktober 1991, online).
  9.  Zitate. In: Der Spiegel. Nr. 33, 1988, S. 174 (15. August 1988, online).
  10. a b  Ins Krankhafte hinein – Kultusminister Zehetmair, von Strauß ins CSU-Kabinett berufen, fällt über Aids-Kranke, Homosexuelle und unbotmäßige Lehrer her.. In: Der Spiegel. Nr. 17, 1987, S. 56–59 (20. April 1987, online).
  11.  Handlicher und spritziger - Bayerns Ministerpräsident Strauß wollte eigentlich „kein Massensterben“ veranstalten – nun hat er doch das halbe Kabinett um- oder neubesetzt. In: Der Spiegel. Nr. 45, 1986, S. 26–28 (3. November 1986, online).
  12. a b  Zur letzten Reife – Katholische Fundamentalisten setzen die CSU unter Druck. Ihr Generalthema ist die Abtreibung. In: Der Spiegel. Nr. 24, 1992, S. 44-47 (8. Juni 1992, online).
  13.  Wie Graf Koks – Die Kosten für den geplanten Forschungsreaktor FRM-II steigen ins Gigantische. Den Landesherrn Stoiber ließ das kalt. In: Der Spiegel. Nr. 38, 1994, S. 245–247 (19. September 1994, online).
  14. Landrat mit Pinakothek, taz.de, 26. August 2003.
  15. Aufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 (PDF; 6,9 MB)