Jean-Marc Ayrault

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Jean-Marc Ayrault im März 2012

Jean-Marc Ayrault [ʒɑ̃.maʁk e'ʁo] (* 25. Januar 1950 in Maulévrier, Département Maine-et-Loire[1]) ist ein französischer Politiker (PS). Unter Präsident François Hollande war Ayrault Premierminister der Französischen Republik vom 15. Mai 2012 bis 31. März 2014. Er amtierte von 1989 bis 2012 als Bürgermeister von Nantes und war von 1986 bis 2012 Abgeordneter sowie von 1997 bis 2012 Fraktionsvorsitzender (frz. Président) des Groupe socialiste in der französischen Nationalversammlung.

Frühes Leben[Bearbeiten]

Ayrault wuchs als ältestes von fünf Kindern des Feldarbeiters und späteren Fabrikarbeiters Joseph Ayrault und der Schneiderin Georgette Ayrault geb. Uzenot in Westfrankreich auf. Er studierte Germanistik (études supérieures d’allemand) an der Universität Nantes und schloss sein Studium 1971 mit dem Lizenziat ab. 1972 folgte das Gymnasiallehrerexamen (CAPES). 1969/1970 verbrachte Ayrault ein Auslandssemester an der Universität Würzburg.[2]

Aus einem katholischen Elternhaus kommend, engagierte sich Jean-Marc Ayrault als Jugendlicher in der Christlichen Landjugendbewegung. Der Befreiungstheologie nahestehend, trat er der Christlichen Arbeiterjugend bei. Nach dem Kongress von Épinay (1971) wurde er 1972 Mitglied der Sozialistischen Partei Frankreichs. Von 1973 bis zu seiner Wahl zum Abgeordneten im Jahr 1986 war er Deutschlehrer in Saint-Herblain, Loire-Atlantique.[3]

Politische Laufbahn[Bearbeiten]

Bürgermeisteramt[Bearbeiten]

Als 27-jähriger wurde Ayrault im Jahr 1977 zum Bürgermeister von Saint-Herblain gewählt. Dieses Amt hatte er zwölf Jahre inne. Er gehörte bis 1991 als Poperéniste zum linken Flügel des PS. 1989 war das Bürgermeisteramt der Stadt Nantes ein erreichbares Ziel für die Sozialisten. Der bisherige Amtsinhaber vom RPR stellte sich nicht zur Wiederwahl. Ayrault wurde formell im Dezember 1988 Kandidat in Nantes. Seine Wahlkampagne war geprägt von prominenter Unterstützung des PS: Sowohl Staatspräsident François Mitterrand als auch der amtierende Premierminister Michel Rocard kamen nach Nantes. Am 12. März 1989 wurde Ayrault im ersten Wahlgang mit 50,19 % der Stimmen gewählt (sein Gegenkandidat Daniel Augereau erhielt 40 %). 1995, 2001 und 2008 wurde er jeweils wiedergewählt. Er verzichtete 2012 auf sein Amt als Bürgermeister von Nantes. Sein Nachfolger wurde Patrick Rimbert.[4]

Premierminister[Bearbeiten]

Nach dem Sieg von François Hollande bei den französischen Präsidentschaftswahlen am 6. Mai 2012 waren Ayrault und Martine Aubry als Kandidaten für das Amt des Premierministers[5] im Gespräch.

Mathieu von Rohr (SPIEGEL in Paris) schrieb dazu:

„Von dieser Wahl hängt viel ab. Wenn er die Parteichefin Martine Aubry wählt, seine Gegnerin bei den parteiinternen Vorwahlen, entscheidet er sich für einen linken Kurs. Wählt er den Fraktionschef Jean-Marc Ayrault, ist das ein Zeichen für eine eher technokratische Regierung – und es wäre eine Geste Deutschland gegenüber. Denn Ayrault spricht Deutsch und hat gute Verbindungen zur SPD.“[6]

Am Tag der Amtseinführung von Hollande, dem 15. Mai 2012, ernannte dieser Ayrault zum Premierminister. Mit der Annahme des Amtes endete seine Mitgliedschaft in der Nationalversammlung.[7] Ein Verbleiben im Amt des Bürgermeisters wäre verfassungsrechtlich möglich gewesen, wurde aber vom neuen Präsidenten nicht gewünscht. Am 17. Mai 2012 reichte der Premierminister den Antrag auf Amtsverzicht als Bürgermeister im Gemeinderat von Nantes ein.[8] Die Wahl des neuen Bürgermeisters von Nantes fand am 29. Juni 2012 statt.

