Sowetsk (Kaliningrad)

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Stadt
Sowetsk/Tilsit
Советск
Flagge Wappen
Flagge
Wappen
Föderationskreis Nordwestrussland
Oblast Kaliningrad
Stadtkreis Sowetsk
Oberhaupt Nikolai Woischtschew
Erste Erwähnung 1365
Frühere Namen Tilsit (bis 1946)
Stadt seit 1552
Fläche 43,8 km²
Bevölkerung 41.705 Einwohner
(Stand: 14. Okt. 2010)[1]
Bevölkerungsdichte 952 Einwohner/km²
Höhe des Zentrums 10 m
Zeitzone UTC+3
Telefonvorwahl (+7) 40161
Postleitzahl 238750–238769
Kfz-Kennzeichen 39, 91
OKATO 27 430
Website www.sovetsk-tilsit.ru/
Geographische Lage
Koordinaten 55° 5′ N, 21° 53′ O55.08333333333321.88333333333310Koordinaten: 55° 5′ 0″ N, 21° 53′ 0″ O
Sowetsk (Kaliningrad) (Europäisches Russland)
Red pog.svg
Lage im Westteil Russlands
Sowetsk (Kaliningrad) (Oblast Kaliningrad)
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Lage in der Oblast Kaliningrad‎
Liste der Städte in Russland
Keimzelle Tilsits (W. Thalmann)
Tilsit zwischen Deutscher Straße und Memel
Tilsit, Marktplatz mit Rathaus und Schenkendorf-Denkmal (1930)
Häuserzeile in Sowetsk (2008)

Sowetsk (russisch Советск, auch als Sowjetsk transkribiert; deutsch Tilsit, litauisch Tilžė) ist eine Stadt in der russischen Oblast Kaliningrad, direkt an der litauischen Grenze. Sie hat 41.705 Einwohner (Stand 14. Oktober 2010).[1]

Geographie[Bearbeiten]

Sowetsk liegt am Zusammenfluss der Tilse (russisch Тыльжа/Tylscha, litauisch Tile) mit der Memel (memelis, mimelis: stiller, langsamer; russisch Neman, litauisch Nemunas) und ist somit Grenzstadt nach Litauen. Der frühere Ortsname Tilsit (ehemals auch Schalauerburg) kam vom Flüsschen Tilse – abgeleitet von prußisch-schalauisch tilse: sumpfig (litauisch tilžti: unter Wasser stehen, quellen, weichen, sich mit Wasser vollsaugen). Durch ihren Aufstau entstand 1562 der Schloßmühlenteich.

Sowetsk ist der Oblast administrativ direkt unterstellt (rajonunabhängig, d. h. kreisfrei) und bildet einen eigenen Stadtkreis.

Geschichte[Bearbeiten]

Aus einer Lischke entwickelte sich bis zum Ende des 15. Jahrhunderts das Handelszentrum der Region namens Tilsit. Herzog Albrecht verlieh ihm 1552 das Stadtrecht. Im Siebenjährigen Krieg war die Stadt von 1758 bis 1762 von russischen Truppen besetzt. Weltgeschichtliche Bedeutung erlangte Tilsit im Vierten Koalitionskrieg, als 1807 Frankreich mit Russland und Preußen den Frieden von Tilsit schloss. Unbehelligt von kriegerischen Auseinandersetzungen konnte sich die Stadt bis 1914 wirtschaftlich weiter entwickeln. Sie wurde zu einem bedeutenden Standort der Holzindustrie, nachdem schon im Mittelalter die Flößerei die Stadt ernährt hatte. Weltbekannt wurde Tilsits Käse, der Tilsiter.

Im Jahr 1658, vielleicht schon 1313, entstand eine erste Schiffsbrücken über die Memel. Die erste Steinbrücke wurde 1767 fertig. Die Straßen nach Königsberg und Memel wurden 1832 und 1853 gebaut. Auf Betreiben Heinrich Kleffels erhielt Tilsit 1865 Anschluss an die Preußische Ostbahn. Die Bahnstrecke Tilsit–Memel ging 1875 in Betrieb.

Im 19. und 20. Jahrhundert war Tilsit Sitz zahlreicher litauischer Verbände; denn im Umland sprachen damals die Hälfte der Einwohner die litauische Sprache. Dennoch stimmten 1921 von den über 1000 in der Stadt lebenden Litauern nur 42 für den Anschluss an Litauen.

