Gussew
| Stadt
Gussew/Gumbinnen
Гусев
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Gussew (russisch seit 1946 Гусев, bis 1946 Gumbinnen) ist eine Rajonstadt in der russischen Oblast Kaliningrad mit 28.260 Einwohnern (Stand 14. Oktober 2010).[1] Gussew ist auch Sitz der städtischen Gemeinde Gussewskoje gorodskoje posselenije.
Inhaltsverzeichnis |
Geographische Lage und Verkehrsanbindung[Bearbeiten]
Die Stadt liegt am Zusammenfluss der Flüsse Pissa (prußisch pisa, pisse: tiefer Sumpf/ grundloser Morast, wo nur kleine Birken und Fichten wachsen) und Krasnaja (dt. Rominte: prußisch roms, rams: still, ruhig) im östlichen Teil der Oblast auf 57 Meter über NN. Sie wird von der ehemaligen Reichsstraße 1 und heutigen Europastraße 28 Kaliningrad–Vilnius durchquert, von der im Stadtgebiet die Fernstraße nach Sowetsk (früher Tilsit) abzweigt. Ebenfalls durch die Stadt führt die internationale Bahnlinie Kaliningrad–Kaunas. Die Oblasthauptstadt Kaliningrad (früher Königsberg) ist 124 Kilometer entfernt. Zum Grenzübergang nach Litauen sind es 37 Kilometer, außerdem führt eine direkte Straßenverbindung zu einem Grenzübergang nach Polen (38 Kilometer).
Geschichte[Bearbeiten]
Gründung[Bearbeiten]
Anhand von Bodenfunden ist bekannt, dass an der Romintemündung bereits nach Ende der Eiszeit um 9000 v. Chr. eine Siedlung vorhanden war. Vor der Eroberung des prußischen Gebietes durch den Deutschen Ritterorden im 13. Jahrhundert gab es hier Befestigungsanlagen wie die Burg Otholicha und eine Schanzburg bei Plicken. Zur Gründungszeit des Herzogtums Preußen 1525 wurde erstmals eine Siedlung namens Kulligkehmen (eingefriedetes Dorf: kullike: Beutel und kaimas: Dorf) erwähnt, während auf einer Landkarte von 1576 an der Mündung der Rominte in die Pissa ein Ort namens Bisserkeim verzeichnet ist (Pisserkeim von pissa: tiefer Sumpf und caymis, kaimas: Dorf, Ort). Bereits 1580 wurde die Ortsbezeichnung Gumbinnen erstmals urkundlich erwähnt, sie kommt wahrscheinlich aus dem Litauischen (litauisch: gumbine: Knotenstock, knorrige Äste). Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges bestand das Dorf Gumbinnen aus einigen an beiden Seiten der Pissa gelegenen Gehöften und einer Kirche, die der preußische Herzog Albrecht 1545 hatte errichten lassen.
Aufstieg in Preußen[Bearbeiten]
Während des Tatareneinfalls 1656 und der Pestjahre 1709/11 wurde Gumbinnen wie das ganze spätere Ostpreußen schwer in Mitleidenschaft gezogen. Durch das von Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. ins Leben gerufene Besiedelungsprogramm erfuhr auch Gumbinnen, dem der König am 24. Mai 1724 das Stadtrecht verliehen hatte, einen spürbaren Aufschwung. Die ersten Neusiedler waren 1710 reformierte Schweizer, die ihren eigenen Prediger mitbrachten und 1739 ihre eigene Kirche errichteten. Ab 1732 entwickelte sich Gumbinnen zum Zentrum der aus Salzburg vertriebenen protestantischen Exulanten. Mit dem von ihnen gegründeten Salzburgerhospital und der 1752 errichteten Salzburger Kirche bewahrte diese Gruppe ihre Identität bis ins 20. Jahrhundert. Bereits 1727 schloss sich die auf der Südseite der Rominte entstandene Neustadt der Altstadt an. Am 19. August 1736 gründete Friedrich Wilhelm I. in Gumbinnen eine Kriegs- und Domänenkammer als Verwaltungszentrum der Region. Zu dieser Zeit lebten etwa 2.100 Menschen in der Stadt. Während des Siebenjährigen Krieges war Gumbinnen von 1757 bis 1762 von russischen Truppen besetzt, und während des Koalitionskrieges gegen Napoleon I. lagerten 1807 französische Soldaten in der Stadt, die obendrein noch 89.000 Taler an Kontributionen aufzubringen hatte. Während des napoleonischen Russlandfeldzuges marschierte die Große Armee im Juni 1812 durch Gumbinnen. Napoleon selbst hielt sich vier Tage in der Stadt auf.
