Neman
| Stadt
Neman/Ragnit
Неман
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| Liste der Städte in Russland | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Neman (russisch Неман, deutsch Ragnit) ist eine Kleinstadt in der russischen Oblast Kaliningrad (ehemaliges nördliches Ostpreußen) mit 11.798 Einwohnern (Stand 14. Oktober 2010).[1] Sie ist Sitz einer Rajonverwaltung und der städtischen Gemeinde Nemanskoje gorodskoje posselenije.
Inhaltsverzeichnis |
Geographie [Bearbeiten]
Die Stadt liegt am südlichen, bis zu 15 Meter hohen Ufer des Flusses Memel, der die Grenze zu Litauen bildet. In der Nähe befindet sich der Berg Rombinus, der neben dem samländischen Rinau und der Rominter Heide zu den heidnischen Hauptheiligtümern der Region zählte. Neben dem Fluss prägen der Schlossberg und der Obereißeln, die höchste Erhebung der Region, die Landschaft. 10 Kilometer westlich liegt die Nachbarstadt Sowetsk (Tilsit).
Geschichte [Bearbeiten]
Geschichte von Burg und Stadt seit dem Mittelalter [Bearbeiten]
Ihren Ursprung hat die Stadt in der Burg Ragnita (prußisch ragas: Horn, Ecke, Landzunge, Spitze, Hinausragendes), einem Stützpunkt des Prußenstammes der Schalauen. Sie siedelten spätestens im 13. Jahrhundert beiderseits des Memelflusses. Um 1220 wurde die damals hölzerne Burg von einem russischen Heer erfolglos belagert, doch 1278 gelang es dem Deutschen Ritterorden unter dem Vogt von Samland Theoderich, die Burg zu erobern. Die Ritter ersetzten 1289 den Holzbau durch eine steinerne Burg, die sie „Landeshut“ nannten. Dieser Name konnte sich jedoch nicht durchsetzen, und so blieb es bei der ursprünglichen Bezeichnung. 1293 wurde auf einer Halbinsel der Memel eine weitere Feste errichtet, die Schalauerburg. Beide Burgen sicherte das Ordensland nach Norden hin und waren Stützpunkte für die Ende des 13. Jahrhunderts begonnenen Feldzüge des Ordens gegen Litauen.
Während dieser kriegerischen Auseinandersetzungen wurde 1355 die Schalauerburg zerstört. Sie wurde zwar bereits ein Jahr später wieder aufgebaut, doch nachdem sie 1365 erneut geschleift wurde, verzichtete man auf einen nochmaligen Wiederaufbau. Dagegen wurde die Burg Ragnit in den Jahren 1397 bis 1409 unter Mitwirkung des rheinländischen Baumeisters Nikolaus Fellenstein, der auch am Bau der Marienburg beteiligt war, zu einer der stärksten Festungen des Ritterordens ausgebaut. Im Schutze der Burg hatte sich inzwischen ein Marktflecken entwickelt, der dank der günstigen Verkehrslage an der Heerstraße nach Insterburg und dem Flussübergang nach Norden an Bedeutung gewann. Die Pläne des Ordens, die Siedlung zur Stadt zu erheben, kamen wegen der Niederlage gegen Polen 1410 nicht zur Ausführung. Allerdings wurde der Ort Sitz einer Komturei, der auch die Burgen in Tilsit und Labiau unterstanden. Auch nach der Säkularisierung des Ritterordens 1525 blieb Ragnit Sitz eines Amtshauptmannes. Im 17. Jahrhundert wurde der Ort zweimal zerstört, während des Zweiten Nordischen Krieges im Jahre 1656 durch Tataren, 1678 während des Schwedisch-Brandenburgischen Krieges durch schwedische Truppen.
In den Jahren von 1709 bis 1711 wurde die Ragniter Bevölkerung durch Pest und Hungersnot um mehr als die Hälfte dezimiert. Im Jahre 1722 wurde Ragnit schließlich durch den preußischen König Friedrich Wilhelm I. zur Stadt erhoben.[2] Während des Siebenjährigen Krieges zerstörten russischen Truppen, darunter Kosaken- und Kalmückeneinheiten, im Jahre 1757 die Stadt.[3]
Auch während des Zuges Napoleons gegen Russland erlitt Ragnit schwere Brandschäden. Durch die preußische Verwaltungsreform von 1815 wurde Ragnit Kreisstadt, musste diesen Status jedoch 1922 wieder abgeben, als die Kreise Ragnit und Tilsit vereinigt wurden und das Landratsamt in die größere Nachbarstadt verlegt wurde. 1829 wurde die Burg Ragnit durch ein Feuer stark beschädigt.
Nach der Fertigstellung der Eisenbahnstrecke von Tilsit nach Stallupönen (1894) sowie der Schmalspurbahn Ragnit – Insterburg der Insterburger Kleinbahnen (1913) siedelten sich schnell Industriebetriebe an. So entstanden Ziegeleien und eine Eisengießerei, außerdem entwickelte sich die Stadt zu einem Obstbauzentrum. Hatte Ragnit 1782 nur 1882 Einwohner, so war deren Zahl 1895 auf 4591 gestiegen.
Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges lebten in Ragnit 10.094 Einwohner, die Stadt beherbergte Zellstoff-, Holzwaren- und Maschinenbaufabriken. Als im Herbst 1944 die Rote Armee das Nordufer der Memel erreicht hatte, wurde am 20. Oktober 1944 die Evakuierung der Stadt angeordnet. Am 17. Januar 1945 wurde Ragnit kampflos von den sowjetischen Truppen eingenommen.
Die Stadt wurde nach der russischen Bezeichnung für den Fluss Memel in Neman umbenannt. Durch Umsiedlungsprojekte kamen Neusiedler vor allem aus Zentralrussland, der Region des heutigen Föderationskreises Wolga und aus Weißrussland.
Bevölkerungsentwicklung [Bearbeiten]
| Jahr | Einwohner | Anmerkungen |
|---|---|---|
| 1782 | 1.882 | |
| 1875 | 3.875 | |
| 1895 | 4.591 | |
| 1905 | 4.908 | meist Evangelische[4] |
| 1925 | 7.780 | meist Evangelische[5] |
| 1933 | 9.293 | |
| 1939 | 10.061 | davon 9.254 Evangelische, 248 Katholiken, 235 sonstige Christen und ein Jude[6] |
| 1959 | 9.459 | |
| 1970 | 11.613 | |
| 1979 | 12.492 | |
| 1989 | 13.821 | |
| 2002 | 12.714 | |
| 2010 | 11.798 |
Anmerkung: Volkszählungsdaten
Sehenswürdigkeiten [Bearbeiten]
Sehenswert ist die alte Burg des Deutschen Ordens. Das Schloss hatte eine fast quadratische Form, auf vier Etagen waren elf große Säle und viele kleinere Räume. Besondere Aufmerksamkeit erfuhren das Conventsgebäude, das Kabinett und die Gästezimmer aller 45 Komture Ragnits. Das Schloss wurde immer wieder umgebaut, 1825 ein Gefängnis eingerichtet. 1839 wurde das Stadt- und Kreisgericht darin untergebracht, 1849 das Militärtribunal und ab 1879 das Verwaltungsgericht. Danach hatte das Schloss keinen ständigen Besitzer mehr und es begann der Verfall. Während der sowjetischen Zeit wurde es zur Ruine. Eventuell plant der Konzern Rosatom, der 2010 mit dem Bau eines Atomkraftwerkes 15 Kilometer außerhalb der Stadt begonnen hat, den Wiederaufbau zu unterstützen.[7]
Erhalten geblieben sind auch die als solche genutzte Stadtkirche und das schmale Uhrentürmchen unweit der Burg, ebenso sechs Gedenksteine für Gefallene des Ersten Weltkriegs.
Personen [Bearbeiten]
In Ragnit geboren:
- Christian Otter (1598–?), Mathematiker und Baumeister
- Johann Friedrich Reiffenstein (1719–1793), Maler und Schriftsteller
- Julius Bacher (1810–1889), Schriftsteller
- Kurt von Sanden (1842–1901), Rittergutsbesitzer und Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses
- Henry Settegast (1853–1901), Pflanzenbauwissenschaftler
- Karl Brinkmann (1854–1901), Zweiter Bürgermeister in Königsberg (und Berlin)
- Gustav Laukant (1869–1938), deutscher Politiker (USPD)
- Erwin Bodky (1896–1958), Cembalist und Musikwissenschaftler
- Freya Stephan-Kühn (1943–2001), Schriftstellerin
In Ragnit gestorben:
- Martynas Mažvydas, Schriftsteller und 1547 Drucker des ersten Buches in litauischer Sprache, † 21. Mai 1563
Wirtschaft [Bearbeiten]
Größtes Unternehmen der Stadt ist das Nemaner Zellulose- und Papierkombinat mit mehr als 1000 Beschäftigten.
Unweit Neman fand am 25. Februar 2010 in Anwesenheit des Rosatom-Chefs Sergei Kirijenko, des stellvertretenden russischen Ministerpräsidenten Sergei Iwanow und des Gouverneurs der Oblast Kaliningrad Georgi Boos die feierliche Grundsteinlegung für das Kernkraftwerk Kaliningrad statt, dessen zwei Blöcke mit einer Gesamtleistung von 2300 Megawatt 2016 und 2018 in Betrieb gehen sollen.[8][9]
Städtepartnerschaften [Bearbeiten]
Städtische Gemeinde Neman [Bearbeiten]
Seit der Verwaltungsreform in der Oblast Kaliningrad 2008/2009 ist Neman namensgebender Ort und Verwaltungssitz der städtischen Gemeinde Nemanskoje gorodskoje posselenije mit weiteren 19 Siedlungen.