Erster Weltkrieg[Bearbeiten]

Als zu Beginn des Ersten Weltkriegs der Aufmarsch russischer Truppen gemeldet wurde, flohen viele Tilsiter nach Königsberg und Berlin. Oberbürgermeister Eldor Pohl verpflichtete die Stadträte und Stadtverordneten, zu bleiben. Am 20. August wurden alle noch kriegsfähigen Männer auf Schleppkähnen nach Königsberg gebracht, damit sie nicht in russische Gefangenschaft geraten konnten. Ein Pionierkommando der preußischen Armee sollte die Königin-Luise-Brücke sprengen. Durch Telefongespräche mit dem Generalkommando des I. Armee-Korps wendete Pohl die Sprengung ab. Alle Militärpersonen verließen die Stadt. Am 25. August 1914 verhandelte eine Kosakenpatrouille mit dem Oberbürgermeister und seinem Vertreter auf der Straße. Am nächsten Tag rückten russische Infanterie und einige Schwadrone Kosaken mit ihrem Tross ein und bezogen Quartier in der leeren Dragonerkaserne. Die Soldaten gehörten zur Grenztruppe Tauroggen und kannten die Stadt. Es ergingen Alkoholverbot und Ausgangssperre. Pohl und Stadtrat Teschner mussten sich täglich beim Stadtkommandanten, Oberstleutnant Bogdanoff, melden. Die städtische Polizei durfte weiter amtieren. Vollkommen abgeschlossen, erfuhr die Stadt von der Schlacht bei Tannenberg erst nach dem Abzug der Russen. Am 30. August rückte die russische 43. Infanterie-Division unter Generalleutnant von Holmsen in Tilsit ein. Der Stadt wurde eine Kontribution von 40.000 Mark auferlegt. Elf Stadtvertreter sollten als Geiseln ins Zarenreich verbracht werden. Der Weinhändler Paul Lesch schlug stattdessen die Einteilung der Stadt in zwölf Bezirke vor, für die jede Geisel mit Kopf und Vermögen haften sollte. Großfürst Nikolai Nikolajewitsch und General Paul von Rennenkampff waren einverstanden. Es blieb friedlich. Am 12. September 1914 von Königsberg und Memel angerückt, nahmen preußische Truppen alle 6000 Russen gefangen.[2] Der Artillerie-Hauptmann Fletcher verhinderte die Sprengung der Königin-Luise-Brücke. Nach ihm wurde der Platz vor der Deutschen Kirche benannt.

Zwischenkriegszeit[Bearbeiten]

Nach dem Krieg wirkte sich die litauische Okkupation des Memellands negativ auf die Tilsiter Wirtschaft aus, weil die Stadt einen wichtigen Teil ihres Hinterlands verloren hatte.

Bis 1945 war Tilsit seit 1895 ein selbständiger Stadtkreis im Regierungsbezirk Gumbinnen Ostpreußen im Deutschen Reich. Die Verwaltung des Landkreises Tilsit, später Tilsit-Ragnit, befand sich ebenfalls in Tilsit.

Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten]

Hauptartikel: Eroberung Tilsits 1945

Bereits am 22. und 23. Juni 1941 sowie im Juni 1942 wurde Tilsit durch sowjetische Fernflieger attackiert. Den ersten schweren sowjetischen Bombenangriff während des Zweiten Weltkriegs musste die Stadt am 21. April 1943 über sich ergehen lassen, dem bis zum Juli 1944 weitere Großangriffe folgten. Ab August erfolgte die Evakuierung von Tilsit, zunächst Frauen mit Kindern. Im Oktober 1944 war die Front bis an die Memel vorgerückt. Tilsit wurde zur Frontstadt erklärt, die restliche Zivilbevölkerung weitgehend ausgeschleust. Die seit dem Jahr 1900 von dem Unternehmen E-Werk und Straßenbahn Tilsit AG betriebene Straßenbahn stellte ihren Betrieb ein. Nach einem schweren Artilleriebombardement, das die Stadt bis zu 80 % zerstörte, wurde Tilsit am 20. Januar 1945 von sowjetischen Truppen eingenommen. Auf Grund des Potsdamer Abkommens kam die Stadt zusammen mit den nördlichen Teilen Ostpreußens vorbehaltlich eines Friedensvertrags zur Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik der Sowjetunion.

Sowjetunion[Bearbeiten]

Seit 1946 trägt die nunmehr sowjetische Stadt den Namen Sowetsk (übersetzt etwa Rätestadt von Sowjet = Rat). Das nördliche Ostpreußen mit Sowetsk wurde als Oblast Kaliningrad aus militärischen Gründen hermetisch abgeriegelt. Die bisherige deutsche Wohnbevölkerung wurde, sofern nicht gegen Kriegsende geflohen, bis 1947 vertrieben. Es wurden hauptsächlich Russen aus Zentralrussland und aus dem Gebiet des heutigen Föderationskreises Wolga sowie Weißrussen angesiedelt.