Gumbinnen hatte eine höhere Schule, das Friedrichs-Gymnasium, dessen Anfänge auf das Jahr 1724 zurückgehen. Der Status eines Gymnasiums war der Lehranstalt im Jahr 1812 zuerkannt worden.[2]
Am 1. September 1818 wurde Gumbinnen Kreisstadt für den Kreis Gumbinnen und 1878 Sitz der Bezirksregierung des Regierungsbezirkes Gumbinnen. Außerdem war die Stadt mit drei großen Kasernen eine bedeutende Garnison der preußischen Armee. Nachdem seit dem 4. Juni 1860 die Strecke der Preußischen Staatsbahn Königsberg–Stallupönen durch die Stadt führte, entwickelte sie auch eine wirtschaftliche Bedeutung. Zum Ende des 19. Jahrhunderts hatten hier eine Eisengießerei, eine Maschinenfabrik mit Dampfhammer, eine Möbelfabrik, eine Weberei, zwei Dampfsägemühlen, mehrere Ziegeleien und eine Molkerei ihren Standort. Nach dem Ersten Weltkrieg kam noch das Ostpreußenwerk (Elektrizitätswerk) hinzu, das ganz Ostpreußen mit Strom versorgte. 1890 hatte die Stadt 12.207 Einwohner, darunter 269 Katholiken und 95 Juden.
Erster und Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten]
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges fand am 18. und 19. August 1914 vor der Stadt eine große Schlacht zwischen deutschen und russischen Truppen statt, Gumbinnen stand danach einige Monate unter russischer Besatzung. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges begannen 1944 die ersten Evakuierungen der damals über 24.000 Einwohner. Am 16. Oktober 1944 wurde die Innenstadt durch einen sowjetischen Luftangriff schwer beschädigt. Vom 21. bis 23. Oktober 1944 lieferte sich die Wehrmacht mit der Roten Armee eine Panzerschlacht, in deren Folge die Frontlinie bis zum Januar 1945 gehalten wurde. Am 21. Januar 1945 wurde Gumbinnen dann unter erheblichen Zerstörungen von der Roten Armee erobert und als Teil des nördlichen Ostpreußen unter sowjetische Verwaltung gestellt.
Sowjetunion[Bearbeiten]
1946 wurde die Stadt Gumbinnen zum Gedenken an den sowjetischen Hauptmann Sergej Iwanowitsch Gussew (1918-1945) in Gussew umbenannt und einer russischen Teilrepublik der Sowjetunion zugeordnet. Gussew wurde Zentrum des Rajons Gussew innerhalb der aus militärischen Erwägungen heraus hermetisch abgeriegelten Oblast Kaliningrad. Nach Flucht und Vertreibung der einheimischen deutschen Bevölkerung wurde die Stadt mit Russen aus Zentralrussland und aus dem Gebiet des heutigen Föderationskreises Wolga sowie mit Weißrussen neu besiedelt. Es entstanden zahlreiche Neubauten im Plattenbaustil.
Russische Föderation[Bearbeiten]
Nach der Auflösung der Sowjetunion wurde die Oblast Kaliningrad mit Gussew zu einer russischen Exklave zwischen Litauen und Polen. Seitdem hat Gussew mit großen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Nach offiziellen Angaben wurde jeder vierte Einwohner arbeitslos, obwohl in Gussew Elektro-, Futtermittel- und Trikotagenfabriken produzieren. Durch die Öffnung der Oblast kam es zu Kontakten zwischen ehemaligen und heutigen Einwohnern, insbesondere zwischen Behörden, Hilfsorganisationen und Kirchengemeinden.