| russischer Name | Einwohner 2010[10] |
deutscher Name |
|---|---|---|
| Акулово (Akulowo) | 380 | Klein Neuhof-Ragnit |
| Артёмовка (Artjomowka) | 116 | Argeningken-Graudszen 1938–45 Argenhof und Skambracken[11] 1938–45 Brakenau |
| Большое Село (Bolschoje Selo) | 647 | Unter Eißeln 1938–45 Untereißeln |
| Ветрово (Wetrowo) | 363 | Woydehnen 1938–45 Wodehnen |
| Горино (Gorino)[12] | 54 | Ober Eißeln[13] 1938–45 Obereißeln |
| Гудково (Gudkowo) | 99 | Gudgallen[13] 1938–45 Großfelde |
| Дубки (Dubki) | 547 | Paskallwen[13] 1938–45 Schalau |
| Дубравино (Dubrawino) | 18 | Palentienen[13] 1938–45 Palen |
| Жданки (Schdanki) | 26 | Pellehnen 1938–45 Dreidorf und Tilszenehlen 1936–38 Tilschenehlen 1938–45 Quellgründen |
| Искра (Iskra) | 159 | Kindschen[13] |
| Котельниково (Kotelnikowo) | 140 | Neuhof-Ragnit[13] |
| Красное Село (Krasnoje Selo) | 175 | Kiauschälen 1938–45 Kleinmark und Klapaten 1938–45 Angerwiese |
| Кустово (Kustowo) | 67 | Klein Lenkeningken 1938–45 Kleinlenkenau |
| Лесное (Lesnoje) | 365 | Groß Lenkeningken 1938–45 Großlenkenau |
| Мичуринский (Mitschurinski) | 458 | Althof-Ragnit[13] |
| Подгорное (Podgornoje) | 52 | Titschken[13] 1938–45 Tischken |
| Ракитино (Rakitino) | 510 | Kurschen[13] |
| Рядино (Rjadino) | 20 | Raudszen 1936–38 Raudschen 1938–45 Rautengrund |
| Тушино (Tuschino) | 72 | I. Dirwohnuppen[14] 1935–45 Ackerbach II. Lobellen[15] III. Nettschunen 1938–45 Dammfelde |
Literatur [Bearbeiten]
- Herbert Kirrinnis: Die Stadt Ragnit. In: Fritz Brix (Hrsg.): Tilsit-Ragnit, Stadt und Landkreis. Würzburg 1971, S. 188–208.
Weblinks [Bearbeiten]
- Ragnit
- Zeitung «Nemanskie Vesti» (russisch)
- Neman – Ragnit (russisch)
- Neman auf mojgorod.ru (russisch)
Fußnoten [Bearbeiten]
- ↑ a b Itogi Vserossijskoj perepisi naselenija 2010 goda. Kaliningradskaja oblastʹ. (Ergebnisse der allrussischen Volkszählung 2010. Oblast Kaliningrad.) Band 1, Tabelle 4 (Download von der Website des Territorialorgans Oblast Kaliningrad des Föderalen Dienstes für staatliche Statistik der Russischen Föderation)
- ↑ Max Toeppen: Ueber preussische Lischken, Flecken und Städte. Ein Beitrag zur Geschichte der Gemeindeverfassungen in Preußen. In: Altpreußische Monatsschrift, Band 4, Königsberg 1867, S. 511-536, insbesondere S. 515.
- ↑ Vaterländisches Archiv für Wissenschaft, Kunst, Industrie und Agrikultur oder Preußische Provinzial-Blätter. Bd. 14. Königsberg 1835. S. 417
- ↑ Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage, Band 16, Leipzig und Wien 1909, S. 571.
- ↑ Der Große Brockhaus. 15. Auflage, Band 15, Leipzig 1933, S. 351.
- ↑ Michael Rademacher: Deutsche Verwaltungsgeschichte Ostpreußen: Landkreis Tilsit-Ragnit (2006).
- ↑ Hoffnung für Schloss Ragnit, Preußische Allgemeine Zeitung, 14/2010 vom 3. April 2010
- ↑ Rosatom begann mit dem Bau des Baltischen KKW bei RIA Novosti (russisch)
- ↑ Strom für Europa: Baustart für Atomkraftwerk in Kaliningrad bei RIA Novosti
- ↑ Pasport auf neman.gov39.ru
- ↑ Wurde am 5. Juli 1950 durch die Verordnung 745/3 des Präsidiums des Obersten Rats der RSFSR "Über die Umbenennung der Orte des Gebiets Kaliningrad" in Chochlowo umbenannt
- ↑ früher Garino
- ↑ a b c d e f g h i Wurde umbenannt durch die Verordnung 745/3 des Präsidiums des Obersten Rats der RSFSR "Über die Umbenennung der Orte des Gebiets Kaliningrad" vom 5. Juli 1950
- ↑ Wurde am 5. Juli 1950 durch die Verordnung 745/3 des Präsidiums des Obersten Rats der RSFSR "Über die Umbenennung der Orte des Gebiets Kaliningrad" in Kostromskoje umbenannt
- ↑ Wurde am 5. Juli 1950 durch die Verordnung 745/3 des Präsidiums des Obersten Rats der RSFSR "Über die Umbenennung der Orte des Gebiets Kaliningrad" in Rusino umbenannt
Verwaltungszentrum: Kaliningrad
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