Russische Föderation[Bearbeiten]

Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wurde die Oblast Kaliningrad zu einer russischen Exklave zwischen Polen und Litauen und Sowetsk zur Grenzstadt an der durch die Memel gebildeten russisch-litauischen Grenze. Gleichzeitig wurde die Absperrung der Oblast Kaliningrad aufgehoben und damit auch Sowetsk für ausländische Besucher erreichbar.

Bevölkerungsentwicklung[Bearbeiten]

Denkmal des Friedens von Tilsit (2011)
Jahr Einwohner
1875 19.753
1890 24.545
1900 34.539
1910 39.013
1925 50.834
1933 57.286
1939 56.573
1946 6.500
1959 31.941
1970 38.456
1979 40.181
1989 41.881
2002 43.224
2010 41.705

Anmerkung: außer 1946 Volkszählungsdaten

Religionen[Bearbeiten]

Christen[Bearbeiten]

Bereits zu Ordenszeiten fasste der christliche Glaube Fuß im Raum Tilsit.[3] Noch zu vorreformatorischer Zeit – im Jahre 1515 – gründete dessen letzter Hochmeister Albrecht ein neues Kloster in Tilsit, um damit am Rande seines Herrschaftsgebietes unseren armen unwissenden und ungläubigen Untertanen zu Heil und Seligkeit zu dienen.[4] Doch immer mehr gewann die Reformation an Einfluss, und das Klosterwesen ging zu Ende. Aus dem Abbruch der Gebäude rettete der Komtur von Ragnit (russisch: Neman) noch die Tilsiter Klosteruhr. Im Jahre 1525 bekannte sich Albrecht zur Reformation und trat offiziell zur lutherischen Lehre über.

Kirchen[Bearbeiten]

Evangelisch[Bearbeiten]

Die älteste und in seiner Gründung in vorreformatorische Zeit zurückweisende Gemeinde der Stadt war die der Deutschen Kirche (auch „Stadtkirche“, „Deutschordenskirche“ bzw. „Alte Kirche“ genannt).[5] Noch in der Zeit Herzog Albrechts entstand die Gemeinde der Litauischen Kirche (auch „Landkirche“ genannt). Sie wurde am 29. Juli 1686 von der Deutschen Kirche abgetrennt und verselbständigt.[6] Zur litauischen Gemeinde zählten 1925 8.800 Gemeindeglieder.

Im Jahre 1645 errichtete man in Tilsit zusätzlich eine evangelische Kapelle, und 1898 entstand die Reformierte Kirche, deren Gemeinde ihre Andachten zunächst im Schloss, ab 1703 in reinem Betsaal gehalten hatte. Die reformierte Gemeinde zählte 1925 800 Gemeindeglieder. Die Stadtkirchengemeinde, die im Jahre 1925 bereits mehr als 45.000 Gemeindeglieder umfasste, bekam im Jahre 1911 eine zusätzliche Kirche mit der Kreuzkirche (auch „Neue Kirche“ genannt). Während an der Deutschen Kirche vor 1945 fünf Pfarrstellen errichtet worden waren, amtierten an der Litauischen Kirche zwei Pfarrer, an der Reformierten Kirche ein Geistlicher.

Durch von Flucht und Vertreibung der einheimischen Bevölkerung und aufgrund der restriktiven Religionspolitik der Sowjetunion kam nach 1945 das kirchlich-evangelische Leben in Tilsit zum Erliegen. Heute liegt die Stadt im Einzugsgebiet der in den 1990er Jahren neu entstandenen evangelisch-lutherischen Gemeinde in Slawsk (Heinrichswalde), die zur Propstei Kaliningrad[7] (Königsberg) der Evangelisch-lutherischen Kirche europäisches Russland gehört.

Deutsche Kirche (Stadtkirche)[Bearbeiten]
Innenansicht der Tilsiter Deutschen Kirche
Hauptartikel: Deutsche Kirche (Tilsit)

Die Kirche wurde an der Stelle eines früheren 1534 eingeweihten, aber wegen Baufälligkeit 1598 abgerissenen Gotteshauses errichtet.[8] In den Jahren 1598 bis 1612 entstand sie als dreischiffiger Ziegelbau ohne Chor. Der Turm mit seinem dreifachen Kuppelhelm, auf acht Eichenkugeln ruhend, wurde erst 1702 vollendet. Die Kirche hatte eine reichhaltige Innenausstattung. Die Orgel stammte aus der Werkstatt von Burghart Wiechert aus Paderborn und war 1575 erbaut worden. 1755 wurde ein neues Werk eingebaut, das 1880 erneuert und erweitert wurde.