In Übereinstimmung mit dem Präsidenten Hollande war die erste Amtshandlung Ayraults als Premierminister die Senkung aller zukünftigen Ministerbezüge um dreißig Prozent, einschließlich der Vergütung des Staatspräsidenten selbst. Hollandes Amtsvorgänger Sarkozy hatte 2007 sechs Monate nach Amtsantritt seine eigenen Bezüge um 172 % erhöht.[9]

Übergangsregierung bis zur Parlamentswahl[Bearbeiten]

Am Tag seiner Ernennung zum Premierminister präsentierte Jean-Marc Ayrault am 15. Mai 2012 eine neue Übergangsregierung. Sie besteht – gemäß einem Wahlversprechen Hollandes nach strikter Geschlechterparität − neben ihm aus je neun Ministerinnen und Ministern sowie je acht beauftragte Fachministerinnen und Fachministern (ministres délégué(e)s). Diese Übergangsregierung amtierte nur bis zur Parlamentswahl im Juni 2012. Nach dem zweiten Wahlgang am 17. Juni 2012 trat Ayrault einen Tag später gemeinsam mit seiner Regierung zurück.

Zweite Regierung Ayrault[Bearbeiten]

Unmittelbar nach dem Rücktritt seiner Regierung wurde Ayrault von François Hollande erneut zum Premierminister ernannt. Am 21. Juni 2012 präsentierte er seine neue Regierung (Kabinett Ayrault II), die weitgehend unverändert blieb. Nach dem desaströsen Ausgang der Kommunalwahlen am 30. März 2014 erklärte Ayrault seinen Rücktritt als Premierminister. [10]

Familie[Bearbeiten]

Jean-Marc Ayrault ist seit September 1971[11] mit Brigitte Terrien verheiratet, ebenfalls aus Maulévrier. Sie studierte Lettres modernes (moderne Literatur) und ist seit 1974 Französischlehrerin in einem Collège (entspricht der gymnasialen Mittelstufe). Von 1982 bis 2001 war sie Generalrätin des Kantons Saint-Herblain-Ouest-Indre. Das Ehepaar hat zwei Töchter.

Mandate und Funktionen[Bearbeiten]

  • 14. März 1977–12. März 1989: Bürgermeister von Saint-Herblain, Loire-Atlantique
  • 1976–1982: Conseiller général des Départements Loire-Atlantique
  • 2. April 1986–15. Mai 2012: Abgeordneter für das Département Loire-Atlantique in der Nationalversammlung
  • 1997–2007: Fraktionsvorsitzender der Groupe socialiste in der Nationalversammlung
  • seit dem 18. März 1989: Bürgermeister von Nantes
  • seit 2002: Vorsitzender des Kommunalverbandes Nantes Métropole
  • seit dem 15. Mai 2012: Französischer Premierminister
  • 31. März 2014: Rücktritt als Regierungschef

Auszeichnungen[Bearbeiten]

  • 2014: Carlo-Schmid-Preis für seine Verdienste um die europäische Verständigung,[12] Laudatio von Frank-Walter Steinmeier

Literatur[Bearbeiten]

  • Who’s Who in France.
  • Philippe Goulliaud: Jean-Marc Ayrault, la rançon de l’expérience. In: Le Figaro. 26. Juni 2007.
  • Alain Besson: Jean-Marc Ayrault. Une ambition nantaise... Editions Coiffard, Nantes 2004, ISBN 2-910366-49-9.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jean-Marc Ayrault – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jean-Marc Ayrault, « le réformiste décomplexé », in Le Monde vom 15. Mai 2012
  2. Joseph Hanimann: Wer Hollande die Deutschen erklärt. auf sueddeutsche.de vom 8. Mai 2012
  3. Biografie auf der Seite der Stadtverwaltung von Nantes, abgerufen am 12. Mai 2012
  4. Seite der Stadtverwaltung (frz.), abgerufen am 3. September 2012
  5. Michaela Wiegel: Hybrid statt Hybris. auf faz.net vom 10. Mai 2012
  6. Unsicher auf der Bastille auf Spiegel Online vom 7. Mai 2012
  7. Art. 23 der Verfassung, hier deutsch auf der Seite der französischen Nationalversammlung, abgerufen am 15. Mai 2012
  8. Le premier ministre Ayrault remet sa ville de Nantes à son premier adjoint in Le Parisien vom 18. Mai 2012
  9. 172 %, la véritable augmentation de Sarkozy auf Libération vom 6. November 2007
  10. Reuters: Kabinettsumbildung: Valls soll Frankreichs neuer Premier werden auf Spiegel Online
  11. Besson, JMA, S. 85. op. cit.
  12. Ehemaliger Premierminister Ayrault mit Carlo-Schmid-Preis ausgezeichnet