Bevölkerungsentwicklung[Bearbeiten]
| Jahr | Einwohner |
|---|---|
| 1875 | 9.144 |
| 1890 | 12.207 |
| 1925 | 19.002 |
| 1933 | 19.987 |
| 1939 | 22.181 |
| 1959 | 14.174 |
| 1970 | 22.053 |
| 1979 | 24.574 |
| 1989 | 27.031 |
| 2002 | 28.467 |
| 2010 | 28.260 |
Anmerkung: Volkszählungsdaten
Persönlichkeiten[Bearbeiten]
Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten]
Nach Geburtsjahr geordnet
- Kristijonas Donelaitis (1714–1780), Dichter, Begründer der litauischen schöngeistigen Literatur, geboren in Lasdinehlen bei Gumbinnen
- Adolf Borbstädt (1803–1873), Militär und Schriftsteller
- Otto von Corvin (1812–1886), Schriftsteller, Militär und Revolutionär
- August Fendler (1813–1883), Botaniker
- Wilhelm Habrucker (1815–1891), Superintendent in Memel
- Richard Friese (1854–1918), Tiermaler
- Georg von Below (1858–1927), Historiker
- Helene Wagenbichler (1869–1942), Malerin
- Hans Pfundtner (1881–1945), Ltd. Staatssekretär im Reichsinnenministerium
- Walter von Corswant (1886–1943), Gauleiter der NSDAP, Reichstagsabgeordneter
- Werner Friedrich (1886–1966), Jurist
- Gotthard Heinrici (1886–1971), General
- Günther Jachmann (1887–1979), Philologe
- Bruno Bieler (1888–1966), deutscher General der Infanterie
- Willy Usadel (1894−1952), Chirurg, Hochschullehrer und SA-Führer
- Carl Werner Dankwort (1895–1986), deutscher Diplomat
- Ernst Witt (1898-1971), Architekt, Hochschullehrer und Konsistorialbaumeister
- Georg Usadel (1900–1941), Politiker (NSDAP)
- Bruno Dilley (1913–1968), Pilot, Ritterkreuzträger
- Gerd Siemoneit-Barum (* 1931), Dompteur
- Karl-Heinz Jähn (* 1932), Übersetzer
- Jürgen Dieckert (* 1935), Sportwissenschaftler und -funktionär
- Karl-Heinz Morscheck (* 1940), bildender Künstler und Buchautor
- Karin Burneleit (* 1943), Leichtathletin
- Waldemar Hopfenbeck (* 1944), BWL-Professor
- Oleg Gasmanow (* 1951), Schlagersänger, -komponist und -produzent, „Volkskünstler Russlands“
- Wladimir Wdowitschenkow (* 1971), Filmschauspieler
Persönlichkeiten, die vor Ort gewirkt haben[Bearbeiten]
Nach Geburtsjahr geordnet
- Christian Daniel Rauch (1777–1857), Bildhauer, schuf Standbild Friedrich Wilhelms I. in Gumbinnen
- Hans Victor von Unruh (1806–1886), Politiker und Regierungsrat
- Wernher von Braun (1912-1977), Raketenkonstrukteur, besuchte von 1922 bis 1925 das Friedrich-Gymnasium
Ehrenbürger[Bearbeiten]
- Hans Pfundtner (1881–1945), Staatssekretär im Reichsinnenministerium (wegen der nationalsozialistischen Vergangenheit nicht Ehrenbürger des russischen Gussew)
Mit der Stadt verbunden[Bearbeiten]
- Dietrich Brauer (* 1983), von 2005 bis 2010 Pfarrer an der Salzburger Kirche in Gussew, seit 2011 Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche Europäisches Russland
Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]
- Salzburger Kirche (Nachfolgebau von 1840), Haus Salzburg und Salzburger Anstalt
- Standbild Friedrich Wilhelms I. von Christian Daniel Rauch aus den Jahren 1824/1835 (nicht erhalten)
- Elchskulptur
Städtische Gemeinde Gussew[Bearbeiten]
Seit der Verwaltungsreform in der Oblast Kaliningrad 2008/2009 ist Gussew namensgebender Ort und Verwaltungssitz der städtischen Gemeinde Gussewskoje gorodskoje posselenije mit weiteren acht Siedlungen.