Die Deutsche Kirche steht heute nicht mehr. Nach schrittweisen Zerstörungen in der Kriegs- und Nachkriegszeit (so wurde die hölzerne Innenausstattung als Brennholz verwendet) wurde das Gebäude 1965 abgerissen. An seiner Stelle ist heute ein leerer Platz.

Litauische Kirche (Landkirche)[Bearbeiten]
Hauptartikel: Litauische Kirche (Tilsit)

Die Litauische Kirche wurde 1757 von Landbaumeister Karl Ludwig Bergius erbaut.[9] Es handelte sich um einen Bau mit ovalem Grundriss mit einem turmartigen Dachreiter. Im Innern trugen auf Postamenten stehende toskanische Säulen das hölzerne Tonnengewölbe. An der Ostwand stand ein schlichter Kanzelaltar. Die Orgel aus der Werkstatt Sauer in Frankfurt (Oder) wurde am 9. September 1860 eingeweiht. Auch dieses Gotteshaus steht heute nicht mehr. Nach einem Brand wurde es 1951/1952 abgerissen.

Kreuzkirche[Bearbeiten]

Zum Bau der Kreuzkirche[10] wurde am 16. Mai 1909 der Grundstein gelegt. Er entstand nach den Plänen von Baurat Siebold aus Bethel bei Bielefeld. Das Gotteshaus wurde in neugotischem Stil aus unverputzten Backsteinen errichtet. Der auf Feldstein ruhende seitlich stehende und die Verlängerung der abgetreppten Giebelwand bildende Turm war mit spitzem Helm bedeckt. Das Kirchengebäude, die am 6. Februar 1911 eingeweiht wurde, hat der Krieg unbeschadet überstanden. In den 1970er Jahren wurde es allerdings als Fabrikhalle fremdgenutzt und umgebaut. Das Dach wurde abgetragen, und neue Fenster wurden in das Mauerwerk gebrochen. Das frühere Kirchengebäude ist heute mit Betriebsgebäuden umbaut.

Reformierte Kirche[Bearbeiten]

Die Tilsiter Reformierte Kirche entstand 1898 bis 1900 nach einem Entwurf des Regierungsbaurats Kapitzke.[11] Es handelte sich um einen schiefergedeckten Backsteinbau im neugotischen Stil mit seitlich stehendem Turm. Links am Triumphbogen stand die Kanzel auf gewundener Säule, der Altartisch war – reformierter Tradition entsprechen – schlicht gehalten. Die Orgel fertigte August Terletzki aus Elbing (heute polnisch: Elbląg) an.

Wie die Gemeinden der Deutschen und die Litauischen Kirche gehörte die Reformierte Kirche zur Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union. Allerdings war sie nicht in den Kirchenkreis Tilsit (-Ragnit) eingegliedert, sondern gehörte zur deutsch-reformierten Inspektion eines gesonderten reformierten Kirchenkreises.[12]

Im Krieg beschädigt verfiel das Gebäude in den Folgejahren immer mehr. 1975 riss man das Kirchenschiff ab und erbaute an seiner Stelle ein Klubgebäude. Lediglich der Turm ist bis heute stehen geblieben.[13]

Evangelische Kapelle[Bearbeiten]

Eine 1645 errichtete Kapelle wurde 1771 abgebrochen und 1774 als verputzter Ziegelbau mit Dachreiter wieder aufgebaut.[14] Der schlicht gehaltene Innenraum hatte eine flache Holzdecke. Die Kanzel befand sich links vom Altar. 1878 erfuhr das Gebäude eine Instandsetzung, ab 1896 diente sie der Stadtgemeinde als Hilfskirche. Die Orgel stammte von Eduard Wittek aus Elbing.

Kirchenkreis Tilsit-Ragnit/Diözese Tilsit[Bearbeiten]

Tilsit war seit der Reformation zentraler Ort benachbarter Kirchengemeinden und deren Kirchspielorte. Im Jahre 1789 gehörten zur Inspektion Tilsit elf Pfarreien[15]: Coadjuthen (heute litauisch: Katyčiai), Heinrichswalde (russisch: Slawsk), Kallningken (Prochladnoje) mit Inse (Pritschaly), Kaukehmen (Jasnoje), Lappienen (Bolschije Bereschki), Neukirch (bis 1770: Joneykischken, heute russisch: Timirjasewo), Piktupönen (Piktupėnai), Plaschken (Plaškiai), Tauroggen (Tauragė) und die Deutsche Kirche sowie die Litauische Kirche in Tilsit (Sowetsk).

Im Jahre 1854 wurden die Kirchenbezirksgrenzen anders gezogen. Die Inspektion Tilsit umfasste nur noch sechs Pfarreien[16], von denen vier jenseits der Memel lagen: die Deutsche und die Litauische Kirche Tilsit sowie Coadjuthen, Piktupönen, Plaschken und Willkischken (litauisch: Vilkyškiai). Sechzig Jahre später – im Jahre 1916 – gehörten zur Diözese Tilsit elf Kirchspiele[17] diesseits und jenseits der Memel: Neu Argeningken (Nowokolchosnoje), Coadjuthen, Laugszargen (Lauksargiai), Nattkischken (Natkiškiai), Piktupönen, Plaschken, Pokraken (Leninskoje), Rucken (Rukai), Deutsche Kirche und Litauische Kirche in Tilsit (Sowetsk) sowie Willkischken. Bis in die 1920er Jahre hinein gab es im Gebiet Tilsit noch fast 5.000 Litauisch sprechende Einwohner. Bis auf zwei Gemeinden musste in allen Kirchen auch Litauisch gepredigt werden.

Im Zuge der Bildung eines neuen Landkreises Tilsit-Ragnit waren Änderungen der Territorien der bisherigen Kirchenbezirke Tilsit und Ragnit (heute russisch: Neman) notwendig. Gemeinden nördlich der Memel wurden 1923 in die Kirchenkreise Heydekrug und Pogegen eingegliedert. Angesichts des entstandenen Verlustes von insgesamt zehn Kirchspielen gründete man den gemeinsamen Kirchenkreis Tilsit-Ragnit, der aber wegen seiner Größe in zwei Superintendenturbezirke unterteilt wurde. Gehörten zur Diözese Ragnit neun Kirchengemeinden mit 47.500 Gemeindegliedern, waren es in der Diözese Tilsit fünf mit insgesamt 63.400 Gemeindegliedern.[18] Es handelte sich beim Stand von 1945 um die Pfarreien:

Katholisch[Bearbeiten]

Eine römisch-katholische Kirche erhielt die Stadt Tilsit in den Jahren 1847 bis 1851[3]. Sie diente nach dem Zweiten Weltkrieg als Altstoffsammelstelle. Das Kirchenschiff wurde in den 1960/1970er Jahren abgerissen, um Baumaterial zu gewinnen. Der Turm wurde 1983 gesprengt.

Im Jahre 1992 erhielt die Römisch-katholische Kirche das Grundstück zurück und errichtete auf den alten Fundamenten einen Kirchenneubau, der im Jahre 2000 die Weihe erhielt.

Orthodox[Bearbeiten]
Die russisch-orthodoxe Kirche in Sowetsk

War die in den 1990er Jahren in Sowetsk neu entstandene Gemeinde der Russisch-orthodoxen Kirche zunächst provisorisch in einer Friedhofskapelle untergebracht, so konnte 1996 mit dem Bau eines eigenen Gotteshauses begonnen werden[3]. Die „Kirche der Drei Heiligen Hierarchen“ ist gottesdienstliches Zentrum der wachsenden orthodoxen Gemeinde in Sowetsk. Sie gehört zur Diözese Kaliningrad und Baltijsk der Russisch-orthodoxen Kirche.

Juden[Bearbeiten]

In Tilsit wurde 1825 der erste jüdische Friedhof angelegt.[19] Im Jahre 1842 konnte eine neu errichtete Synagoge eingeweiht werden. Nicht ganz hundert Jahre war sie das jüdische Gotteshaus in der Memelstadt, bis sie am 9. November 1938 in Brand gesteckt wurde. Lebten im Jahre 1843 noch 265 Juden in Tilsit, so waren es 1895 bereits 780 und 1928 schon 797. Die letzten Juden flohen 1944 aus der Stadt.