| russischer Name | Einwohner (2010)[3] |
deutscher Name |
|---|---|---|
| Брянское (Brjanskoje) | 184 | Pruszischken 1938–45 Preußendorf |
| Жаворонково (Schaworonkowo) | 77 | Gerwischken[4] 1938–45 Richtfelde |
| Ивашкино (Iwaschkino) | 15 | Kollatischken 1938–45 Langenweiler |
| Липово (Lipowo) | 570 | Kulligkehmen 1938–45 Ohldorf |
| Мичуринское (Mitschurinskoje) | 56 | Drücklershöfchen |
| Синявино (Sinjawino) | 86 | Kampischkehmen[4] 1938–45 Angereck |
| Фурманово (Furmanowo) | 723 | Stannaitschen 1938–45 Zweilinden |
| Яровое (Jarowoje) | 20 | Gertschen 1938–45 Gertenau |
Siehe auch[Bearbeiten]
Literatur[Bearbeiten]
- Rudolf Grenz: Stadt und Kreis Gumbinnen. Eine ostpreußische Dokumentation. Zusammengestellt und erarbeitet im Auftrag der Kreisgemeinschaft Gumbinnen, Marburg/Lahn 1971
- Herbert Stücklies und Dietrich Goldbeck: Gumbinnen Stadt und Land. Bilddokumentation eines ostpreußischen Landkreises 1900-1982. Im Auftrag der Kreisgemeinschaft Gumbinnen aus der Bildersammlung des Kreisarchivs Gumbinnen ausgewählt, zusammengestellt und erläutert, Band I und II, Bielefeld 1985
- Bruno Moritz: Geschichte der reformierten Gemeinde Gumbinnen. Festschrift zum 200jährigen Bestehen der Kirche 1739-1939. Sonderdruck aus dem Evangelischen Volksblatt für die Ostmark, 1939
- Rudolf Müller: Drei Wochen russischer Gouverneur. Erinnerungen an die Besetzung Gumbinnens durch die Russen August - September 1914. Gumbinnen 1915 (Digitalisat)
- Gumbinner Heimatbrief. Nachrichtenblatt für die Stadt und den Kreis Gumbinnen. Organ der Kreisgemeinschaft Gumbinnen/Ostpreußen. Erscheint seit etwa 1952 etwa zwei Mal im Jahr.
- Mitteilungen für die ehemaligen Angehörigen der Friedrichsschule und Cecilienschule Gumbinnen. 1954 ff.
Weblinks[Bearbeiten]
- Gussew auf mojgorod.ru (russisch)
- gusev.h1.ru (deutsch)
- Salzburger Anstalt Gumbinnen in Gussew (deutsch)
- Kreisgemeinschaft Gumbinnen e.V.
- Fotos aus dem alten Gumbinnen
Fußnoten[Bearbeiten]
- ↑ a b Itogi Vserossijskoj perepisi naselenija 2010 goda. Kaliningradskaja oblastʹ. (Ergebnisse der allrussischen Volkszählung 2010. Oblast Kaliningrad.) Band 1, Tabelle 4 (Download von der Website des Territorialorgans Oblast Kaliningrad des Föderalen Dienstes für staatliche Statistik der Russischen Föderation)
- ↑ L. Wiese: Das höhere Schulwesen in Preußen. Historisch-statistische Darstellung. Berlin 1864, S. 62
- ↑ http://www.admgusev.ru/power/admcity/pasportcity.php
- ↑ a b Wurde umbenannt durch die Verordnung 745/3 des Präsidiums des Obersten Rats der RSFSR "Über die Umbenennung der Orte des Gebiets Kaliningrad" vom 5. Juli 1950
Verwaltungszentrum: Kaliningrad
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