Schulen vor 1945[Bearbeiten]

1939 hatte Tilsit im Stadtgebiet und im eingemeindeten Umland 40 schulische Bildungsinstitute, darunter 19 Volksschulen, elf Fachschulen (acht private), drei Berufsschulen und die Provinzial-Taubstummenlehranstalt. Einige Schulgebäude werden noch heute genutzt, zum Teil von russischem Militär.[20][21]

Oberschulen
Königliche Litthauische Provinzialschule – Staatliches Gymnasium
Realgymnasium Tilsit mit Oberrealschule
Königin-Luise-SchuleLyceum
Mittelschulen
Herzog-Albrechts-Schule (für Jungen)
Cecilien-Schule (für Mädchen)
Privatschule für Mädchen
Fach- und Berufsschulen
Höhere Handelsschule
Handelsschule
Kaufmännische Berufsschule
Gewerbliche Berufsschule
Haushaltungsschule
Mädchen-Berufsschule

Politische Funktionsträger[Bearbeiten]

Stadtrat von Tilsit (7. September 1914)

Bürgermeister und Oberbürgermeister bis 1945[Bearbeiten]

  • 1551 Gallus Klemm, der erste Bürgermeister
  • 1852–1882 Heinrich Kleffel, 1869 der erste Oberbürgermeister
  • 1894–1900: Robert Thesing
  • 1900–1924: Eldor Pohl, DDP
  • 1925–1934: Ernst Salge
  • 1934–1937: Erich Mix, NSDAP
  • 1937–1945: Fritz Nieckau

Leiter der Zivilverwaltung 1946–1947[Bearbeiten]

  • 1946–1947: Je. I. Swerew (Е. И. Зверев)

Parteisekretäre der WKP(B)/KPdSU 1947–1991[Bearbeiten]

  • 1947–1948: Je. I. Swerew (Е. И. Зверев)
  • 1948–1953: K. P. Marzew (К. П. Марцев)
  • 1953–1962: Boris Gawrilowitsch Michailow (Борис Гаврилович Михайлов)
  • 1962–1966: K. P.(?) Bondarewa [Babejewa] (К. П.(?) Бондарева [Бабаева])
  • 1966–1972: B. S. Nefedow (Б. С. Нефедов)
  • 1972–1973: Ju. P. Petrow (Ю. П. Петров)
  • 1973–1987: Iwan Iwanowitsch Petuschkow (Иван Иванович Петушков)
  • 1987–1991: P. N. Marin (П. Н. Марин)

Vorsitzende des Stadtsowjets 1947–1991[Bearbeiten]

  • 1947–1949: W. Je. Pawlow (В. Е. Павлов)
  • 1949–1950: A. N. Kopylow (А. Н. Копылов)
  • 1950–1952: Wassili Wassiljewitsch Besfamilny (Василий Васильевич Бесфамильный)
  • 1952: F. I. Poljakow (Ф. И. Поляков)
  • 1953–1960: N. K. Medwedski (Н. К. Медведский)
  • 1960–1962: K. M.(?) Babejewa (К. М.(?) Бабаева)
  • 1962–1965: A. Ja. Lukjanenko (А. Я. Лукьяненко)
  • 1965–1966: B. S. Nefedow (Б. С. Нефедов)
  • 1966–1983: Charis Sadykowitsch Janbuchtin (Хафиз Садыкович Янбухтин)
  • 1983–1985: Ju. A. Swerew (Ю. А. Зверев)
  • 1985–1989: A. A. Stepanow (А. А. Степанов)
  • 1990–1991: W. W. Besdeneschnych (В. В. Безденежных)

Oberhäupter[Bearbeiten]

  • 1991–1993: W. L. Ponomarenko (В. Л. Пономаренко)
  • 1993–1998: Wladimir Wiktorowitsch Lissowin (Владимир Викторович Лисовин)
  • 1998–2007: Wjatscheslaw Nikolajewitsch Swetlow (Вячеслав Николаевич Светлов)
  • 2007–2011: Wiktor Eduardowitsch Smilgin (Виктор Эдуардович Смильгин)
  • seit 2011: Nikolai Nikolajewitsch Woischtschew (Николай Николаевич Воищев)

Verwaltungschefs[Bearbeiten]

  • seit 2011: Wladimir Jewgenjewitsch Luzenko (Владимир Евгеньевич Луценко)

Partnerstädte[Bearbeiten]

  • DeutschlandDeutschland Kiel, seit 1953/1992

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Sehenswert sind die in der Innenstadt vielfach erhaltenen Jugendstilhäuser, das Theater, die Königin-Luise-Brücke (Grenzübergang nach Litauen) und der Gorodskoje osero (Stadtsee; früher Schloßmühlenteich), ein ehemaliger großer Mühlenweiher aus der Ordenszeit. Die ursprünglichen Kirchen der Stadt wurden im Zweiten Weltkrieg größtenteils zerstört und ihre Ruinen in der Nachkriegszeit abgerissen. Die ehemalige Synagoge wurde in eine russisch-orthodoxe Kirche umgewandelt. Eine weitere große russisch-orthodoxe Kirche in traditionell russischem Baustil wurde im November 2007 fertiggestellt. Daneben existiert ein Neubau einer römisch-katholischen Kirche für die in der Stadt ansässigen Litauer, die am 20. August 2000 feierlich geweiht wurde. Den Zweiten Weltkrieg überstanden hat das 1925/26 von Erich Mendelsohn erbaute Gebäude der Loge zu den drei Erzvätern.

Durch eine Lotterie will die Stadtverwaltung den Park Jakobsruhe erneuern und attraktiv machen. Springbrunnen, Radwege, Gartencafés, die Säuberung der Teiche und die Wiedererrichtung von Königin Luises Denkmal sollen dazu dienen.[22]

Der Backsteinkomplex der 1871 errichteten Actienbrauerei wurde 2010 zumindest teilweise abgerissen, obwohl die russische Verwaltung die seit 1944 ruhende Brauerei in das Verzeichnis denkmalgeschützter Bauwerke aufgenommen hatte. Die Eigentümerin der Immobilie begründete den Abriss mit Sicherheitsbedenken.[23]

Bestrebungen zur Rückbenennung der Stadt[Bearbeiten]

Seit 2006 besteht eine Bürgerbewegung für eine Rückbenennung der Stadt in Tilsit. Der damalige Bürgermeister gab 2009 einen Zuspruch von etwa 50 % der Bevölkerung an. Der alte Name ist bereits Teil der aktuellen Bezeichnungen eines örtlichen Radiosenders (Tilsitskaja Wolna, „Tilsiter Welle“) und des städtischen Theaters (Tilsit-Teatr).[24] Außerdem wird das frühere Stadtwappen wieder verwendet. Offizielle Absichtserklärungen zu einer Rückbenennung gab es von Seiten der Stadtverwaltung bislang aber nicht.[25]

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten]

In alphabetischer Reihenfolge

Ehrenbürger[Bearbeiten]

In zeitlicher Reihenfolge

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten]

Hafengelände in Tilsit (1930er Jahre)

Heute gibt es in Sowetsk Betriebe der Zellstoff- und der Lebensmittelindustrie. Die Stadt besitzt einen Flusshafen, mehrere Werften und einen der wichtigsten Straßengrenzübergänge zwischen Russland und Litauen an der Route KaliningradVilnius.

Es bestehen Eisenbahnverbindungen nach Tschernjachowsk (Insterburg), nach Kaliningrad sowie ins nahe Neman (Ragnit, nur Güterverkehr). Die Eisenbahnverbindung ins benachbarte Litauen ist stillgelegt.

Tilsiter Käse[Bearbeiten]

Zubereitung von Tilsiter Käse, Ostpreußen, 1930er Jahre. Quelle: Bundesarchiv

Käsereien gab es bereits zu Ordenszeiten, denn 17 Ortschaften führten gleichzeitig den Namen Milchbude. Der Tilsiter Käse ist ein Ergebnis verbesserter Rezepturen durch holländische Mennoniten, Salzburger und Einwanderer aus der Schweiz. Diese waren nach der Großen Pest in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Religionsflüchtlinge ins entvölkerte nördliche Ostpreußen zugewandert oder folgten den Aufrufen der preußischen Herrscher. Die runden rotbraunen Käselaibe waren 10 cm hoch und hatten einen Durchmesser von ca. 25 cm. Sie wurden in Pergament (später in Stanniol) verpackt und wurden zu je zehn in Holzrollen versandt. Auch heute wird in Sowetsk noch Käse produziert, wenn auch nicht mehr die Sorte „Tilsiter“.

Siehe auch[Bearbeiten]

Trivia[Bearbeiten]

Die Stadt war im Frühjahr 1939 u. a. Kulisse für den Spielfilm Die Reise nach Tilsit. Zahlreiche Außendrehs des Films wurden in der Tilsiter Altstadt absolviert, wodurch dem früheren Tilsit ein kleines filmisches Denkmal gesetzt wurde.

Auch nach 1945 diente die Stadt als Spielfilmkulisse, z. B. in einem sowjetischen Kriegsfilm aus dem Jahr 1948 (dt. Titel: Begegnung an der Elbe). In diesem Film über den Zweiten Weltkrieg wurde die damals noch nahezu intakte Stadtansicht Tilsits mehrfach festgehalten. So wurde das Aufeinandertreffen von US-Streitkräften und der Roten Armee am Elbufer in Torgau hier am Memelufer nachgedreht. Deutlich erkennbar sind hier auch die noch optisch äußerlich vollständig erhaltene Deutsche Kirche sowie die Turmspitze des früheren Rathauses.[26]

Literatur[Bearbeiten]

  • Herbert Kirrinnis: Tilsit, die Grenzstadt im Deutschen Osten. Sturmverlag, Tilsit 1935 (Dissertation).
  • Hildegard Lauks, Staatsbibliothek zu Berlin: Tilsit-Bibliographie. Nordostdeutsches Kulturwerk, Lüneburg 1983.
  • Ulla Lachauer: Die Brücke von Tilsit, Begegnungen mit Preußens Osten und Russlands Westen. Rowohlt, Reinbeck bei Hamburg 1995, ISBN 3-499-19967-X.
  • Gerhard Lepa (Hg): Die Schalauer, Die Stämme der Prußen. Tolkemita-Texte 52, Dieburg 1997.
  • Georg Hermanowski: Ostpreußen Lexikon, für alle, die Ostpreußen lieben. Fechsig, Würzburg 2001, ISBN 3-88189-392-X.
  • Martin Rosswog, Ulla Lachauer: Menschen an der Memel. Edition Braus, Heidelberg 2009.
  • Johannes Bobrowski: Litauische Claviere. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1970.
  • Johann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preußen. Teil I: Topographie von Ost-Preußen. Marienwerder 1785, S. 31 (Volltext, Google).
  • Isaak Rutman, Hans Dzieran: Wie aus Tilsit Sowjetsk wurde. Ein Beitrag zur Geschichte der Stadt in den Jahren 1945–1948. 24. Tilsiter Rundbrief (1994/95), S. 72–78.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Itogi Vserossijskoj perepisi naselenija 2010 goda. Kaliningradskaja oblastʹ. (Ergebnisse der allrussischen Volkszählung 2010. Oblast Kaliningrad.) Band 1, Tabelle 4 (Download von der Website des Territorialorgans Oblast Kaliningrad des Föderalen Dienstes für staatliche Statistik der Russischen Föderation)
  2. Paul Lesch: Die Russen kommen. 8. Tilsiter Rundbrief (1978/79), S. 14–21.
  3. a b c Kirchen in Tilsit bei ostpreussen.net.
  4. Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 1, Göttingen, 1968, S. 5.
  5. Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 3: Dokumente, Göttingen, 1968, S. 488–489.
  6. Friedwald Moeller, Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945, Hamburg, 1968, S. 142–143.
  7. Evangelisch-lutherische Propstei Kaliningrad.
  8. Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 2 Bilder ostpreußischer Kirchen, Göttingen, 1968, S. 113, Abb. 508–511.
  9. Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 2: Bilder ostpreußischer Kirchen, Göttingen, 1968, S. 114, Abb. 512 u. 513.
  10. Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Göttingen, 1968, S. 114, Abb. 514 u. 515.
  11. Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 2: Bilder ostpreußischer Kirchen, Göttingen, 1968, S. 114, Abb. 516.
  12. Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 3: Dokumente, Göttingen, 1968, S. 508.
  13. Реформистская кирха Тильзита – Die Reformierte Kirche Tilsit bei prussia39.ru (mit Fotos 2012/13).
  14. Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 2: Bilder ostpreußischer Kirchen, Göttingen, 1968, S. 114, Abb. 517.
  15. Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 3: Dokumente, Göttingen, 1968, S. 419.
  16. Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 3: Dokumente, Göttingen, 1968, S. 430.
  17. Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 3: Dokumente, Göttingen, 1968, S. 438.
  18. Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 3: Dokumente, Göttingen, 1968, S. 437 und 444
  19. Jüdische Geschichte in Tilsit bei ostpreussen.net.
  20. Nutzung Tilsiter Schulen 1944 und 1994; 26. Tilsiter Rundbrief (1996/97), S. 70.
  21. Helmut Fritzler: Liste der Tilsiter Schulen (Stadtgemeinschaft Tilsit).
  22. Preußische Allgemeine Zeitung (Das Ostpreußenblatt), Nr. 49, 5. Dezember 2009, S. 13.
  23. Preußische Allgemeine Zeitung 32/2010 vom 14. August 2010.
  24. Kaliningrad: Zwischen Regermanisierung und Tilsiter Frieden. Artikel bei Russland-Aktuell, 21. Oktober 2009.
  25. Offizielle Website des Stadtkreises.
  26. Dokumentarfilm: Damals in Ostpreußen, Teil 2/2, abrufbar unter: http://www.youtube.com/watch?v=JIe8R_rwwk4 ab 1:27:53.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Sowetsk – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien